Nakater

Sie besaß einen Kater als ich sie kennenlernte. Ich glaube, die einzigen beiden lebendigen Wesen zu denen sie in dieser Zeit Kontakt hatte, waren der Kater und ich. Nach seinem Tod verließ sie die Stadt. Schon vorher hatte sie genug von ihr. Sie erzählte mir immer wie überdrüssig sie allem sei: den Menschen, den täglichen Begegnungen, der Anordnung von Straßen und Häusern, den Geräuschen und Gerüchen. Sein plötzliches Ableben war vielleicht der finale Grund für sie, alles hinter sich zu lassen.

Die Geschichte, wie der Kater zu ihr fand, konnte ich mir nicht oft genug anhören. Wenn sie sie erzählte, passte jede Kleinigkeit zusammen. Ihre Stimme war auf eine positive Art sehr einnehmend und ich hing die gesamte Zeit an ihren Lippen. Außer ihrem Gesicht bewegte sie keinen einzigen Teil ihres Körpers. Später habe ich probiert anderen Menschen die gleiche Geschichte zu erzählen, aber sie klang nach jedem Mal unwahrscheinlicher.

Er stand damals einfach im Hinterhof und starrte in den Himmel. Es war gerade Juni doch das Wetter genauso heiss und staubig wie im Hochsommer. Vielleicht suchte er im Hinterhof ein wenig Schatten während er auf Regen wartete.

Das war zumindest ihr erster Gedanke, als sie ihn vom dritten Stock aus beobachtete. Es vergingen mehrere Stunden in denen er sich nicht bewegte. Nur ab und zu begann er enthusiastisch einen Teil seines Fells zu lecken, um anschließend wieder in seine Starre zu verfallen. Als plötzlich ein Gewitterregen niederging, nahm er es einfach desinteressiert hin. Ein Kater der sich nass regnen ließ erschien ihr einen näheren Blick wert. Unten angekommen schaute sie durch die Hoftür. Er war weg! Sie beugte sich ein wenig weiter hinaus, aber nichts war zu sehen. Stattdessen fand sie ihn auf einen ihrer Küchenstühle wieder.

Einen richtigen Namen für ihn hat sie nie gefunden. Ließ er sich eine Weile lang nicht blicken, rief sie laut “Kater” aus ihrem Fenster. Kam er schließlich zurück sagte sie nur kurz “Na Kater”. “Na Kater” wurde irgendwann zu “Nakater”. Er schien auf den ersten Blick ein phlegmatisches Tier zu sein, das von der Seite betrachtet ständig grinste. Tagsüber lag oder saß er die meiste Zeit über in ihrer Wohnung. Mit Vorliebe anderen Leuten im Weg. Es kam auch vor, dass er stundenlang die Tauben auf dem gegenüberliegenden Dach beobachtete ohne sich zu bewegen. Im Gegensatz zu allen anderen Katzen war er in keinster Weise wasserscheu. Nicht nur dass er gelangweilt im Regen saß, sie konnte ihn sogar mit unter die Dusche nehmen. Niemand wusste was er nachts trieb. Sie sagte, er sei ein ziemlich windiger Kerl. Zumindest war Nakater bis zum frühen Morgen nie anzutreffen. Er mogelte sich dann irgendwie durch die Haustür, die Wohnungstür konnte er selber öffnen.

Nach einem halben Jahr lag Nakater tot auf einer kleinen Bank im Hinterhof. Er grinste immer noch und eigentlich sah es nur so aus, als wartete er wieder einmal auf Regen. Dieses Grinsen, genauso wie die Edamer Katze bei Alice im Wunderland. Sie hat ihn zusammen mit diesem Grinsen im Park vergraben.

Ich habe sie später nie wieder gesehen.

Na Kater!

Nakater! Wach doch auf!

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