Nur eine Stadt

Es war auf der anderen Seite der Stadt, jenseits der großen Brücke, die sich am engsten Punkt zwischen den Landmassen gewagt über die blauen Wasserflächen beugte. Diese Seite unterschied sich in nichts von der anderen. Die Menschen waren gleich, ihre Wege mäandrierten unentwegt durch die Schluchten der Straßen, immer bedacht nicht in einen Haufen Hundescheiße derselben Straßenköter zu treten. Die Fähren legten hier ab, um dort anzukommen. Dazu ein ohrenbetäubendes Geschrei, sei es von den aufgescheuchten Möwen, wütenden Taxifahrern oder einfach nur dem anhaltenden Gezeter. Über allem waberte ein Geruch nach Meersalz, der sich am Wasser mit dem Duft von Fischen und vermoderten Molen mischte. Verlor man sich tiefer in das undurchdringliche Straßengewirr, umfing einen der beißende Gestank der Automobile, Motorräder, Fahrräder mit Motor oder einfach nur einem Motor, der von einer Eisenstange samt zwei Rädern zusammengehalten wurde. Fest stand, alles auf Rädern machte erbärmlichen Gestank, selbst die Fahrräder ohne Motor, da ihre Fahrer furzten als müssten sie sich ständig der schlechten Luft entledigen. Wessen olfaktorischer Sinn besser gestellt war, der konnte sich freilich in einem feinen Netz aus den unterschiedlichsten Gerüchen verfangen. Für die Mehrzahl ihrer Bewohner bestand die Stadt aber nur aus zwei Gerüchen: aus Autoabgasen oder salzigem Fischgestank. Und darin unterschied sich die eine Seite in nichts von der anderen. Es gab natürlich immer wieder genügend Menschen, die keine Gelegenheit unversucht ließen, bestimmte Unterschiede ins Feld zu führen und sie mit verbalen Feldzügen zu verteidigen, die in ihrer Theatralik keinem antiken Drama nachstanden. Trotzdem blieb es immer nur eine Stadt.

Das Wetter war grau mit tiefhängenden Wolken, die zwischen den Häusern dahintrieben, sich mal dichter mal loser verschlangen oder verknoteten, kurz die Sonne freigaben, um gleich darauf wieder ihren geräuschlosen grauen Schleier fallen zu lassen. Der feine Nieselregen durchwirkte die gesamte Luft und die Welt schien nichts mehr als ein trübes Aquarium, in dem sich die Menschen mit nutzlosen Regenschirmen und zusammengekniffenen Augenbrauen vor der Nässe zu schützen versuchten.

Ich war in einem der zwei großen Bahnhöfe der Stadt. Einem viktorianischen Gebäude aus einer Zeit, in der man noch glaubte, das Land ließe sich mit Eisenbahn und ungezügeltem Fortschritt im Sturm erobern. Mit stürmischen Vorwärtsdrängen und einer Brechstange. Leider bekam diese Zeit samt ihrer Himmelsstürmer Potenzprobleme und hinterließ einen Bau, der wie eine kolossale Steinburg auf einem Kinderspielplatz für Titanenkinder wirkte. Überall hingen Golems, die jeden Angreifer mit ihren verzerrten Fratzengesichtern in die Flucht schlagen sollten. Was die Möwen davon hielten, bewiesen sie in einer nimmer endenden Scheißerei auf die Dächer und Zinnen des Gebäudes.

Mein Zug würde erst gegen Abend fahren. Aufgrund des miserablen Wetters und einer ebenso schlechten Laune saß ich aber bereits gegen Mittag in einem Warteraum. Der Raum war nur mäßig gefüllt, ein paar schlafende, ein paar zeitungslesende oder in ihr Kreuzworträtsel vertiefte Wartende. Dazwischen überall verstreute Gepäckstücke, hier und da eine verstaubte Grünpflanze und irgendwo an den Wänden vergilbte Werbeplakate von glücklichen Menschen in Postkartenlandschaften. Die Zeit lullte sich in ein feindliches Schweigen. Die Uhrzeiger krochen dermaßen langsam über das Ziffernblatt der großen Bahnhofsuhr, dass ich gerne mit ein paar gezielten Fußtritten nachgeholfen hätte. Wie aufgewirbelte Staubteilchen trieben Reisende in den Raum und wieder hinaus. Die Eingangstür knackte dabei in den Angeln und ließ jedes Mal einen Strom von Geräuschen der Bahnsteige herein, der wie die Gezeiten mit dem Knarren der Tür an- und abschwoll.

In eine Ecke gedrängt, stand eine kleine rundliche Frau. Abgesehen von ihrem schwarzen Haar, war ihre gesamte Kleidung im selben sandfarbenen Ton gehalten. Dazu trug sie eine übergroße rote Brille mit schaufenstergroßen Brillengläsern. Im Abstand einer Armeslänge wurde das kleine Weib von einem Sammelsurium aus Kram und Sachen belagert, dass .sie mit einer Vielzahl von Plastiktüten zu bändigen suchte. Das dauernde Geraschel aus porösen Knochen, Schmirgelpapierhaut und zerknitterten Tüten erfüllte zusehends den Raum. Dazu ächzte gleichmäßig die Tür. Nach und nach verschwanden ihre Habseligkeiten in den Tüten. Einem komplizierten System folgend, das nur sie kannte, schob sie mehrere kleine Tüten in eine größere. Sie verstand es, die Öffnungen immer mit der nächsten Tüte zu verdecken. Allmählich nahm der Haufen um die kleine Dame ab und entschwand in drei riesigen Tüten. Zufrieden, sich auf dem Packgebirge ausruhend, rückte die Frau ihre große rote Brille zurecht. Der Warteraum lag wieder, abgesehen von den sporadisch hereindringenden Geräuschen, in seiner beharrlichen Stille darnieder.

Zusammen mit einem Geräuscheschwall trat feierlich ein alter Mann ein. Er bewegte sich langsam im Takt seines Gehstocks. In der anderen Hand zog er einen kleinen Handkarren. An der Bank mit den Tüten angelangt, zog er kurz seine Lippen zu einem Strich zusammen. Eine kleine Hand voll Sekunden rieselte durch seine Barthaare bevor er alle Tüten auf seinen Karren lud. Obenauf legte er noch einen vollkommen sandfarbenen Sack, der an seinem Ende von einer roten Schnur zusammen gehalten wurde. Ohne noch einmal seine Lippen zu bewegen, ging der Alte vor seinem Handkarren durch die knarrende Tür und entschwand im Gewimmel der Bahnsteige.

Sydney

Sydney

Waere die Welt ein Kinderzimmer, Sydney waere ein ausgekippter Eimer mit Legosteinen. Ein paar Kinderhaende haetten etwas Ordnung in die ganze Angelegenheit gebracht und die Steine in der Mitte etwas hoeher geschichtet und sie am Rand bis in alle Ecken des Kinderzimmers auslaufen lassen. Diese traditionell angelsaechsische Stadtbauweise, mit einem Central Buisiness District mit seinen engen Haeuserschluchten und hoch aufragenden Buerotuermen und den darumliegenden, sich bis zur unendlichen Eintoenigkeit wiederholenden Vorortsiedlungen, ist mit einem einfachen nett mehr als wohlwollend umschrieben.

Harbour View

Auch wenn dem so ist, so hat Sydney ein Quentchen mehr, dass in die Waagschale geworfen, die ganzen Pfunde ausmacht, mit der die Stadt protzt: Port Jackson. Eine der groessten Naturbuchten der Erde zieht sich kilometerweit ins Landesinnere. Viele kleine Nebenbuchten lassen die Bucht wie einen gezackten Riss, in dem das Wasser eindringt, anmuten. Je naeher ein Haus am Wasser steht oder je uneingeschraenkter der „Harbour View“ ist, desto besser die Lage und umso hoeher die Miete. Viele Anwesen verfuegen ueber einen direkten Zugang zum Meer. Scheint die Sonne und haben Sydneys Freizeitkapitaene nichts besseres zu tun, eine Konstellation uebrigens, die sehr oft zutrifft, sieht der Hafen dem Kieler zur Kieler Woche nicht unaehnlich.

Sunnies

Die Sydnysider wissen natuerlich von ihrem Glueck. Sie sind stolze Australier, aber noch viel stolzer gerade an diesem Fleckchen Erde wohnen zu duerfen. Allen geht es anscheinend rosig. Die Wirtschaft boomt, die Sonne scheint und Weihnachten steht vor der Tuer. Niemand ist hier miesepetrig. Der Sydneysider hat das untruegerische Gefuehl genau im richtigen Moment an der richtigen Stelle geboren worden zu sein. Sie oder er stand im Himmel einfach in der richtigen Schlange. Eine Tatsache uebrigens, die ihm vom Deutschen unterscheidet, da dieser, wenn er sich auf sein Gefuel verlaesst, immer in der falschen Schlange stand.

Sushi

Die mangelnde Esskultur wurde den Aussis quasi mit in die Wiege gelegt. Kein Wunder, hat doch England bis heute den Ruf, die schlechteste Kueche der Welt zu beherbergen. Zum Glueck kam im Gefolge des wirtschaftlichen Aufschwunges eine enorme Anzahl von Einwanderern ins Land. Vor allem Asiaten fanden in Australien eine neue Heimat. Als Folge ist die Dichte an Thai- Take Away Shops in der Oxford St. hoeher als die der Doener Laeden in Berlin Kreuzberg und Shushi im CBD billiger als eine lapidare Bratwurst am Hermsdorfer Kreuz. Manchmal scheint es, als haetten die Mittelschichtangehoerigen Sydneys nie etwas anderes gekannt, als in ihrer Freizeit in ein gutes und teures Restaurant zu gehen.

Im Anzug auf der George St.

Um die Mittagszeit herum speien die Buerotuerme in Downtown eine Herrschar von Anzugtragern aus ihren Eingeweiden. Sie bevoelkern die gesamte Gegend um die George St. auf dem Weg zum Food Courts. Wessen Mittagspause lang genug ist, spurtet nach dem Essen noch einemal durch den Royal Botanical Garden. Am spaeteren Abend ist die Gegend um The Rocks, dem Circular Quay und die Opera House Wharf voller Bueroangestellter. Mit loser Krawatte feiern sie sich und ihren Feierabend. Oft trifft man leicht bekleidete Damen und nach Aftershave duftenden Maennern schon auf den Vorortfaehren nach Manly, Woolwich oder Parramatta auf dem Weg zu ihrer Weihnachtsfeier. Von teuren Bars, Balkonen, gemieteten Jachten oder Aussichtsplattformen dringt dann das Gelaechter der sich gegenseitig beschenkenden Sydneysidern.

Reiseroute

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Anekdoten

Guten Tag Mr. Tiger

Ich wollte umbedingt noch einmal in den Dschungel, denn wann bekommt ein gemeiner Mitteleuropaeer schon einmal die Moeglichkeit dazu, nicht zwischen im Spalier stehenden Baeumen zu wandeln. Mit dem Rucksack auf den Schultern schlug ich einen Pfad zu einem 2 Stunden entfernten Wasserfall ein. Ich befand mich im groessten Nationalpark des Landes und in einem der wenigen Rueckzugsgebiete fuer den bengalischen Tiger in Thailand. Es war idyllisch: neben dem Weg plaetscherte ein Bach, ueberall spross Bambus aus dem Boden, Schmetterlinge flogen durch die Luft und die Sonne bildete sich als helle Flecken auf dem Waldboden ab. Nach einer halben Stunden knurrte es tief und laut aus dem Unterholz direkt vor mir. Irgendjemand hatte in der Zwischenzeit alle weiteren Geraeusche abgestellt. Ein paar Augenblicke spaeter raschelte es vernaehmlich im Busch. Ich hatte mich in diesem Moment fuer zwei Dinge entschieden: Ich liess davon ab nachzuschauen was da geraschelt und geknurrt hat und ich begab mich nach kurzem Schweigen wieder auf den Rueckweg.

Happy Hour

Ich war an einem Sonntag unterwegs in Bangkok und schlenderte ein wenig durch die Strassenschluchten, die an diesem Tag weniger vor Verkehr und blaugrauen Dunst ueberquollen. Da ich ein Freund vom Querfeldeinlaufen bin, entschied ich mich einen Abstecher in eine schmale Seitenstrasse zu machen. Mit jugendlichem Leichtsin schlenderte ich prompt ins Rotlichtviertel. Kein Problem, waren doch die Menschen genauso freundlich wie im Rest der Stadt auch. Ein junge Dame sah mich und begann mich, mit leichten Schiebebewegung in eines der Etablissements zu bewegen. “ Sir, Sir, young women, you want“ Ich lehnte dankend ab. Unbeirrt hielt sie mir ein Bild unter die Nasen, auf dem sich mehrere Frauen nackt in einem Schaumbad suhlten. Nein ich wollte immer noch nicht. „Sir, Sir, now Happy Hour“. Mir war im Moment nicht klar, ob das hiess ich koennte zwei zum Preis von einer bekommen. Mit einem geschickten Ausfallshritt schaffte ich es, die enttaeuschte Dame abzuschuetteln.

Vier Blondinen

Es war in einer kleinen Provinzstadt. Vorherrschende Harrfarbe: Schwarz. Wie es der Zufall wollte stiegen vier englische Blondinen aus einem Bus. Einige Thaeilaender waren sofort aus dem Haeuschen. Fuer sie war das der Porno schlechthin. Da die Strasse sehr eng war, hatten in wenigen Augenblicken alle Passanten dieses Schauspiel in seiner Tragweite ermessen koennen. Die englischen Maedels liessen sich nicht witer stoeren, wahrscheinlich waren sie einen derartigen Auflauf schon gewoehnt. Einer der Zuschauer konnte der Versuchung nicht widerstehen und zueckte eine Vidiokamera aus einer seiner Jackentaschen. Unverhohlen begann er zu filmen. Im selben Moment liess sich das Schicksal nicht lumpen und veranstaltete ein heiden Spektakel. Zwei Busse trafen sich gleichzeitig auf der Strasse und mussten einander ausweichen. Da die Stromleitungen hierzulande alle oberirdisch verlaufen und mitunter nicht sehr hoch haengen kam was kommen musste. Einer der Busse riss ein Kabel aus seiner Verankerung und erzeugte neben einem lauten Aufschrei noch einen ordentlichen Funkenregen. Der Mann mit der Vidiokamera war schlichtweg ueberfordert. Er drehte sich wie ein Tasmanischer Teufel, von der Hoffnung getrieben beide spektakulaeren Ereingnisse gleichzeitig zu filmen.

Wo ist der Schluessel.

Ich hatte mir ein Motarrad ausgeliehen und die Dame am Schalter hatte mir den dazugehoerigen Zuendschlussel gegeben. An einem pinken Band baumelte dieser bald brav im Zuendschloss waehrend ich ueber die Insel tuckerte. Die ersten 30 Kilometer ging alles gut erst dann wurde es zumindest fuer mich weniger amuesant. Der Schluessel hatte ein gewisses Eigenleben und verabschiedete sich ungefragt, um platt wie eine Flunder irgendwo auf der Strasse zu liegen. Das Motorrrad fuhr waehrend dieser Zeit einfach weiter. In manchen Faellen kann das durchaus praktisch sein. Fuer mich hiess es 15 Kilometer Strasse absuchen um einen Schluessel mit pinkem Band wieder zu finen. Ich fand ihn cirka 100 Meter von der Stelle entfernt, an der ich losgefahren war. Ab diesem Zeitpunkt startete ich das Motorrad mit Schluessel im Schloss und steckte ihn anschliessende in meine Tasche. Da ich noch nie wirklich lernfaehig war, obendrein auch noch vergesslich bin hatte ich das verdammte Ding nach zwei Stunden schon wieder verloren. Diesmal durfte ich zwei Kilometer Schotterweg absuchen. Einfache Sache bei einem pinken Band, wenn nicht die gesamte Insel das gleiche Band benutzte . Ich fand ihn dennoch.

Medium oder extra scharf

Thailand haelt fuer seine Besucher eine der besten und extrem abwechslungsreichen Kuechen der Welt bereit. Viele der Speisen, dazu zaehlen ebenso Suesigkeiten und so manches Getraenk, sind mit Hilfe tausenderlei Currys, Pfeffer und Chillischoten scharf gewuerzt. Das deutsche Adjektiv „scharf“ ist allerdings aeusserst beschraenkt, um ueberhaupt auszudruecken, was scharf alles bedeuten kann. Zudem ist Schaerfe ein subjektive Empfindung. Was fuer den einen scharf, ist fuer den anderen nur lasch und fad.

Mit meinen nicht vorhandenen Thaikenntnissen bewegte ich mich an einem Abend zielstrebig auf einen vielversprechend aussehenden Strassenstand zu, der in diversen Toepfen allerlei Koestlichkeiten anbot. Laechelnd zeigte ich unbeirrt auf einen der Toepfe, dessen Inhalt scheinbar aus einem guten Gemueseauflauf bestand. Eine der Koechinnen wies mir einen Platz zu und stellte mein Wunschegricht und Wasser mit Eiswuerfeln in Plastegeschirr vor mich auf einen kleinen Tisch. Wie alle Gerichte wurde auch diese mit Reis serviert. Schon beim ersten Bissen brannte meine Lippe und ich musste die Lippen schuerzen. Scharfes Essen gewohnt, war ich mir sicher auch diese Pruefung zu bestehen. Als der Teller leer war standen mir Schweissperlen auf dem Gesicht, meine Zunge stand in Flammen und bei jeder Beruehrung meiner Zunge fuehlte es sich an als wenn ich sie mit Pfeffer bestrich. Mein Magen liess den gesamten Abend ein gut vernehmliches Krummeln von sich hoeren. Am naechsten Morgen hatte sich das gute hausgemachte Curry bis nach unten durchgearbeitet. Es brannte selbst beim Scheissen noch.

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Frühstück am Mekong

Der Mekong. Eine Name vielleicht, bei dem viele an den Vietcong oder den Vietnamkrieg denken. Fast moechte man bei diesen Gedanken an Majestaetsbeleidigung denken. Denn es handelt sich nicht um einen dahergelaufenen Burschen sondern um einen der laengsten Fluesse der Erde. In Chiang Khong, einem Provinznest an der thailaendisch- laotischen Grenze, hat seine Majestaet schon eine beachtliche Weite angenommen (Majestaet bedeutet hier im Uebrigen Koenigin, da der Flussname Mae Nam Khong in Thai „Mutter des Wassers“ bedeutet.). Wer am Ufer sitzt und seine Gedanken mit dem trueben Wasser von dannen treiben laesst, wird nachvollziehen koennen, warum Hesse’s Siddartha an einem Fluss Erleuchtung fand. Gleichzeitig sollte sich jener, der in Gedanken versunken am Ufer sitzt, darueber freuen, dass nicht alles was seinen Weg in den Mekong findet, bunt schillert. Ansonsten wuerden die Abwaesser des chinesischen Wirtschaftsboomes die gesamte Szenerie in ein schwimmendes Las Vegas verwandeln.

Grossse Teile der gruenen Grenze zwischen Thailand und Laos werden vom Lauf des Mekongs bestimmt. Nach einer Regierungsvereinbarung beider Staaaten, gehoeren alle Inseln und saemtliche Sandbaenke sowie Felsen, die waehrend der Trockenzeit aus den Fluten auftauchen, zu Laos. Ich muss gestehen, man koennte mir vorhalten, ich haette gemogelt. Doch kann ich an dieser Stelle mit Fug und Recht behaupten, mich immer an internationale Vertraege gehalten zu haben. Mit mehreren Steinen habe ich nahe des thailaendischen Ufers (ca. 1 Meter entfernt) eine kleine laotische Insel entstehen lassen. Ohne Visum aber mit nassen Fuessen konnte ich so dem thailaendischen Koenigreich von Laos aus zuwinken.

Drueben lag tatsaechlich die andere Seite, dort war Laos. Ich war mir in diesem Moment sicher, dass die thailaendische Seite der laotischen nicht unaehnlich sieht. Am Ufer standen ein paar Palmen wie hingestreut, die Huegel zogen sich Haeuser hinauf und im Hintergrund Brgland mit bewaldeten Huegeln, Feldern und Bananenstauden. Vom Tempel her waren Klocken, Trommeln und Gesang zu hoeren. Zwischen den Toenen tuckerten kleine Langbooete, die als Faehren zwischen den Laendern beiderseits des Flusses dienten.

In diesem Moment musste ich laecheln. Zum einen freute ich mich hier zu sein, am Mekong mitten in Asien. Ich wusste auch, dass das Bild des anderen Ufers in groben Zuegen der Umwelt entsprach, in der ich mich gerade aufhielt. Ich schaute somit zu mir selber hinueber. Zum anderen war mir in diesem Moment klar, dass ich in nicht allzu ferner Zukuft auf der laotischen Seite wuerde stehen.

Denn der Norden Thailands war in zweierlei Hinsicht eine Enttaeuschung. Ich haette sehr gerne eine Bootsfahrt auf dem Mekong unternommen. Leider haben die Thais diese Art Touristernattraktion noch nicht fuer ihre Geschaefte entdeckt. Zwar ist es auf der thailaendischen Seite moeglich ein Boot zu chartern, doch muten die Preise Preise geradezu luxurioes an. Auf der laotischen Seite hingegen gibt es einen regulaeren Linienverkehr, der den noerdlichen Teil des Landes mit der Hauptstadt verbindet. Bei meiner Reise nach Laos werde ich darum eine 4-taegige Flussfahrt unternehmen.

Ein anderes schauriges Kapitel der hiesigen Tourisatengefilde ist das Hill-Tribe Trekking. Obwohl ich mir vorgenommen hatte, die Bergwelt Nordthailands zu erkunden, habe ich von dem Vorhaben schnell die Finger gelassen. Waehrend denn im Sueden des Landes die Mallorca-Welle tobt, wird der Norden von der Studiosus-Tsunamie ueberrollt. Tausende von Touristen werden jedes Jahr in abgelegene Bergdoerfer gefuehrt, die von Karen, Lisu und anderen ethnischen Minderheiten bewohnt werden. Durch diverse Amusements wie Elephantenreiten und Bamboo-Rafting erheitert, stuermen die geneigten Touristen die Doerfer der ach so interessanten „Eingeborenen“. Da solche Touren anstrengend sind und das schwuel-heisse Klima seinen Tribut an Schweissperlen fordert, kann schnell das ein oder andere Kleidungsstueck fallen. Sodann stehen sich verdutzte, vielleicht in vielen Faellen gar erschreckte Bergbewohner und leicht bekleidete und freudestrahlende Touristen gegenueber. Es werden Fotos geschossen, ein Blick in dieses Haus geworfen, dem einen bei der Arbeit zugeschaut, der andere beim Schlafen begafft und schliesslich wird ins naechste Bergdorf weitergezogen. Immer wieder werden Fuehrungen in noch abgelegenere Gebiete angeboten, in denen die Touristenpfade noch nicht so ausgetreten sind und sich die Einheimischen in ihrer eigenen Heimat noch ein wenig sicher fuehlen duerfen. Und die Touristen sind begeistert und so unglaublich sorglos. Diese Naivitaet mit der Auslaender ihrem Voyeurismus froehnen ist schier erschreckend. Als eine Reisender respektive Tourist in Thailand bin ich erschreckt und gefangen zugleich. Gefangen zwischen den Polen, schnell das Weite zu suchen oder hier zu bleiben, um einen eigenen Weg des Reisens zu finden, der solche Negastivseiten ausschliesst.

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