Der Wald der Verflossenen

Martin wohnte typisch, zumindest glaubte er das! In einer 5er WG im dritten Stock. Die Möbel waren pre-loved, die Wände zierten Bilder fragwürdiger Philosophen und Musiker verschiedener Epochen und Stile. Im Bad fanden sich die Spuren der Scheiße seiner Mitbewohner in der Kloschüssel und kolossale Staubmäuse auf den Fliesen. Es war nicht unüblich, dass sich das dreckige Geschirr trotz Spülmaschine zu Schimmelgebirgen auftürmte und im Kühlschrank fehlte immer etwas, trotz getrennter Fächer, was immer, wirklich immer zu leidigen Diskussionen führte. Wenn er fertig wäre hätte er seine eigene Bude. Aber jetzt nahm er vorlieb mit der Situation.

Die Wohnung war derart günstig und groß, dass sie sich ein Wohnzimmer leisten konnten. Auch dieses wurde von den obligatorischen Staubmäusen bevölkert. Sie fanden ihren Lebensraum in den Dielenritzen, zwischen den Kabeln einer Spielkonsole, eines Fernsehers und eines halben Dutzend anderer Geräte, von denen die wenigsten gingen oder überhaupt gebraucht wurden. Nachdem sie sich einen Beamer angeschafft hatten, wurde auch der Fernseher überflüssig. Aber er passte zu gut ins Bild, und sei es nur als Ablage ausgelesener Zeitungen oder der ständig überfüllten Aschenbecher.

Durch die Fenster des Zimmers drang immer weniger Licht. Es kam nicht mehr durch, durch den Wald der Verflossenen.

Das ganze hatte als Witz angefangen. Martin, seiner Meinung natürlich gutaussehend und in Dingen des anderen Geschlechts hinreichend bewandert, brachte eine Pflanze seiner Ex mit. Ihre Beziehung hatte gerade lange genug gehalten, dass er sich einen Ableger machen konnte. Nach der Gütertrennung schleppte er sie an. Aus unerfindlichen Gründen war es bei der nächsten Ex nicht anders. Zwar war es diesmal kein Ableger aber er bekam das gute Stück einfach geschenkt. Zum Geburtstag, einen Tag vor der Trennung bzw. bevor es seiner Geliebten mit dem gutaussehenden Frauenverstehender zu bunt wurde.

Als Sabine einen Kaktus anschleppte, ihr Ex ertrug den Anblick nicht mehr, erinnerte ihn das Gewächs doch immer an sie bzw. die Probleme ihrer beider Beziehung, kamen schon die ersten Unkenrufe auf. Bei einem gemütlichen Sonntagskaffee wurde der Name geboren. Mittlerweile war es der Sport der gesamten WG, den Wald der Verflossenen anwachsen zu lassen.

Das führte nicht nur dazu, dass sich das Wohnzimmer in einen kleinen Ausstellungsraum deutscher Wohnzimmerkultur entwickelte, sondern auch, dass alle Mitbewohner zu mittelschweren Hobbybotanikern heranwuchsen, die außer den gebräuchlichen Namen auch die lateinischen kannten und eine nicht unerhebliche Menge Wissen über Ableger, Dünger und den richtigen Stellplatz angehäuft hatten. Da Martin mit dem Mist angefangen hatte, führte er die Hitliste mit derzeit 6 Pflanzen an.

Während sich andere darüber den Kopf zerbrachen, welchen Mist sie mit ihren neuen Bekanntschaften austauschen konnten, steuerte die WG zielbewusst das eine Thema an. Manch einer wunderte sich, war aber vielleicht insgeheim froh darum, dass man sich über unpeinlichen Nonsens unterhielt.

Sabine hatte es vor zwei Monaten sogar geschafft ihrer Eintagesbekanntschaft eine riesige Yucca Palme aus dem Kreuz zu leiern. Der Vollidiot ließ es sich nicht einmal nehmen, das Ding mit seinem Wagen vorbei zu bringen und eigenhändig in den dritten Stock zu tragen. Im Wohnzimmer angekommen, machte er noch eine Bemerkung über den grünen Daumen der Bewohner und verschwand nach einem gemeinsamen Kaffee von der Bildfläche.

Martin wunderte sich nicht einmal mehr über dieses seltsame Ritual. Manchmal saßen sie zusammen im Wohnzimmer und erzählten Geschichten über die verlorenen Menschen. Jede Pflanze trug den Namen der Verflossenen oder des Verflossenen. Die Yucca Palme hieß Markus. Eine Bananenstaude Kathleen und eine der Kakteen Merit. Würden sie sich genauso hingebungsvoll um ihre Beziehungen wie um die Pflanzen kümmern, sie wären wahrscheinlich halle verheiratet mit Kindern, Auto und Zwerg im Garten. So dachte Martin. Vielleicht später in der eigenen Bude. Hier musste er sich erst einmal um sein eigenes Leben kümmern. Da gab es schließlich noch einiges zu verpassen und viele Pflanzen zu sammeln.

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