Vom Blick her belästigt

So, so. Die gute Dame fühlt sich „vom Blick her belästigt“ weil ein paar Flüchtlinge aus der DDR vor ihrem Haus rumlümmeln. Da kann man von Glück sprechen, dass sich damals keine patriotischen Europäer gegen die DDR-fizierung des Abendlandes gefunden haben. Giroplus!

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Halt, mein Junge, halte an, ruft der rote Ampelmann

Stiefelchen und Kompasskalle sind weder Hunde noch Bestandteil eines Pornoklassikers. Zusammen mit dem grünen und dem roten Ampelmann brachten sie Horden von kleinen Kindern im DDR Fernsehen die Grundzüge der Verkehrsregeln bei. Zur besten Sendezeit (beim Sandmann) ideologiefrei versteht sich, dafür aber im perfekten Reim. Giroplus!

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Der Bär

Die Wende: Demonstranten, die “Wir sind das Volk” skandieren, Menschen die lachend die Mauer einreißen, DDR Bürger, die ihrem ehemaligen Klassenfeind weinend im Arm liegen, Schlangen überfüllter Trabis an den Grenzübergängen, das Begrüßungsgeld und die ersten Orangen in einem kleinen Supermarkt. Vielleicht können sie sich an all das erinnern. Ich kann es nicht. Für mich besteht die Wende aus Fernsehbildern, gebannt auf Videokassetten, die ich mir Jahre später anschaute oder aus Erzählungen meiner Eltern und Grosseltern. Als die DDR ihren 40. Geburtstag feiern ließ, war ich acht Jahre alt. Ein Jahr später, nachdem es sie beinahe nicht mehr gab, war ich neun. Meine Erinnerungen an diesen Staat sind so vielfältig, dass sie auf einen kleinen Schmierzettel passen würden. Ich kannte nicht unseren großen Bruder im Osten oder den Klassenfeind im Westen und seine Verbindungen zum Intershop. Ich bin nie ein Ernst- Thälmann- Pionier gewesen, kann mich nicht erinnern, ob ich zum Frühstück “Im Nu Kaffee” trank oder mein Fahrrad mit “Elsterganz” polierte.

Ein paar Wimpernschläge der Geschichte später, in einer Zeit aus der mir mehr Erinnerungen geblieben sind, vermischten sich die Abenteuer meiner Kindheit mit den Turbulenzen der damaligen Zeit.

Das Dorf meiner Grosseltern lag 20 Minuten mit dem Fahrrad vom Haus meiner Eltern entfernt. Hier erwartete wohl niemand große Veränderungen. Tatsächlich blieb fast alles beim Alten. Wenn, dann war der Prozess so schleichend und dauerte dermaßen lange, dass er für meine Kinderaugen nicht fassbar war. Außerdem strahlten für mich die unmittelbaren Geschehnisse des Tages einen viel größeren Glanz aus.

Anscheinend mussten sich viele Dorfbewohner schnell von einem Großteil ihres Mobiliars trennen. So stapelten sich braune Schrankwände, Sofas, russische Gläser, RFT Fernseher und Radios, ausrangierte Küchenbüffets, Diamant Räder, Simson Motorräder und allerlei Gebrauchsgegenstände, die kurze Zeit zuvor noch in Benutzung waren, meterhoch vor den Häusern. Für uns Kinder waren diese Möbelberge besonders reizvoll, sei es um auf ihnen herumzuturnen, sie zu inspizieren oder um eine der Fernsehbildröhren, mit Hilfe eines gezielten Steinwurfes, zum Explodieren zu bringen.

Einigen Auswärtigen schien der Schwund an Einrichtungsgegenständen dermaßen leid zu tun, dass sie freiwillig ihre Hilfe anboten. Möbelhändler aus Holland, ob sie wirklich aus Holland stammten weiß ich nicht aber den Gerüchten nach zu urteilen taten sie das, boten an, alte und unbrauchbare Möbel auf ihre Hänger aufzuladen und sie anschließend kostenlos in den Niederlanden entsorgen zu lassen. Viele öffneten bereitwillig ihre Türen und waren froh über diese Hilfeleistung. Sie wollten nicht einmal Geld für ihr altes Interieur haben. Andere wiegen sich bis heute in dem Glauben, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Zum Glück hat ihnen nie jemand die Preise auf holländischen Flohmärkten verraten.

Neben den niederländischen Möbelsammlern gab es noch andere, die die nun leeren Wohnungen mit Teppichen füllen wollten. Laut den umgehenden Erzählungen handelte es sich um Zigeuner obwohl ich mir auch in diesem Fall nicht sicher war, da ich nie nur einen einzigen Teppichhändler nach seiner Herkunft befragt hatte.

Der Schar der hilfsbereiten Menschen war damit noch lange kein Abbruch getan. Des Weiteren gab es den Vertreter von Fuhrwerk, für Versicherungen, Haustüren und sicherere Schlösser, bessere Fenster und sauberere Heizungen, Kosmetika für Frauen und Werkzeuge für Männer. Die Palette schien schier unerschöpflich. Oft kam es vor, dass die Vertreter und ich uns bei meinen Großeltern gegenseitig die Türklinke in die Hand drückten. Bis auf einen Staubsauger hat es keines der nützlichen Utensilien in den Haushalt meiner Großeltern geschafft. Noch heute schaut ab und zu ein Vertreter von Fuhrwerk vorbei und fragt meine Oma, ob sie neue Staubtüten benötige. Er ist der einzige der geblieben ist, alle anderen sind verschwunden.

Das sich das Dorf samt seiner Bewohner in einer Ausnahmesituation befand, ließ sich am deutlichsten daran ablesen, dass ein Zirkus seine Zelte aufschlug. Etwas das danach nie wieder passierte. Für uns Kinder war er die Attraktion schlechthin und für mich war er der erste Zirkus den ich als Kind besuchte.

Die Wiese auf der er stand lag direkt neben der Hauptstraße am Fluss und wurde bevorzugt als Viehweide verwendet. Schon am Morgen, als ich mit dem Fahrrad meiner Oma Brötchen holte, weckte der Trubel beim Aufbau des Zeltes meine Neugier. Aber erst mit der Verstärkung meines Cousins wagte ich mich auf die Wiese. Wir lungerten zuerst unschuldig in einigem Abstand herum, inspizierten jedoch genauestens den Fortgang der Arbeiten. Irgendwann hatten wir uns so dicht herangewagt, als wir unverhofft gefragt wurden, ob wir mithelfen möchten. Unsere Großeltern ließen mein Cousin und ich in dem Glauben, dass ohne unsere Hilfe der gesamte Zeltaufbau scheitern würde. Dass mittlerweile die Hälfte der Dorfjugend vor Ort war verschwiegen wir.

Nach zwei Tagen stand das Zelt und der Sand in der Manege war geharkt, bereit für den großen Abend. Die Zirkusleute zogen einen Tag vor der ersten Vorstellung noch einmal durchs Dorf, um auch den größten Ignoranten auf das bevorstehende Großereignis aufmerksam zu machen. An alle die beim Aufbau mitgeholfen hatten, wurden Freikarten verteilt, was sicherstellte, dass zumindest die Hälfte der Kinder des Ortes nicht fehlen würde.

Ich hielt meine Karte fest umschlossen während ich vom Haus meiner Grosseltern zum Zirkus rannte. Den Haupteingang links liegen lassend, strebte ich direkt den hinteren Teil des Zeltes an, dort wo die Käfigwagen mit den Tieren standen. Unbemerkt wollte ich eine kleine Inspektion vornehmen.

Was hast du hier zu suchen?”

Hä?”

Hä ist keine Antwort! Also, was hast du hier zu suchen?”

Ich wollte mir die Tiere ansehen.”

Hast du eine Eintrittskarte?”

Ja.”

Dann geh. Die Vorstellung fängt gleich an.”

Ja.”

Wie heißt du Junge?”

Manuel.”

Ich bin der Bär. Nimm mir mein Geschrei nicht übel, aber die Tiere sind gefährlich!”

Ich habe keine Angst vor den Tieren!”

So.”

Weißt du, was ich für einer bin?”

Du bist der Bär!”

Ich bin ein Zigeuner. Zigeuner essen kleine Kinder!”

Hier im Dorf verkaufen sie nur Teppiche.”

Sagt wer?”

Meine Großeltern.”

So.”

Und außerdem bin ich kein kleines Kind mehr!”

Und Angst hast du auch keine! Geh und sieh dir die Vorstellung an. Es geht los! Und Junge, sag deinen Großeltern Zigeuner verkaufen keine Teppiche.”

Und Kinder essen?”

Nein, dass machen sie auch nicht.”

Nachdem ich den Bären getroffen hatte, schaute ich mir die Zirkusvorstellung an. Einzelne Programmpunkte sind mir nicht im Gedächtnis geblieben. Nach circa der Hälfte gingen plötzlich alle Lichter aus. Als der Strom nach zehn Minuten immer noch ausblieb wurde die Manege von zwei Autoscheinwerfern hell erleuchtet. Zwar sprang die normale Beleuchtung bald wieder an, aber schon nach kurzer Zeit musste das Auto erneut herhalten. Die Zuschauer verloren langsam die Lust und die Darbietung fand wohl ein schnelleres Ende als geplant. Den Bären, seiner Statur und dem Namen nach zu urteilen hätte er als der stärkste Mann der Welt auftreten können, habe ich nicht noch einmal gesehen.

Nach einem Wochenende verschwand der Zirkus und zurück blieb nur platt gedrücktes Stück Gras und ein wenig Stroh. Mit der Zeit wurden die Teppichhändler, die holländischen Möbelsammler und die ganze Vertreterschar weniger, bis schließlich keiner mehr zurück blieb. Für mich bestanden die Wende und die kurze turbulente Zeit danach aus diesen eigentümlichen Gestalten, ihrem plötzlichen Auftauchen und Verschwinden und der Unruhe, die sie verbreiteten. Alles strebte schließlich in dem kurzen nur aus ein paar Sätzen bestehenden Gespräch mit dem Bären zusammen und den Informationen, dass Zigeuner keine Teppiche verkaufen und keine kleinen Kinder essen.