Das Schnarchen der Dinosaurier


Dies war heute schon meine vierte Zigarette und dass obwohl ich zum wiederholten Mal aufgehört hatte. Der Kaffee war nur noch lauwarm und das Franzbrötchen schmeckte wie der Pappbecher, auf den ich starrte. Natürlich kam sie zu spät! Ich glaubte mittlerweile, dass sie es aus Absicht tat, um mich zu ärgern oder nur, um mich meiner eigenen Hilflosigkeit bewusst zu machen. Ich wollte aufhören zu rauchen, ich wollte sie nie wieder sehen, ich wollte nie wieder mit ihr reden, was ich ganze drei Minuten ausgehalten hatte. Und nun stand ich hier, eine Kippe in der Hand, in der anderen einen Pappbecher voller Kaffee während das Franzbrötchen auf dem roten Autodach klebte. Wir hatten uns am Hirschgarten verabredet, um mit einem Cabrio ins Umland zu fahren. Durch die Aussicht auf ausgezeichnetes Wetter und auf ein paar schöne Stunden mit ihr, hatte ich mich dazu hinreißen lassen. „Wie romantisch!“, dachte ich jetzt. Vielleicht hätten wir ein paar schöne Stunden gehabt wenn wir ein Liebespaar gewesen wären. Dass waren wir aber nicht, was zwangsläufig in einem trostlosen Nachmittag enden musste. Wie, das wusste ich noch nicht. Vielleicht würden wir uns einfach nur anschweigen oder es würde diese eigenartige Stille entstehen, wenn etwas Ungesagtes schwer in der Luft liegt. Mag sein, dass wir uns endlich einmal anschreien würden. Was aber eher unwahrscheinlich war.

Ich hatte sie in einem Nachtzug kennengelernt. Das enge Abteil war schon zur Hälfte gefüllt, die Passagiere lagen in ihren Kojen. Ein Mann mit grauen Haaren erzählte, er sei früher Lokführer gewesen und kenne die Strecke in und auswendig. Ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel, wie sie angestrengt versuchte seinen Ausführungen über die tolle Landschaft zu folgen, die man ja leider im Dunkeln nicht sehen konnte. Als der Zug durch die Nacht ruckelte, entpuppte sich der Lokführer a.d. als passionierter Schnarcher, der wie eine Mischung aus röhrendem Hirsch und einem angreifenden Dinosaurier klang. Dazu kam die leicht röchelnden Antworte eines Passagiers direkt über mir. Ich konnte mich nur mühsam zurückhalten mit meinem Kissen auf beide loszugehen. Gegen den Dinosaurierschnarcher war kein Kraut gewachsen. Egal wie fest ich mir mein Kissen auf die Ohren presste, er kam durch. Er war der erste Schnarcher dessen Geräusche ich leibhaftig fühlen konnte. Missmutig kramte ich in meinem Rucksack nach meinen Kopfhörern.

Kannst wohl auch nicht schlafen?“, kam es leise von ganz oben.

Nicht wenn ein Dinosaurier mit Atemproblemen in meinem Abteil röchelt!“ Darüber lachte sie spöttisch.

Was dagegen wenn ich runter komme?“

Keine Ahnung. Es ist weder mehr Platz noch ist die Geräuschkulisse erträglicher.“

Es war wohl eher als rhetorische Frage gemeint. Im nächsten Moment stand sie im Gang und steckte den Kopf in meine Schlafnische.

Magst du vielleicht ein Stück rücken?“

Denkst du wirklich, dass wir hier zu zweit hinpassen.“

Klar!“

Ich konnte ihre Haare riechen während sie leise in Richtung Gang sprach.

Jemand hat mir einmal erzählt, man müsse nur ts ts ts machen und den Kopf mahnend hin und her bewegen und schon würde jeder Schnarcher ruhig weiter schlafen.“

Keine Chance! Schon gar nicht bei diesem Exemplar.“

Aber einen Versuch ist es wert, oder?“

Alles, nur soll er endlich damit aufhören.“

Sie schüttelte mahnend den Kopf und machte ts ts ts ts. Keine Reaktion. Sie versuchte es noch einmal. Wieder nichts. Natürlich, warum sollte sich jemand vom Schnarchen abhalten lassen. Der bekam doch eh nichts mit. Sie versuchte es noch einmal und tatsächlich wurde der Dinosaurier langsam leiser.

Ich fasse es nicht!“, gab ich ehrlich überrascht zurück. Nach zwei weiteren Versuchen war es bis auf die Zuggeräusche totenstill in unserem Abteil.

Zufrieden?“

Was will man mehr!“

Dann können wir ja jetzt in Ruhe schlafen.“

Sie nahm meine Hände in ihre und drücke sie leicht. Nachtzüge schienen mir in diesem Moment eigenartige Orte zu sein. Dann schlief ich ein.

Da war sie! Mit einem flüchtigen Kuss entschuldigte sie die halbe Stunde Verspätung.

Kannst du dich noch an den Nachtzug erinnern?“, fragte ich.

Meinst du an den Dinosaurierscharcher?“

Ja, genau an den.“

Wie kommst du darauf?“

Keine Ahnung, ich musste gerade wieder daran denken.“

Hirschgarten, ein seltsamer Name. Wo sind die Hirsche?“

Was?“ fragte ich noch in Gedanken versunken.

Ach nichts. Wolltest du nicht aufhören? Mit dem Rauchen meine ich.“

Danke, dass du mich noch einmal daran erinnerst!“

Keine Ursache. Meinetwegen können wir los.“

Meinetwegen können wir schon seit einer halben Stunde los.“

Sie erwiderte nichts, sondern strebte zielstrebig auf das rote Cabrio zu.

Ich würde gerne fahren.“

Warum tust es dann nicht einfach?“

Weil ich, einfach gesagt, keinen Führerschein besitze. Also wirst du mich wohl oder übel durch die Gegend kutschieren müssen. Hast du eine Ahnung wo wir hinfahren wollen?“

Die hatte ich natürlich nicht. Immer noch in Gedanken im Nachtzug, öffnete ich mit meiner Karte das Auto und stieg ein.

Meinste wir können das Verdeck aufmachen?“

Klar, noch regnet es ja nicht.“, erwiderte ich mit einem Blick in den verhangenen Himmel.

Ich fuhr das Cabrio aus der Einfahrt und ließ uns ziellos durch den Stadtverkehr treiben. Sie plapperte freudig drauf los. Immer wieder rekapitulierte sie einzelne Ereignisse der letzten sechs Monate, die wir mehr oder weniger zusammen verbracht hatten. Es machte mich wütend, dass sie reden konnte während ich stumpf neben ihr saß und nicht wusste was ich entgegnen sollte.

Lass uns nach Vieselbach fahren!“

Nach Vieselbach? Ich dachte wir machen eine Spritztour ins Umland und keinen Ausflug in den Speckgürtel.“

Was hast du gegen Vieselbach?“

Nichts. Was sollte ich schon dagegen haben? Nur was gibt’s da?“

Vieles!“, entgegnete sie.

Zum Beispiel?“

Vieselbacher und Vieselbacherinnen, zum Beispiel“

Aha.“

Fällt dir etwas besseres ein?“

Nein mir fiel nichts besseres ein, als an einem Sonntag nach Vieselbach zu fahren und die Vieselbacher bei ihren Sonntagsaktivitäten anzugaffen.

Vielleicht sollten wir auf dem Sportplatz eine Bowu essen und dem SV Vieselbach beim Verlieren zusehen?“

Mhm, vielleicht.“

Kannst du mir eine Kippe geben?“

Hier ist rauchen verboten. Siehst du das hier?“ Ich deutete mit dem Finger auf das kleine Nichtrauchersymbol auf der Mittelkonsole.

Wir sitzen in einem Cabrio mit offenem Verdeck. Hast du Angst ich könnte Brandflecke in die Sitzbezüge brennen?“

Nein, aber es ist nun mal verboten.“

Spießer!“

Was?“

Ach vergiss es!“

Es entstand eine längere Pause, aufgefüllt mit einer langgezogenen Ausfallstraße und einem tristen Gewerbegebiet.

Wir sollten uns nicht mehr sehen!“

Vielleicht!“

Was machen wir hier eigentlich?“

Nach Vieselbach fahren, die Atmosphäre verpesten, den Klimawandel anheizen, Zeit verschwenden, schweigen…Was meinst du genau?“

Ach vergiss es einfach.“

Kannst du mich in Vieselbach zum Bahnhof bringen?“

Warum denn das nun schon wieder?“, wollte ich wissen.

Ich will mit dem ICE zurück fahren!“

In Vieselbach hält aber kein ICE.“, entgegnete ich altklug.

Heute schon.“

Ich parkte das Auto vor dem Vieselbacher Bahnhof, der trostlos wie alle Provinzbahnhöfe an einem Sonntag Nachmittag wirkte. Es sah nach Regen aus. Warum nicht? Sollte sie doch mit ihrem dummen ICE zurückfahren! Ich würde den Regen durch das offene Verdeck prasseln lassen und dabei eine Zigarette im Mund haben.

Wir standen schweigend auf dem Bahnsteig. Außer uns war niemand zu sehen. Ein ICE würde hier in einhundert Jahren nicht halten. Wenn sie Glück hatte, könnte in der nächsten Stunde eine Regionalbahn vorbei fahren. Missmutig rauchte ich die letzte Kippe der Schachtel. Wann hatte ich sie gekauft? Gestern erst! Am liebsten hätte ich sie in diesem Augenblick auf die Gleise geschubst. Vielleicht würde sie ein Güterzug überrollen. Statt dessen standen wir sinnlos in den Nachmittag hinein.

Auf dem Display wurde eine Zugdurchfahrt angezeigt. Wahrscheinlich ein ICE dachte ich, nicht ohne mir selbstgefällig ihr dummes Gesicht auszumalen, wie es dem dahinbrausenden Zug hinterher blickt. Und tatsächlich wurde langsam die weiß-rote, längliche Schnauze des Flaggschiffs der Bahn sichtbar. Dieser Zug würde nie hier halten, nicht in Vieselbach, nicht an diesem beschissenen Sonntag.

Er hielt. In seiner vollen Länge und Pracht kam der ICE fast geräuschlos zum Stehen. Ohne zu zögern ging sie zur erstbesten Tür und drückte den Knopf zum Öffnen. Es war als wäre ein Raumschiff gelandet. Mit leisen Klack- und Zischgeräuschen ging die Tür auf. Ungläubig starrte ich zuerst auf ihre verschwindende Gestalt, um dann eine Gruppe von Passagieren durch die Scheibe wie Außerirdische zu begaffen. Sie gafften zurück und da stand ich: ein Trottel mit offnem Mund und die letzte Kippe bis auf den Filter abgebrannt. Die Tür schloss sich und im nächsten Moment setzte sich der Zug in Bewegung. Es dauerte eine ganze Weile bis er an mir vorbei gezogen war. Mit den letzten vorbeigleitenden Fenstern fielen die ersten Regentropfen. Ein feiner Sprühnebel aus Wassertropfen, der sich zuerst auf meiner Brille bemerkbar machte und langsam seinen Weg auf meine Arme und Beine fand.

In der Unterführung schnurrte ich mir von einem alten Pärchen eine Kippe.

Haben sie den ICE gesehen, der gerade hier gehalten hat?“

Sie hielten mir stumm die Packung vor’s Gesicht, wahrscheinlich froh, mich so schnell wie möglich wieder los zu werden. Sie hatte ihre Handtasche im Auto vergessen, natürlich. Unschlüssig mit der Kippe im Mund, sah ich zu, wie Regentropfen durch das offene Verdeck fielen und auf dem Armaturenbrett einen feinen Film bildeten. Alles schien unwahrscheinlicher als je zuvor und die Handtasche machte es nicht besser.

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Heavy Duty – Testfahrt mit dem E-Mobil


Ach was hatten wir schon Gutes über Elektroautos gehört, nur dass sie für nichts zu gebrauchen waren, vor allem nicht zum Fahren. Ein Auto zum Abgewöhnen für Benzinjunkies wie wir sie waren. Landeier in der Stadt, die mit 16 ihre Fleppen in den Himmel hoben und sich auf eine trügerische Freiheit freuten, eine Freiheit zuerst auf zwei Rädern mit knatternden Auspuff und dann in der ersten eigenen Karre mit überquellenden Aschenbechern und zu lauter Musik vor der Tanke.

Wir wollten es genauer wissen und das kleine E-Vehikel auf Herz und Nieren prüfen! Wenn es sein musste, würden wir das Letzte ihm raus holen.

Kalle, Max, Albrecht und ich buchten uns die Möhre am Freitag Abend. Heavy Duty war angesagt. Unter dem Gewicht vier ausgewachsener Proleten ächste das kleine Gefährt unangenehm. Es sollte es nicht leicht haben. Mit Absicht hatten wir uns die kälteste Nacht des Jahres ausgesucht. Minus 20 Grad, Heizung auf volle Pulle und The White Stripes in den CD Player, Licht an und mit der Warnblinkanlage ausgeparkt. Los gings.

Im Display leuchtete erwartungsvoll ein READY. Ich trat das Gaspedal voll durch und schoss durch den schwarzen Schnee auf die Straße. Erst mal cruisen! Wir hängten uns an ein paar Nasen aus dem Umland. Ließen sie an der nächsten Ampel einfach stehen und freuten uns wie Schneekönige, dass wir mit satten 3 Kilometern weniger auf der Batterieanzeige bestraft wurden. Das kleine Spielzeuggefährt, es erinnert sehr an einen mobilen und überdachten Rollator, schoss durch die Stadt. Mit offenen Fenstern, Heizung und Autoradio auf Maximum gings durch die Kneipenmeilen. Kalle versuchte sich auf der Rückbank durch das Fenster zu zwängen, vergebens! Im Fenster steckend, furzte er verzweifelt und brüllte ein paar Bekannten auf der Straße hinterher. Die Reichweite purzelte dahin, von den ursprünglich 100 km hatten wir schon dreißig aufgebraucht. Macht nichts! Wir fuhren voller Freude in den entferntesten McDonalds, der uns in den Sinn kam. Weit im Westen der Stadt kurvten wir durch verlassene Gewerbegebiete, drehten Pirouetten mit angezogener Handbremse und hievten im Drive In Burger mit fettigen Pommes und Literweise Coce ins Auto. Schneller als unsere Smartphones verlor das Ding seinen Saft, aber o Wunder, nach jedem Bremsmanöver hatten wir wieder einen Kilometer mehr auf der Anzeige.

Fahrerwechsel. Kalle durfte ran. Und dieser verrückte Hornochse fuhr verkehrt herum in einen Kreisverkehr, zeigte der versammelten Mannschaft, dass wir auch auf Gehwege passten. Nur von der Idee mit der Kiste über den zugefrorenen See zu fahren, konnten wir ihn noch abhalten. Auf dem kalten Strand direkt an der Wasserkante stehend, kicherten wir wie Wilde über die Vorstellung beim Untergehen noch eine gewischt zu bekommen.

Elektrisiert schwirrten wir weiter durch die Nacht, zuerst durch die einsamen Vororte, dann, immer mehr Partygängern begegnend, durch die matschigen Häuserschluchten, vorbei am eingefrorenen Puls der Stadt. Albrecht wollte nur noch The Hardest Button To Button hören. Gefangen in der Dauerschleife drückte er alle Knöpfe, öffnete ausversehen die Motorhaube, sprang vor einer Ampel aus dem Auto und schloss sie wieder mit seinen großen Pranken. Wir waren Teenies, high vom Doofsein, die sich großartig fühlten. Der Versuch zwei Frauen ins Auto zu holen, scheiterte an den Platzverhältnissen und ihren dummen Mackern. Abschleppen? Fehlanzeige!

Der Akku warnte schon einmal vor. Noch zehn Kilometer, dann würde zumindest er aussteigen. Wir rumpelten weiter, unverfroren und nimmer müde über Schlaglochpisten, Kopfsteinpflastersteine und gelbe Ampeln. Noch 5 Kurven, 5 Kreuzungen, ein paar Kilometer und wir wären wieder dort, wo wir unseren Höllenritt angefangen hatten. Das Display leuchtete in rot und gelb, ein unangenehmes Piepen kam von irgendwoher. Gleich wäre es soweit, wir wieder da und das Ding am Ende. Zielgerade, ein letztes Röcheln und wir rollten leer an den Straßenrand.

Beim Schieben machten wir uns Freunde. Das Auto steckten wir ausgelutscht an die Dose und erfreuten uns und einige Kneipen mit unseren Geschichten den Rest Nacht. Glaubste nicht? Egal, ist wirklich wahr!

Der Wald der Verflossenen

Martin wohnte typisch, zumindest glaubte er das! In einer 5er WG im dritten Stock. Die Möbel waren pre-loved, die Wände zierten Bilder fragwürdiger Philosophen und Musiker verschiedener Epochen und Stile. Im Bad fanden sich die Spuren der Scheiße seiner Mitbewohner in der Kloschüssel und kolossale Staubmäuse auf den Fliesen. Es war nicht unüblich, dass sich das dreckige Geschirr trotz Spülmaschine zu Schimmelgebirgen auftürmte und im Kühlschrank fehlte immer etwas, trotz getrennter Fächer, was immer, wirklich immer zu leidigen Diskussionen führte. Wenn er fertig wäre hätte er seine eigene Bude. Aber jetzt nahm er vorlieb mit der Situation.

Die Wohnung war derart günstig und groß, dass sie sich ein Wohnzimmer leisten konnten. Auch dieses wurde von den obligatorischen Staubmäusen bevölkert. Sie fanden ihren Lebensraum in den Dielenritzen, zwischen den Kabeln einer Spielkonsole, eines Fernsehers und eines halben Dutzend anderer Geräte, von denen die wenigsten gingen oder überhaupt gebraucht wurden. Nachdem sie sich einen Beamer angeschafft hatten, wurde auch der Fernseher überflüssig. Aber er passte zu gut ins Bild, und sei es nur als Ablage ausgelesener Zeitungen oder der ständig überfüllten Aschenbecher.

Durch die Fenster des Zimmers drang immer weniger Licht. Es kam nicht mehr durch, durch den Wald der Verflossenen.

Das ganze hatte als Witz angefangen. Martin, seiner Meinung natürlich gutaussehend und in Dingen des anderen Geschlechts hinreichend bewandert, brachte eine Pflanze seiner Ex mit. Ihre Beziehung hatte gerade lange genug gehalten, dass er sich einen Ableger machen konnte. Nach der Gütertrennung schleppte er sie an. Aus unerfindlichen Gründen war es bei der nächsten Ex nicht anders. Zwar war es diesmal kein Ableger aber er bekam das gute Stück einfach geschenkt. Zum Geburtstag, einen Tag vor der Trennung bzw. bevor es seiner Geliebten mit dem gutaussehenden Frauenverstehender zu bunt wurde.

Als Sabine einen Kaktus anschleppte, ihr Ex ertrug den Anblick nicht mehr, erinnerte ihn das Gewächs doch immer an sie bzw. die Probleme ihrer beider Beziehung, kamen schon die ersten Unkenrufe auf. Bei einem gemütlichen Sonntagskaffee wurde der Name geboren. Mittlerweile war es der Sport der gesamten WG, den Wald der Verflossenen anwachsen zu lassen.

Das führte nicht nur dazu, dass sich das Wohnzimmer in einen kleinen Ausstellungsraum deutscher Wohnzimmerkultur entwickelte, sondern auch, dass alle Mitbewohner zu mittelschweren Hobbybotanikern heranwuchsen, die außer den gebräuchlichen Namen auch die lateinischen kannten und eine nicht unerhebliche Menge Wissen über Ableger, Dünger und den richtigen Stellplatz angehäuft hatten. Da Martin mit dem Mist angefangen hatte, führte er die Hitliste mit derzeit 6 Pflanzen an.

Während sich andere darüber den Kopf zerbrachen, welchen Mist sie mit ihren neuen Bekanntschaften austauschen konnten, steuerte die WG zielbewusst das eine Thema an. Manch einer wunderte sich, war aber vielleicht insgeheim froh darum, dass man sich über unpeinlichen Nonsens unterhielt.

Sabine hatte es vor zwei Monaten sogar geschafft ihrer Eintagesbekanntschaft eine riesige Yucca Palme aus dem Kreuz zu leiern. Der Vollidiot ließ es sich nicht einmal nehmen, das Ding mit seinem Wagen vorbei zu bringen und eigenhändig in den dritten Stock zu tragen. Im Wohnzimmer angekommen, machte er noch eine Bemerkung über den grünen Daumen der Bewohner und verschwand nach einem gemeinsamen Kaffee von der Bildfläche.

Martin wunderte sich nicht einmal mehr über dieses seltsame Ritual. Manchmal saßen sie zusammen im Wohnzimmer und erzählten Geschichten über die verlorenen Menschen. Jede Pflanze trug den Namen der Verflossenen oder des Verflossenen. Die Yucca Palme hieß Markus. Eine Bananenstaude Kathleen und eine der Kakteen Merit. Würden sie sich genauso hingebungsvoll um ihre Beziehungen wie um die Pflanzen kümmern, sie wären wahrscheinlich halle verheiratet mit Kindern, Auto und Zwerg im Garten. So dachte Martin. Vielleicht später in der eigenen Bude. Hier musste er sich erst einmal um sein eigenes Leben kümmern. Da gab es schließlich noch einiges zu verpassen und viele Pflanzen zu sammeln.

Alfred Franke


Im Zimmer lag schon die Dämmerung und mitten drin drei kleine runzlige Ömchen. Jede lag zusammengefaltet unter einer dünnen Decke. Die Falten zogen sich wie Gebirge durch den Stoff mit Ausläufern weit über die Haut hinaus bis hinauf zu den geschlossenen Augen. Manchmal zuckten die knorrigen Hände im Schlaf, aus denen sich durchsichtige Schläuche oder dünne Elektrokabel wanden. Letztere waren über ein engmaschiges Netz mit einem Großrechner und dem Schwesternzimmer verbunden. So war ihr Leben geschützt, über endlose Kabel, einen Alarm auszulösend, sobald ein Herz stocken oder eine Lunge aussetzten würde.

Mir war schon an der sanft zur Seite gleitenden Schiebetür am Eingang schlecht geworden. Ich hasste den Geruch, die matten Pastellfarben an den Wänden und die nichtssagende Musik. Ich hasste sogar die grau melierte Empfangsdame, die Cafeteria mit ihren Insassen aus beinahe gestorbenen Patienten und ihren Angehörigen. Das waren sie also schon, keine Freunde mehr, keine über die Jahre liebgewonnenen Menschen, sondern nur noch Angehörige. Ich mochte mich selbst nicht für meine Verachtung, aber ich konnte nicht anders.

Das Zimmer war viel zu warm für jemanden, der aus der Kälte kam. Aber für diese hingestreckten Faltengebirge war es vielleicht gerade warm genug. Niemand erhob sich als ich den Raum betrat. Ich legte meine Jacke auf einen Stuhl und schaute aus dem Fenster. Die drei Ömchen lagen friedlich in ihren Betten. Manchmal stieß eine von ihnen einen Seufzer aus. Nur ein kleines Radio, das jemand vergessen hatte auszustellen, knarrte mit blechernen Tönen.

Da lag sie. Ungewollt erinnerte ich mich an früher. Nicht an die Zeit als sie noch ein Kind war. Viel viel später, als wir uns das erste Mal gesehen hatten. In meinen Erinnerungen wirkte sie größer, ihr Gesicht und ihre Hände weniger zerfurcht. Die Haare waren braun und nicht grau wie heute. Ihr Gesicht hatte mich schon damals an einen neckischen Spitz erinnert. Ich weiß nicht warum, aber selbst jetzt mit geschlossenen Augen musste ich wieder daran denken. Wo hatten wir uns damals gesehen? Ich wusste es nicht mehr und ihr würde es vielleicht nicht anders gehen.

Eine Schwester polterte zur Tür hinein. Sie fragte in die Runde, ob jemand Tee oder Kaffee wollte. Die zwei fremden Ömchen verlangten verschlafen nach Fenchel- und Pfefferminztee. Sie wachte nicht einmal auf. Was ich hier verloren hatte, wer ich war, wie lange ich bleiben würde, ob ich alle drei Insassen mit ihren Kissen ersticken würde, all das interessierte die Schwester nicht. Sie ließ mich am Fenster stehen und polterte wieder zur Tür hinaus. Draußen lag ein gelangweilter Tag herum. Die Sonne mühte sich nicht, die Wolken auch nicht und selbst der Nebel war unschlüssig, ob er sich verkriechen sollte oder doch lieber blieb. Ich drehte die Heizung ein wenig herunter und setzte mich auf einen Stuhl neben ihr Bett.

Könnte ich mich doch nur an unsere erste Begegnung erinnern! Aber es ging nicht. Es gab wohl kein bestimmtes Ereignis, keinen denkwürdigen Tag, nichts woran ich mich festhalten konnte. Für eine Nachfrage war es vielleicht für immer zu spät! Es war mal wieder ihre Pumpe, dieses verdammte Ding, dass nicht mehr so richtig wollte. Sie hatten ihr schon einen Herzschrittmacher eingepflanzt, eine neue Arterie gezogen, eine andere dafür entfernt. Was war es dieses mal? Die Pumpe, natürlich, aber was hatte dieses Mal versagt.

Totkranke Menschen hatten ich mir immer anders vorgestellt. Sie war nicht das blühende Leben, keineswegs. Aber sie sah genauso wenig blass aus, ihre Augen waren nicht tief eingesunken und ihr Gebiss trug sie auch noch. Dadurch erweckte sie nicht den Eindruck einer Halbtoten, wie sie einem in Krankenhäusern manchmal auf den Gängen begegneten. An die zurückliegenden Operationen erinnerte nur noch eine Binde an ihrer Hand und die Schläuche, die von ihr wegführten. Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie jetzt sterben müsste, ob es tatsächlich soweit war. Unvermittelt legte ich meine Hand auf ihre.

Sie wachte auf und blinzelte mich an.

Muss ich jetzt aufstehen?“

Nein!“

Über eine dampfende Teetasse hinweg sah ich wieder aus dem Fenster. Das Radio plärrte. Hinter meinem Rücken bewegte sich etwas, aber ich schaute nicht hin. Eine Tür wurde zur Seite gezogen und ein wenig später war das Plätschern einer Klospülung zu hören. Wieder öffnete sie die Augen und sah mich an. Sie hatten über die Jahre ihre Farbe verloren. Das Blau wurde immer blasser, manchmal schien es grau zu sein, manchmal wie ein Tropfen Farbe in einem Wasserglas. Nur das Muster blieb gleich. Ihre Iris sah aus wie von einem Netz leuchtender Bänder durchzogen, mal waren sie gelb mal orange. Diese Augen waren das Familienwappen. Ihr Vater hatte sie, ihre Tochter, ein Enkelkind und auch ein Urenkel.

Wie alt war sie jetzt? Nicht einmal daran konnte ich mich erinnern! 79, 92 oder 103? Sie blinzelte und ich war mir sicher, dass sie die Antwort selbst nicht mehr so genau wusste. Nicht nur diese, sie hätte mir keine meiner Fragen beantworten können. Ich wollte etwas sagen, ein Hallo! oder Wie geht es dir? aber die Stille zwischen uns blieb beharrlich bestehen.

Sie richtete sich langsam im Bett auf. Irgendetwas schmerzte sie und nun sah ihr Spitzgesicht tatsächlich so aus, als würde sie knurren. Aber es kam nur ein leises ach heraus. Die Frage nach ihrem Befinden beantwortete sie mit einem bescheiden anstatt beschissen.

`s ist schönes Wetter, nicht war?“

Ja, aber es ist kalt.“

Mein Junge wollte heute noch kommen. Kennen sie meinen Jungen?“

Ich glaube, er wollte erst morgen kommen.“

Erst Morgen?“

Kennen Sie Alfred Franke?“, fragte sie. Ich verneinte.

Alfred war ein Cousin meines Mannes, in Berlin hatt er gelebte.“

Sie sehen aus wie Alfred Franke als er noch jung war.“

Ist es so, wenn man aus dem Gedächtnis eines Menschen gelöscht wird? Sie sah unbestimmt aus dem Fenster. Ich blickte ihr nach. Wie viel von mir gab es da noch. Den Schatten einer Erinnerung vielleicht, ein letztes undefinierbares Gefühl, dass ihr versicherte, dass sie mir vertrauen könnte. Ansonsten war ich Alfred Franke. An ihn konnte sie sich noch erinnern während sie vom Rand her vergaß. In der Zeit rückwärts gehend, ließ sie immer mehr Erinnerungen zurück. Irgendwann würde sie nicht einmal mehr wissen wer sie war. Sie würde aufhören zu leben, weil sie es einfach vergessen würde. Wahrscheinlich würde die verdammte Pumpe doch bis zum Schluss durchhalten.

Ich wusste nicht was ich hier wollte, in diesem Zimmer, diesem Krankenhaus, der Stadt. Was wollte ich ihr sagen? Warum hatte ich mich in den Zug gesetzt? Hallo, ich bin gar nicht Alfred., oder Erkennst du mich denn nicht? Es gab nichts mehr zu sagen. Wir hätten uns nicht einmal neu kennenlernen können. Sobald ich aus der Tür getreten wäre, hätte sie mich schon wieder vergessen. Ich fühlte mich elend und unnütz. Warum nur konnte ich ihr nicht sagen wer ich bin?

Sie müsse sich jetzt aber mal waschen!“, sagte sie. Zusammen mit der Infusionsflasche ging sie ins Bad. Es war ein gebrechlicher Gang, mehr wie ein sich Vorwärtsschieben. Wieder war das Gleiten einer Schiebetür und die Klospülung zu hören. Ich wäre gerne fortgegangen aber ich unterdrückte diesen Drang. Die knautschige Oma direkt vor dem Fenster sah mich interessiert an. Im Raum kannte mich niemand. Ich war nichts weiter als ein netter Gast, der ein wenig Abwechslung bot. Langsam nahm ich meine Jacke vom Stuhl und wandte mich der Tür zu. Als sie aus dem Bad kam sah sie mir freundlich in die Augen. Ihre kleine Hand legte sich auf meinen Unterarm.

Wissen Sie, sie sehen Alfred Franke sehr ähnlich. Damals als er noch jung war, wissen sie? Ach…“ Mehr brachte sie nicht hervor. Irgendwo hinter den blassen Augen wusste sie vielleicht doch noch wer ich bin. Ich lächelte unbestimmt und verließ den Raum.

Draußen, umgeben von diesem unschlüssigen Tag, merkte ich wie meine Flügel gegen meine Jacke drückten. Ich hielt sie versteckt, denn ich wollte noch mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahren. Engel fahren nicht mit der Straßenbahn, dass wusste ich. Aber gab es solche unter ihnen, die Alfred Franke hießen? Ich drehte mich noch einmal um. Dass würde ich sie jetzt gerne fragen! Ob Alfred Fanke, der Engel natürlich, auch immer die Straßenbahn in Berlin benutzt hatte?

Frau Haas und das Gewerbe im Keller

Der Garten hinter unserem Haus besticht nicht durch Größe. Gefühlte 20 m² Rasen, zwei Wäscheständer und eine Birke. Dahinter liegt eine Garagensiedlung, bevölkert von Opas mit kleinen Handtäschchen und geputzten VW Golf. Neben unserem Garten liegt Frau Haas` kleine Scholle. Sie ist nicht durch den berühmten Maschendrahtzaun wohl aber durch einen Holzzaun vom Rest des Grundstücks getrennt. Ist Frau Haas zugegen, hängt ihr lila Beutel an der Gartentür. Passend dazu trägt sie eine lila Jogginghose und einen grünen Pullover aus Perlon oder Dederon. Mit den Kunstfasern am Leib, knistert sie leise durch den Garten und lädt sich elektrisch auf. Beim Händeschütteln habe ich schon zweimal eine gewischt bekommen.

Im lila Dress kämpfte Frau Haas in den letzten Wochen gegen das Laub der Nachbarbäume in ihrem Geviert. Das sie von morgens bis abends akribisch Laub harken kann, hat direkt mit ihrer Funktion als Blockwart zu tun. Zwei Hände an der Harke, beide Augen und Ohren bei den Nachbarn. So lautet ihre Devise! Wir scheinen ihr besonders suspekt zu sein. Stein des Anstoßes ist der von uns genutzte Keller.

Durch Zufall erwischte uns Frau Haas beim Sortieren von einem Dutzend Altkleidersäcken, die wir von einem dankbaren Gartenbesitzer in der Rietschelstraße erstanden hatten. Sofort sah Frau Haas ihre Müllrechnung explodieren. Ihre Rente sei klein und, im Gegensatz zur untergegangenen DDR, machen ihr die Mieter heute nur noch Ärger. Wie es ihre Art ist, lächelte sie am Ende ihres Vortrags und endete mit den ermunternden Worten: „Sie werden hier schon Ordnung schaffen, nech?“.

Ein paar Tage später, die Altkleider waren mittlerweile in Müll und Brauchbares getrennt, bezichtigte uns Frau Haas wir würden ein unlauteres Gewerbe im Keller betreiben. Ihre Müllrechnung war vergessen. Nun war es die Heizung, da sie gezwungen war ihr Kellerfenster sperrangelweit aufzureißen, um mit dem Muff fertig zu werden. Und die Kälte würde dann aus dem Keller in ihre Wohnung ziehen, dass wüssten wir doch.

Nachdem die Klamotten im Altkleidercontainer oder bei Freunden untergekommen waren, verfrachteten wir eine Tonne Kohlen in den Keller. Eine schlechte Idee! Frau Haas sah sich nun gezwungen, sich nach der Aufgabe der Steine zu erkundigen. Das es sich um Heizmaterial für unseren Kachelofen handelte, machte die Sache nicht besser. Neue Probleme taten sich auf: brennende Mülltonnen durch heiße Asche und ein nicht abzuschätzendes Risiko eines Hausbrandes durch eine Ofenexplosion. Wir ertrugen es mit Fassung.

Gestern wünschte mir Frau Haas ein schönes Leben. In ihrer lila Jogginghose, versteht sich.

Wie bei Hempels unterm Sofa

Das unsere Vermieterin a) zu viel Zeit hatte und b) teils ungewöhnliche Ansichten, wusste ich schon aus Erzählungen. Als ich um die Ecke bog, stand sie dann natürlich prompt vor unserem Haus und unterhielt sich mit einem Mann aus der Nachbarschaft. Während sie auf unser Nachbarhaus deutete, versuchte ich mich ungesehen an ihr vorbei zu schleichen. Später stellte sich heraus, dass sie neben Hühneraugen noch über ein drittes Auge am Hinterkopf verfügte. Es war also vollkommen zwecklos ihr entgehen zu wollen. Genauso zwecklos schien mir ihr Vorhaben, das Laub auf dem Gehweg auf einen Haufen zu kehren. Nichts gegen ihren Ordnungssinn, doch schien der böige Wind für eine derartige Tätigkeit nicht geeignet zu sein. Möglich, dass einige Nachbarn sich sogar darüber freuten, dass das Vorhaben misslang. Denn Frau Haas hatte es nicht versäumt alle Blätter, unsere, die des Nachbargrundstücks und der gesamten Straße fein säuberlich über die Grundstücksgrenze hinweg zu fegen. Dort sollten sie wohl liegenbleiben bis sich die Stadtreinigung um sie kümmern würde. Doch wie gesagt, war da noch der Wind…
Es dauerte nicht lange und es klingelte an unserer Wohnungstür. Ein letzter Versuch, Julia öffnete die Tür, aber es half nichts, Frau Haas wollte mit mir reden. „Also ich dachte ja nicht, dass ich das ansprechen muss, vor allem unter erwachsenen Leuten. Sind sie einer von uns?“ Ich hatte keine Ahnung was sie mit diesen Andeutungen meinte. Was wollte sie ansprechen und wer war „uns“. Frau Haas ließ mich gar nicht erst antworten. „Sie sind doch von hier, oder?“ Das ich an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen war, schien zu erfreuen. In den letzten Jahren hatte ich öfter die Erfahrung gemacht, dass ich der gezwungenen Ossi-Wessi Diskussion durch diese Ortsangabe geschickt aus dem Weg gehen konnte. Meine Gesprächspartner suchten sich einfach die passende Seite aus. Frau Haas tat es genauso. Für sie war ich ein Kind der DDR. Ein erneuter Versuch auch etwas zu sagen, ging in einem neuerlichen Redeschwall unter. Von Faschisten über Kommunisten und Politiker von heute bis zur Kirche im Allgemeinen, welche blieb dabei außen vor, schwadronierte Frau Haas über den allgemeinen Werteverfall in der Gesellschaft. Auch hier im Haus sei nicht mehr alles wie früher. Sie, ursprünglich drüben geboren, ausgebommt, mit der Mutter geflüchtet, schließlich hier in Lindenau gestrandet und nun direkt vor unserer Haustür, klagte im lila Jogginganzug darüber, dass man heute ja nicht mehr erwarten könne, dass die Hausordnung wenigstens einmal in der Woche erledigt würde. Man müsse schon froh sein wenn der Hausflur anstatt Samstags erst am Sonntag glänzt. Ich versuchte freundlich zu lächeln und die Tragweite des Problems abzuschätzen. Vergeblich. Für Frau Haas hing der Weltfrieden direkt mit dem Zustand der Treppe zwischen zweitem und ersten Stock zusammen. Mochte der Castor rollen, Kinder hungern, ein Heilmittel gegen Alzheimer gefunden werden oder der Messias kommen, die Treppe hatte geputzt zu werden, ordentlich und nicht zu nass.
„Wir wollen doch nicht dass es aussieht wie bei Hemples unterm Sofa. Das verstehen sie doch, sie sind doch einer von uns?“

Als wir träumten

In der Straße gab es ein Tor mit der Aufschrift „Fabrik“ darauf. Lustige Vögel hatten solange Prospekte von Aldi, Matratzen Concorde und Co. in den toten Briefkasten geworfen, die letzten mussten sie wahrscheinlich mit letzter Kraft hinein gepresst haben, bis die Sonderangebote aus der Klappe herausquollen. Manch einer sah sich sogar versucht, die Preisknüller nur noch über das Tor zu werfen, bündelweise, einfach so.

Voll war auch der Innenhof. Schon hinter dem Tor lag Laub, an einigen Stellen Moos, Birken sprengten den Asphalt, wuchsen zwischen leckgeschlagenen Fässern und einem alten Paar Handschuhen. Überall waren Kleinigkeiten verstreut, kleinere und größere Gegenstände lagen achtlos herum, befanden sich im Begriff aufzulösen, zu verrosten oder zu zerbröckeln. Am Ende würde sie der Regen mit in die Luppe nehmen.

Nirgendwo fand sich noch Glas in einem Rahmen. Es knirschte stattdessen unter unseren Gummistiefeln. Nachdem keine Fensterscheibe mehr übrig war, traten sie die Türen ein, zerkleinerten Möbel zu Brennholz und ließen auch so keinen Stein auf dem anderen. Sie, keine Ahnung wer sie waren. Ganze Bautrupps mussten es gewesen sein. Selbst jetzt wo es schwer fällt, die Szenerie anders als einen Haufen Scheiße zu bezeichnen, sind sie da. Ab und zu knallt es, dazwischen helles Geschrei. Irgendwann einmal hieß es baut auf, baut auf, hier wird nur noch abgewrackt.

An einer Dachrinne bleibe ich stehen. Regenwasser fließt schon lange keines mehr durch. Es perlt an der Wand herunter, nimmt den Putz mit, später wird es die ganze Wand weg waschen. Ganz nahe herangetreten, rieche ich den Verfall. Ganze Straßenzüge vergammeln in dem ihnen eigenen Geruch. Er kriecht aus Kellerluken, kommt aus dürftig verrammelten Fenstern und leeren Fabrikhallen. Manchmal findet er sich auch im Hauptbahnhof, in einem Tunnel der die Bahnsteige verbindet, hinter einem Gitter lauert er, dass einen Gang mit Rohren verbirgt…

Auf dem Hof liegt ein diffuser Gestank, der an Chemie erinnert. Wahrscheinlich ist das ganze Gelände verseucht. Bis in fünf Meter Tiefe findet sich kein Regenwurm mehr, die Maulwürfe sind ausgewandert, die Spinnen mutiert. Nur Altlasten, überall.

Zusammen stehen wir im zweiten Stock eines heruntergekommenen Gebäudes. Der Geruch von Chemie ist stärker geworden, die Altlasten verdichten sich in großen Tonkrügen, aus denen eigenwillige Apparaturen herausragen.

Clemens Meyer kommt mir in den Sinn und sein Buch Als wir träumten. Ich habe es nie gelesen. Was war ihr Traum? Was träumen wir? Ist das der unsrige? Die Stadt als übergroßer Spielplatz, als Schutthaufen staubbedeckter Erinnerungen,als Schatzkiste?

Das ist also unser Gold und Silber, ein Raum voll alter Leimdosen, blaue Schrift auf weißem Grund und ein lachendes Männergesicht. Unsere Schätze lassen wir unberührt bis der nächste kommt und sie holt. Wie der Herr im Erdgeschoss. In einer dunklen, fensterlosen Halle drischt er weiße Kacheln von der Wand. Einer kurzer Redeschwall unterbricht seine Arbeit: „Kann ich helfen?“ „Nein, wir schauen uns nur mal um.“ Er drischt weiter, schleppt seine Schätze davon und lässt die Altlasten liegen. Oder macht er es andersherum, lässt Schätze liegen und plagt sich mit Altlasten ab. Wir wussten es nicht.

„Was machen wir hier?“ Im Keller an eine Wand gelehnt, glimmen unsere Zigaretten im Dunkeln. Der Keller ist abgesoffen, über uns das Dröhnen eines Vorschlaghammers, weiter weg lautes Geschrei. Was machen wir hier am Rande von Lindenau? Wir können unsere Geschichten nicht einmal als Abenteuer verkaufen. Als wir träumten, liefen wir durch die kaputten Geschichten fremder Menschen, in Gummistiefeln, um trockene Füße zu behalten. Und das nun schon seit Jahren!

Sonntags bei Ihbes

Tatsächlich roch es im Flur grundsätzlich nach frisch gemachter Bohnensuppe und Bohnerwachs. Hannes sagte, es rieche wie die Schuhpolitur, die er einmal benutzt hatte. In einem Moment dachte ich an die alten Globuswerke in der Limburger Straße. Dort standen in einem Raum blaue Fässer, auf dem Boden kullerten Wachskügelchen herum und in der Luft lag der gleiche Geruch aus Bohnensuppe und Bohnerwachs. Vor dem Haus roch es nach frisch Gewaschenem, Dienstags und Samstags am stärksten aber auch an den anderen Tagen lag ein leichtes Aroma in der Luft.

Frau Ihbe wohnte im Erdgeschoss. Unbewusst schrieb ich ihr die Bohnensuppe und die Wäsche zu. Wahrscheinlich rumpelte in ihrer Küche eine alte Miele, die Schleuder separat daneben und auf der Küchenhexe dampfe eine gusseiserner Pfanne. Vielleicht brachte aber auch eine Pflegerin das Essen auf einer Assiette, umwickelt mit Alufolie und ihr Sohn kümmerte sich einmal in der Woche um die Dreckwäsche.

Als ich Frau Ihbe das erste mal sah, stand sie in ihrer Wohnungstür wie ein Stück Brotpapier, blaue Augen in den Falten und eine platt gelegene Dauerwelle am Hinterkopf. Sie war bestimmt 200 Jahre alt, ihr verstorbener Mann mehrfacher Kriegsveteran, ihr Sohn allgemein als doof anerkannt und auch sonst schien sie quicklebendig zu sein.

Bei der 200 jährigen Frau Ihbe scheint es sich um ein weit verbreitetes Phänomen zu handeln. In meiner letzten Wohnung war es Frau Kaiser, die schon seit 37 Jahren an Ort und Stelle wohnte. Auch sie hatte einen Sohn, allerdings fand ihn niemand doof. Er kam im Winter ab und zu und „machte das Holz“, so Frau Kaiser. Und in der Karl-Liebknecht-Straße war es Frau Jescheke. Im dritten Stock. Laut ihren Erzählungen hatte sie als Kind ein Katze. Von einem Sohn weiß ich nichts. Sie wurde im zweiten Geschoss in der Kammer hinten links geboren, vor 76 Jahren. Mittlerweile wohnte sie im dritten. Das letzte Mal, das ich sie sah, ging es ihr prächtig. Frau Jescheke zog ernsthaft einen Ortswechsel in Betracht, nur ins Erdgeschoss der Hüfte wegen. Das sind sie, die Ihbes dieser Welt.

Ich warte immer noch, dass mich Frau Ihbe an einem regnerischen Sonntag in ihr Wohnzimmer einlädt, ein schweres Fotoalbum aus einem alten Eichenschrank mit Einschlusslöchern zieht, sie wissen schon, der letzte Krieg 45, und sich mit einem leichten Seufzer neben mir niederlässt. Wissen sie mein Junge, damals vor 100 Jahren, als ich ich hier einzog, sonntags, ja es war an einem Sonntag, ganz ungewöhnlich…. ob uns ihr Sohn zu diesem Anlass wohl ein bisschen Bohnensuppe serviert?

Mein Lindenau

Mein Lindenau war nie das Lindenau aus den Erzählungen der anderen. Ich wohnte noch nicht einmal dort und wusste es schon.

Ich kam aus Connewitz. In einer Kleingartenanlage fragte mich einst ein Herr entsetzt: „Wohnen da nicht lauter Chaoten und die Punker?“ Wichtig war immer das „die“. Es unterscheidet nicht, weder zwischen Tatsachen und Mutmaßungen, zwischen Menschen und Geschichten noch zwischen richtig und falsch. Dort wo ich wohnte, war das „die“ genauso wie das Lindenau ihrer Erzählungen aussah.

Ich wollte nie übertreiben, aber vor dem Supermarkt lagen Besoffene im Dreck, manche bettelten, der Unterschied zwischen Punk und Alkoholiker war fließend. Manchmal flogen Flaschen durch die Luft, die Gehwege glitzerten in der Sonne, nur die Hundehaufen waren wie schwarze Löcher und zahlreich. Alte Frauen drängelten an der Kasse und Männer mit Stock schimpften auf den ganzen Dreck. Die Scheiben am Bäckerladen waren voller Kondenswasser, an der Hauptstraße lagen kaputte Häuser, hinter meinem Haus eine tote Fabrik mit Graffiti an den Wänden. Frauen mit Mops und Schal im Auto, Männer mit Kindern, Kampfemanzen mit Ohrringen, die Bionade-Boheme im Bioladen und jeden Tag die Kirchenglocken. Katzen und Ratten im Hinterhof, der Geruch von Lagerfeuer in der Straße und Busreifen auf dem Kopfsteinpflaster. Die letzten Gäste auf der Straße in der grauen Morgensonne, Rastafaris und Blondinen, ein ganzer Kietz im Wandel, die auswärtigen Gaffer und die daheim gebliebenen Alt-Rocker. Dort war mein Zuhause gewesen und ich kannte als einziger sein Geheimnis. Mit nur einem Ohr stand er hinter der Wursttheke.

Ich ging nun fort, in mein dunkles Lindenau, zum Schamhaarmatrosen, an Häfen ohne Schiffe, in die Bananenrepublik, eine Kolonie voller Hartzer und zur Bäckersfrau mit Strähnen. Du hast immer gesagt, dort würden alle Menschen traurig sein. Wahrscheinlich sind es auch „die“, die ich schon kenne, gut kenne. Sie sind alle pre-loved.

Blackball

Blackball. Es war 26 Jahre her, dass ich das letzte Mal hier gewesen war. 26 Jahre. Für manche ein ganzes Leben.

Mein Auto parkte im Hof des Gebäudes, ein alter Backsteinbau mit roten Brettern verkleidet und einem großen Schild über dem Eingang, auf dem in großen Lettern “Hotel Amerika” stand. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Blackball, einst für seine große Kohlegrube bekannt aber nach deren Schließung nur noch ein Jammertal ohne Zukunft. Dieser Gegensatz machte mich damals stutzig und beschäftigte mich nun wieder.

Das „Amerika“ war eine Mischung aus Pub und Hotel. Die Gäste am Tresen genauso heruntergekommen wie die Schläfer in den Betten. Der Bier- und Zigarettengeruch mischte sich mit dem Geruch muffiger Matratzen und waberte als unzertrennbares Ganzes über ausgetretene Teppiche, verstaubte Kunstblumen und vergilbter Landschaftsbilder unbekannter Lokalkünstler.

Ich stellte meinen Koffer neben die verwaiste Rezeption und betätigte die Klingel. Als sich nach zweimaligem Klingeln immer noch nichts rührte, ging ich in den Pub. Zwei Herren mittleren Alters, beide mit Basecap und dreckigen Gummistiefeln bekleidet, saßen am Tresen und tranken still ihr Bier.

Entschuldigen Sie, ich suche ein Zimmer für eine Nacht.”

Nein, da sind Sie falsch bei uns. Wir trinken nur unser Bier hier.”

Ja, wir sind nur Gäste!” ließ einer der Beiden mit einem dümmlichen Grinsen verlauten. “Aber rufen sie nach Jesaja, der wird ihnen helfen.“

Sie suchen mich?” fragte eine Stimme in meinem Rücken.

Ich suche ein Zimmer für eine Nacht.”

Kommen Sie!”

Es gibt noch zwei freie Zimmer, beide im ersten Stock und beides Doppelzimmer. Möchten Sie sich die Zimmer ansehen?”

Gerne. Ist im Moment viel los?” fragte ich, während wir die Stufen zum ersten Stock hinauf stiegen.

Mhm, es geht. Seit zwei Wochen haben wir drei Dauergäste. Das Sägewerk hat neu eingestellt und die drei Neuen haben noch keine Wohnung. Ansonsten 2 LKW- Fahrer und Sie.” Während er erzählte, versuchte ich mich an das Hotel von vor 26 Jahren zu erinnern. Nichts! Ich hätte nicht einmal sagen können, ob ich schon einmal hier gewesen war. Nur der Name, “Hotel Amerika”, war mir über die Zeit im Gedächtnis geblieben.

Da wären wir. Zimmer 16 und 12 direkt gegenüber. Wie sie sehen, sind sie gleich groß und ähnlich eingerichtet: zwei Betten, eine Kommode mit Spiegel, Waschbecken und ein Stück Seife, ein Stuhl und ein Jackenständer.”

In welche Richtung zeigen die Fenster?”

Vom Zimmer 12 aus sehen sie den Hof, dahinter die Berge in Richtung Osten. Von Zimmer 16 aus können sie auf die Hauptstrasse blicken.”

Ich denke, ich nehme Nr. 12.”

Die Toiletten und die Dusche finden sie am Ende des Ganges. Ein Handtuch liegt auf dem Bett. Wenn Sie etwas essen oder ein Bier trinken möchten, kommen Sie nach unten. Meine Frau kocht bis zehn, der Pub schließt um elf. Haben sie noch Fragen?”

Nein, ich glaube ich finde mich allein zurecht.” Damit war für mich das Gespräch beendet, das Nötigste gesagt, was auf Jesaja anscheinend nicht zutraf. Er zögerte und schien etwas im Kopf zu überdenken, bevor er schließlich doch noch einmal zu reden begann.

Entschuldigen Sie meine Neugierde aber gehört der schwarze Wagen im Hof ihnen?”

Ja.”

An der Motorhaube klebt Blut und die Windschutzscheibe hat mehrere Sprünge.”

Und?” fragte ich ruhig aber ohne den geringsten Zweifel daran, welche Frage sich anschließen würde.

Es sieht so aus, als wäre jemand mit dem Auto überfahren worden!”

Ja das stimmt und um ihrer nächsten Frage vorweg zu greifen, ich bin nicht gefahren als es passierte.”

John wird sich für die Angelegenheit interessieren.”

John?”

Er arbeitet unten in Westport als Polizist. Nach der Arbeit trinkt er noch ein Bier bei uns und schaut nach dem Rechten. Wenn sie sich nichts vorzuwerfen haben wird John sie in Ruhe lassen.”

Ich habe mir nichts vorzuwerfen!” erwiderte ich. Dass das wirklich der Wahrheit entsprach dachte in diesem Moment wohl keiner von uns. Aber es spielte keine Rolle. Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Während ich die Pistole auf die Kommode legte, schaute ich mich im Zimmer um, doch ein Gefühl von Vertrautheit kam nicht in mir auf.

Ist es das gleiche Zimmer?” fragte sie vom Fenster her.

Ich weiß nicht, daran kann ich mich nicht erinnern.”

Warum müssen wir uns dann ausgerechnet hier treffen?”

Wir sind zusammen hier gewesen, vor 26 Jahren in unseren Flitterwochen.”

Und?”

Es sind unsere Flitterwochen gewesen!”

Wir sind insgesamt drei Wochen unterwegs gewesen und haben beinahe jede Nacht in einem anderen Ort und in einem anderen Hotel verbracht. Warum also, müssen wir uns ausgerechnet hier treffen, in Blackball im “Amerika”?”

Tut mir leid, aber ich weiß es nicht!” antwortete ich. Es entstand eine unangenehme Pause, die jeder mit seinen eigenen Überlegungen füllte.

Was gibt es noch zu sagen?” brach sie schließlich das Schweigen.

Vielleicht mehr als du ahnst. Es gibt vieles über das wir zu reden hätten, über das wir längst hätten reden sollen.”

Bevor es zu spät ist.”

Ja” sagte ich.

Es ist zu spät. Wir sind kein Paar mehr und ich habe keine Lust mich mit leeren Worten beseiern zu lassen.”

Wie du meinst. Ich dachte nur, dass wir einen Schlussstrich ziehen könnten.”

Hast du deshalb die Pistole mitgebracht?”

Nein! Nein, ich glaube nicht, dass ich sie noch brauchen werde!” antwortete ich schnell.

Ich weiß nicht, was ich noch für dich tun kann, aber wenn du einen guten Ratschlag hören möchtest, lass es auf sich beruhen, so wie es ist.”

Das kann ich nicht und das solltest du am besten wissen.”

Es wäre besser für dich.” Mit diesen Worten verschwand sie aus dem Zimmer und ließ mich allein zurück. Ich trat ans Fenster, an dem sie noch vor einem Augenblicken gestanden hatte. Neben dem schwarzen Wagen, mit dem ich hergekommen war, standen mittlerweile vier Männer und begutachteten die Schäden am vorderen Teil des Chassis. Von meinem Standpunkt aus, konnte ich mir gut vorstellen, wie der Körper vom Auto erfasst worden war, auf die Motorhaube prallte, an die Windschutzscheibe schlug, um schließlich leblos über das Dach zu gleiten. Einer der Männer, vielleicht war es John der Polizist, inspizierte gerade eine große Beule im Metall, an der der Kopf zuerst aufgeschlagen war und an der noch immer Blut klebte. Ich wusste nicht, ob die anderen mich sehen konnten, doch als Jesaja mit seinem Arm in meine Richtung deutete, grüßte ich wortlos zurück.

Plötzlich war mein Kopf voller Fragen. Alles was ich solange verdrängen konnte, kam nun in einer einzigen heftigen Welle zurück. Hatte sie wirklich recht, wäre es besser die Dinge auf sich beruhen zu lassen? Wie viel Zeit blieb mir noch und vor allem was wollte ich an diesem Ort?

Langsam schaute ich mich um, weg von den Männern und dem schwarzen Wagen. Das Zimmer sah aus als hätte ich es nie betreten. Die Tasche mit meinen Wechselsachen lag im Auto. Ich teilte mir den Raum einzig mit einer Pistole, zweimal wollte ich sie benutzen, tat es aber nicht. Nun war sie nutzlos geworden. Ich schloss die Augen und ließ ein wenig Zeit verstreichen. Durch das Abendlicht und die Stille verströmten alle Gegenstände eine eigenartige friedliche Atmosphäre, einen Frieden den ich in meinem Inneren schon lange nicht mehr fand. Selbst die Pistole lag schlicht und ergreifend auf der Kommode, stellte keine Fragen, erwartete keine Antworten oder Erklärungen und stellte keine Überlegungen an, die doch zu keinem Ergebnis führten.

Die Männer im Hof waren in der Zwischenzeit verschwunden. Ich beschloss nach unten zu gehen, etwas zu essen und soweit es mir möglich war ein paar ihrer Fragen zu beantworten. Ohne abzuschließen zog ich die Tür hinter mir zu. Für diese Uhrzeit, es war mittlerweile acht Uhr, herrschte eine verdächtige Stille. Die zwei Männer saßen am selben Platz und starrten still ihre Biergläser an. Dazu hatte sich ein weiterer Mann gesellt, der genauso gesprächig wie die anderen beiden zu sein schien. Ich nickte Jesaja kurz zu und setzte mich an einen Tisch in einer Ecke.

Ich denke, dass sie zum Essen gekommen sind?”

Ja das hatte ich vor.”

Wenn es ihnen nichts ausmacht, würde John ihnen ein paar Fragen stellen. Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um das Essen”, fügte Jesaja hastig hinzu. Wie auf ein Zeichen hin, erhob sich der dritte Mann vom Tresen und strebte geradewegs meinen Tisch an. Auch er trug ein Basecap das ihm tief im Gesicht hing und unter dem nur ein gut gepflegter Vollbart hervorlugte.

Darf ich mich setzen?”

Würde ein nein sie davon abhalten?”

Mhm, sicherlich nicht. Nein!”

Dann setzen sie sich doch einfach.”

Ich heiße John. Wahrscheinlich hat Jesaja meinen Namen schon erwähnt. Leider konnte er mir ihren nicht verraten.”

Ich hatte ihn bis jetzt noch nicht erwähnt aber um ihre Neugierde zu befriedigen, mein Name ist Louis.”

Entschuldigen sie Louis, dass ich meine guten Manieren vergessen habe. Natürlich hätte ich mich vorstellen und nach ihren Namen fragen müssen aber wenn mich etwas beunruhigt handle ich oft überstürzt und unüberlegt.”

Keine gute Eigenschaft für einen Polizisten, finden sie nicht?””

Vielleicht.”

Ist es der Wagen?” fragte ich obwohl mir die Antwort bereits klar war.

Ja. Es wurde eindeutig eine Person mit ihm angefahren, möglicherweise tödlich verletzt!”

Tödlich?”

Ja, möglicherweise tödlich.”

Und?”

Ich dachte sie könnten mir weiterhelfen?” fragte John. Zum ersten Mal gingen mir seine Fragen auf die Nerven, die genauso einfallslos wie sein akkurat gestutzter Vollbart waren.

Hören sie, ich möchte sie nicht irgendeiner Straftat verdächtigen. Alles was ich wissen will ist die, nun ja.”

Warum so zögerlich John? Die gute alte Wahrheit möchten sie finden. Wie wäre es, wenn wir während ich esse ein bisschen philosophieren oder ich erzähle ihnen ein paar Geschichten und sie suchen sich die beste aus.”

Ich bin nicht hier, um mir Geschichten anzuhören. Ich werde noch einmal kurz telefonieren. Vielleicht klären sich dabei ein paar Fragen und vielleicht sind sie danach etwas kooperativer.”

Möglicherweise John, möglicherweise.” Ich wusste nicht, ob er die letzten Worte verstanden hatte, da ich versuchte, ihm nicht direkt in die Augen zu sehen. Wahrscheinlich würde John der Polizist mit einem anderen Polizisten telefonieren und sich die neusten Erkenntnisse durchgeben lassen. Wieder schloss ich die Augen und ließ Sekunde um Sekunde verstreichen in denen John telefonierte und die Blicke aller anwesenden Personen auf mich gerichtet waren. Sollten sie nur, schließlich hatten sie ihr Fressen gefunden und war es nicht übermäßig spannender als ihr tägliches Bier?

Der Wagen ist als gestohlen gemeldet!” meldet sich John plötzlich zurück.

Das ist eine interessante Neuigkeit, finden sie nicht John.”

Ich möchte dass sie mich begleiten. Alles Weitere wird sich hoffentlich von selbst ergeben.”

Verlegen sie etwa unsere gemeinsame Märchenstunde aus diesem wunderschönen Etablissement in eine kalte Zelle?”

Wie ich bereits sagte, bin ich nicht hier, um mir Geschichten anzuhören, sondern den Dingen auf den Grund zu gehen.”

Ich vergaß, sie sind auf der Suche nach der Wahrheit. Darf ich ihnen sagen, dass sie mich ankotzen John!”

Ich möchte nur ungern Gewalt anwenden.”

Es wäre mir eine Ehre wenn sie mich über den Haufen schießen würden. Sehen Sie die beiden Ringe an meiner Hand? Ich werde ihnen eine kleine Geschichte über sie erzählen. Es war einmal ein Ehemann, der 26 Jahre verheiratet war. Leider wurde seine Frau von einem volltrunkenen Idioten überfahren oder tödlich verletzt, wie sie es so schön ausgedrückt haben. Nach zwei Tagen fand die Polizei den Idioten, nahm ihn fest nur um ihn ein paar Tage später wieder frei zu lassen. Der Ehemann, ein wenig außer sich, stattete dem Idioten samt einer geladenen Waffe einen Besuch ab. Er beschimpfte und bedrohte ihn, schließlich richtete er die Pistole auf seinen Kopf und drückte ab. Die Kugel verfehlte ihr Ziel. In einem zweiten Versuch probierte der Ehemann sich selbst zu erschießen, wozu er aber schlicht und ergreifend nicht fähig war. Nach seiner gescheiterten Mission, er war mittlerweile nervlich am Ende und versank im Selbstmitleid, stahl er den sichergestellten Wagen mit dem seine Frau überfahren worden war, packte sich ein paar Sachen ein und fuhr seitdem in diesem Wagen, der als gestohlen gemeldet ist John, mit diesem Wagen fährt der Ehemann alle Stationen der Flitterwochen ab, die er zusammen mit seiner Frau vor 26 Jahren schon einmal unternommen hat. Gefällt ihnen die Geschichte John, glauben sie es ist die Wahrheit? GLAUBEN SIE ES?”

Ich weiß es nicht.”

Wenn es ihnen nichts ausmacht John, würde ich gerne auf mein Zimmer gehen. Setzen sie ruhig Himmel und Hölle in Bewegung, um meine Geschichten zu überprüfen. Sollten sie danach immer noch Fragen haben, sie wissen wo sie mich finden.”

Ich kann sie nicht gehen lassen!”

Und ich sagte ihnen bereits, dass sie mir eine Freude bereiten würden, wenn Sie mich über den Haufen schießen würden!”

Auf meine Aussage folgte weder eine Antwort noch eine Reaktion. Den Weg zu meinem Zimmer ging ich allein durch einen schwarzen Tunnel, in dem mich die Blicke der Männer nicht erreichen konnten. Draußen legte sich die Nacht über das Land und dem Raum wurde langsam das Licht entzogen. Auf dem Weg zum Fenster strich ich über die Pistole, die Kommode und das Bett. Sie schienen genauso friedlich wie vorhin, einfache Gegenstände zum Gebrauch abgelegt und abgestellt.

Lange konnte es nicht dauern bis John oder eine andere Person den Frieden störte. Aber was machte das schon aus? Ich hatte mir nichts vorzuwerfen, zumindest nicht in den Kategorien in denen John dachte. Für ihn mussten ein Autodiebstahl und ein gezielter Schuss aus einer Pistole schwer wiegen, dahinter verbargen sich die Dinge denen er auf den Grund gehen wollte.

Sie war tot! Das war meine Wahrheit. Die meiste Zeit über störte mich der Gedanke nicht, ich behandelte ihn wie ein klinisches Phänomen. Meine Frau starb an schwersten inneren Verletzungen noch an der Unfallstelle. Abgehakt! Je öfter ich diese Tatsache in meinem Kopf wiederholte, desto mehr stumpfte ich ab, gegenüber meiner Außenwelt, anderen Personen, mir selbst und schließlich der Realität selber, die sich doch immer einen Weg bahnte. In diesen Momenten verstärkten sich mein Wille und meine physischen Kräfte um das zehnfache. Ich schrie, wurde wütend, warf Gegenstände durch die Luft, war wild entschlossen Dinge zu tun, die ich vorher nie getan hätte nur um nach diesen kurzen Ausbrüchen noch einsamer und frustrierter zurückzubleiben.

Nachdem ich nicht fähig gewesen bin mich selbst zu erschießen, hatte ich noch mein ganzes Leben Zeit ihren Tot in Worte oder Stückchen zu fassen, die ich tragen konnte. Vor dem Fenster stehend schloss ich die Augen und ließ die Zeit vergehen, Sekunden und Minuten in denen es dunkler wurde und die Gegenstände beständig ihren eigentümlichen Frieden verströmten. Sekunden und Minuten bis John komme würde.

Der Bär

Die Wende: Demonstranten, die “Wir sind das Volk” skandieren, Menschen die lachend die Mauer einreißen, DDR Bürger, die ihrem ehemaligen Klassenfeind weinend im Arm liegen, Schlangen überfüllter Trabis an den Grenzübergängen, das Begrüßungsgeld und die ersten Orangen in einem kleinen Supermarkt. Vielleicht können sie sich an all das erinnern. Ich kann es nicht. Für mich besteht die Wende aus Fernsehbildern, gebannt auf Videokassetten, die ich mir Jahre später anschaute oder aus Erzählungen meiner Eltern und Grosseltern. Als die DDR ihren 40. Geburtstag feiern ließ, war ich acht Jahre alt. Ein Jahr später, nachdem es sie beinahe nicht mehr gab, war ich neun. Meine Erinnerungen an diesen Staat sind so vielfältig, dass sie auf einen kleinen Schmierzettel passen würden. Ich kannte nicht unseren großen Bruder im Osten oder den Klassenfeind im Westen und seine Verbindungen zum Intershop. Ich bin nie ein Ernst- Thälmann- Pionier gewesen, kann mich nicht erinnern, ob ich zum Frühstück “Im Nu Kaffee” trank oder mein Fahrrad mit “Elsterganz” polierte.

Ein paar Wimpernschläge der Geschichte später, in einer Zeit aus der mir mehr Erinnerungen geblieben sind, vermischten sich die Abenteuer meiner Kindheit mit den Turbulenzen der damaligen Zeit.

Das Dorf meiner Grosseltern lag 20 Minuten mit dem Fahrrad vom Haus meiner Eltern entfernt. Hier erwartete wohl niemand große Veränderungen. Tatsächlich blieb fast alles beim Alten. Wenn, dann war der Prozess so schleichend und dauerte dermaßen lange, dass er für meine Kinderaugen nicht fassbar war. Außerdem strahlten für mich die unmittelbaren Geschehnisse des Tages einen viel größeren Glanz aus.

Anscheinend mussten sich viele Dorfbewohner schnell von einem Großteil ihres Mobiliars trennen. So stapelten sich braune Schrankwände, Sofas, russische Gläser, RFT Fernseher und Radios, ausrangierte Küchenbüffets, Diamant Räder, Simson Motorräder und allerlei Gebrauchsgegenstände, die kurze Zeit zuvor noch in Benutzung waren, meterhoch vor den Häusern. Für uns Kinder waren diese Möbelberge besonders reizvoll, sei es um auf ihnen herumzuturnen, sie zu inspizieren oder um eine der Fernsehbildröhren, mit Hilfe eines gezielten Steinwurfes, zum Explodieren zu bringen.

Einigen Auswärtigen schien der Schwund an Einrichtungsgegenständen dermaßen leid zu tun, dass sie freiwillig ihre Hilfe anboten. Möbelhändler aus Holland, ob sie wirklich aus Holland stammten weiß ich nicht aber den Gerüchten nach zu urteilen taten sie das, boten an, alte und unbrauchbare Möbel auf ihre Hänger aufzuladen und sie anschließend kostenlos in den Niederlanden entsorgen zu lassen. Viele öffneten bereitwillig ihre Türen und waren froh über diese Hilfeleistung. Sie wollten nicht einmal Geld für ihr altes Interieur haben. Andere wiegen sich bis heute in dem Glauben, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Zum Glück hat ihnen nie jemand die Preise auf holländischen Flohmärkten verraten.

Neben den niederländischen Möbelsammlern gab es noch andere, die die nun leeren Wohnungen mit Teppichen füllen wollten. Laut den umgehenden Erzählungen handelte es sich um Zigeuner obwohl ich mir auch in diesem Fall nicht sicher war, da ich nie nur einen einzigen Teppichhändler nach seiner Herkunft befragt hatte.

Der Schar der hilfsbereiten Menschen war damit noch lange kein Abbruch getan. Des Weiteren gab es den Vertreter von Fuhrwerk, für Versicherungen, Haustüren und sicherere Schlösser, bessere Fenster und sauberere Heizungen, Kosmetika für Frauen und Werkzeuge für Männer. Die Palette schien schier unerschöpflich. Oft kam es vor, dass die Vertreter und ich uns bei meinen Großeltern gegenseitig die Türklinke in die Hand drückten. Bis auf einen Staubsauger hat es keines der nützlichen Utensilien in den Haushalt meiner Großeltern geschafft. Noch heute schaut ab und zu ein Vertreter von Fuhrwerk vorbei und fragt meine Oma, ob sie neue Staubtüten benötige. Er ist der einzige der geblieben ist, alle anderen sind verschwunden.

Das sich das Dorf samt seiner Bewohner in einer Ausnahmesituation befand, ließ sich am deutlichsten daran ablesen, dass ein Zirkus seine Zelte aufschlug. Etwas das danach nie wieder passierte. Für uns Kinder war er die Attraktion schlechthin und für mich war er der erste Zirkus den ich als Kind besuchte.

Die Wiese auf der er stand lag direkt neben der Hauptstraße am Fluss und wurde bevorzugt als Viehweide verwendet. Schon am Morgen, als ich mit dem Fahrrad meiner Oma Brötchen holte, weckte der Trubel beim Aufbau des Zeltes meine Neugier. Aber erst mit der Verstärkung meines Cousins wagte ich mich auf die Wiese. Wir lungerten zuerst unschuldig in einigem Abstand herum, inspizierten jedoch genauestens den Fortgang der Arbeiten. Irgendwann hatten wir uns so dicht herangewagt, als wir unverhofft gefragt wurden, ob wir mithelfen möchten. Unsere Großeltern ließen mein Cousin und ich in dem Glauben, dass ohne unsere Hilfe der gesamte Zeltaufbau scheitern würde. Dass mittlerweile die Hälfte der Dorfjugend vor Ort war verschwiegen wir.

Nach zwei Tagen stand das Zelt und der Sand in der Manege war geharkt, bereit für den großen Abend. Die Zirkusleute zogen einen Tag vor der ersten Vorstellung noch einmal durchs Dorf, um auch den größten Ignoranten auf das bevorstehende Großereignis aufmerksam zu machen. An alle die beim Aufbau mitgeholfen hatten, wurden Freikarten verteilt, was sicherstellte, dass zumindest die Hälfte der Kinder des Ortes nicht fehlen würde.

Ich hielt meine Karte fest umschlossen während ich vom Haus meiner Grosseltern zum Zirkus rannte. Den Haupteingang links liegen lassend, strebte ich direkt den hinteren Teil des Zeltes an, dort wo die Käfigwagen mit den Tieren standen. Unbemerkt wollte ich eine kleine Inspektion vornehmen.

Was hast du hier zu suchen?”

Hä?”

Hä ist keine Antwort! Also, was hast du hier zu suchen?”

Ich wollte mir die Tiere ansehen.”

Hast du eine Eintrittskarte?”

Ja.”

Dann geh. Die Vorstellung fängt gleich an.”

Ja.”

Wie heißt du Junge?”

Manuel.”

Ich bin der Bär. Nimm mir mein Geschrei nicht übel, aber die Tiere sind gefährlich!”

Ich habe keine Angst vor den Tieren!”

So.”

Weißt du, was ich für einer bin?”

Du bist der Bär!”

Ich bin ein Zigeuner. Zigeuner essen kleine Kinder!”

Hier im Dorf verkaufen sie nur Teppiche.”

Sagt wer?”

Meine Großeltern.”

So.”

Und außerdem bin ich kein kleines Kind mehr!”

Und Angst hast du auch keine! Geh und sieh dir die Vorstellung an. Es geht los! Und Junge, sag deinen Großeltern Zigeuner verkaufen keine Teppiche.”

Und Kinder essen?”

Nein, dass machen sie auch nicht.”

Nachdem ich den Bären getroffen hatte, schaute ich mir die Zirkusvorstellung an. Einzelne Programmpunkte sind mir nicht im Gedächtnis geblieben. Nach circa der Hälfte gingen plötzlich alle Lichter aus. Als der Strom nach zehn Minuten immer noch ausblieb wurde die Manege von zwei Autoscheinwerfern hell erleuchtet. Zwar sprang die normale Beleuchtung bald wieder an, aber schon nach kurzer Zeit musste das Auto erneut herhalten. Die Zuschauer verloren langsam die Lust und die Darbietung fand wohl ein schnelleres Ende als geplant. Den Bären, seiner Statur und dem Namen nach zu urteilen hätte er als der stärkste Mann der Welt auftreten können, habe ich nicht noch einmal gesehen.

Nach einem Wochenende verschwand der Zirkus und zurück blieb nur platt gedrücktes Stück Gras und ein wenig Stroh. Mit der Zeit wurden die Teppichhändler, die holländischen Möbelsammler und die ganze Vertreterschar weniger, bis schließlich keiner mehr zurück blieb. Für mich bestanden die Wende und die kurze turbulente Zeit danach aus diesen eigentümlichen Gestalten, ihrem plötzlichen Auftauchen und Verschwinden und der Unruhe, die sie verbreiteten. Alles strebte schließlich in dem kurzen nur aus ein paar Sätzen bestehenden Gespräch mit dem Bären zusammen und den Informationen, dass Zigeuner keine Teppiche verkaufen und keine kleinen Kinder essen.

Hearts are meant to be broken

Käfer

Als er schlaftrunken seine Frau anschaute, ließ der Ekel kleine Blutbahnen in seinen Augen platzen. Käfer sah sie noch eine Weile an, bevor er missmutig ins Badezimmer schlurfte. Vor dem Spiegel überkam ihn erneut der Ekel. Er begann seinen Körper zu begutachten, seine weiße Haut, die vielen Muttermale und seine roten Schamhaare, in deren Mitte sein Penis schlaff herab hing. Wie konnte sie mit ihm schlafen? Wie war es ihr möglich, sich in seiner Nähe aufzuhalten, ohne auf den Boden zu kotzen? Käfer überschlug diese Gedanken kurz in seinem Kopf, kam aber zu keinem brauchbaren Ergebnis. Er fühlte sich wie ein Abziehbild eines Abziehbildes eines Abziehbildes. Wie ein Käfer unter Käfern. Es war egal, ob jemand diese Ansicht mit ihm teilte. Wenn dieser Gedanke, nicht in Worte gefasst, einzig in Gefühlen über ihn hereinbrach, kam der Ekel.

You Jin

You Jin war ein lebender Buddha mit langen schwarzen Haaren. Sie trug Hotpants und einen grauen Sweater, der einen großen Teil ihrer braunen Oberschenkel überdeckte. Die Leute zerrissen sich genauso gerne das Maul über sie wie You Jin über ihre Torheit lachte. Tauchte sie irgendwo auf, wurden Frauen misstrauisch und Männer lachten zu laut über ihre eigenen Witze. Manche mokierten sich über ihr selbst gestochenes Tattoo “Hearts are meant to be broken!”, dass in ihrem Ausschnitt prangte. Gestern waren ihre Brüste Thema und die Tatsache, dass sie keinen BH trug, während es Vorgestern ihre langen braunen Beine waren. Der neugierige Pöbel auf der Straße fand immer etwas, an dem er Anstoß nehmen konnte. You Jin jedoch kannte als Antwort nur das helle Stakkato ihres Lachens.

Käfer

Ihm war langweilig, was nichts Besonderes war, denn im Grunde langweilte ihn seine Arbeit täglich neun Stunden lang. Mit seinem Kopf auf die linke Hand gestützt, saß Käfer an seinem Schreibtisch und starrte ins Leere. Seine Lider begannen immer öfter zu zittern und er drohte jäh in einen unruhigen Halbschlaf zu sinken. Sie hatte sich auf einen Drehhocker gesetzt und ihre Beine übereinander geschlagen. Ihr grauer Sweater lag nicht unweit von ihr auf dem Boden. Käfer war irritiert, er wusste nicht wo er war und noch weniger was zum Teufel er hier machte. Was ihn jedoch am meisten verunsicherte, war die halbnackte Frau, die vor ihm auf einem Stuhl saß. Immer wieder drehte er sich nervös um, um andere Zuschauer ausfindig zu machen. Aber da war niemand. Nur diese Frau. Sie saß vollkommen unbeteiligt da und drehte sich langsam im Kreis. Käfer gierte nach jedem Teil ihres Körpers und wünschte sich nichts sehnlicher, als mit seinen schwitzigen Händen ihre Haut zu berühren. Beim Anblick ihrer dunklen Nippel bekam er eine Erektion und ein dünner Speichelfaden lief aus seinem halb geöffneten Mund. Abrupt drehte er sich um. War dort jemand? Nein, Käfer war allein mit ihr und seiner Wahnvorstellung, sie zu besitzen. Er wollte an ihren langen Haaren reißen, ihre schlanken Handgelenke verdrehen und den Schmerz in ihren Augen sehen. Er wollte Macht. Macht über sie, um sein eigenes kümmerliches Dasein und den Ekel, das es ihm bereitete zu vergessen.

Immer unruhiger drehte sich Käfer um seine eigene Achse. Er konnte seine Augen nicht von ihr lassen, sah aber gleichzeitig sich bewegende Schatten in seinen Augenwinkeln. Sie zu berühren, wagte er nicht. Aber noch weniger behagte ihm die Vorstellung, dass sich eine dritte Person im Raum befand.

Birch

Birch war 93. Wenn sie auf ihren Stock gestützt durch die Straße schlurfte, war sie trotz ihres Buckels immer noch einen Kopf größer als der Rest der Leute. Diese Tatsache brachte ihr außer einigem Gelächter auch den Spitznamen “Tante Giraffe” ein. Sie war ein merkwürdiger Kauz aber ein essentieller Teil des Viertels. Jeder scherzte mit ihr, man neckte sie, aber niemand beleidigte sie ernsthaft. Hinter vorgehaltener Hand erzählten sich die Leute allerhand merkwürdige Geschichten, die, obwohl nicht nachprüfbar, sich langsam zu Legenden verhärteten. Manchmal kam es vor, dass Birch lauthals zu singen begann. Ihre spinnenartigen Finger gaben dann den Takt an, während aus ihrer dürren Brust ein trockener und voluminöser Bass drang. Angeblich sang Birch, von sich selbst am Klavier begleitet, ab und zu in einem Nachtclub. Angeblich!

Käfer

Als er aufwachte rannte Käfer ohne ein Wort der Entschuldigung aus seinem Büro. Nach mehr als drei Stunden Herumirrens blieb er abrupt stehen. Seine Schläfen pochten und in seinem Mund machte sich ein kalter metallischer Geschmack breit. Aber sie war es! Nicht halbnackt wie in seinem Tagtraum, sondern mit einem grauen Sweater, Hotpants und Flip Flops bekleidet. Käfer folgte ihr so unauffällig wie möglich. Zumindest glaubte er fest daran. Stattdessen war er ein sabbernder Hampelmann mit weit aufgerissenen Augen.

Nachdem sie in einem Hauseingang verschwand, begann Käfer in einer Toreinfahrt auf sie zu lauern. Ein paar Mülltonnen boten genügend Schutz vor den neugierigen Blicken vorbei eilender Passanten.

Immer wieder wischte er sich den Schweiß von der Stirn oder kratzte sich nervös am Unterarm. Bilder platzten wie Seifenblasen vor seinen Augen, in denen sie sich unablässig nackt auf einem Stuhl vor ihm drehte. Er musste blinzeln und ihre Gestalt verschwand und machte anderen Frauen Platz. Käfer sah sich in ihren Augen spiegeln. Sie litten und er war der Grund dafür. Ein Schimmer einer Erinnerung leuchtete in ihm auf und er wusste plötzlich, dass er einer Wiederholung beiwohnte.

Birch

Birch schloss ihre Augen und sog die Nachtluft tief in ihre Nasenlöcher ein. Der Mann im Schatten der Mülltonnen, den sie schon eine ganze Weile beobachtete und der sie anscheinend nicht bemerkt hatte, roch wie ein läufiger Kater, dessen Eier auf die doppelte Größe angeschwollen waren. Leise summte sie und sang vor sich hin: “I’m her yesterday man!”

Käfer

Käfer glaubte sich allein. Er bemerkte nicht einmal die Hand, die sich auf seine Schulter legte. Als er Birch angrinste war er mit seinen Gedanken dermaßen weit weg, dass er wieder anfing zu sabbern. Wer sich mit ihm unterhalten wollte, musste Käfer tief in seinen Traum folgen.

Birch

Birch kannte diesen Traum. Sie musste über die Vorstellung schmunzeln, sie würde in ihm auftauchen, mit 93 Jahren und weit davon entfernt der erotische Nabel der Welt zu sein. In diesem Augenblick kam es ihr so vor, als würde sie einen kleinen Jungen ins Bett bringen. Und mehr war dieses Häuflein Elend vor ihr auch nicht, ein kleiner Junge, in manchen Dingen äußerst gefährlich aber ansonsten eher harmlos. Birch legte eine Hand auf seine Schulter. Mit der anderen Hand bedeckte sie seinen Mund, ganz so als wollte sie ihn daran hindern, ein unanständiges Wort auszusprechen.

Käfer

Käfer registrierte nicht im Geringsten die Anwesenheit der alten Dame. Sein Herumdrehen war nicht mehr als ein Reflex und selbst dann versuchte er immer noch den Hauseingang im Blick zu behalten, in dem You Jin verschwunden war. Erst die Berührung von Birch’s Handfläche auf seinen Lippen zerrte seine gesamte Aufmerksamkeit in die Toreinfahrt zurück. Er wusste im ersten Moment nichts mit dieser Situation anzufangen. Anscheinend summte die Alte einen albernen Popsong: “I’ am her yesterday man”. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Käfer das absurd und zum Lachen gefunden, aber das hier war alles andere als lustig. Seine Angst, entdeckt zu werden, begann Gestalt anzunehmen. Zu einer Kugel verdichtet, rollte sie langsam von Birch’s Hand auf seine Zunge.

Käfer

Es hätte niemals passieren dürfen, Niemand außer ihm und der dunklen Schönheit durfte hier sein, Niemand durfte ihn sehen, Niemand bei dem zusehen, was passierte. Und nun war sie hier, diese dümmliche Alte. Zu allem Überfluss, hatte sie seine Angst in seinen Mund gestopft. Käfer versuchte krampfhaft nicht zu schlucken. Aber es half nichts! Schweiß bildete sich auf seiner Stirn und seine Eier schrumpften schmerzhaft auf die Größe von Rosinen zusammen. Er konnte fühlen wie der Kugel Angst Haare wuchsen und sich ruhig acht dünne Beinen entrollten. Zum Leben erwacht, krabbelte die Angst tief in seine Eingeweide. Käfer wollte schreien, aber nicht der geringste Laut drang über seine Lippen. Jeder Schrei prallte an einer unsichtbaren Mauer ab und hallte tausendfach in seinem Inneren wieder. In seiner Magengrube angekommen, teilte sich die Kugel wieder und wieder. Überall in seinem Körper fühlte er, wie die hauchdünnen Spinnenbeine sich bewegten. Käfers Ohren waren von seinem eigenen Schreien erfüllt. Mit angsterfüllten Augen sah er, wie er sich beschmutzte und wie seine Beine unter ihm zusammenbrachen.

You Jin

An eine Mülltonne gelehnt, schaute You Jin interessiert auf Birch und den am Boden liegenden Käfer herab. In einer einzigen fließenden Bewegung kniete sie sich neben ihn und schwebte lächelnd über seinem Gesicht. Ihre Züge waren die eines Engels. Für Käfer waren sie der blanke Horror. Er schrie und schrie, selbst als You Jin seine Stirn küsste und mit leicht amüsierter Stimme in sein Ohr flüsterte:“Hearts are meant to be broken!”

Käfer

Käfer sah die Decke an und begann leise zu singen:

Please tell me something have you met an angel
someone too lovely to live on earth
well yesterday I thought I met an angel
but she wasn’t worth all she seemed to be worth
and oh what a fool I have been
I was sure taken in I’m her yesterday man
well my friends that’s what I am

 

Nur eine Stadt

Es war auf der anderen Seite der Stadt, jenseits der großen Brücke, die sich am engsten Punkt zwischen den Landmassen gewagt über die blauen Wasserflächen beugte. Diese Seite unterschied sich in nichts von der anderen. Die Menschen waren gleich, ihre Wege mäandrierten unentwegt durch die Schluchten der Straßen, immer bedacht nicht in einen Haufen Hundescheiße derselben Straßenköter zu treten. Die Fähren legten hier ab, um dort anzukommen. Dazu ein ohrenbetäubendes Geschrei, sei es von den aufgescheuchten Möwen, wütenden Taxifahrern oder einfach nur dem anhaltenden Gezeter. Über allem waberte ein Geruch nach Meersalz, der sich am Wasser mit dem Duft von Fischen und vermoderten Molen mischte. Verlor man sich tiefer in das undurchdringliche Straßengewirr, umfing einen der beißende Gestank der Automobile, Motorräder, Fahrräder mit Motor oder einfach nur einem Motor, der von einer Eisenstange samt zwei Rädern zusammengehalten wurde. Fest stand, alles auf Rädern machte erbärmlichen Gestank, selbst die Fahrräder ohne Motor, da ihre Fahrer furzten als müssten sie sich ständig der schlechten Luft entledigen. Wessen olfaktorischer Sinn besser gestellt war, der konnte sich freilich in einem feinen Netz aus den unterschiedlichsten Gerüchen verfangen. Für die Mehrzahl ihrer Bewohner bestand die Stadt aber nur aus zwei Gerüchen: aus Autoabgasen oder salzigem Fischgestank. Und darin unterschied sich die eine Seite in nichts von der anderen. Es gab natürlich immer wieder genügend Menschen, die keine Gelegenheit unversucht ließen, bestimmte Unterschiede ins Feld zu führen und sie mit verbalen Feldzügen zu verteidigen, die in ihrer Theatralik keinem antiken Drama nachstanden. Trotzdem blieb es immer nur eine Stadt.

Das Wetter war grau mit tiefhängenden Wolken, die zwischen den Häusern dahintrieben, sich mal dichter mal loser verschlangen oder verknoteten, kurz die Sonne freigaben, um gleich darauf wieder ihren geräuschlosen grauen Schleier fallen zu lassen. Der feine Nieselregen durchwirkte die gesamte Luft und die Welt schien nichts mehr als ein trübes Aquarium, in dem sich die Menschen mit nutzlosen Regenschirmen und zusammengekniffenen Augenbrauen vor der Nässe zu schützen versuchten.

Ich war in einem der zwei großen Bahnhöfe der Stadt. Einem viktorianischen Gebäude aus einer Zeit, in der man noch glaubte, das Land ließe sich mit Eisenbahn und ungezügeltem Fortschritt im Sturm erobern. Mit stürmischen Vorwärtsdrängen und einer Brechstange. Leider bekam diese Zeit samt ihrer Himmelsstürmer Potenzprobleme und hinterließ einen Bau, der wie eine kolossale Steinburg auf einem Kinderspielplatz für Titanenkinder wirkte. Überall hingen Golems, die jeden Angreifer mit ihren verzerrten Fratzengesichtern in die Flucht schlagen sollten. Was die Möwen davon hielten, bewiesen sie in einer nimmer endenden Scheißerei auf die Dächer und Zinnen des Gebäudes.

Mein Zug würde erst gegen Abend fahren. Aufgrund des miserablen Wetters und einer ebenso schlechten Laune saß ich aber bereits gegen Mittag in einem Warteraum. Der Raum war nur mäßig gefüllt, ein paar schlafende, ein paar zeitungslesende oder in ihr Kreuzworträtsel vertiefte Wartende. Dazwischen überall verstreute Gepäckstücke, hier und da eine verstaubte Grünpflanze und irgendwo an den Wänden vergilbte Werbeplakate von glücklichen Menschen in Postkartenlandschaften. Die Zeit lullte sich in ein feindliches Schweigen. Die Uhrzeiger krochen dermaßen langsam über das Ziffernblatt der großen Bahnhofsuhr, dass ich gerne mit ein paar gezielten Fußtritten nachgeholfen hätte. Wie aufgewirbelte Staubteilchen trieben Reisende in den Raum und wieder hinaus. Die Eingangstür knackte dabei in den Angeln und ließ jedes Mal einen Strom von Geräuschen der Bahnsteige herein, der wie die Gezeiten mit dem Knarren der Tür an- und abschwoll.

In eine Ecke gedrängt, stand eine kleine rundliche Frau. Abgesehen von ihrem schwarzen Haar, war ihre gesamte Kleidung im selben sandfarbenen Ton gehalten. Dazu trug sie eine übergroße rote Brille mit schaufenstergroßen Brillengläsern. Im Abstand einer Armeslänge wurde das kleine Weib von einem Sammelsurium aus Kram und Sachen belagert, dass .sie mit einer Vielzahl von Plastiktüten zu bändigen suchte. Das dauernde Geraschel aus porösen Knochen, Schmirgelpapierhaut und zerknitterten Tüten erfüllte zusehends den Raum. Dazu ächzte gleichmäßig die Tür. Nach und nach verschwanden ihre Habseligkeiten in den Tüten. Einem komplizierten System folgend, das nur sie kannte, schob sie mehrere kleine Tüten in eine größere. Sie verstand es, die Öffnungen immer mit der nächsten Tüte zu verdecken. Allmählich nahm der Haufen um die kleine Dame ab und entschwand in drei riesigen Tüten. Zufrieden, sich auf dem Packgebirge ausruhend, rückte die Frau ihre große rote Brille zurecht. Der Warteraum lag wieder, abgesehen von den sporadisch hereindringenden Geräuschen, in seiner beharrlichen Stille darnieder.

Zusammen mit einem Geräuscheschwall trat feierlich ein alter Mann ein. Er bewegte sich langsam im Takt seines Gehstocks. In der anderen Hand zog er einen kleinen Handkarren. An der Bank mit den Tüten angelangt, zog er kurz seine Lippen zu einem Strich zusammen. Eine kleine Hand voll Sekunden rieselte durch seine Barthaare bevor er alle Tüten auf seinen Karren lud. Obenauf legte er noch einen vollkommen sandfarbenen Sack, der an seinem Ende von einer roten Schnur zusammen gehalten wurde. Ohne noch einmal seine Lippen zu bewegen, ging der Alte vor seinem Handkarren durch die knarrende Tür und entschwand im Gewimmel der Bahnsteige.

Eine Nacht in Chiang Mai

Die Fahrt war eine 14 stündige Erschütterung, bei der der Zug im Rhythmus der rostigen Schienen durch die Landschaft tanzte. Ich war im Hellen in Bangkok losgefahren. Die Fenster des Waggons standen die gesamte Zeit über offen, so roch es abwechselnd nach Feuer oder den Ausdünstungen meines Nachbars. Die Feuer, mit derer die Bauern das alte Reisstroh verbrannten, begleiteten den Zug bis weit über die Dämmerung hinaus. Manchmal zog die Asche durch ein Fenster hinein und durch ein anderes wieder hinaus, graue Schlieren auf meiner Haut hinterlassend.

In Bangkok wucherten Unkraut und Müll um die Wette. Überall Müll! Manchmal schien es, als wenn er selbst die Menschen und ihre armseligen Hütten am Rande der Strecke ausspie. Dann immer nur diese Landschaft: Reisfelder zogen sich bis tief in die Ebene. Dazwischen Öl- und Bananenpalmen, Ananasstauden, Süßkartoffelfelder, Zuckerrohr, Mais und überall Wasser. Im Wasserüberall saß die Welt der Vögel zusammen oder waren Bauern mit ihren für diese Gegend typischen konischen Strohhüten sichtbar. Alles erinnerte mich an alte Antikriegsfilme; in jedem Moment könnte ein amerikanisches Jagdflugzeug die Idylle stören und die Menschen mit seinen Maschinengewehrsalven quer über die Felder jagen. Die Dunkelheit schluckte die Landschaft und bis Chiang Mai blieb nur das klack klack klack klack, verursacht durch das Zusammenspiel von Zug und Schiene.

Auf dem nächtlichen Bahnhof angekommen, stiegen die Menschen mit all ihren Habseligkeiten aus dem Zug und wurden sofort von anderen umringt: Verwandte, Freunde, Polizisten, Verkäufer, Taxifahrer oder einfach nur neugierige Zuschauer. Nicht lange und eine Frau mit Warze und Chihuahua sprach mich an. Sie besäße ein Hotel in guter Lage und mit günstigen Zimmern. Für mich allemal bezahlbar. Ich überlegte nicht lange und willigte ein.

Das Zimmer war reudiger als ihr Köter: ein Bett, ein Stuhl und ein Waschbecken mit Spiegel. Eine Tür führte in eine Nasszelle, in der ich mit den lokalen Kakerlakengrößen gemeinsam hätte planschen können. Bezahlbar ja, aber Scheiße noch mal, es sah aus wie im Knast.

Im Zimmer war es stickig heiß und der Ventilator ließ nur ein laues Lüftchen vom Stapel. Ich war hundemüde und weder in der Lage noch in der Stimmung mich über irgendetwas aufzuregen, oder auch nur meinen kleinen Finger zu bewegen. Nackt schwitzte ich im Bett und deckte das Laken mit meinem Schweiß ein.

Hin und hergetrieben zwischen Müdigkeit und Hitze, dämmerte ich unruhig vor mich hin. In einem Nachbarzimmer schienen mehrere Waschmaschinen zu laufen. Ich erinnerte mich an eine Geschichte über die chinesische Mafia. Angeblich ließ sie ermordete Verräter so lange in großen Waschbottichen mit ätzender Lauge liegen, bis nur noch die hellen Knochen und Zähne erkennbar waren. Erschreckt von meinen eigenen Gedanken schreckte ich auf und fasste mir benommen an die Schläfen. Unruhig ging ich auf den Flur und versuchte die Tür zum Nachbarzimmer zu öffnen. Sie war verschlossen. Noch zwei weitere Türen waren versperrt. Erst bei der vierten bewegte sich der Knauf und die Tür schwang in ihren Angeln langsam in den Raum hinein.

Drei Frauen, alle unbestimmbaren Alters, warfen aus dunkelblauen Jutesäcken erschlagene Hunde und Katzen in große Waschmaschinen. Mit Lauge wurde ihnen Fell und Haut von den Knochen geätzt. Langsam drehten sich die Trommeln und warfen die feuchten Tierkadaver wild durcheinander. Mein ganzer Körper begann zu kribbeln und Angst stieg in mir auf. Ungeachtet meiner Anwesenheit, trug eine der Frauen einen Korb voll gebleichter Knochen an mir vorbei in den Flur und betrat ein anderes Zimmer. In einer langen Reihe aufgereiht, spitzten ein Dutzend Männer die Knochen zu Zahnstochern. Eine Seite spitz die andere Stumpf. Das Spitzen verursachte ein schabendes Geräusch, wie Krallen auf Beton.

Taummelnd wich ich zurück. Mit einer Hand, bestehend aus angespitzten Knochen, öffnete ich meine Zimmertür. Getrieben zwischen Müdigkeit und Wahnsinn folgte ich der Drehung des Ventilators. Mal schlief ich, mal ätzte man mir die Haut von den Knochen. Doch das nur ein einziges Mal, in einer Nacht in Chiang Mai.

 

Auf schwarzen Grund gemalt

Die Wolken waren unentschlossen zu verschwinden oder träge dazuliegen. Der Wind wehte mit letzter Kraft und stolperte über Schornsteine und laublose Bäume. Auf der verstopften Straße wäre er vollends liegen geblieben, gejagt und gequält vom beißenden Gestank der Automobile.

Ich stand an einer Ampel. Mein Blick lag auf einem roten Farbfleck auf der anderen Straßenseite. Meine Beine zitterten vor Anstrengung, in jeden Moment bereit, sich für mich durch das reißende und knurrende Eisenbündel zu kämpfen. Wollte man in dieser Stadt eine Straße überqueren, musste man Wagnis, Schnelligkeit, Unverschämtheit und einem Schuss Todesmut, garniert mit wilden Flüchen, die man dem erstbesten hupenden Auto entgegenwerfen konnte, aufbringen. Ich schützte mich in einer Gruppe Todesmutiger – diese Irrfahrt alleine zu wagen glich im Großen und Ganzen dem Wunsch nach Selbstmord. Die Ampel schaltete von rot auf grün aber der Strom schwarzer Reifen riss nicht ab. Schon beugten sich die ersten Körper nach vorne. Wie ein Albatros das Fliegen durch den Sturz aus seinem Nest in die Tiefe lernt, so kippten sich die Mutigsten von der Bordsteinkante hinab. Ein wüstes Hupen brach über sie herein. Sie schoben mit aller Kraft ihre Hände und Arme dagegen, kletterten über Stoßstangen, Motorhauben, Kofferraumklappen. Den wilden Verwünschungen spuckten sie heftigere entgegen, die den Empfänger samt seiner Familie und der folgenden einhundert Generationen trafen.

Bald begannen auch die Zögerlichsten auf die Straße zu laufen. Ich spürte ihren Willen zum Übersetzen auf die andere Seite am Druck auf meinen Rücken. Doch obwohl ich mitten im Weg stand, schob sich die Menge an mir vorbei. Ich musste mich nur leicht von links nach rechts wiegen, um dem Vorschnellen der Körper auszuweichen. Die ersten Überläufer von der Gegenseite erreichten mich und das Gedränge wurde ungemein heftiger. Ich fühlte meinen ganzen Leib geschoben, gedrückt und in verschiedene Richtungen gezerrt. Einen letzten Augenblick wehrte ich mich noch, dann trieb ich mit. Sofort verlor ich mich in eine andere Welt. Das schützende Land lag nur ein paar Schritte entfernt, nicht mehr als ein Katzensprung. Doch ich war keine Katze! Wenn, dann höchstens eine ängstliche, die eine geballte, sich verdichtende Anspannung wahrnimmt, jeden Moment bereit loszubrechen, um sich über alles hinweg zu wälzen was sich ihr in den Weg stellte. Die Fahrer der Automobile starrten gebannt auf einen Punkt über meinem Kopf. Diese Schicksalssonne, deren roter Schein uns schützte während ihr grünes Feuer jedem Angst und Schrecken über die Glieder jagt, der nicht am sicheren Ufer eines der Bürgersteige angelangt war. So sehr mir all das bewusst war, kümmerte ich mich doch wenig darum. Ich folgte der Frau vor mir, die jemand anderem folgte, der jemand anderem folgte- und immer fort bis sich der Strom an Menschen verlor. Unsere Schritte waren nicht gleichmäßig. Ein Stolpern folgte einem Ausweichen, einem Schwenk nach links einer nach rechts. Die sich entgegenkommenden Menschen schienen ihren Spiegelbildern auszuweichen. Alle suchten den schwarzen Teerfluss mit seinem Treibholz aus Metallkarossen unbeschadet zu überwinden.

Mein Blick blieb auf den Schuhen der vor mir Laufenden gerichtet. Kaum dass ich aus Angst vor einem Zusammenstoß in ein Gesicht schaute. Die Welt schien nur noch aus amputierten Gliedmaßen zu bestehen, die auf der Suche nach ihrem Besitzer waren oder alleine einen Spaziergang machten. Hier und da glimmte kurz ein Torso auf.

Ich begann über unsere Begegnung nachzudenken. Im Nachhinein fiel es mir immer schwerer, sein Wesen genau zu beschreiben. Mein erster Gedanke galt schon damals einem Engel. Das mitleidige Lächeln und sanfte Schulterklopfen von Freunden ließen mich später zweifeln. Bekannte fragten mich, ob ich meinen neuen Freund den Engel nicht einmal mitbringen wollte, um ihn allen vorzustellen. Es war zum Kotzen! Die Angst vor weiteren Demütigungen verfärbte das Bild meiner Begegnung zunehmend grauer bis er sogar in meinen eigenen Erinnerungen zu einem gewöhnlichen Menschen verschwamm. Doch, wenn ich mit mir alleine war, wichen die Zweifel. Ich kannte die Bilder von Engeln, die Vorstellungen der Menschen von ihnen. Blonde Locken, einem schimmernden Heiligenschein und den weißen Flügeln, die immer aussahen als seinen sie nur dürftig am Rücken angeklebt worden. Mein Engel war anders. Aber wie war er wirklich? Zu den aufgezwungenen Zweifeln stolperte ich immer wieder in die Falle meiner eigenen Erinnerungen. Sie hatten mich schon oft getäuscht – warum nicht gerade auch in diesem Moment?

Auf der schwarzen Teerstraße, die von den Füßen und Beinen der Überquerenden zerschnitten wurde, blickte ich plötzlich auf. Ein weiter brauner Umhang waberte an mir vorbei. Er reichte seinem Träger von den Schultern bis zu den Fußknöcheln, war aber an den Armen ein wenig zu kurz geschnitten, als hätte selbst der Schneider nichts von der Größe geahnt, die der Stoff bedecken sollte. Sein Träger war groß und schlank. Dabei schien alles im gleichen Maß vergrößert worden zu sein: die Arme, die Beine, die Finger, die Nase, die Augen. Alles schien ein Stück aus dem Normalen herauszuragen, noch nicht riesenhaft aber eben doch auffällig groß. Am meisten mochte ich seine Hände. Sie waren lang und schmal. Grazil und kräftig zugleich mit einer wohligen Geborgenheit, die von ihnen ausging. Die Hände hätten Vögeln ohne großes Aufsehen die Flügel brechen können. Doch dazu waren sie nicht da. Stattdessen bildeten sie eine Theaterbühne, auf der ein Spatzenpaar ihren Walzer fern von Katzenkrallen tanzen konnte. Die Hände hätten sich über dieses Schauspiel bestimmt köstlich amüsiert. Und die Freude wäre dem Fremden über die Arme auf das Gesicht übergesprungen.

Obwohl ich immer glaubte, dass ich das Gesicht nie vergessen würde, begann es sich rasch aufzulösen und in einzelne Teile zu zerfallen. Ich versuchte es wieder zusammenzusetzen, doch immer wieder beschlich mich der Verdacht andere Erinnerungssplitter mit einzumischen. Das Mosaik, zu welchem sein Gesicht wurde, schien nie wieder dem Original zu gleichen. Vielleicht verlieren wir so all unsere Erinnerungen?

Wenn ich so zurückblicke, dann weiß ich nicht ob seine Haare braun waren, die Augen grün oder blau? Mag sein, er hatte eine Hakennase, vielleicht hervortretende Backenknochen oder ein rundes Kinn. Mit Sicherheit strahlte sein Gesicht vor Freude – eine irre Freude! Seine Augen blitzten, selbst jetzt am Tag und bohrten sich in die Tiefe meiner Pupillen. Wo bei mir Angst und Zweifel standen, lag bei ihm ein unbeugsamer Wille. In einem Augenblick hätte er ein weinendes Kind wieder zum Lächeln gebracht, um im nächsten Moment die Krähen aus den Bäumen aufzuscheuchen, so kalt und unbarmherzig konnte er lachen.

Als ich ihn traf, waren die Wogen in seinem Gesicht geglättet. Heute war ein Tag an dem die Spatzen auf seinen Händen tanzten und er jedem ein Lachen schenkte, der dieses Geschenk annehmen mochte. In dem Moment an dem wir aneinander vorbeischritten, vergaß ich wo ich war. Ich folgte seinem Gang, seinen Bewegungen, dem Zusammenspiel der Muskeln und Sehnen, die sich unter seiner Gesichtshaut spannten. An seinem Blick entlang zog es mich mit einem Ruck von der Straße. Das Fluchen von den mir folgenden Passanten verhallte. Ohne erkennbaren Grund drehte er sich im Vorbeigehen mit seinem Gesicht und deutete mit einem Arm an einem Punkt, außerhalb meines Gesichtsfeldes. Ich folgte der Bewegung seines Armes, ohne mir der Bedeutung der Geste bewusst zu sein. Vor ihm lag die Straße, die in einen gewaltigen runden Platz mündete. In der Mitte befand sich ein von Möwen vollgeschissenes und ein paar Bäumen umstandenes Denkmal. Das schwarze Straßenmeer dampfte und es roch nach Regen. Hier und da glänzte eine Wasserlache in den Strahlen der Sonne. Es schien als würde sie die Schwärze des Teers direkt in den Himmel saugen und ein durchsichtiges Glänzen zurücklassen. Durch einen merkwürdigen Schicksalsstreich schienen alle Ampeln auf rot geschaltet, wodurch sich kein Auto auf dem Platz befand. Über allem wölbte sich unruhig ein zitternder Himmel. Wolken ballten sich zu schwarzen Türmen durch die die Sonne ab und an durchbrach. Plötzlich sah ich durch seine Augen. Der Platz vor mir verschwamm und wurde wieder scharf. Einzelne Details wurden gegen andere ausgetauscht oder die ganze Szenerie wechselte mit einem Schlag. Die Häuser zerfielen zu Staub, aus dem die Sonne eine Wüste brannte. Dort, wo gerade der Sand ein aufgewühltes Meer bildete, war bald ein Ozean aus Wasser. Aus der blau schimmernden Wasserfläche schossen plötzlich Bäume, in denen sich der Wind verfing. Er trieb Rauch vor sich her und alles schien in Flammen aufzugehen. Der ganze Wald fing Feuer und bildete weite Flächen aus Qualm. Aus ihm wurde Stein, beschmiert mit Blut. Menschen liefen über die Fläche. Mal wenige, mal Tausende. Ich sah sie entstehen und vergehen. Aus dem weißen Staub ihrer Knochen entstanden immerfort neue Skelette. Sie fielen sich in die Arme, begannen sich gegenseitig zu würgen und mit Schwertern zu enthaupten. Dann würgte die Erde und spie Schlamm über die Verdammten. Blumen blühten auf den Gräbern und die Grabsteine häuften sich zu Bergen hinter denen die Sterne verschwanden. Ich wollte die Augen schließen, aber es waren nicht mehr meine mit denen ich all dies sah. Die Flut der Bilder drückte mich langsam zu Boden in ein grenzenloses Schwarz. Ein dunkler Schatten aus Millionen kleiner Steine, das Schwarz der Straße unter meinen Füßen. Plötzlich tauchte direkt vor mir eine blutrote Scheibe auf. Sie schien direkt aus dem dunklen Grund gewachsen. Zwischen zwei Wimpernschlägen tauchte eine zweite auf und verschmolz mit der ersten. Zuerst bildeten sich zwei scharf abgegrenzte Kreise, die sich in der Mitte nach außen wölbten. Sie näherten sich still aufeinander zu bis sie sich in einem einzigen winzigen Punkt berührten und ineinander flossen. Ich schloss wieder die Augen und versuchte die Bilder aus meinem Kopf zu verdrängen. Ich kniff so fest meine Lieder zusammen, dass alles in einem schwarzweißen Funkenregen flimmerte. Als ich die Augen wieder öffnete, schienen die Scheiben geschrumpft und nicht größer als ein Fingernagel, doch trat eine weitere hinzu. Wieder schloss ich die Augen. Größe und Anzahl hatten sich wieder verändert. Ich fühlte Schwindel und etwas lief über meine Lippen. Meine Hände wischten sich rot am Blut das aus meiner Nase tropfte. Auf der Straße bildete es winzige Inseln, die im Teer versanken. Ich schaute verwirrt nach oben. Von meiner Nase und meiner Hand lösten sich synchron zwei Blutstropfen. Als sie meinen Hals passierten, schaute ich der Sonne entgegen, an der Wölbung meines Bauches kreuzte ein Mann mit einem alten rissigen Koffer meinen Blick, bei meinen Knien wechselten rote Ampeln in grüne und grüne in rote, die Automobile stürzten los und ihre Reifen überfuhren die Tropfen mitten auf der Straße. Metall streifte mich, beißender Qualm drang durch ein Orgelkonzert tollwütigen Hupens in meine Nase. Ich torkelte zurück. Tropfen von Blut fielen von meinem Kopf auf die Straße. Auf dem Bürgersteig waren sich die Blicke der Menschen nicht sicher, ob sie sich angewidert abwenden oder sich im neugierigen Gaffen ergötzen sollten. Das Blut gerann und bildete eine hässliche Kruste. Ich versuchte meine Besinnung wieder zu finden, wich aber nur wie ein geschlagener Hund den Blicken der Menschen aus. Sie jagten mich und waren sie einmal von ihrem vorherigen Besitzer gelöst, verfolgten sie mich wie tolle Hunde ihre Beute. Selbst hinter Häuserecken spürte ich sie. Ich kotzte an eine mein ganzes Frühstück vor eine Mülltonne. Unvermittelt schob sich eine Hand mit einem Taschentuch in mein Gesichtsfeld. Eine wunderschöne Hand aus einem viel zu kurzen braunen Umhang. Ich wagte nicht aufzuschauen. Die Bilderflut schwappte wieder hervor und ließ mich Galle spucken. Ich begann am ganzen Körper zu zittern. Vorsichtig griff ich nach dem Taschentuch.

Die Zeit zog vorbei. Ich fühlte mich nutzloser als der Müll in den Tonnen. Irgendwann drehte ich meinen Kopf vom Boden und starrte unverwandt den Himmel an. Mit einer blutverkrusteten Nase und einem übelriechenden Geruch, der mir aus Mund und Nase kroch, machte ich mich wieder auf die Suche. Ich wollte nicht mit der Erinnerung an den Tagtraum alleine sein. Vielleicht wollte ich mich auch einfach nur vergewissern, dass es nur ein Traum gewesen war, ein kurzes Flimmern in der Luft, in das aus meinem Bewusstsein unzusammenhängende Bilder gefallen waren.

Schlürfend zog ich über den Bürgersteig. Mein Zustand ließ nicht auf die Begegnung mit einem Engel schließen. Damals hatte ich diesen Gedanken noch nicht gefasst. Er lag irgendwo an der Grenze zwischen möglich und unmöglich. Mag sein, er entstand erst aus den Widerständen, die mir meine Freunde entgegen brachten.

Die Stadt wimmelte von Menschen. Sie schlängelten sich kreuz und quer auf unsichtbaren Linien ihren Zielen entgegen. Überall trafen mich abschätzige Blicke, die mich wie Straßenköter ankläfften. Manche fielen mich unvermittelt an und bissen mir in die Seite. Die Abscheu der Leute ließ ein wenig freien Raum, in dem ich hintreiben konnte. Die Straßen wurden enger und die Häuserwände begannen die Bewegungen in immer kleinere Räume zu zwängen. Die Menschen bewegten sich gleichberechtigt mit den Autos auf der Straße. Ein Treffen von zweien schien ausgeschlossen, trotzdem bewegte sich der Verkehr in beide Richtungen.

An einer kleinen Straßenkreuzung wurde ich fündig. Zwei Straßen bildeten hier zusammen ein T. Der Querbalken war uninteressant. In ihm befand sich ein kleiner Lebensmittelladen. Ihm gegenüber standen sich die Eisenstühle eines Straßencafés die Beine in den Bauch. Die Sitzkissen leuchteten in einem aufdringlichen gelb, das dem Café auch die letzten sympathischen Züge raubte. Die andere Straße stieg leicht bergan oder bergab, je nachdem von welcher Seite man in sie einbog. Dort befanden sich ein Teppichladen und ein Hotel, dessen Eingangsschild golden funkelte. Im Trubel der Straße gefangen, befand sich mein Engel mit einem Handkarren auf der Kreuzung. Er stand auf einem kleinen Rest Bürgersteig nur eine Handbreit von den vorbeifahrenden Autos entfernt. Hinter einer Glasscheibe lag Gebäck zu kleinen Türmen gestapelt dazu ein paar zerknitterte Scheine und wenige Münzen. Passanten nickten einen Gruß und zeigten auf das gewünschte Stück. Alte Zeitungen dienten dem Engel als Einschlagpapier. Die Packungen aus Zeitung und Zuckerteig verschwanden in Jackentaschen und Hosentaschen – dreckige Geldscheine krochen dafür aus Hemdtaschen, Anzugstaschen während das Wechselgeld zurück in Manteltaschen oder Rocktaschen tauchte.

In den Falten seines Umhangs hatten sich ein paar Krümel verlaufen. Sie erinnerten mich sofort an die tanzenden Spatzen in seinen Händen. Ich trat vor seinen Wagen und bat um einen runden Teiggringel, eingedeckt in Puderzucker, bedeutete ihm jedoch gleich, er müsse kein Zeitungspapier drumherum schlagen. Ohne Worte zu tauschen, vollführten wir ein kompliziertes Ritual, in dem unsere Hände umeinander tanzten und wir die Dinge untereinander austauschten, als seinen es Geschenke. Ich stand selbstvergessen neben dem Wagen. Das Straßenleben zog an uns vorüber und es war, als wären wir zwei alte Bekannte, die sich zufällig auf der Straße begegnet waren. Manchmal spürte ich seinen Blick auf mir ruhen, drehte mich aber aus Verlegenheit nicht um.

Selbstverloren starrte ich gebannt auf das Leben, dass sich mir darbot. Wieder erschien mir alles wie Bilder, die auf einen schwarzen Grund gemalt waren. Ich wollte mich dem Engel durch ein Lächeln kundtun. Doch er hatte seinen Karren bereits auf einen anderen Weg gelenkt. Ich habe immer wieder Ausschau gehalten nach einem brauen Mantel, Händen auf denen die Spatzen tanzen und einem Lächeln zwischen Sanftmut und Gewalt. Würde ich ihn wieder sehen, ich würde fragen wie die phantastischen Visionen über dem Nichts eines großen Platzes mit seinen Gebäckstücken verbunden sind.

çıkış (Ausgang)

Die Stadt, in der sie sich befand, war erschreckend trostlos. Die Sonne entfernte sich nie weit vom Horizont, ging weder richtig auf noch unter und spendete nicht mehr als ein diffuses Grau, dass nur in seiner Undurchdringlichkeit wuchs oder abnahm. Die Straßen waren leer und lagen verlassen von Menschen, die es vorzogen, ihr Leben hinter grauen Hauswänden und beschlagenen Fenstern zu fristen. Der einzige Weg hinein oder hinaus bestand in einer Straße, die entweder der Schnee oder der Regen unpassierbar machte. Oder ein Zug! Donnerstags um 19 Uhr! Jede Woche oder nur alle zwei Wochen, wenn auch die Straße unpassierbar war. Woher dieser Zug kam blieb ihr ein Rätsel um dessen Lösung sie sich nicht bemühte. Galt es doch einzig, dieses trostlose Fleckchen Erde zu verlassen.

Aus Furcht, den Zug zu verpassen, begab sie sich schon weit vor Sonnenuntergang auf den Bahnhof. Ein Billett würde es wohl noch geben. Der Gedanke an eine Existenz anderer Passagiere erschienen zu absurd, als dass sie sich darüber den Kopf zerbrach.

Der längliche Flachbau, der als Bahnhof diente, unterschied sich in nichts vom Rest der Stadt. Alles schien gebaut für eine bessere Zeit. Es blieb jedoch alles gleich. Das Blatt hatte sich weder zum Schlechteren noch zum Besseren gewendet. So verharrte dieser Ort weiter.

Die Station lag verwaist zwischen einem Bündel aus Gleisen. Entfernt standen ein paar Wagons. Neben dem Bahnhofsgebäude eine alte Dampflok, auf einem Abstellgleis in eine neue Utopie. Der Billettschalter war geschlossen. Die Räume lagen im Kälteschlaf, nur der Warteraum schien beheizt. Die Wände in braun gehalten, beherbergte er ein paar Stühle und Bänke, lose im Raum verstreut. Irgendwo hing ein „Rauchen Verboten“ Schild. Auf einer anderen Wand ein Briefkasten für Beschwerden. Glitt jemals ein schmaler Zettel durch den Schlitz, fand sich ein Mensch der ihn weiterleitete? Wahrscheinlich wurde er auf seinem langsamen Weg durch die Instanzen, die Zuständigkeiten und die vielen Hände unleserlich und verblasste, wurde für unwichtig erklärt und in einen Papierkorb geworfen.

Sie ging in die Nähe eines Heizkörpers, direkt unter einem vom Wassernebel blinden Fenster. Das alte Gusseisen knarrte vor Hitze. In den Rohren gluckste das Wasser. Die Wärme und Geräusche gaben ihnen etwas Lebendiges. In Momenten der unterbrochenen Stille ging sie quer durch den Warteraum, um sich auf der gegenüberliegenden Seite wieder in die Nähe einer der Heizkörper zu setzen. Die Stille machte sie nervös. Dazu plagte sie die Angst, den Zug zu verpassen – der einzigen Möglichkeit der Stadt zu entfliehen.

Eigentlich hatte sie sich das Rauchen abgewöhnt, der alten Gewohnheit zuliebe befanden sich jedoch zwei Schachteln in ihrem Koffer. Mit einer Zigarette in der Hand betrat sie den Bahnsteig, nahm zwei hastige Züge und begrub den Rest unter einem ihrer Absätze. Sie verabscheute herumliegende Zigarettenreste, hasste Unordnung. Einen Papierkorb oder gar einen Aschenbecher schien es nicht zu geben. Sie verbrachte fünf Minuten suchend und noch einmal so lange, um sich ihres Alleinseins zu vergewissern. Währenddessen drehte sie den Stummel in einer Hand, bevor sie ihn mit einer schnellen Bewegung auf die Gleise warf. Eine Schneewehe fraß ihn vor ihren Augen und aus ihrem Gewissen.

Auf ihrem Weg zurück fiel ihr eine Uhr auf, ein eckiger Klotz, dessen Zeiger irgendwo kurz vor sieben standen. Wahrscheinlich hatte sie der Zug erschreckt. Sie lachte über diesen Gedanken. Der Hall ihrer Stimme erschreckte sie ebenso sehr, wie die Tatsache keine eigene Uhr zu haben. Sie stolperte zurück, riss Tür und Koffer nacheinander mit einer Hand auf. Die andere verscheuchte und vertrieb Gespenster böser Vorahnungen aus der Luft. In wenigen Augenblick verteilte sich ihre persönliche Habe über einen großen Teil des Raumes. Eine Uhr war nicht darunter. Sie gierte nach Sicherheit, doch der Koffer spie nur gähnende Leere aus. Wie spät mochte es sein? Sie suchte die letzte Erinnerung nach einem Alltag, indem der Blick auf zwei sich bewegende Zeiger eine Belanglosigkeit zwischen Unwichtigkeiten war. Einen Augenblick später wurde sie sich der peinlichen Situation bewusst, dass ihre gesamte Habe, die Unterwäsche, alle Kleinigkeiten, die man sein ganzes Leben vor anderen versteckt, vor ihr den Boden bedeckten. Sie raffte alles zusammen, nur um es im selben Atemzug erneut aus dem Koffer zu befördern. In einer an Manie grenzenden Penibilität verstaute sie aufs neue jedes Kleidungsstück im Koffer, gefaltet und geglättet. Sollte sich die Welt um sie herum aus den Fugen bewegen, ihre eigene durfte es auf gar keinen Fall. Dabei wandelte sie doch bereits jetzt von einer Absurdität in die nächste!

Eine zweite Zigarette folgte der ersten. Der Stummel landete diesmal bereits nach einer Minute nervösen Schauens auf den Schienen und beerdigte sich selbst mit einem flüchtigen Zischen im Schnee. Die Eintönigkeit begann sie zu verschlucken während sie die Unruhe im Warteraum von einer Seite zur anderen trieb. Immer wieder griff sie zu einer Zigarette, um sie gemeinsam mit ihren Vorgängerinnen im Massengrab zwischen den Schienen zu beerdigen. Es war weniger das Rauchen das sie nach draußen trieb, als mehr das stete Nachsehen in beide Richtungen bis zu dem Punkt, in dem der Horizont den Schienenstrang zu einem Punkt zerdrückte. Immer auf der Suche nach dem Zeichen eines Zuges.

Der Bahnhof war verlassen, die Uhr stand auf kurz vor sieben. Es wurde unmerklich dunkler. Die Welt stand ihr mit einem einzigen Folterwerkzeug gegenüber: einer zermürbenden Langsamkeit in Begleitung einer grau angemalten Leere. Ein Schauer durchlief sie und sie rückte näher an die Heizung. Draußen schien es bereits dunkel, doch wechselte das fahle Licht nur zu einem noch undurchsichtigeren Grau.

Einzelne Lampen flackerten, dazu immer wieder das schwache Aufglimmen einer Zigarette. Irgendwann zwischen der ersten und der zweiten Schachtel blieb sie verdutzt vor dem Billettschalter stehen. Ein Licht erhellte das kleine Kabuff, hinter dessen Scheiben ein Beamter in dunkelblauer Uniform langsam eine Kette durch seine Finger gleiten ließ, indem er jede Kugel einzeln verrückte. Über ihm thronte das Bild einer grauen Eminenz. Vielleicht der Staatspräsident des Landes? Unter einer dicken Schicht Staub vergilbt, wirkte das Bild älter als der Herr den es zeigte. Der Beamte nickte unmerklich. Ohne Aufforderung riss er ein Billet von einer großen Rolle, fügte ein paar kryptische Zeichen auf der Rückseite hinzu und schob es unter der Scheibe hindurch. Ein Geldschein aus ihrer Tasche verkehrte im Gegenzug auf die andere Seite. Zusammen mit dem Billett und dem Wechselgeld kehrte sie zurück an die Heizung.

Verlegen betrachtete sie das Stückchen Papier in ihrer Hand. Wie lange mochte er schon hinter dem Schalterfenster gehockt und sie beobachtet haben? Nein sie war sich sicher, glaubte sich zumindest sicher zu sein, dass der Schalter vorher verlassen und unbeleuchtet war. Kurz ging es ihr besser. Wo es einen Schalterbeamten gibt, wird auch ein Zug kommen! Der Gedanke hatte eine solch beruhigende Wirkung, dass sie den einzigen Beweis seiner Anwesenheit wie einen Schatz in ihren Händen hielt. Mit geballten Fäusten umkrampfte sie das Stück Papier so stark, dass eine Ecke abriss. Ihre aufgerissenen Augen versuchten beide Teile sofort wieder zusammenzufügen. „Es ist ja noch gültig, es ist ja noch gültig!“ murmelte sie verzweifelt. Und je öfter sie es sagte, desto wahrer schien es ihr und umso mehr begann sie sich zu beruhigen.

Eine Kälte bemächtigte sich langsam ihrer Hände und Füße. Sie stand nun direkt vor einem Heizkörper und durchbohrte die Dunkelheit hinter den angelaufenen Scheiben. Hielt sie es nicht mehr aus, riss sie sich mit einem plötzlichen Ruck von ihrem Platz und lief auf den Bahnsteig. Ein Zug war nicht in Sicht. Das Ende der zweiten Schachtel Zigaretten verglühte gerade zwischen den Gleisen während der eckige Kasten der Uhr auf sie glotzte. Es war kurz vor sieben. Der Beamte nickte wenn sie vorbei trat. Ihre Gefühle lagen verborgen hinter einer Maske eines verzerrten Lächelns. Ihr Dasein war bald nichts weiter als Umstände und Merkwürdigkeiten, die plötzlich auftauchten und die sie hilflos ohne jegliche Kontrolle ertrug.

Mit einer geballten Furcht, die sich wie eine Faust in ihren Magen grub, entdeckte sie ihr Bedürfnis, sich zu erleichtern. Die Toiletten lagen direkt neben dem Schalter mit dem nickenden Beamten. Den Zug würde sie von dort nicht sehen können, ihn vielleicht nicht einmal hören. Er würde ebenfalls Toiletten haben. Sie würde diese benutzen und bis zu seiner Ankunft ausharren. Die Zeit verstrich, nicht mehr als ein unmerkliches Rieseln, dass ihre ängstliche Ungeduld steigerte und in ihren Ohren wie ein fernes Rauschen klang. Je länger ihr Warten dauerte, desto verbissener kämpfte sie mit sich selbst. Ihre Beine verbogen sich zu einer X- Form während ihre Füße auf dem Fußboden schabten. Immer wieder blieb sie kurz vor dem Billetschalter stehen und schaute verstohlen auf die daneben liegende Tür.

In einen Augenblick, in dem die Wut über die Wartezeit alle anderen Gefühle überlagerte, rannte sie die Tür zur Toilette ein. Sie riss Hose und Slip nach unten und versuchte in einer grotesken Haltung, gleichzeitig zu pissen und durch einen Türspalt zu spähen. Das lächerliche Gefühl, sie hätte sich gerade vor der Welt blamiert, obwohl außer ihr und dem Beamten keine weiteren Personen anwesend waren, verdarb ihr den kurzen Sieg über ihre Angst.

Nachdem sie sich erleichtert hatte, trat sie erleichtert aus der Tür und wendete sich, von einem Nicken hinter der Schalterscheibe begleitet, dem Bahnsteig zu. In der Ferne der Schienen trat ein Licht aus der Dunkelheit. Sie zögerte einen Moment, bis sie die Bedeutung des funzligen Lichtflecks begriff. Ohne sich um den Beamten zu scheren, rannte sie ihrem Gepäck entgegen. Sie ergriff den Koffer, um ihn gleich wieder mit einem nachdrücklichen Knall fallen zu lassen. Irgendwo musste es sein! Lag es auf der Toilette, aufgelöst in ihrem eigenen Urin? Sie griff in alle Taschen und stülpte sie nach außen. Ein verzweifelter Blick glitt durch den Raum auf der Suche nach einer Hand, die das Billett hielt. Leise zischten Flüche über ihre Lippen. Die Taschen ihrer Kleidung wurden ein zweites Mal von ihren Händen durchwühlt, bevor sie es plötzlich in den Händen hielt. Zusammen mit dem Koffer und dem Billet stürzte sie aus dem Raum. Der Beamte nickte kettendrehend. In ihrem Kopf war er nur ein vorbeiziehender Farbfleck, verdrängt von Dampfschwaden und dem stampfenden Getöse einer Lokomotive aus ihren Vorstellungen. Sie riss die Tür zum Bahnsteig weit auf und stand atemlos da, wie ein ein kleines Mädchen. Ein Lachen entrang sich ihrer Kehle, das immer schriller wurde und als gellender Schrei über den Schienen verhallte. Ihre Augen wurden stumpf in einem Gesicht, das komplett entgleiste bevor es in einer ausdruckslosen Maske verharrte. Vor ihr zitterte eine Draisine vorüber, auf der eine einzelne Lampe zwei Meter Zukunft beleuchtete. Zwei Männer schoben sich, einen Schwengel schlagend, auf den Schienen an ihr vorbei. Nicht einmal der Schnee wirbelte im Vorbeifahren auf.

Ihre beiden Absätze machten eine Drehung auf der Stelle und begannen schlurfend ihren Rückzug in den Warteraum. Ihr Anblick war erbärmlich. Eine Hand zog das Billett während die andere den Koffer hinter sich herschleifte. Mit starr blickenden Augen betrat sie den Warteraum und legte ihre Hände direkt auf die kochendheiße Heizung. Der Schmerz holte sie noch einmal in diese Stadt mit ihrem Bahnhof zurück. Dann begann sie langsam zu entgleiten.

Es war gar kein Zug, es war gar kein Zug!“ Vielleicht war es dieser Gedanke oder die verbrannten Hände, die sie vor einem endgültigen Abgleiten bewahrten. Ein Funken Selbstbeherrschung blieb ihr noch. Er würde bald sterben. Die Stadt würde sie verschlucken und gleich der Uhr, dem Beamten und der Draisine wäre sie nur mehr ein weiteres Ausstellungsstück, mit dem sich die Absurdität dieses Ortes schmückte.

Ihr Atem wurde zum Belag der Scheibe, durch den sie fahrig nach draussen sah. Neben ihr stand der Beamte. Er liess seine Kette in einer Hand kreise und fasste mit der anderen an das kalte Glas vor ihrem Kopf. Wassertropfen, von seinen Fingern getrieben, glitten über die Scheibe. Durch die milchigen Schlieren deutete er auf eine alte Lokomotive mit ein paar schäbigen Waggons auf einem Abstellgleis. Ohne einen Anflug von Gegenwehr ließ sie sich führen. Der Beamte war freundlich, nahm ihren Koffer, half ihr über die Schienen und öffnete schliesslich die Tür zu einem der abgestellten Wagen. Sie hörte noch, wie er sie wieder verschloss, bevor kurze Zeit später alle Lichter im Bahnhofsgebäude erloschen. Sie war glücklich, ja, sie hatte ihren Zug doch noch erreicht. So harrte sie im Stockfinsteren seiner Abfahrt auf einem Abstellgleis!

 

Theaternacht

Die Tage waren noch Wintertage, kurz und mit frostigen Nächten. Trotzdem hatte der Frühling bereits einige Kollaborateure gefunden. Sie hissten schon ihre Blütenfahnen, die ein kalter Wind zu Boden riss.

Die Menschen wussten es. Sie kannten den Sieger dieses Kampfes und zogen begleitet von einem nervösen Unbehagen durch die Straßen. Ihre Münder umspielt von einem feinen Lächeln.

Das Theater lag verborgen hinter einer müden Hausfassade. Einige Fenster waren kaputt, eine vergilbte Gardine zeigte ihr lumpiges Gesicht. Der Wind ließ ein Windrad plärren.

Er lief in den spärlich erleuchteten Eingang. Mit schwarzer Farbe hatte jemand Unions Theater auf die Wand gemalt. Die Schrift war ungelenk, der Schreiber viel zu klein, für die Größe seiner Bekanntmachung.

An der Kasse standen ein paar Gäste. Durch eine Tür drang dumpf Musik und das unsympathische Gelache einer unsympathischen Person.

Er hatte versucht, mit einem Lächeln durch die Tür in den Ballsaal zu treten. Stattdessen begann sein Kopf zu schmerzen. Es waren bereits genügend Menschen anwesend, genug mit anderen und ihrer Unterhaltung beschäftigt, als dass sich jemand um seine Anwesenheit scherte.

An die Bar gelehnt, bestellte er einen Doppelten. Sein Lächeln, wenn überhaupt vorhanden, hing immer noch schief an seinen Mundwinkeln. Sein Kiefer knackte, seine Zähne mahlten und in seinem Kopf rauschte dumpf der Schmerz.

Im schummrigen Licht der Lampen füllte sich langsam der Raum. Schon bald begannen die ersten Gäste zu tanzen. Andere schoben von den Seiten nach. Um ihn herum Getümmel, klobige Tritte auf seinen polierten Schuhen und die warmen Leiber an seinen eingezogenen Schultern.

Der Boden bebte, die Leute schwitzten, auf dem Parkett wurde gewalzt. Vor ihm, im direkten Gegenlicht, wanden sich drei Frauen im Rhythmus der Musik.

Er drehte sich um und hielt einen Plausch mit dem Barkeeper. Von irgendwoher erscholl Gelächter und an irgendeinem Punkt an seinem Körper begann er zu zittern. Die Musik zog dahin. Von den Wänden troff kondensierte Fröhlichkeit. Er nahm ein letztes Glas, einen letzten Versuch.

Ohne zu lächeln blickte er auf. Sah in ihre Augen. Hatte sie auf ihn gewartet oder hatte sie ihn verpasst? Was als Antwort blieb war ein Tanz. Ein Tanz im Theater. Er führte, sie tanzte. Im Drehen und Wenden sog er am Duft ihrer Haare. Zog mit aller Gewalt, zog aus gegen ein Ende.

Für einen Moment lag ihr Kopf an seiner Schulter, waren ihre Hände ineinander verschränkt. Wieder lächelte sie, ohne eine Antwort zu bekommen. Nur Ecken und Kanten lagen auf seinem Gesicht.

Irgendwo verschwand sie in der Menge. In seinen Mantel gewunden trat er in die kalte Nacht. Ein Penner lag selig in seine Zeitungen gehüllt. Ein Hut, sein Kassenhäuschen, direkt an seinem Fuß.

Du reicher Penner! Ich arme, trübselige Sau. Mehr blieb nicht übrig in einer Nacht zwischen Frühling und Winter.

 

Nakater

Sie besaß einen Kater als ich sie kennenlernte. Ich glaube, die einzigen beiden lebendigen Wesen zu denen sie in dieser Zeit Kontakt hatte, waren der Kater und ich. Nach seinem Tod verließ sie die Stadt. Schon vorher hatte sie genug von ihr. Sie erzählte mir immer wie überdrüssig sie allem sei: den Menschen, den täglichen Begegnungen, der Anordnung von Straßen und Häusern, den Geräuschen und Gerüchen. Sein plötzliches Ableben war vielleicht der finale Grund für sie, alles hinter sich zu lassen.

Die Geschichte, wie der Kater zu ihr fand, konnte ich mir nicht oft genug anhören. Wenn sie sie erzählte, passte jede Kleinigkeit zusammen. Ihre Stimme war auf eine positive Art sehr einnehmend und ich hing die gesamte Zeit an ihren Lippen. Außer ihrem Gesicht bewegte sie keinen einzigen Teil ihres Körpers. Später habe ich probiert anderen Menschen die gleiche Geschichte zu erzählen, aber sie klang nach jedem Mal unwahrscheinlicher.

Er stand damals einfach im Hinterhof und starrte in den Himmel. Es war gerade Juni doch das Wetter genauso heiss und staubig wie im Hochsommer. Vielleicht suchte er im Hinterhof ein wenig Schatten während er auf Regen wartete.

Das war zumindest ihr erster Gedanke, als sie ihn vom dritten Stock aus beobachtete. Es vergingen mehrere Stunden in denen er sich nicht bewegte. Nur ab und zu begann er enthusiastisch einen Teil seines Fells zu lecken, um anschließend wieder in seine Starre zu verfallen. Als plötzlich ein Gewitterregen niederging, nahm er es einfach desinteressiert hin. Ein Kater der sich nass regnen ließ erschien ihr einen näheren Blick wert. Unten angekommen schaute sie durch die Hoftür. Er war weg! Sie beugte sich ein wenig weiter hinaus, aber nichts war zu sehen. Stattdessen fand sie ihn auf einen ihrer Küchenstühle wieder.

Einen richtigen Namen für ihn hat sie nie gefunden. Ließ er sich eine Weile lang nicht blicken, rief sie laut “Kater” aus ihrem Fenster. Kam er schließlich zurück sagte sie nur kurz “Na Kater”. “Na Kater” wurde irgendwann zu “Nakater”. Er schien auf den ersten Blick ein phlegmatisches Tier zu sein, das von der Seite betrachtet ständig grinste. Tagsüber lag oder saß er die meiste Zeit über in ihrer Wohnung. Mit Vorliebe anderen Leuten im Weg. Es kam auch vor, dass er stundenlang die Tauben auf dem gegenüberliegenden Dach beobachtete ohne sich zu bewegen. Im Gegensatz zu allen anderen Katzen war er in keinster Weise wasserscheu. Nicht nur dass er gelangweilt im Regen saß, sie konnte ihn sogar mit unter die Dusche nehmen. Niemand wusste was er nachts trieb. Sie sagte, er sei ein ziemlich windiger Kerl. Zumindest war Nakater bis zum frühen Morgen nie anzutreffen. Er mogelte sich dann irgendwie durch die Haustür, die Wohnungstür konnte er selber öffnen.

Nach einem halben Jahr lag Nakater tot auf einer kleinen Bank im Hinterhof. Er grinste immer noch und eigentlich sah es nur so aus, als wartete er wieder einmal auf Regen. Dieses Grinsen, genauso wie die Edamer Katze bei Alice im Wunderland. Sie hat ihn zusammen mit diesem Grinsen im Park vergraben.

Ich habe sie später nie wieder gesehen.

Na Kater!

Nakater! Wach doch auf!

Die Rache der Rasenmäherlöwen

Vor nicht allzu langer Zeit, vielleicht können sich eure Großeltern noch daran erinnern, gab es nicht nur Löwen die Menschen fraßen, nein auch solche, die sich über Rasenmäher hermachten – die Rasenmäherlöwen wurden sie genannt. Sie waren nachtaktiv, dann wenn der gemeine Gärtner sanft in den Schlaf glitt und im Traume beschwingt seine Hacke in den Beeten schwang, fielen sie über die Grasschneidegeräte her. Je nach Hunger verspeisten sie alles, einen Teil, mit besonderer Freude aber das Messer. Schon nur deshalb, um die Gärtner zu ärgern. Deren Zorn ließ nicht lange auf sich warten: sie begannen zu jagen, töten, eliminieren und sich Trophäen in Laube oder Datsche zu hängen. Die Zahl der Rasenmäherlöwen wurde immer geringer, doch ihre Jäger gaben keine Ruhe, dieses Ärgernis aus der Welt zu räumen. Bald gab es nur noch einen einzigen Rasenmäherlöwen, einen stolzen obendrein. Niemals würde er sich von einem glatzköpfigen, schmerbäuchigen, stelzbeinigen, peniblen Gärtner erschießen lassen. Doch auch er wußte nur zu gut, dass seine letzten Tage gezählt waren. Zur Stunde des Abschieds, er mochte nicht traurig sein, machte ihn doch der Herbst schon betrübt genug, wanderte er durch eine Laubenpieperkolonie. Nur die Filetstücken, die Messer aller Rasenmäher die er auftun konnte, fanden ihren Weg in seinen rosa Schlund. Mit einiger Genugtuung malte er sich die Reaktion der Gärtner aus und konnte ein tiefes wohliges Brummen zusammen mit einem breiten Grienen über den Lefzen nicht unterdrücken. Mit gefülltem Magen ließ es sich einfacher sterben, dachte er bei sich und ging hinaus in die Nacht. Irgendwo blieb er schließlich einfach stehen. Er nahm all seine Kraft zusammen und biss so fest er konnte ins Gras. Mit einem Grinsen und viel Dreck im Maul ging er ins Rasenmäherparadies. Als er gefunden wurde, besaßen die hackeschwingenden Unkrautrupfer einen letzten Funken Ehre und beerdigten ihn. Doch eines bekamen sie, trotz aller Versuche, nicht aus dem Boden- die Zähne des Löwen. Der betroffene Gärtner beachtete diese bald nicht mehr, bis nach einiger Zeit an der selben Stelle kleine gelbe Blumen aus dem Boden schossen und zu allem Überdruss der besagten Person noch dazu an anderen Stellen im Garten. Im ersten Augenblick schien man ihnen mit Hacken oder Spaten beizukommen aber nach kurzer Zeit tauchten die garstigen gelben Gewächse wieder auf – mal hier mal dort und der Gärtner wollte schon seine Haare raufen, doch hinderte ihn seine fortgeschrittene Glatze daran. Mit der Zeit begannen seine Nachbarn etwas missmutig über den Gartenzaun zu glotzen! Sollten sich die gelben Blumen auch in ihrem englischen Rasen einnisten? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Und wenn sich heute die gelben Löwenzähne im Wind schaukeln, brummt leise der letzte Rasenmäherlöwe von fern im Rasenmäherlöwenparadies, denn sie sind die Rache von ihm an allen Gärtnern und Laubenpiepern. Und solange werden die Löwenzähne im Wind schaukeln bis der letzte penible, glatzköpfige, schmerbäuchige, stelzbeinige Gärtner vom Angesicht der Erde getilgt ist. Und wenn wir ganz ehrlich sind tun die Löwenzähne es danach immer noch oder will hier irgend jemand behaupten er hätte es schon einmal in seinem Leben geschafft einen Löwenzahn aus der Erde zu reißen ohne, dass der Selbe eine Woche später nicht genau dort wieder auftauchte, wo er eben schon längst tot und welk sein sollte?

 

Die Qualle – ein Schicksal in vier Teilen

Qualle

Es gibt blaue, grüne, graue, orangene und weiße Tage. Blaue Tage finden sich vor allem am Meer, dann wenn Wasser und Himmel in der Mittagshitze zu einem einzigen Farbeimer verlaufen. Ein solcher Tag ist heute.

Die Wellen plätschern störrisch an den Strand, während eine Qualle durchscheinend und präzise durchs Wasser gleitet. Leider verfrachtet sie eine Welle ungefragt gefährlich nahe ans Trockene. Noch bevor der Gallertklumpen sachte Gegenmaßnahmen ergreifen kann, ist es zu spät.

Ohne Vorwürfe an ihr Schicksal, liegt sie da und hat keine Ahnung, nur dies fühlt sie – sie liegt auf heißem Grund gefangen. Aufgrund mangelnder Beweglichkeit bleibt sie liegen, schaut, glubscht und beginnt, in der strahlenden Farbeimersonne zu zerfließen.

Schaufel

Wenn sich die Blechlawine ächzend in Richtung Strand bewegt und Kinderschreie Nerven spannen, ist jedes Mittel recht, sich das Stillschweigen zu erkaufen.

Das Geld gleitet über die Ladentheke und im Gegenzug findet die Schaufel einen neuen Besitzer, der trotzig und im staunenden Schweigen über sein neues Spielzeug doch noch die Klappe hält. Am Wasser angekommen grabschen kleine Menschenkinderhände gierig nach ihrem neuen Spielzeug. Später rumpelt sie über den Sand, mal bleibt sie liegen, mal wird sie vergessen und wieder mitgenommen, sie steckt im Strand und im Wasser, buddelt im Matsch, quietscht über Steine und baut Burgen aus Klecker oder aus Sand.

Menschenkind

Rotznäsig und zahnlückig schießt es, einem befreiten Vogel gleich, aus dem Auto. Man hält es fest, gibt letzte Instruktionen und einen Klecks Sonnencreme auf Nase und Ohren, schon stiebt es auf und davon, rennt Kreise, staunt vor dem großen Wasser, Mund offen, Augen groß. Kommt wieder, um zwischen einem „Pass auf!“ und „Nicht so weit weg!“ samt der neuen Schaufel zu verschwinden.

Dank einer spürhundhaften Neugier bleibt die Qualle nicht lange unentdeckt. Was sie noch nicht wusste, heute ist kein guter Tag für sie. Das Menschenkind nährt sich eher schüchtern mit einer Hand. Es fasst die Qualle ins Auge, beginnt zu blinzeln und wiegt die Schaufel leicht in der Hand. Platsch- Volltreffer. Wildes Geschrei, Rumgefuchtel, aufstiebendes Wasser und ein heilloses Durcheinander. Das Kind läuft schreiend über den ganzen Strand einer unbestimmten Hoffnung auf offenen Armen entgegen. Die Schaufel bleibt an Ort und Stelle liegen, Zeuge und Mitwisser eines tragischen Schicksals.

Möwe

Was wäre das Meer ohne Möwen, ohne Emma und ihr wildes Geschrei? Einer dieser weißen Federhaufen hat soeben hastig einen Fisch verspeist. Nach der Mahlzeit geht es weiter. Die Möwe schwingt sich voll und schwer beladen in die Lüfte. Das Essen, es scheint unverdaulich, eine Fischvergiftung ganz und gar. So lässt sie denn unachtsam einen Klumpen Scheiße auf die Erde plumpsen und wirft von oben einen möwenverächtlichen Blick herab. Der trifft ins Leere, die Scheiße tut es nicht. Sie trifft genau ins Schwarze, absolut ins Ziel. Auf dem Boden Schreie und Gezeter. Dem Vogel scheint es einerlei. Er segelt munter weiter, auf der Suche nach dem nächsten Fisch. Angelockt von einem Glitzern setzt die Möwe ihre Beine nieder auf den Sand. Kein Fisch ist hier zu holen. Die Reste einer Qualle verschwinden gerade noch im Meer.