Lichter weit Draußen


Stellt man einem Sydneysider die Frage, wo genau das Outback beginnt, wird er wohl seinen Arm heben, Richtung Westen deuten und antworten,
fifty k’s that way. Die gleiche Frage in Melbourne gestellt, erhält man die selbe Antwort. Mit etwas Wohlwollen wird Adelaide noch der Zivilisation zugeordnet, der letzte Außenposten bevor die weite Leere beginnt. Dagegen werden einige Stimmen protestieren, möglicherweise die Bewohner von Perth, die sich selber wohl kaum als Besiedler des Outbacks fühlen. Alles eine Frage des Standpunktes.

Um ehrlich zu sein, war ich vielleicht nie wirklich weit draußen, aber weit genug um ein Gefühl zu bekommen, was das Outback ist.

Tagsüber ist man mit der Sonne alleine. Je nach Tages- oder Jahreszeit wärmt sie einem die kalten Knochen oder wird zum unerbittlichen Zeitgenossen, wenn überhaupt dann nur im Schatten zu ertragen. Natürlich hat die Sache den Haken das Schattenspender eher rar sind. In Ruhe gelassen wird man sowieso nicht. Ein Australier fasste es einmal so zusammen: “It’s a beautiful country except the flies!” Ich habe nie verstanden warum sich Cowboys beim Schlafen ihren Hut bis zum Kinn hinunterziehen. Jetzt weiss ich es! Unterlässt man es, dauert es keine Minute, bis man eine Fliege im Auge, in einem Nasenloch oder an einer anderen, meist kitzligen, Stelle im Gesicht hat. Ich frage mich zuweilen, auf wen sie sich niederlassen wenn man nicht zur Stelle ist oder was sie trinken. Nicht das alle Fliegen des Outbacks nach Alice Springs in den dortigen Starbucks düsen und einen Latte Macchiato ordern, vielleicht gibt es bottleshops für Fliegen.

Zurück im Auto hat man zwar Ruhe vor den Fliegen, vielleicht ein wenig Schatten aber ein durchdringender Wunderbaumgeruch und 50 Grad sind keine wirklich entspannende Atmosphäre. Mit offenem Fenster fahren, nur etwas für plumpe Anfänger, Besserwisser oder Hartgesottene.

Die Straßen, wohlwollend Tracks genannt, sind sowieso eine Geschichte für sich, erzählt von Straßenschildern am Rand der Piste. Die Informationen, die man erhält, sind offensichtlich: Fitzroy Crossing 304 km, daneben das Piktogramm für Tankstelle und einen Caravanpark und versteckt: für 304 km keine Ortschaft, kein Haus, vielleicht ein Auto und ein Plausch über heruntergelassene Scheiben, Kängurus, streunendes Vieh und Staub. Dazu gibt es einzelne Wörter, schwarz auf gelben Grund, deren Missachtung immer in ernsthaften Schwierigkeiten endet. Crest – der Hinweis auf eine Hügelkuppe, die ab einer bestimmten Geschwindigkeit zur Sprungschanze wird oder effizient entgegenkommende Autos verdeckt. Dip – eine extrem tiefe Bodenwelle, vielleicht ein ausgetrocknetes Bachbett hinter einem Hügel. In einigen Fällen muss man mit Schrittgeschwindigkeit und schräg zur Fahrbahn fahren. Wer mit Vollgas durch eine dieser Strassenfurchen brettert verwandelt sein Auto mit grosser Wahrscheinlichkeit in einen Schrotthaufen. Corrugations – Bodenwellen! Laut gängiger Meinung einiger Australier werden alle Pisten ab 100 km/h smooth. Der Teufel steckt auch hier im Detail. Tempo 60 fühlt sich wie eine holprige Kopfsteinpflasterstraße an, 70 km/h haben Ähnlichkeit mit einem Ausflug auf einem schlechten Feldweg, 80 km/h sind vergleichbar mit dem Versuch über Bordsteinkanten zu fahren und spätestens bei Tempo 90 löst sich jedes Auto in seine Einzelbestandteile auf.

Mein absoluter Favorit ist aber nach wie vor der Hinweis auf Kängurus. Eigentlich überflüssig, da sie sich anscheinend an jedem Flecken auf dem australischen Kontinent aufhalten. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich mehr lebende oder mehr totgefahrene am Straßenrand gesehen habe. Sicher möchte niemand nur ein einziges Wahrzeichen Australiens auf dem Gewissen haben, aber sie lieben die Straße. Besonders zu Sonnenauf- und Untergang treffen sich ganze Clans und Familien auf dem Teer, hüpfen auf und ab, glotzen in der Gegend umher und machen einen das Leben schwer. Viele Autos haben deshalb eine sogenannte bullbar, eine Art verchromter XXL-Stoßstange mit der man auch den Aufprall auf ein zwei Meter großes Riesenkänguru unbeschadet überlebt. Mein Auto hat keine solche Schutzeinrichtung, die ich im übrigen abwertend als Rhinozerusbremse bezeichne. Ein Tag ohne Vollbremsung ist ein guter Tag. Einmal hat es nicht funktioniert, ich trauere immer noch.

Die weißen Hinweisschilder beachtend, fährt man los, holpert seinen Weg zum Horizont, spult Kilometer ab, rollt über ein flimmerndes Teerband bis zur nächsten Kurve und, dann wer hätte das gedacht, geht es einfach weiter. Die Landschaft, vor allem in den weiten Ebenen, erweist sich als äußerst abwechslungsreich. Es gibt Sträucher, Termitenhügel, Gras, Termitenhügel, Bäume und manchmal wird die Monotomie durch einen neuen Termitenhügel durchbrochen…..

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Ningaloo


Für die Ostkinder unter euch, könnt ihr euch noch an eure Urlaube an der Ostsee erinnern? Vielleicht mehrere Stunden in einem Trabbi verbracht und dann dieser aufregende Moment wenn man Sand unter den Sohlen hat und das blaue Wasser sieht. Ich glaube, ich hatte damals eine Taucherbrille, ich bin mir sogar fast sicher. Mit ihr habe ich den steinreichen Sandboden der Ostsee nach Muscheln abgesucht, Quallen verfolgt und die Hängebäuche der FKK Badenden von unten betrachtet.

Nach der Ostsee sah es bei mir mit dem Tauchsport eher düster aus. Vielleicht fehlte es einfach an Gelegenheiten oder am Enthusiasmus. Auf meinem Weg nach Darwin lag das Ningaloo- Reef. Der kleine Bruder vom Great Barriere Reef im Osten Australiens und weltbekannt dafür, dass es der einzige Ort der Welt ist an dem sich jährlich Walhaie einfinden und sich von jederman begutachten, fotografieren und anfassen lassen.

In Coral Bay ging ich geradewegs in ein Geschäft für Taucherausrüstung, erstand einen Schnorchel und eine Taucherbrille und begab mich an den Strand. Feinster Sand, blauer Himmel und klares türkisfarbenes Wasser. Dort wo das Wasser langsam eine dunkelblaue Färbung annahm, sollte das Riff beginnen, 20 Meter vom Strand entfernt. Mit genügend Mut, um das 20 Grad kalte Wasser zu vergessen, stürzte ich mich in die Fluten.

Schon nach wenigen Metern kamen die ersten Fische in Sicht, ein herrlicher Anblick, vor allem wenn man sie nur als aus toten Augen starrende Speise auf dem Teller kennt. Dann ging es los- die Korallen begannen. Keine bunten Warmwasserkorallen wie in südlicheren Gefilden sondern Kaltwasserarten, die atemberaubende Formen bilden. Da gibt es riesige Rosenblüten, 2 Meter im Durchmesser und nur auf einem armdicken Stamm stehend, fein verzweigte Büsche, fünf Meter hoch, riesige Türme zwischen denen sich Schwärme von Fischen bewegen und die bei Ebbe bis nah an die Wasseroberfläche reichen, Muscheln so gross wie Kochtöpfe, tiefe Canyons mit gezackten Korallen bestückt. Als sich ein paar Mantas zeigten musste ich vor Freude schreien und ein paar Luftblasen ins Wasser entlassen. Nach 20 Minuten zog ich mich mit blauen Lippen an den Strand zurück. Seitdem tauche ich jeden Tag ab und spiele mit Nemo und Arielle der Meerjungfrau.

 


In der Seitenstraße


Es geht los. Eine Kurzzusammenfassung des Outback wäre die: Es gibt nichts! Zumindest keine zivilisatorischen Annehmlichkeiten wie einen Supermarkt um die Ecke, eine Tankstelle am Ende der Straße oder einen Wasserhahn gleich da vorne. Somit ist das Horten von Vorräten der erste Schritt vor dem eigentlichen Aufbruch.

Etwas nervös begab ich mich deshalb in das Getümmel eines überdimensionierten Supermarktes, gefüllt mit Hausfrauen und Rentnerschwämmen. Nach einer Stunde hatte ich meinen Trolley gefüllt, den größten Einkauf meines Lebens getätigt und nebenbei unwichtige Dinge wie Brot schlichtweg vergessen. Im Grunde keine grosses Drama, da das australische Weißbrot mit erbärmlich mehr als wohlwollend umschrieben ist. Der nächste Stopp war ein Großmarkt für Autoteile in dem ich Zündkerzen, einen Reservekanister und ein Abschleppseil erstand. Mit leichten Kopfschmerzen wagte ich mich schließlich in ein Geschäft für Campingbedarf, nur um drei mickrige Gaskartuschen zu kaufen. Nach fast zwei Stunden Einkaufswahn, ich hatte mehr Nerven als Geld verloren, verließ ich fluchtartig das Einkaufszentrum und machte mich auf den Weg, das Ende der Stadt zu finden.

In einer Seitenstrasse hat es mich dann eiskalt erwischt. Sie sah genauso aus wie die vorherige und irgendwie unterschied sich der Einfamilienhausbrei der letzten 40 km nur in den Autos vor den Garagen. Mittlerweile hatte ich es aufgeben mich anhand der Strassen zu orientieren und mich nur noch nach dem Stand der Sonne gerichtet, in einer Sackgasse endete der Spaß. Nach zwei Stunden war es mir nicht gelungen, die unverbaute Landschaft zu erreichen. Das famose an Vorortsiedlungen ist die einfache Abstinenz von Passanten auf den Strassen. Ich vermutete, dass sie gerade alle mit Einkaufen beschäftigt waren oder was viel wahrscheinlicher war, sich auf dem Weg zum Einkaufszentrum oder zurück nach Hause befanden. Irgendwie half mir die Sonne dann doch noch, wenn auch nicht das Ende der Stadt so doch den Strand zu finden.

Mein Abendbrot genoss ich nach all den Anstrengungen direkt am Rande der Kofferraumklappe. Der Höhepunkt des Tages war sicher der nächtliche Polizeibesuch. Nachdem mich zwei Beamte freundlich mit lautem Klopfen und einer hellen Taschenlampe aus meinen süßen Träumen gerissen hatten, wollten sie nichts weiter als meinen Ausweis sehen und ein wenig mit mir plauschen.

Kilometer Null


Ich besaß eine Puppe als kleiner Junge aber keine Autorennbahn! Mercedes Benz oder Ferrari sind nie in meinen Träumen aufgetaucht und Autos hatten für mich nie etwas mit Freiheit zu tun. So weit die Lage der Nation. Vielleicht brauchte es deshalb 27 Jahre bis ich aufgeregt vor meinem ersten eigenen Auto stand, einem rot lackierten Haufen Rost aus dem Jahr der Wiedervereinigung. Ich habe den Guten Dalton genannt. Er riecht nach Wunderbaum, laut Anzeige ist er bereits siebeneinhalb mal um die Erde gefahren und man würde ihn als Auto mit Charakter bezeichnen, um seine nervigen Macken zu übertünchen. Seine größten Luxusausstattungen sind der CD Player (unglaublich vorteilhaft vor allem wenn man wie ich keine CD’s dabei hat) und der Allradantrieb (unverzichtbar in der Wildnis, die ich ja sehen will). Ein Kombi war es obendrein, von den Australiern station wagon genannt.

Es wird eine weite Reise, 9000 km von Perth über Darwin und Cairns weiter nach Brisbane und Sydney. Angefangen hat alles bei Kilometer Null.

Ich musste eine Nummer ziehen und mich zwischen zwei Wartenden auf einen der speckigen Sitze in der Zulassungsstelle quetschen. Nach einer halben Stunde war ich der offizielle neue Besitzer eines 18 Jahre alten roten Subaru. Mit einem Grinsen fuhr ich über den achtspurigen Highway Richtung Innenstadt. Das war sie also, die von der Werbung versprochene Freiheit. Lange Autoschlangen auf dem Nachhauseweg. Die Sonne ging bereits unter, sie färbte den Swan River und die Bürotürme rot, ein leichter Wind wehte, Jogger waren unterwegs. Würde jemand den gesamten Highway ausblenden und nur mich als einziges Auto zulassen, ich würde die Werbung verstehen. Aber so.

Die Minen


Ich war wieder in Perth. Es ist etwas dunkler seit dem letzten Mal. Irgendwo im Norden ist ein Gaswerk explodiert. Seitdem ist Gas knapp geworden, in einem Land das mehr Rohstoffe als jedes andere auf der Welt besitzt und einer der größten Gaslieferanten Chinas ist. Mit dem Gas wurde der Strom knapp und den Aufrufen der Regierung folgend, schalten viele Büros in den Hochhäusern der Innenstadt nach Feierabend ihre Beleuchtung ab. Die Menschen schütteln verwundert ihre Köpfe ob dieser Zustände. Sie leben in einem Staat, der unter seinem eigenen Boom ächzt. Zwei Themen kommen in Gesprächen immer wieder auf, die Inflation und der Rohstoffboom. Wie überall in der Welt ziehen die Energiepreise an und mit ihnen die Preise für jedes Gut und jede Dienstleistung, die in irgendeiner Weise mit ihnen in Verbindung stehen. Kurz alles. Stimmen werden lauter, die Regierung müsse eingreifen, den Ölmarkt verstaatlichen oder Subventionen für Benzin zahlen. Es ist ein wenig so, als hätte es plötzlich zu regnen begonnen und die Passanten ohne Regenschirm würden nach dem Ende des Regens verlangen.

Sind es nicht die steigenden Preise sind es der Rohstoffboom und die Minen. Die Minen! Mal sagen es die Menschen mit Stolz, mal mit Verachtung oder mit Erstaunen. Mit dem Aufbruch von China und Indien in die erste Wirtschaftsliga und den steigenden Rohstoffpreisen ist in WA ein neues El Dorado entstanden. Der Rubel rollt, allerdings wird er täglich ausgebremst weil es an den nötigsten Dingen fehlt. Es werden über 400 Tsd. zusätzliche Arbeitskräfte benötigt, vom Lehrer über Maurer bis zum Taxifahrer. Straßen und Häfen sind zu klein, das öffentliche Transportsystem überlastet, Häuser können nicht gebaut werden, weil mal keine Ziegeln vorhanden sind oder mal keine Arbeiter verfügbar. Das einzige Hindernis für einen schnelleren Aufschwung ist der Aufschwung selbst.

Manchmal werden Geschichten erzählt, die sehr an die Mangelwirtschaft in der DDR erinnern. Vor zwei Jahren war der weltgrößte Ziegelhersteller (ansässig in Perth) drei Monate damit beschäftigt, einen Großauftrag für eine Minengesellschaft abzuarbeiten. Für den Rest des Landes sah es währenddessen schlecht aus. Geländewagen von einigen asiatischen Herstellern sind ein rares Gut, seit dem Bestellungen im Umfang von einigen Hunderten ausgegeben werden. Von wem? Sobald in Westaustralien etwas nicht vorhanden ist, nicht verfügbar oder sprunghaft im Preis steigt hört man oft, von einem wissenden Nicken begleitet, die Wörter „the mines“.

Die Verantwortlichen des Booms sind weit entfernt von jeglicher „normalen“ Stadt, verstreut über die unermessliche Einöde des Landes. Und trotzdem scheinen die Minen, unter ihnen die größten von Menschenhand geschaffenen Narben der Welt, schwarzen Löchern gleich, gleich um die Ecke zu liegen, besonders in Perth. Die Stadt fungiert als ein einziges großes Lager mit einer einzigen Ausfahrt nach Norden Richtung der Minen: dem Great Northern Highway. Auf ihm ziehen Horden von Road Trains mit Fertighäusern dahin. Andere transportieren nichts weiter als die Reifen einer einzigen überdimensionierten Maschine. Firmen brüsten sich mit ihren Aufträgen für die Global Player der Rohstoffindustrie BHP Billiton und Rio Tinto. Werbungen auf Bussen zeigen lächelnde Menschen zwischen roter Erde und Baggern, die der Werbung nach zu folgen, eine einmaligen Gelegenheit nutzten und nun ihr Geld in der richtigen Branche verdienen. Im Durchschnitt wächst Perth um 250 Menschen täglich. Viele von ihnen werden Probleme haben eine Wohnung zu finden, auch wenn es in der Skyline mehr Kräne als Häuser gibt, vielleicht sitzen sie in der nächsten Zeit im Dunkeln aber sie haben garantiert einen Job und warum?, Yes, the mines!

Feldastronauten


Rein ins Flugzeug und wieder raus. Wer in Australien ein wenig weiter als bis in den nächsten Suburb reisen möchte, steigt in den meisten Fällen gezwungenermassen ins Flugzeug. Zumal wenn man als Reiseziel die isolierteste Großstadt der Erde wählt – Perth. Was man unter „isoliert“ zu verstehen hat, wird bei einem Blick auf eine Landkarte deutlich. Adelaide liegt 2600 km entfernt und Darwin 4000 km. Dazwischen zieht sich das Outback dahin, angereichert mit Minenstädten, Goldgräbersiedlungen und Kängurus.

Nach dem Trubel in Melbourne mutet Perth wie ein kleines beschauliches Städtchen an. Trotzdem ist es ein besonderer Ort – das Zentrum einer Legende, die ich oft hörte und die zumindest in ganz Australien immer wieder zum Besten gegeben wird. Es ist die Legende von Western Australia, von Double U and A, vom Boom der Rohstoffindustrie, dem neuen Reichtum draußen in der staubigen Einöde und von einem Land, in dem jeder der auf zwei Beinen stehen kann und arbeiten will Arbeit findet.

Am zweiten Tag meiner Reise ins Wunderland testete ich die Legende auf Herz und Nieren. Mit zwanzig anderen Interessierten jungen Menschen zwängte ich mich in einen winzigen Raum, einem ehemaligen Friseursalon umgewandelt in eine Arbeitsagentur. Hinter dem Schreibtisch eine energiegeladene Zweizentnerfrau mit mindestens zwei Telefonhörern gleichzeitig in ihren Händen, einen für jedes Ohr. Es kostete mich vier Stunden bis ich an der Reihe war. Das Arbeitsamt in Deutschland lässt grüssen, mit dem einzigen Unterschied das jeder der vor mir den Raum verließ eine Arbeit gefunden hatte. In den meisten Fellen handelte es sich mit Sicherheit nicht um Traumberufe, aber um eine Möglichkeit in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen. Genau das wollte ich auch.

Zehn Minuten später war ich der neue Stern am Traktorfahrerhimmel, auserkoren im australischen Weizengürtel Getreide in den kargen Boden zu sähen. Zwei Tagen blieben mir noch in Perth, danach setzte mich ein Bus in Wubin ab. Ein Nest am Straßenrand des Great Northern Highways: ein Hotel, ein Pub, eine Tankstelle und ein Parkplatz für Roadtrains. Die Farm lag noch einmal zwanzig Kilometer entfernt, irgendwo zwischen kahlen Feldern und umgeben von der rotbraunen Weite und ein paar Haufen Känguruscheiße.

Gleich am ersten Tag überkam mich das Gefühl, dass ich schon gelerntes noch einmal lernen musste und Vertrautes besser sofort als später vergessen sollte. Wie zum Beispiel startet man einen 45 Jahre alten Dodge Truck oder wechselt sich der Reifen eines Vierzigtonners genauso wie der eines Autos und was zum Geier heisst Wasserrohrpumpenzange auf englisch? Alles kein Thema bis auf den Dodge. Um dieses wandelnde Rostloch überhaupt zum Starten zu bringen, musste ich fünf Knöpfe drücken, hier ein wenig ziehen und dort ein wenig pressen. Stunden später tuckerte ich mit dem kleinen Traktor der Farm durch die Gegend. Mitten auf dem Acker fiel mir ein, dass ich als Kind einmal Astronaut werden wollte. Anstatt Purzelbäume im All zu schlagen fuhr ich mit der berauschenden Geschwindigkeit von 20 km/h über die Felder.

Am zweiten Tag fühlte ich mich meisterhaft sicher auf meinem hohen Stahlross. Nichts ist einfacher als einen Traktor zu steuern mit einer Automatikschaltung und einem Gashebel bei dem eine Schildkröte für ‚langsam‘ und eine Haase für ’schnell‘ steht. Voller Übermut und dank mangelnder Fahrpraxis schaffe ich es auf einem 200 Hektar großen Feld, eine Windmühle, eingerahmt in die australische Unendlichkeit, dem Erdboden gleich zu machen. Nachdem ich sie mit meinem Anhänger touchiert hatte, stürzte sie jäh zu Boden und liegt seitdem als Haufen Schrott danieder.

Zwei Tage später gleich die nächste Herausforderung. Man traute mir zu mit dem großen Traktor der Farm keine größeren Schäden anzurichten, stattdessen fleißig Weizen für koreanische und japanische Nudeln zu sähen. Beim ersten Anblick des Ungetüms setzten sich mein Mut und meine Zuversicht hinter der ersten Hecke ab und spurteten davon. Ein Traktor, zwei Anhänger und eine Saatmaschine. Die gesamte Konstruktion war breiter als eine beschauliche Landstrasse und genauso lang wie zwei Reisebusse. Kurz vor einem zwei minütigen Crashkurs erzählte mir mein Chef eine Geschichte von einem Fahrer, der mit der gleichen Maschine in einer Nachtschicht drei Strommasten gerammt und vier weitere umgefahren hatte, den halben Landkreis im Dunkeln ließ und nichts davon mitbekam. Die Steuerung ist einfach: ein kleiner Joystick dient als Ganghebel, ein Schiebeschalter, eingeklemmt zwischen dem Bild eines Hasen und einer Schildkröte ist das Gaspedal, ein Lenkrad ist vorhanden aber der Traktor fährt mit Hilfe von GPS alleine. Zwei Stunden hatte ich einen Beifahrer, danach ließ man mich alleine. Ich kam mir vor wie zu meiner Fahrprüfung. Umgeben von einem gelben Stoppelmeer malte ich mir sämtliche erdenklichen Schreckensszenarien aus. Mit feuchten Händen legte ich den Gang ein und schob das Gas Richtung Haase. Es ging voran, mit unglaublichen achteinhalb Kilometern in der Stunde raste ich über den Acker. Nach zwei Minuten meldet sich das GPS zu Wort, in 50 Metern musste ich um die Kurve lenken. Dank der Hydraulik konnte ich das Lenkrad mit einem Finger bewegen. Für den Anfang benutze ich noch beide Hände, steuerte die gesamte Gerätschaft in einem weiten Bogen einmal um 360 Grad und fuhr geradeaus bis ein erneutes Piepen die nächste Wendung ankündigte. In der Zwischenzeit konnte ich Frühstücken oder einen Handstand auf den Fahrersitz machen. Der Traktor würde trotzdem auf zwei Zentimeter genau eine exakt Bahn ziehen. Bei Feldern die drei Kilometer lang sind, konnte ich mir stundenlang in der Nase bohren oder dem aufwirbelnden Staub hinterher schauen bevor ich ins Geschehen eingreifen musste.

Am Ende der Strommasten.

Das ist zwar kein Abschiedsbrief dafür aber das vielleicht letzte Lebenszeichen in den nächsten zwei oder drei Monaten. Wieso? Ich verkrieche mich nicht in den Dschungel oder besuche ein Ausbildungslager für angehende Terroristen in der Wüste. Nein, ich gehe auf Arbeit. Was das bitteschön mit meinem Verschwinden zu tun hat? Als erstes könnt ihr einmal bei google maps nach Wubin fahnden. Wenn ihr es gefunden habt stellt euch folgende Situation vor: Mobilfunkempfang – möglich aber eher schlecht bis gar nicht, Internet – purer Luxus, Telefonzelle – 10 km entfernt. Das mixt ihr mit der Arbeit die mir bevorsteht. Ich fahre Traktor auf einer Farm. Ein guter Lacher, ich weiß. 10-12 Stunden am Tag, 6 oder 7 Tage die Woche für die nächsten 8-14 Wochen. Na, verblüfft was man mit einem Abschluss als Diplomgeograph so alles anfangen kann? Haltet die Ohren steif, wenn ich wieder da bin, mit dickem Bauch, schlechtem Musikgeschmack und noch schlechteren Manieren hört ihr von mir. Ansonsten, vielleicht gibt es ja doch Internet, da draußen im Outback.

Tramping Neuseeland

Wer sich auf den weiten Weg nach NZ macht, kommt wohl kaum um sich geschichtliche oder kulturelle Höhepunkte anzusehen. Von ein paar kläglichen Ausnahmen abgesehen, ist der Großteil der Städte so aufregend wie eine Provinzstadt in Brandenburg und so historisch wertvoll wie eine Einfamilienhaussiedlung. Tatsächlich suchen die meisten Besucher in der Heimat von Mittelerde das pralle Naturerlebnis. Nicht viele Plätze auf der Welt bieten auf engsten Raum derartig unterschiedliche Naturräume mit ihrer ganz eigenen Gestalt und der dazugehörigen Flora und Fauna. Ein Beispiel gefällig:

Vor drei Tagen haben wir die Pu Pu Springs besucht. Eine Quelle, die 14. Tsd. Liter je Sekunde reinsten Wassers ausspeit das so klar ist, dass man in zehn Metern Tiefe jedes noch so kleine Steinchen erkennen kann. (Hier der obligatorische Superlativ: die Pu Pu Spring ist die reinste Frischwasserquelle der Welt) Einen Tag später standen wir auf dem Farewell Spit, einer 27 km langen Landzunge, die ausschließlich aus Sand besteht. An einigen Punkten in ihrer Mitte erscheint es so, als ob man nur von Sandmassen umgeben ist. Aus diesem Grund witzeln viele Neuseeländer, dass ihr Land sowohl über Gletscher als auch über eine Wüste verfügt.

Ein einfacher Weg Neuseelands unberührte Natur für sich zu entdecken ist, in einem der unzähligen Nationalparks wandern zu gehen. Einige beherbergen einen sogenannnten Great Walk, Wanderwege die besonders schön und populär (Touristenfallen) sind und von denen einige wie der Milford Track zu den schönsten der Welt gezählt werden. Nachdem wir uns bereits auf dem Abel Tasman und Lake Waikaremoana Track warm gelaufen hatten, wollten wir unsere inneren Schweinehunde noch einmal besiegen und den Heaphy Track laufen.

Benannt nach einem Goldgräber, verbindet er auf einem 82 km langen Pfad die Westküste mit der Golden Bay auf der Ostseite der Südinsel. Ich hatte bis dato noch nie eine so lange Strecke bewusst zu Fuß zurückgelegt und verspürte eine deutliche Abneigung, meinen schweren Rucksack über eine solche Distanz ohne Sherpa schleppen zu müssen. Mein persönlicher Ehrgeiz und das Wissen um die Schönheit der Landschaft haben schließlich doch die Oberhand gewonnen.

1.Tag

Ein Bus fuhr uns aus Collingwood, dem letzten Vorposten geballter zivilisatorischer Präsens, bis an die Pforten des Kahurangi Nationalparks. Das Eindringen in einen Nationalpark folgt dabei immer einem ähnlichen Muster: die letzte Stadt, eine Teerstraße die zur Gravelroad wird, die letzte Farm, ein Hinweisschild und schließlich dichter Urwald.

Nachdem der Bus hinter einer Staubwolke verschwand und wir eine siebenköpfige Wandergruppe vorgelassen hatten, nahm das Abenteuer seinen Lauf. Zur Eingewöhnung ging es am ersten Tag 17 km bis zur ersten Hütte bergauf. Was mir sofort auffiel, war mein schwerer Rucksack. Neben einem Zelt, Isomatte, Schlafsack und Wechselsachen beinhaltete er Essen für die nächsten fünf Tage. Da wir keine Freunde von Astronautennahrung (dehydriertem Essen) sind, Süßigkeiten in gehäufter Form nicht wirklich leicht sind und wir nicht auf frisches Obst verzichten wollten, wog das Essen dementsprechend viel.

Nach vier Stunden schlenderte ich teilweise apathisch den Berg hinauf. Währenddessen informierten meine kleinen Zehen mein Gehirn über die neusten Blasenentwicklungen. Wohingegen meine Schultern nur noch ihr dumpfes Schmerzmantra summten.

Nach sechseinhalb Stunden des Laufens, Pausierens, Fotografierens und Tragens hatten wir die erste Hütte erreicht, die bereits von zwei Wandergruppen in Beschlag genommen wurde. Nachdem wir beinahe den gesamten Tag nur mit uns selber beschäftigt waren, waren 20 Leute, die gleichzeitig kochen und essen wollten alles andere als eine entspannte Gesellschaft.

2. Tag

Der zweite Tag war mit nur 12 km der Entspannung vorbehalten. Was meine Füße jedoch nicht davon abhielt , Blasen zu werfen. Nach einer Stunde war ich zudem klitschnass, nicht aufgrund der Daueranstrengung, sondern weil Ellen mich für ein Foto mit Wasserfall in einen kleinen Bergbach gezwungen hatte und einer der klitschigen Steine zu meinem Verhängnis wurde.

An einem Pfahl am Wegesrand hatten Wanderer über die letzten Dekaden hinweg alte Schuhe an das rissige Holz genagelt. Neben ausgelaufenen Wanderschuhen, fanden sich auch ein paar Kinderschuhe, ein Rollschuh, ein Paar Pums und ein Paar Flip Flops. Ansonsten hatte der Mensch hier keine Spuren hinterlassen. Nicht einmal am Himmel war ein Flugzeug auszumachen. Der Wald, durch den wir uns bewegten, war ein einziges grünes Dickicht. Die Stämme und Zweige der Bäume, selbst der Boden und auf ihm alle Steine, waren unter einer dicken Schicht, bestehend aus Moos und Flechten, begraben. Dazu war es absolut still. Die Vögel waren so zutraulich, dass sie einem quasi auf die Füße sprangen. Blieben wir für ein paar Augenblicke ruhig stehen, dauerte es nicht lange bevor wir von zwei neugierigen Augen aus nächster Nähe beobachtet wurden.

Als die ersten Siedler nach Neuseeland kamen, muss die Insel ein einziges großes Vogelnest gewesen sein. Durch das Fehlen größerer Säugetiere, die als Jäger auftreten konnten, konnte sich eine atemberaubende Vielfalt entwickeln. Vom Menschen ging für die Vögel keine große Gefahr aus. Sieht man einmal davon ab, dass die Maoris den Moa, den größten Laufvogel der Erde, ausrotteten. Umso gefährlicher sind die ungebetenen Gäste, die er mitbrachte: Ratten, Wiesel (Eingeschleppt, um die Ratten zu jagen.) und Possums (Eingeführt, um am großen Pelzgeschäft teilzuhaben.). Wiesel und Possums sind die größten Gefahrenquellen der einheimischen Vögel, da sie deren Eier und wie im Falle des Wiesels, Jagd auf Küken und Jungvögel machen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Arten Bodenbrüter sind und sie somit leichtere Ziele darstellen.

In nationalen Programmen wird versucht, den Plagegeistern Herr zu werden. Mit der Jagd auf Wiesel versucht man Vögel, vor allem die Nationalikone dem Kiwi, vor dem Aussterben zu bewahren. Possums werden getötet, um den Urwald zu retten. Schätzungen zufolge gibt es landesweit zwischen 60- 70 Mio. Exemplare, die jedes Jahr 70 Mio. Tonnen Wald vertilgen. Ein totes Possum auf der Straße wird gerne aus Roadpizza bezeichnet. Makaber? Man verliert schnell das Mitleid, wenn man mit eigenen Augen die Schäden sieht, die diese putzigen Gesellen anrichten.

3. Tag

Der dritte Tag war noch einmal ein Lazy Day. Nachdem wir am Morgen als letzte die Hütte verlassen hatten, kamen wir bereits nach dreieinhalb Stunden an der nächsten an.

Mit einem ganzen Nachmittag Freizeit konfrontiert, überlegte ich mir, wie ich die Zeit bis zum Essen am besten ausfüllen konnte. Als erstes wollte ich mein Zelt aufbauen. Da der Boden mit Steinen gespickt ist, wurden extra Holzplattformen errichtet, auf denen der geneigte Wanderer sein Zelt aufstellen kann. Anstelle der Heringe wird es an Leinen befestigt, die an den Seiten des Gestells angebracht sind. Nach 20 Minuten gab ich auf und baute das Zelt schließlich auf dem Hubschrauberlandeplatz auf.

Geschwächt von dieser herben Enttäuschung, beschränkte sich meine weitere Nachmittagsbeschäftigung auf Sodoku spielen und das Begutachten der Neuankömmlinge.

4. Tag

Mit 22 km die Königsetappe der Wanderung. Am Vortag sahen wir noch ein paar Großstadtcowboys, die an einem einzigen Tag 27 km gelaufen waren und sich nur noch humpelnd fortbewegen konnten. Aus diesem Grund wollten wir die ganze Sache etwas geschmeidiger angehen lassen.

Nachdem sich der Weg am ersten Tag durch Südbuchenwälder schlengelte, ging es an den folgenden zwei Tagen durch die Gouland und Mackay Downs, einer Art Lüneburger Heide im Gebirge. Heüte führt die Strecke nur bergab- immer dem Meer entgegen. Der Wald wird langsam wieder dichter. Bald besteht er nur noch aus Baumfarnen, Nikaupalmen und 30 Meter hohen Rimubäumen. Sichtweite keine zehn Meter.

Überall tropft und rinnt es dem Meer entgegen. Die größten Flüsse überqueren wir via Hängebrücken, wobei das englische Ort swinging Bridge viel besser passt. Es ist jedes mal ein Heidenspaß, wie ein Besoffener über die wackelnde Brücke zu stolpern.

Die Brandung des Ozeans, ist schon weit im Landesinneren zu hören. Als wir den Wald schließlich verließen, hatten wir ein Bild vor uns, wie es so typisch für die Westküste der Südinsel ist: in einem fort drischt die Tasman Sea ihre Wellen gegen die Kalk- und Granitfelsen. Der Wind nimmt sich der Gischt an und treibt sie in langen Schwaden die mit Regenwald bewachsenen Hänge hinauf. Tiefe Wolken verfangen sich im Küstengebirge. Sie ziehen schnell, reißen an einigen Stellen auf und entblößen ein Stück blauen Himmels. Der Ort fühlt sich massiv und unbezähmbar an. Es ist wunderschön hier.

5. Tag

Der letzte Tag. Gäbe es nicht so viele andere Dinge in diesem kleinen Land zu bestaunen, wir würden auf der Stelle zurück marschieren und den Weg von vorne beginnen.

Wir bewegen uns noch einmal durch ein perfektes Postkartenmotiv. Unter einem wolkenleeren Himmel schlendern wir durch Haine aus Nikaupalmen. Der Ozean ist etwas ruhiger als am Vortag, aber immer noch röhrt die Brandung in einem fort. Nichts trübt die Stimmung nur ein wenig Gischt wabert umher.

Reise ums Kap

Vor vier Jahren stand ich an einer der großen Ausfallstraßen im Norden Aucklands. Ich war mir damals nicht sicher, ob man in NZ den erhobenen Daumen als Zeichen fürs Trampen erkennen würde. Trotz dieser Unsicherheit hielt nach fünf Minuten ein pink-farbener LKW an. Ungefähr 50 km weiter parkte der Fahrer sein Vehikel neben einem kleinen Lebensmittelgeschäft. Ich sprang aus der Beifahrertür, meine Frage geklärt und in der Tasche eine pinke Visitenkarte. Brian gab sie mir mit den Worten, dass alle seine Söhne ausgezogen seien und sein Haus genug Platz für einen Besucher bieten würde. Drei Wochen später schaute ich in Gisborne, der Heimatstadt Brians, vorbei. Die nächsten zwei Wochen und die Weihnachtsfeiertage verbrachte ich mit der Familie Hall. Als ich sie verließ, hatte ich mir bereits vorgenommen wiederzukommen, nur konnte ich beim besten Willen nicht sagen, wann dieser Zeitpunkt sein würde.Vier Jahre später stand ich zusammen mit Ellen vor einem vertrauten Haus an einem mir altbekannten Ort. Anita, Brians Frau, wartete mit einem zurückhaltenden Lächeln bekleidet, in der Eingangstür, während Brian enthusiastisch aus seiner Garage kam, mich mit einer Umarmung begrüsste und mich fragte, ob ich endlich Englisch gelernt hätte. Kaum hatte ich meinen Rucksack abgestellt, wuselten wir alle zusammen über das Grundstück und Brian zeigte uns die Antiquitäten, die er einem Händler in Auckland verkaufen wollte (er hatte sie zum halben Preis in den USA gekauft) und sein zweites Rolling Home, (ein Bus der „nur“ sieben Meter lang ist, der erste maß stolze elf) den er gerade für ein Tour auf die Südinsel präparierte. Die Gastfreundschaft der beiden schien wieder einmal unerschöpflich und wie sich herausstellte, verbrachten wir wiederum zwei Wochen in Gisborne.

Gisborne

Gisborne ist Neuseelands östlichste Stadt und macht gerne mit der Tatsache Werbung, dass jeder Tourist nur hier die Möglichkeit hat, jeden Sonnenaufgang vor allen anderen Menschen zu sehen. Die zweite wichtige Attraktion ist der Flughafen, welcher als Einziger auf der Welt eine Rollbahn besitzt, die von Bahnschienen gekreuzt wird. Im Zweifelsfall hat immer der Zug Vorfahrt! Historisch Bedeutendes dagegen findet sich in zwei James Cook Statuen verdichtet, gilt doch der Ort als der erste Punkt an dem der englische Entdecker einen Fuß an Land setzte. Leider wurden beim ersten Aufeinandertreffen zwischen europäischen Seefahrern und Maoris sechs Eingeborene aufgrund kultureller Missverständnisse getötet. Ein nicht allzu rühmlicher und oft verschwiegener Start einer noch jungen Nation.

Waikaremoana

Probleme bei der Aussprache? W wie ein weiches W in Vase, ai wie ei, alle folgende Vokale einzeln wobei die Aussprache gleich der deutschen ist. Ai wird wie ei ausgesprochen, alle anderen Vokale genauso wie ihre deutschen Gegenstücke. Waikaremoana oder Lake of the Rippling Water. Vor 2600 Jahren löste ein Erdbeben einen Bergsturz aus, der ein enges Tal unter sich begrub und damit den See langsam aufstaute. Heute ist er ein Teil des Te Urewera Nationalparks und eines der schönsten Naturspektakel, das Neuseeland zu bieten hat. Die Strasse nach Weikaremoana folgt fast 60 km einem Fluss und ist zum Schluss eine Schotterpiste, direkt ins Nirgendwo. Auf einem fast fünfzig Kilometer langen Pfad kann jeder Müller und alle anderen, die Lust auf Wandern haben den See umrunden. Dabei bewegt man sich unablässig in Postkartenmotiven oder Herr der Ringe Landschaften. Der Wald sieht aus wie ein Märchenwald, alle Bäume haben lange Bärte aus Flechten und manche von ihnen scheinen älter als Asbach Uralt zu sein. Dazwischen stehen Baumfarne, pflanzliche Überreste aus der Zeit, als alle Kontinente noch als Gondwana zusammenhielten und nicht jeder seinen eigenen Geschäften nachging.

Reise ums Cape

Ausgerüstet mit einem allradgetriebenen Jeep, machten wir uns auf den Weg, das East Cape zu umrunden. Die Region um die Bay of Plenty und die East Coast gehört zu den am längsten besiedelten Gebieten Neuseelands. Hier landeten nicht nur die ersten Maoris mit ihren Hochseekanus sondern auch James Cook und sein Schiff, die „Endeavour“. Bis in die Gegenwart ist der starke Einfluss der Maoris in dieser Gegend erhalten geblieben. Es gibt immer wieder Reibungspunkte zwischen ihnen und den Neuseeländern mit europäischen Wurzeln. Als aussenstehender Beobachter reichen die Einblicke oftmals nicht aus, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. In den meisten Fällen drehen sich die Auseinandersetzungen um unterschiedliche Lebensweisen oder differierende Ansichten. Ein heißes Eisen ist immer wieder aufs Neue Landrechte oder Landzugangsrechte. Die Frage, ob diejenige Bevölkerungsgruppe, die zuerst an einem Platz siedelte, mehr Rechte an einem bestimmten Stück Land besitzt, wird seit mehr als 200 Jahren heftig diskutiert. Einige abgeschiedene Maorikommunen haben bis heute nicht den Staat Neuseeland anerkannt. Auf der anderen Seite gibt es Neuseeländer, die der Meinung sind, Maoris seien Landsleute zweiter Klasse.

Tologa Bay

Auf dem Weg zum östlichsten Punkt des Landes, liegt auf halbem Weg die Tologa Bay. Sie beherbergt neben einem ordinären Strand auch das längste Pier des Landes (660 m) und möglicherweise der südlichen Hemisphäre. Was wäre ein touristischer Höhepunkt ohne seinen eigenen Superlativ und einer kleinen Anekdote im Schlepptau. Schon bei ihrer Eröffnung wurden durch einen Unfall sechs gut betuchten Damen die Beine gebrochen. Nachdem zehn Jahre hauptsächlich Schafwolle verschifft wurde, kam nach der Weltwirtschaftskrise die Einsicht, dass der Transport der Wolle über eine Strasse um einiges effizienter und zudem schneller ist. Somit wurde hauptsächlich Material zum Bau der Küstenstrasse über die Pier eingeschifft, die letztlich zu deren Untergang geführt hat.

East Cape

Das East Cape ist der östlichste Punkt des neuseeländischen Festlandes. Auf 178 Grad östlicher Länge gelegen, ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Datumsgrenze. Wo ein Cape da auch ein Leuchtturm und zu diesem Leuchtturm gibt es natürlich wiederum ein Anekdote: Wer sich auf den Weg zum East Cape begibt, lässt sich zunächst einmal von einer 20 km langen Schotterpiste durchschütteln.Um dann, kurz vor dem Ziel, 720 Treppenstufen zum östlichsten Leuchtturm (der altbekannte Superlativ) der Welt hinauf zu steigen. Alles leichte Kost! Der erste Leuchtturm stand nämlich auf einer kleinen Insel zwei Kilometer vor der Küste entfernt. Am Ende der Welt mussten die drei Familien, die für seinen reibungslosen Betrieb verantwortlich waren, mit einem Ruderboot mühselig zu ihrem Arbeitsort gebracht werden. In den 1960ern, lange nachdem der Leuchtturm aufs Festland versetzt und automatisiert wurde, erregte die Insel noch einmal das Interesse eines ortsansässigen Farmers. Gefrässige Ziegen setzten der ansässigen Flora und Fauna, besonders dem letzten verbliebenen Pahutakawa Baum, enorm zu. Eine von ihm eilig zusammen gerufene Jagdgesellschaft erlegte in drei Tagen 68 Ziegen. Unglaublich viel für eine Insel, die nicht mehr als ein Fels in der Brandung ist. Der Pahutakawa Baum rutschte leider ein paar Jahre später samt einem grossen Erdrutsch ins Meer.

Hitchhiker

„The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy“ war ein Welterfolg. Ich frage mich des Öfteren, ob tatsächlich genauso viele Menschen dieser Art der Fortbewegung fröhnen wie es Leser dieses Buches gibt.

Hitchhiker, im Deutschen gerne als Tramper bezeichnet, müssen ein äußerst amüsantes Völkchen sein – zumindest für einen Großteil der Autofahrer. Sinnlos am Straßenrand abgestellt, halten sie erwartungsfroh einen Daumen in die Höhe, in der unbändigen Hoffnung ein Auto würde anhalten und sie ein Stückchen mitnehmen. Viele Autofahrer sind derart angetan, dass sie sich gerne mitfreuen, winken, ebenfalls einen Daumen in die Höhe recken oder einfach nur ein mitleidiges Lächeln hervor zaubern, wenn es denn doch einmal regnen sollte, der Platz im Auto aber doch nicht ausreicht. Ganz lustige Zeitgenossen fahren schon einmal durch die größte Pfütze, die sich finden lässt oder spielen ein altbekanntes Katz- und Mausspiel: ich halte an, aber wenn der Tramper neben dem Auto steht, fahre ich schnell weiter.

Seitdem ich vor sieben Jahren zum ersten Mal neben der Fahrbahn mit meinem charmantesten Lächeln ausgeharrt habe, kennt sogar meine Oma Tramper und berichtet mir freudestrahlend, an welchen unmöglichsten Orten sie einige Exemplare erspäht hat. Mitgenommen hat sie noch keinen einzigen. Sie hat eben noch nicht mich per Zufall gesehen und selbst in diesem unwahrscheinlichsten aller Fälle bin ich mir nicht sicher, ob sie anhalten oder einfach nur erschrocken weiter fahren würde.

Neuseeland gilt allgemein als Paradies für Tramper, auch wenn im Abstand von einigen Jahren der eine oder andere Hitchhiker tot im Unterholz gefunden wurde. Zur Zeit stehe ich trotz dieser Unbill an vielen Orten, an denen ich bereits vor vier Jahren stand: an den Straßenrändern neuseeländischer Straßen. Wenn alles nach meinen Wünschen verläuft, ist hitchhiking wie das Warten auf einen Bus. Ich stehe zehn Minuten, ein Auto hält an, ich steige ein, plaudere ein wenig mit dem Fahrer und steige wieder aus. Wenn es nicht nach Plan läuft, schauen mich manchmal tausende dummer Fratzen aus ihren Autos mitleidig an oder ich lande an einer Strasse, auf der keine Autos mehr fahren.

Natürlich passieren immer wieder recht unterhaltsame oder bizarre Geschichten. Aus diesem Fundus gibt es hier ein paar Beispiele:

Eine Frau, die mich in Frankreich mitnahm, musste zwei Pakete ausliefern. Keine große Angelegenheit, wenn nicht der Empfänger in einem Atomkraftwerk gearbeitet hätte. Während die Frau ihre Pakete zustellte, stand ich in aller Ruhe vor der ersten Sicherheitskontrolle und wurde von vier Sicherheitsbeamten missmutig angestarrt. Es war das bisher einzige Mal, dass ich mich in einem Atomkraftwerk befand.

Der bisherige Geschwindigkeitsrekord liegt bei 240 km/h auf einer Landstrasse.

Ein Mann sammelte mich vor vielen Jahren auf einem Rastplatz in Deutschland auf. Nachdem wir uns eine Weile über Musik unterhalten hatten, war er der Meinung eine andere CD in sein Radio einlegen zu müssen. Da er das gute Stück nicht sofort finden konnte, ließ er bei Tempo 180 auf der Autobahn das Lenkrad los und suchte mit beiden Händen in seinem Türfach nach der CD. Fünfzig Meter weiter fand er sie. Er benutzte später auch beide Hände, um sie einzulegen….

Ein Maori fragte mich einst: “Hast du schon Kinder?” “Nein.” “Oh, ich habe schon neun.”

Die verrückteste Fahrt hatte ich mit einer Freundin in Frankreich und zwei durchgeknallten Herren, die mir wirklich Angst eingejagt haben. Während der Fahrt flogen der Rückspiegel und die beiden Sonnenschützer aus den Fenstern, die Überholmanöver waren halsbrecherisch und jeder zweite Autofahrer wurde von den beiden wüst beschimpft. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal lebend aus dem Auto herauskommen würde.

Ein kleiner Hund vertrug offenbar nicht die Fahrweise seines Herrchens. Nach einer halben Stunde kotzte er das erste Mal auf den Rücksitz. Der Fahrer liess ein besorgtes “Ooops” aus seinem Mund entgleiten und schaute sich angewidert die Rückbank an. Nach einigem Zögern wischte er das halbverdaute Hundefressen mit einem alten Lappen weg und fuhr weiter. In den nächsten Stunden kotzte der Hund noch zwei mal, es gab zwei mal ein “Ooops” aber die Kotze blieb einfach liegen. Wie kurbelten einfach alle Fenster nach unten.

Den Altersrekord unter den Autos hält immer noch ein 32 Jahre alter Jaguar. Im Fußraum hatten sich kleine Pfützen vom Regen der letzten Tage gebildet und durch die dicksten Rostlöcher konnte ich die Strasse unter mir vorbeigleiten sehen.

Goldene Zitronen II

4:20 Uhr Der Wecker klingelt. Draussen ist es noch stockfinster. Ich kann nicht behaupten, im entferntesten Lust auf einen neuen Arbeitstag zu haben. Den Wecker stört dies alles nicht, er klingelt munter weiter. Wahrscheinlich einfach nur deshalb, weil er in wenigen Augenblicken Feierabend haben wird und bis morgen wohlig schlummern kann. Feierabend, ein Zustand, der für mich erst in 12 Stunden eintreten wird. In der Zwischenzeit winde ich mich langsam auf mein Tagesziel zu und pflücke mehr Pfirsische und Nektarinen als alle Vorstadtpommeranzen der Welt essen können.Ich kann im Bad den Lichtschalter nicht finden, möchte aber meine Augen auch nicht öffnen. Lieber suche ich noch eine Weile weiter und sitze mit geschlossenen Augen auf dem Porzellanthron. Beim Zähne putzen bekomme ich endlich die Augen auf und blinzle verschlafen das Deckenlicht an. Die beiden Koreaner im Zimmer befinden sich schon auf den Weg zur Arbeit. Ich muss mich deshalb nicht bemühen leise zu sein und kann unbeholfen durch den Raum poltern. Meine Sachen sind immer noch feucht vom gestrigen Regen. Der australische Sommer lässt in diesem Jahr zu wünschen übrig. Die Meteorologen behaupten La Niña sei Schuld an diesem Schlamassel. Seit drei Wochen regnet es an zwei von drei Tagen. Oft weht mir ein feiner Nieselregen ums Gesicht, der es über die Stunden hinweg schafft durch alle Schichten bis zu meiner Haut vorzudringen. Würde ich mich nicht in ständiger Bewegung befinden, ich würde erbärmlich frieren.

4:35 Uhr In kurzer Hose, Carohemd und nassen Schuhen tapse ich über den Hof. In meiner rechten Hand baumelt die rote Tasche aus dem Secondhand-Laden. Schon am zweiten Tag habe ich mich komplett neu eingekleidet: Hose 1,50 $, Hemd 3,20 $, Pullover 2,50 $ und Tasche 1,50 $. Am ersten Tag musste ich noch lernen, dass ich mir genau überlegen sollte mit welchen Klamotten ich mich in der Scheisse suhlen möchte. Nicht nur, dass sich bei der täglichen Arbeit alle Sachen schnell in ihren Ursprungzustand, einzelne Fasern, Knöpfe und Reissverschlüsse auflösen, nein, zu allem Überfluss scheint der einheimische Dreck über magnetische Eigenschaften zu verfügen, die ihn gegen Waschmaschinen und gutes Zureden immun machen. In der Küche sitzen schon einige Leichen am Tisch. Die Gespräche beschränken sich auf ein einfaches Lächeln und Nicken. Manchmal fragt jemand nach Milch oder Zucker. Ansonsten kaut jeder schweigend auf seinem Frühstück. Einige kreieren sich noch schnell das Lunchpaket, bestehend aus unüberschaubaren Toastbrotstapeln und mehreren Litern Flüssignahrung in Form von Saft oder Wasser. Ich tunke Schokokekse in meinen Tee, während ich etwas missmutig aus dem Fenster schaue. Es dämmert, eine Tatsache, die den Nieselregen auch nicht freundlicher erscheinen lässt. Muss ich wirklich da raus, muss ich mir das antun? Eine Frage, die sich mir durchaus stellt und die ich mir während der nächsten elf Stunden Arbeit noch genug stellen kann.

5:00 Uhr Der Bus fährt gleich ab. Einige saugen noch ein letztes Mal an ihrer ersten Morgenzigarette, bevor sie ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, unter seelischen Qualen, zur Arbeit fahren. Mit eingezogenem Kopf steige auch ich ein. Neben mir auf dem Sitz thront mein kleines rotes Bombenköfferchen. Eigentlich nichts weiter als eine Brotbüchse im XXL Format, die neben meinem zweiten und dritten Frühstück, einer Dreiliterflasche Wasser auch noch meinen Hut und Sonnencreme beinhaltet. Mein MP 3 Player ist leider nicht mehr von der Partie, nachdem ihn gestern alle guten Geister verlassen haben und er nur noch sporadisch Lebenszeichen von sich gibt.

5:20 Uhr Der Ort des Geschehens ist erreicht. In langen Reihen ziehen sich in alle Richtungen die Apfel-, Pfirsich- und Nektarinenbäume dahin. In fünf Metern Höhe sind parallel zum Boden Netze gegen allzu gefrässige Vögel gespannt. Wenn der Wind über sie streicht fangen sie zu pfeiffen an. Bei Regen sammelt sich das Wasser auf ihnen, bis zu dem Punkt, wenn es zu schwer wird und in einer heftigen Attacke riesiger Tropfen zu Boden stürzt. In den wenigen Minuten, die bis zum Arbeitsbeginn noch verbleiben, creme ich mich mit Sonnencreme ein. Meine Nase verschwindet vorerst unter einer weißen und schützenden Glasur. Die zerstörerische Kraft der Sonne ist für einen unbedarften Mitteleuropäer oft nicht abschätzbar, doch stellt sich der Lerneffekt schon nach kurzer Zeit ein. Zwar wird die Sonne noch von einer Wolkendecke verdeckt, aber sobald sie, wenn auch nur als heller Fleck im Dunst sichtbar wird, beginnt ein Countdown rückwärts zu laufen, an dessen Ende unweigerlich ein schön anzusehender Sonnenbrand steht. Bei bestimmten Wolkenarten nimmt die UV-Belastung durch die häufige Reflektion des Sonnenlichtes sogar zu. Es gibt trotzdem immer wieder ein paar wandelnde Geistesblitze, eigentlich sind es nur Männer, die mit entblösstem Oberkörper ihre geballte Manneskraft zur Schau stellen. Zwei Tage hintereinander macht das niemand!

5:30 Uhr Langsam trudelt die gesamte Meute ein. Der Grossteil der humanen Erntemaschinen stammt aus Japan und Südkorea. Dennis, David, Israel und ich sind an diesem Tag die einzigen Europäer. Am ersten Tag sagte einer der Supervisor, Asiaten seien die besseren Arbeiter. Das stimmt nicht, sie haben nur die bessere Einstellung. In den Monaten in denen sie im Ernteeinsatz sind, schuften sie wie Berserker. Sie trennen Arbeit und Urlaub messerscharf. Das Gejammere das viele Europäre an den Tag legen, hilft keinen Milimeter weiter. Die grosse Sause steigt an einem anderen Ort, bestimmt nicht in Stanthorpe. Hier brütet einzig und allein der Arbeitswahn und der erhält vielleicht nur durch den wöchentlichen Gehaltscheck einen Sinn.

6:00 Uhr Die erste halbe Stunde des Tages ist mitunter die chaotischste des Tages, bevor die Routine des Pflückens beginnt. Lino und Garry, ihres Zeichens Supervisor, dirrigieren die einzelnen Teams in die zu pflückenden Reihen. Hornalte Traktoren tuckern durch die Gegend, von denen jede Gruppe einen erhält und die auf selbst gebauten Anhängern die quadratischen Boxen transportieren, in denen die Früchte transportiert werden. Garry setzt gerade zu seinem obligatorischen Morgenappell an. Er zeigt drei Pfirsiche, die die richtige Größe und Farbe haben. Seine selbstgebastelten Sprüche kann jeder nach drei Tagen auswendig: „green is not a colour“ und „don’t believe the women, seize does matter“. Mit seiner rechten Hand hält Garry einen Pfirsisch in die Höhe und umschliesst ihn mit Daumen- und Mittelfinger. Der Abstand zwischen den beiden Fingerspitzen reicht aus, um einen Finger dazwischen zu legen- die Minimalgröße. Bei einigen der hier beschäftigten zierlichen Asiatinnen reicht der Zwischenraum für vier Finger aus. Ich kann den gesamten Fruchtkörper mit Daumen- und Mittelfinger umfassen- als Einziger.

8:43 Uhr Es ist die Zeit zwischen Arbeitsbeginn und erster Pause, wenn ich noch genügend Kraft und Motivation besitze, mich schnell zu bewegen. Zusammen mit fünf weiteren, Dennis, David, Israel, Yoon und seiner Freundin, grase ich drei Baumreihen nach grossen roten Pfirsichen ab. Um uns herum ist es vom beiläufigen Leitergeklapper und Motorengeräuschen verhältnismässig ruhig. Die Bäume hängen krachend voll und ich kann mich wie aus einem Füllhorn bedienen. Mit beiden Händen pflücke ich Pfirsiche in meine Bauchtasche. Im gefüllten Zustand beherbergt sie bis zu 15 Kilo Früchte und lässt mich wie ein schwangeres Kängeruh aussehen.

9:13 Uhr Waehrend Dennis und Israel ausruhen tuckere ich Bananen kauend mit einem Traktor durch die Plantage. Da wir zu sechst pflücken, besitzt unsere Gruppe zwei Traktoren. Jeder von ihnen steht zwischen zwei Baumreihen und ist mit sechs bzw. fünf sogenannten Bins beladen. Die Bins sind grosse weisse Plastikcontainer, in die je nach Füllstand und Fruchtart zwischen 320 und 480 kg Früchte passen. Die Bezahlung der Pflücker erfolgt nach der Anzahl der abgelieferten Bins, wobei der Preis zwischen 36-60 $ variieren kann. Bei dem heutigen Tagespreis von 36 $ und meinem Wunsch mindestens 120 $ am Arbeitsende verdient zu haben, muss ich ein wenig mehr als drei Bins füllen. Auf unsere Gruppe umgerechnet bedeutet dies eine ordentliche Menge Pfirsiche und einen langen Tag.

12.37 Uhr Nach sechs Stunden Arbeit haben wir bereits über 20 Bins gefüllt und der Strom an Pfirsichen reisst nicht ab. Meine Hände fungieren beim pflücken als Fühler, die ständig die Mindestgrösse überprüfen. Mache ich einen Fehler und greife eine zu kleine oder zu grüne Frucht, landet diese unweigerlich auf dem Erdboden. Das gleiche Schicksal ereilt die Früchte, die im Eifer des Gefechts vor Schreck von den Bäumen fallen. Im Gras vergammeln so ganze Wagenladungen voller Obst, umschwirrt von Myriaden von Fruchtfliegen und umgarnt von Schimmelpilzen.

15:03 Uhr Bin Nummer 29 ist voll, meine Lust gänzlich verpufft während mein Wunsch, mich zwischen den dahinsiechenden Pfirsichleichen niederzulegen, immer grösser wird. Mein Kopf ist eine einzige Wüstei. Bei der ewigen Litanei und dem ständigen Gehetze in den Bäumen kann ich nicht denken, obwohl mir die Arbeit geistig nichts abverlangt. Wer schon einmal versucht hat, während eines 100- Meter Sprints eine Einkaufsliste für das kommende Wochenende im Kopf zusammenzustellen, der wird verstehen was ich meine. Man wird langsamer. Jedoch, in der Gleichung Schnelligkeit = Akkord = Geld fehlt es an Platz für Entspannung, Müssiggang oder Langsamkeit. Trotzdem, irgendwann ist bei mir der Punkt erreicht, an dem der Reiz aufzuhören grösser ist als der noch mehr Geld zu verdienen. Im Moment muss ich mich zusammenreissen, überhaupt noch zu pflücken. Stattdessen lasse ich meine Gedanken schweifen und pflücke nur noch beiläufig Früchte in meine Bauchtasche. Jeder meiner Versuche mich noch einmal aufzuraffen verpufft schon nach kurzer Zeit. Es reicht für heute.

15:57 Uhr David und Yoon sitzen am Steuer unserer Traktoren . Gemächlich zuckeln wir durch die riesige Plantage zum Verladeplatz. Vor zehn Minuten stoppte Garry mit einem lauten Schrei alle Aktivitäten. Alle Pflücker zusammen haben 150 Bins gefüllt, genug um die Verpacker und Sortierer der Farm eine Weile auf Trab zu halten. Einunddreissig Bins gehen auf das Konto unserer Gruppe, fünf und ein Aechstel für jede Person, 186 $ für jedes Portemonnaie. Ich bin müde aber das Gefühl, endlich Feierabend zu haben, überwiegt. Um mich herum hängt noch Arbeit für Wochen. Im Moment habe ich keine Lust nur noch einen einzigen verdammten Pfirsich zu pflücken.

Reiseroute

Leipzig (12.11.) Stuttgart (12.11.) Frankfurt/Main (13.11.) Bangkok (14.11.) Trat (18.11) Ko Chang (19.11.) Bangkok (23.11.) Chiang Mai (27.11.) Chiang Rai (30.11.) Chiang Khong (1.12.) Sukkothai (3.12.) Ayuthaja (5.12.) Sangkhlaburi (6.12.) Kanchanaburi (7.12.) Bangkok (9.12.) Sydney (12.12.) Stanthorpe (20.12.)

Goldene Zitronen I

Schon einmal den Namen Stanthorpe gehört? Nicht. Immerhin handelt es sich um die am höchsten gelegene Stadt und den kältesten Ort Queenslands. Das beliebteste Postkartenmotiv ist der Uhrenturm der Post. Daneben gibt es noch die High Street, die Hauptstrasse, drei Dutzend Geschäfte, vier Pubs, überbreite Strassen mit Holzhäesern in gepflegten Vorgärten, Pickups und eine Bushaltestelle, an der vier Busse halten – täglich. Stündlich verändert sich wenn, dann nur das Wetter.

Zwischen Oktober und April ist die Stadt von billigen Arbeitsmaschinen aus Übersee bevölkert: Japaner, Niederländer, Kanadier, Koreaner, Franzosen, Chinesen und Deutsche. Akkord-Pflücker, Akkord-Schneider, Akkord-Verpacker, Akkord-Pflanzer und Akkord-Jäter. Wessen Hände und Arme nicht zu rotierenden Scheiben mutieren können, wer es nicht schafft sein Humankapital in die Hochleistungslandwirtschaft einzubringen und wer seine Existenz nicht auf die drei Grundfunktionen Essen, Arbeiten und Schlafen beschränken kann, der hat an diesem Ort nichts verloren.

Das Geld, das in die Provinz lockt, ist in der Unendlichkeit der Massenproduktion versteckt; aufgereiht in endlosen Reihen von Pfirsich-, Pflaumen- und Apfelbäumen, Salatköpfen, Zucchinis, Himbeersträuchern, Paprika- und Erdbeerpflanzen. Die Reihen, der Kampf vom Startpunkt bis zum Ende zu gelangen, wird zur Projektionsfläche unmittelbarer Gedanken, Gefühlen und Gemütsbewegungen derjenigen die ernten.

Zwischen 5.30 Uhr und 6.30 Uhr hat sich jeder in Stellung gebracht, das Arbeitsgerät bereit gemacht, das Wetter abgeschätzt und den Lohn der nächsten Stunden überschlagen. Wer nach Leistung bezahlt wird, der erntet im Akkord, wer nach Stunden bezahlt wird, den treiben die Supervisor zum Akkord. Zum Zahltag verdichtet sich das gesammelte Obst und Gemüse zu einem Gehaltsscheck in einem weissen Briefumschlag. Nun werden Tonnen von Pfirsichen, Körbe voller Erdbeeren und Kisten gefüllt mit Zucchinis und Salatköpfen zu harten Dollarscheinen, die man mit seinen dreckigen Händen in den feinen Räumen der Banken erhält.

Zwischen den wöchentlichen Zahltagen stehen die Reihen der verschiedenen Obst-und Gemüsesorten. Man kriecht auf den Knien durch sie, bückt sich tausende Male, reckt die Arme, schiebt die Leiter ein Stückchen weiter… Es geht immer nach vorne. Am Ende der einen Reihe beginnt die nächste, dann die nächste und so weiter fort. Ein wirkliches Ende ist nicht absehbar, denn entweder ist die Anzahl der Reihen unerschöpflich oder man beginnt einfach wieder von vorne. Dazwischen liegt die Sonne, die dich langsam einschlafen lässt, der Regen, der dir das letzte Quentchen Motivation raubt, der Schweiss, den du dir aus den Augen wischt, die Fliegen, die dir in Nase und Augen kriechen, der Dreck, der deine Hände färbt, die feinen Häarchen der Pfirsische, die auf deinen Armen jucken….

Während der Körper arbeitet, schwimmt der Geist langsam davon, es fällt schwer den Fokus auf bestimmte Gedanken zu richten. Aber ein Gedanke überfällt einen schon nach kurzer Zeit. Jeder kennt sie, die Bilder hungernder Menschen -humane Katastrophen auf zwei Beinen. Wer den Hunger der Welt kennenlernen möchte, der schaue einfach auf die vollen Felder der selbigen. Jeden Tag rieseln die Hungerbäuche durch die Finger der Erntehelfer. Es sind zu reife Früchte, zu kleine Salatköpfe, zu grosse Zucchinis, zu grüne Nektarinen, zu krumme Gurken. Der Ausschuss, der Rest der nicht passt oder nicht gefällt, verfault auf dem Boden der ihn hervorgebracht hat. Wer dagegen ankämpft, mitnimmt und einsteckt muss bald feststellen, dass seine Taschen zu klein sind obwohl sich alle Bettelschalen damit füllen liessen.

Reiseroute

Leipzig (12.11.) Stuttgart (12.11.) Frankfurt/Main (13.11.) Bangkok (14.11.) Trat (18.11) Ko Chang (19.11.) Bangkok (23.11.) Chiang Mai (27.11.) Chiang Rai (30.11.) Chiang Khong (1.12.) Sukkothai (3.12.) Ayuthaja (5.12.) Sangkhlaburi (6.12.) Kanchanaburi (7.12.) Bangkok (9.12.) Sydney (12.12.) Stanthorpe (20.12.)

Sydney

Sydney

Waere die Welt ein Kinderzimmer, Sydney waere ein ausgekippter Eimer mit Legosteinen. Ein paar Kinderhaende haetten etwas Ordnung in die ganze Angelegenheit gebracht und die Steine in der Mitte etwas hoeher geschichtet und sie am Rand bis in alle Ecken des Kinderzimmers auslaufen lassen. Diese traditionell angelsaechsische Stadtbauweise, mit einem Central Buisiness District mit seinen engen Haeuserschluchten und hoch aufragenden Buerotuermen und den darumliegenden, sich bis zur unendlichen Eintoenigkeit wiederholenden Vorortsiedlungen, ist mit einem einfachen nett mehr als wohlwollend umschrieben.

Harbour View

Auch wenn dem so ist, so hat Sydney ein Quentchen mehr, dass in die Waagschale geworfen, die ganzen Pfunde ausmacht, mit der die Stadt protzt: Port Jackson. Eine der groessten Naturbuchten der Erde zieht sich kilometerweit ins Landesinnere. Viele kleine Nebenbuchten lassen die Bucht wie einen gezackten Riss, in dem das Wasser eindringt, anmuten. Je naeher ein Haus am Wasser steht oder je uneingeschraenkter der „Harbour View“ ist, desto besser die Lage und umso hoeher die Miete. Viele Anwesen verfuegen ueber einen direkten Zugang zum Meer. Scheint die Sonne und haben Sydneys Freizeitkapitaene nichts besseres zu tun, eine Konstellation uebrigens, die sehr oft zutrifft, sieht der Hafen dem Kieler zur Kieler Woche nicht unaehnlich.

Sunnies

Die Sydnysider wissen natuerlich von ihrem Glueck. Sie sind stolze Australier, aber noch viel stolzer gerade an diesem Fleckchen Erde wohnen zu duerfen. Allen geht es anscheinend rosig. Die Wirtschaft boomt, die Sonne scheint und Weihnachten steht vor der Tuer. Niemand ist hier miesepetrig. Der Sydneysider hat das untruegerische Gefuehl genau im richtigen Moment an der richtigen Stelle geboren worden zu sein. Sie oder er stand im Himmel einfach in der richtigen Schlange. Eine Tatsache uebrigens, die ihm vom Deutschen unterscheidet, da dieser, wenn er sich auf sein Gefuel verlaesst, immer in der falschen Schlange stand.

Sushi

Die mangelnde Esskultur wurde den Aussis quasi mit in die Wiege gelegt. Kein Wunder, hat doch England bis heute den Ruf, die schlechteste Kueche der Welt zu beherbergen. Zum Glueck kam im Gefolge des wirtschaftlichen Aufschwunges eine enorme Anzahl von Einwanderern ins Land. Vor allem Asiaten fanden in Australien eine neue Heimat. Als Folge ist die Dichte an Thai- Take Away Shops in der Oxford St. hoeher als die der Doener Laeden in Berlin Kreuzberg und Shushi im CBD billiger als eine lapidare Bratwurst am Hermsdorfer Kreuz. Manchmal scheint es, als haetten die Mittelschichtangehoerigen Sydneys nie etwas anderes gekannt, als in ihrer Freizeit in ein gutes und teures Restaurant zu gehen.

Im Anzug auf der George St.

Um die Mittagszeit herum speien die Buerotuerme in Downtown eine Herrschar von Anzugtragern aus ihren Eingeweiden. Sie bevoelkern die gesamte Gegend um die George St. auf dem Weg zum Food Courts. Wessen Mittagspause lang genug ist, spurtet nach dem Essen noch einemal durch den Royal Botanical Garden. Am spaeteren Abend ist die Gegend um The Rocks, dem Circular Quay und die Opera House Wharf voller Bueroangestellter. Mit loser Krawatte feiern sie sich und ihren Feierabend. Oft trifft man leicht bekleidete Damen und nach Aftershave duftenden Maennern schon auf den Vorortfaehren nach Manly, Woolwich oder Parramatta auf dem Weg zu ihrer Weihnachtsfeier. Von teuren Bars, Balkonen, gemieteten Jachten oder Aussichtsplattformen dringt dann das Gelaechter der sich gegenseitig beschenkenden Sydneysidern.

Reiseroute

Leipzig (12.11.) Stuttgart (12.11.) Frankfurt/Main (13.11.) Bangkok (14.11.) Trat (18.11) Ko Chang (19.11.) Bangkok (23.11.) Chiang Mai (27.11.) Chiang Rai (30.11.) Chiang Khong (1.12.) Sukkothai (3.12.) Ayuthaja (5.12.) Sangkhlaburi (6.12.) Kanchanaburi (7.12.) Bangkok (9.12.) Sydney (12.12.)


Anekdoten

Guten Tag Mr. Tiger

Ich wollte umbedingt noch einmal in den Dschungel, denn wann bekommt ein gemeiner Mitteleuropaeer schon einmal die Moeglichkeit dazu, nicht zwischen im Spalier stehenden Baeumen zu wandeln. Mit dem Rucksack auf den Schultern schlug ich einen Pfad zu einem 2 Stunden entfernten Wasserfall ein. Ich befand mich im groessten Nationalpark des Landes und in einem der wenigen Rueckzugsgebiete fuer den bengalischen Tiger in Thailand. Es war idyllisch: neben dem Weg plaetscherte ein Bach, ueberall spross Bambus aus dem Boden, Schmetterlinge flogen durch die Luft und die Sonne bildete sich als helle Flecken auf dem Waldboden ab. Nach einer halben Stunden knurrte es tief und laut aus dem Unterholz direkt vor mir. Irgendjemand hatte in der Zwischenzeit alle weiteren Geraeusche abgestellt. Ein paar Augenblicke spaeter raschelte es vernaehmlich im Busch. Ich hatte mich in diesem Moment fuer zwei Dinge entschieden: Ich liess davon ab nachzuschauen was da geraschelt und geknurrt hat und ich begab mich nach kurzem Schweigen wieder auf den Rueckweg.

Happy Hour

Ich war an einem Sonntag unterwegs in Bangkok und schlenderte ein wenig durch die Strassenschluchten, die an diesem Tag weniger vor Verkehr und blaugrauen Dunst ueberquollen. Da ich ein Freund vom Querfeldeinlaufen bin, entschied ich mich einen Abstecher in eine schmale Seitenstrasse zu machen. Mit jugendlichem Leichtsin schlenderte ich prompt ins Rotlichtviertel. Kein Problem, waren doch die Menschen genauso freundlich wie im Rest der Stadt auch. Ein junge Dame sah mich und begann mich, mit leichten Schiebebewegung in eines der Etablissements zu bewegen. “ Sir, Sir, young women, you want“ Ich lehnte dankend ab. Unbeirrt hielt sie mir ein Bild unter die Nasen, auf dem sich mehrere Frauen nackt in einem Schaumbad suhlten. Nein ich wollte immer noch nicht. „Sir, Sir, now Happy Hour“. Mir war im Moment nicht klar, ob das hiess ich koennte zwei zum Preis von einer bekommen. Mit einem geschickten Ausfallshritt schaffte ich es, die enttaeuschte Dame abzuschuetteln.

Vier Blondinen

Es war in einer kleinen Provinzstadt. Vorherrschende Harrfarbe: Schwarz. Wie es der Zufall wollte stiegen vier englische Blondinen aus einem Bus. Einige Thaeilaender waren sofort aus dem Haeuschen. Fuer sie war das der Porno schlechthin. Da die Strasse sehr eng war, hatten in wenigen Augenblicken alle Passanten dieses Schauspiel in seiner Tragweite ermessen koennen. Die englischen Maedels liessen sich nicht witer stoeren, wahrscheinlich waren sie einen derartigen Auflauf schon gewoehnt. Einer der Zuschauer konnte der Versuchung nicht widerstehen und zueckte eine Vidiokamera aus einer seiner Jackentaschen. Unverhohlen begann er zu filmen. Im selben Moment liess sich das Schicksal nicht lumpen und veranstaltete ein heiden Spektakel. Zwei Busse trafen sich gleichzeitig auf der Strasse und mussten einander ausweichen. Da die Stromleitungen hierzulande alle oberirdisch verlaufen und mitunter nicht sehr hoch haengen kam was kommen musste. Einer der Busse riss ein Kabel aus seiner Verankerung und erzeugte neben einem lauten Aufschrei noch einen ordentlichen Funkenregen. Der Mann mit der Vidiokamera war schlichtweg ueberfordert. Er drehte sich wie ein Tasmanischer Teufel, von der Hoffnung getrieben beide spektakulaeren Ereingnisse gleichzeitig zu filmen.

Wo ist der Schluessel.

Ich hatte mir ein Motarrad ausgeliehen und die Dame am Schalter hatte mir den dazugehoerigen Zuendschlussel gegeben. An einem pinken Band baumelte dieser bald brav im Zuendschloss waehrend ich ueber die Insel tuckerte. Die ersten 30 Kilometer ging alles gut erst dann wurde es zumindest fuer mich weniger amuesant. Der Schluessel hatte ein gewisses Eigenleben und verabschiedete sich ungefragt, um platt wie eine Flunder irgendwo auf der Strasse zu liegen. Das Motorrrad fuhr waehrend dieser Zeit einfach weiter. In manchen Faellen kann das durchaus praktisch sein. Fuer mich hiess es 15 Kilometer Strasse absuchen um einen Schluessel mit pinkem Band wieder zu finen. Ich fand ihn cirka 100 Meter von der Stelle entfernt, an der ich losgefahren war. Ab diesem Zeitpunkt startete ich das Motorrad mit Schluessel im Schloss und steckte ihn anschliessende in meine Tasche. Da ich noch nie wirklich lernfaehig war, obendrein auch noch vergesslich bin hatte ich das verdammte Ding nach zwei Stunden schon wieder verloren. Diesmal durfte ich zwei Kilometer Schotterweg absuchen. Einfache Sache bei einem pinken Band, wenn nicht die gesamte Insel das gleiche Band benutzte . Ich fand ihn dennoch.

Medium oder extra scharf

Thailand haelt fuer seine Besucher eine der besten und extrem abwechslungsreichen Kuechen der Welt bereit. Viele der Speisen, dazu zaehlen ebenso Suesigkeiten und so manches Getraenk, sind mit Hilfe tausenderlei Currys, Pfeffer und Chillischoten scharf gewuerzt. Das deutsche Adjektiv „scharf“ ist allerdings aeusserst beschraenkt, um ueberhaupt auszudruecken, was scharf alles bedeuten kann. Zudem ist Schaerfe ein subjektive Empfindung. Was fuer den einen scharf, ist fuer den anderen nur lasch und fad.

Mit meinen nicht vorhandenen Thaikenntnissen bewegte ich mich an einem Abend zielstrebig auf einen vielversprechend aussehenden Strassenstand zu, der in diversen Toepfen allerlei Koestlichkeiten anbot. Laechelnd zeigte ich unbeirrt auf einen der Toepfe, dessen Inhalt scheinbar aus einem guten Gemueseauflauf bestand. Eine der Koechinnen wies mir einen Platz zu und stellte mein Wunschegricht und Wasser mit Eiswuerfeln in Plastegeschirr vor mich auf einen kleinen Tisch. Wie alle Gerichte wurde auch diese mit Reis serviert. Schon beim ersten Bissen brannte meine Lippe und ich musste die Lippen schuerzen. Scharfes Essen gewohnt, war ich mir sicher auch diese Pruefung zu bestehen. Als der Teller leer war standen mir Schweissperlen auf dem Gesicht, meine Zunge stand in Flammen und bei jeder Beruehrung meiner Zunge fuehlte es sich an als wenn ich sie mit Pfeffer bestrich. Mein Magen liess den gesamten Abend ein gut vernehmliches Krummeln von sich hoeren. Am naechsten Morgen hatte sich das gute hausgemachte Curry bis nach unten durchgearbeitet. Es brannte selbst beim Scheissen noch.

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Frühstück am Mekong

Der Mekong. Eine Name vielleicht, bei dem viele an den Vietcong oder den Vietnamkrieg denken. Fast moechte man bei diesen Gedanken an Majestaetsbeleidigung denken. Denn es handelt sich nicht um einen dahergelaufenen Burschen sondern um einen der laengsten Fluesse der Erde. In Chiang Khong, einem Provinznest an der thailaendisch- laotischen Grenze, hat seine Majestaet schon eine beachtliche Weite angenommen (Majestaet bedeutet hier im Uebrigen Koenigin, da der Flussname Mae Nam Khong in Thai „Mutter des Wassers“ bedeutet.). Wer am Ufer sitzt und seine Gedanken mit dem trueben Wasser von dannen treiben laesst, wird nachvollziehen koennen, warum Hesse’s Siddartha an einem Fluss Erleuchtung fand. Gleichzeitig sollte sich jener, der in Gedanken versunken am Ufer sitzt, darueber freuen, dass nicht alles was seinen Weg in den Mekong findet, bunt schillert. Ansonsten wuerden die Abwaesser des chinesischen Wirtschaftsboomes die gesamte Szenerie in ein schwimmendes Las Vegas verwandeln.

Grossse Teile der gruenen Grenze zwischen Thailand und Laos werden vom Lauf des Mekongs bestimmt. Nach einer Regierungsvereinbarung beider Staaaten, gehoeren alle Inseln und saemtliche Sandbaenke sowie Felsen, die waehrend der Trockenzeit aus den Fluten auftauchen, zu Laos. Ich muss gestehen, man koennte mir vorhalten, ich haette gemogelt. Doch kann ich an dieser Stelle mit Fug und Recht behaupten, mich immer an internationale Vertraege gehalten zu haben. Mit mehreren Steinen habe ich nahe des thailaendischen Ufers (ca. 1 Meter entfernt) eine kleine laotische Insel entstehen lassen. Ohne Visum aber mit nassen Fuessen konnte ich so dem thailaendischen Koenigreich von Laos aus zuwinken.

Drueben lag tatsaechlich die andere Seite, dort war Laos. Ich war mir in diesem Moment sicher, dass die thailaendische Seite der laotischen nicht unaehnlich sieht. Am Ufer standen ein paar Palmen wie hingestreut, die Huegel zogen sich Haeuser hinauf und im Hintergrund Brgland mit bewaldeten Huegeln, Feldern und Bananenstauden. Vom Tempel her waren Klocken, Trommeln und Gesang zu hoeren. Zwischen den Toenen tuckerten kleine Langbooete, die als Faehren zwischen den Laendern beiderseits des Flusses dienten.

In diesem Moment musste ich laecheln. Zum einen freute ich mich hier zu sein, am Mekong mitten in Asien. Ich wusste auch, dass das Bild des anderen Ufers in groben Zuegen der Umwelt entsprach, in der ich mich gerade aufhielt. Ich schaute somit zu mir selber hinueber. Zum anderen war mir in diesem Moment klar, dass ich in nicht allzu ferner Zukuft auf der laotischen Seite wuerde stehen.

Denn der Norden Thailands war in zweierlei Hinsicht eine Enttaeuschung. Ich haette sehr gerne eine Bootsfahrt auf dem Mekong unternommen. Leider haben die Thais diese Art Touristernattraktion noch nicht fuer ihre Geschaefte entdeckt. Zwar ist es auf der thailaendischen Seite moeglich ein Boot zu chartern, doch muten die Preise Preise geradezu luxurioes an. Auf der laotischen Seite hingegen gibt es einen regulaeren Linienverkehr, der den noerdlichen Teil des Landes mit der Hauptstadt verbindet. Bei meiner Reise nach Laos werde ich darum eine 4-taegige Flussfahrt unternehmen.

Ein anderes schauriges Kapitel der hiesigen Tourisatengefilde ist das Hill-Tribe Trekking. Obwohl ich mir vorgenommen hatte, die Bergwelt Nordthailands zu erkunden, habe ich von dem Vorhaben schnell die Finger gelassen. Waehrend denn im Sueden des Landes die Mallorca-Welle tobt, wird der Norden von der Studiosus-Tsunamie ueberrollt. Tausende von Touristen werden jedes Jahr in abgelegene Bergdoerfer gefuehrt, die von Karen, Lisu und anderen ethnischen Minderheiten bewohnt werden. Durch diverse Amusements wie Elephantenreiten und Bamboo-Rafting erheitert, stuermen die geneigten Touristen die Doerfer der ach so interessanten „Eingeborenen“. Da solche Touren anstrengend sind und das schwuel-heisse Klima seinen Tribut an Schweissperlen fordert, kann schnell das ein oder andere Kleidungsstueck fallen. Sodann stehen sich verdutzte, vielleicht in vielen Faellen gar erschreckte Bergbewohner und leicht bekleidete und freudestrahlende Touristen gegenueber. Es werden Fotos geschossen, ein Blick in dieses Haus geworfen, dem einen bei der Arbeit zugeschaut, der andere beim Schlafen begafft und schliesslich wird ins naechste Bergdorf weitergezogen. Immer wieder werden Fuehrungen in noch abgelegenere Gebiete angeboten, in denen die Touristenpfade noch nicht so ausgetreten sind und sich die Einheimischen in ihrer eigenen Heimat noch ein wenig sicher fuehlen duerfen. Und die Touristen sind begeistert und so unglaublich sorglos. Diese Naivitaet mit der Auslaender ihrem Voyeurismus froehnen ist schier erschreckend. Als eine Reisender respektive Tourist in Thailand bin ich erschreckt und gefangen zugleich. Gefangen zwischen den Polen, schnell das Weite zu suchen oder hier zu bleiben, um einen eigenen Weg des Reisens zu finden, der solche Negastivseiten ausschliesst.

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Eine Nacht in Chiang Mai

Die Fahrt war eine 14 stündige Erschütterung, bei der der Zug im Rhythmus der rostigen Schienen durch die Landschaft tanzte. Ich war im Hellen in Bangkok losgefahren. Die Fenster des Waggons standen die gesamte Zeit über offen, so roch es abwechselnd nach Feuer oder den Ausdünstungen meines Nachbars. Die Feuer, mit derer die Bauern das alte Reisstroh verbrannten, begleiteten den Zug bis weit über die Dämmerung hinaus. Manchmal zog die Asche durch ein Fenster hinein und durch ein anderes wieder hinaus, graue Schlieren auf meiner Haut hinterlassend.

In Bangkok wucherten Unkraut und Müll um die Wette. Überall Müll! Manchmal schien es, als wenn er selbst die Menschen und ihre armseligen Hütten am Rande der Strecke ausspie. Dann immer nur diese Landschaft: Reisfelder zogen sich bis tief in die Ebene. Dazwischen Öl- und Bananenpalmen, Ananasstauden, Süßkartoffelfelder, Zuckerrohr, Mais und überall Wasser. Im Wasserüberall saß die Welt der Vögel zusammen oder waren Bauern mit ihren für diese Gegend typischen konischen Strohhüten sichtbar. Alles erinnerte mich an alte Antikriegsfilme; in jedem Moment könnte ein amerikanisches Jagdflugzeug die Idylle stören und die Menschen mit seinen Maschinengewehrsalven quer über die Felder jagen. Die Dunkelheit schluckte die Landschaft und bis Chiang Mai blieb nur das klack klack klack klack, verursacht durch das Zusammenspiel von Zug und Schiene.

Auf dem nächtlichen Bahnhof angekommen, stiegen die Menschen mit all ihren Habseligkeiten aus dem Zug und wurden sofort von anderen umringt: Verwandte, Freunde, Polizisten, Verkäufer, Taxifahrer oder einfach nur neugierige Zuschauer. Nicht lange und eine Frau mit Warze und Chihuahua sprach mich an. Sie besäße ein Hotel in guter Lage und mit günstigen Zimmern. Für mich allemal bezahlbar. Ich überlegte nicht lange und willigte ein.

Das Zimmer war reudiger als ihr Köter: ein Bett, ein Stuhl und ein Waschbecken mit Spiegel. Eine Tür führte in eine Nasszelle, in der ich mit den lokalen Kakerlakengrößen gemeinsam hätte planschen können. Bezahlbar ja, aber Scheiße noch mal, es sah aus wie im Knast.

Im Zimmer war es stickig heiß und der Ventilator ließ nur ein laues Lüftchen vom Stapel. Ich war hundemüde und weder in der Lage noch in der Stimmung mich über irgendetwas aufzuregen, oder auch nur meinen kleinen Finger zu bewegen. Nackt schwitzte ich im Bett und deckte das Laken mit meinem Schweiß ein.

Hin und hergetrieben zwischen Müdigkeit und Hitze, dämmerte ich unruhig vor mich hin. In einem Nachbarzimmer schienen mehrere Waschmaschinen zu laufen. Ich erinnerte mich an eine Geschichte über die chinesische Mafia. Angeblich ließ sie ermordete Verräter so lange in großen Waschbottichen mit ätzender Lauge liegen, bis nur noch die hellen Knochen und Zähne erkennbar waren. Erschreckt von meinen eigenen Gedanken schreckte ich auf und fasste mir benommen an die Schläfen. Unruhig ging ich auf den Flur und versuchte die Tür zum Nachbarzimmer zu öffnen. Sie war verschlossen. Noch zwei weitere Türen waren versperrt. Erst bei der vierten bewegte sich der Knauf und die Tür schwang in ihren Angeln langsam in den Raum hinein.

Drei Frauen, alle unbestimmbaren Alters, warfen aus dunkelblauen Jutesäcken erschlagene Hunde und Katzen in große Waschmaschinen. Mit Lauge wurde ihnen Fell und Haut von den Knochen geätzt. Langsam drehten sich die Trommeln und warfen die feuchten Tierkadaver wild durcheinander. Mein ganzer Körper begann zu kribbeln und Angst stieg in mir auf. Ungeachtet meiner Anwesenheit, trug eine der Frauen einen Korb voll gebleichter Knochen an mir vorbei in den Flur und betrat ein anderes Zimmer. In einer langen Reihe aufgereiht, spitzten ein Dutzend Männer die Knochen zu Zahnstochern. Eine Seite spitz die andere Stumpf. Das Spitzen verursachte ein schabendes Geräusch, wie Krallen auf Beton.

Taummelnd wich ich zurück. Mit einer Hand, bestehend aus angespitzten Knochen, öffnete ich meine Zimmertür. Getrieben zwischen Müdigkeit und Wahnsinn folgte ich der Drehung des Ventilators. Mal schlief ich, mal ätzte man mir die Haut von den Knochen. Doch das nur ein einziges Mal, in einer Nacht in Chiang Mai.

 

Roadmovie

Wer sich entschliesst, ein paar Tage in Bangkok zu bleiben, kann auf einer Skala vom „Millenium Hilton“, untergebracht in einem weiss-glaenzenden 40 stoeckigen Hochhaus direkt am Fluss, bis zu einem Guesthouse in irgendeinem beliebigen Hinterhof waehlen.

Aus Gruenden, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind oder die nie jemand kannte, wackeln beinahe alle Rucksacktouristen wie die Laemmer zum Schlachter schnurstraks in die Khao San Rd. Es gibt Menschen, die mit einem Funkeln in den Augen ueber diese Strasse berichten. Andere zucken einfach nur mit den Achseln oder drehen sich mit einem leicht angewiderten Gesichtsausdruck weg. Grund genug, sich die Sachlage einmal aus naeherer Perspektive anzusehen.

Ehrlich gesagt, habe ich erst nach vier Tagen gemerkt, dass ich bei meiner Ankunft irrtuemlich den falschen Strassenzug zur Khao San Rd. auserkohren habe. Hinterher war ich wiederum der Meinung, dass es mir schon vorher haette auffallen muessen. Aus zwei Gruenden: Zwar ist die Konzentration an Auslaendern im ganzen Viertel vergleichsweise hoch, doch vor allem Nachts sieht die Khao San Rd. einem ostdeutschen Allerweltsmarkt verblueffend aehnlich. Auf der Strasse tummelt sich das „weisse Volk“, bestehend aus Amerikanern, Europaeern und Australieren. Drumherum stehen die Thais und versuchen im Austausch gegen ein paar Baat, Verschiedenstes an Frau und Mann zu bringen. Der zweite Grund warum es mir haette auffallen muessen ist der schlechte Eindruck, den die ganze Szenerie bietet. Orte an denen sich viele Touristen tummeln sind nicht per se schlecht oder meidenswert. Es kommt immer auf das dargebrachte Verhalten an. In der Khao San Rd. entwickelt sich eine Art Assi- Tourismus, das Mallorca- Syndrom greift um sich und scheint den Rest langsam zu verschlucken.

Schaut man von einem der beiden Enden in die Strassenschlucht hinein, sieht man eine langgezogene Ansammlung von Menschen durch die sich Mofas und Autos hindurchzwaengen. Die Gehwege sind ausgefuellt mit Verkaufsstellen aller Couleur. Erleuchtet wird dies alles von, im Rhythmus des Laermes vibrierenden, Reklametafeln. Nicht das Bangkok schon laut genug waere, wird die Kakophonie dieser Strasse durch den Krach unzaehliger Boxen noch einmal um das Zehnfache verstaerkt.

An der Ecke Chakraphong Rd. und Khao San Rd. steht mein persoenlicher Liebling- der Krautrocker. Der Krautrocker ist ein Herr im fortgeschrittenen Alter, dem beinahe saemtliche Schneidezaehne fehlen und dessen zunehmend breiter werdende Stirn ein Schweissband ziert. Im Schlepptau hat er einen kleinen Handwagen, auf dem Boxen und ein Verstaerker untergebracht sind. Waehrend die Menschenmassen unbeteiligt an ihm vorbeiziehen, haut der Krautrocker wild in die Saiten seiner E-Gitarre, laechelt sein beinahe zahnlosese Laecheln und bruellt der Meute unverstaendliche Wortfetzen entgegen. Fuer mich der einzige normale Mensch weit und breit. Denn ruhig bleiben kann man hier nicht mehr.

Ein paar Schritte weiter beginnt das Schauspiel der Khao San Rd. Mehr als 50 Meter muss man nicht in das Getuemmel eintauchen; der Rest ist blosse Wiederholung. An den Strassenstaenden werden in einem fort T-Shirts, Hosen, Sarongs, Flip Flops, Taschen und Taeschchen und allerlei Mitbringsel aus Holz feilgeboten. Die Motive der T-Shirts variieren anscheinend je nach Tageszeit. Vor allem in den spaeteren Abendstunden werden die alten Verkaufsschlager Bob Marley und Kurt Cobain gerne hervorgegramt. Dumm und Duemmer alias Busch und W. Busch sind ein ebenso beliebtes Motiv.

In ihrer Absicht ein gutes Geschaeft mit den Touristen zu machen, entstehen zwischen Einheimischen und Auslaendern die bizarrsten Wechselwirkungen. T-Shirts mit „Abi 2006“ Schriftzuegen sind da noch die harmloseste Variante. In einem Artikel der „Zeit“ lass ich einmal vom Pancak- Trail. Ueberall, wo Rucksacktouristen in groesserer Zahl auftreten, gibt es Pancaks. Die Touristen folgen den Pancaks und diese wiederum den Touristen. Auch auf der Khao San Rd. werden sie alle 30 Meter angeboten. Erst heute Morgen habe ich eine Frau gesehen, die ueber einem Grill riesige Toastscheiben roestete, mit Butter bestrich und je nach Wunsch mit einer unterschiedlichen Sorte Marmelade bestrich. Ich bin der Meinung, dass es die Thais bei einigen Dingen schaffen das Orginal nicht nur zu kopieren, sondern auch besser zu machen. Der Toast sah verdammt lecker aus.

Schliesslich und endlich haben die Thais eine Eigenschaft der „Westler“ entdeckt, die schier unerschoepflich ist. Ihre Sucht nach Alkohol. Irische Pubs schiessen wie Pilze aus dem Boden. Bei einem Heinicken oder Chang Bier tauschen sich die Touristen von Welt ueber ihre vergangenen und zukuenftigen Reiseziele aus. Alleinreisende warten bis ein anderer Lonesome Cowboy vorbeischaut, um anschliessend gemeinsam im Lonely Planet zu stoebern. Ueber die Strasse turteln zierliche Thaifrauen, die auf den naechsten Cocktailstand am Strassenrand hinweisen. Extra Strong seien die Drinks und der Bucket (ein Gemisch aus Cola, Whisky, Red Bull serviert in einen zwei Liter Eimer mit Strohhalmen) koste nur 200 Baat. Das es allen gut schmeckt, laesst eine Herde junger und ausgelassener Prols die ganze Strasse wissen. Sie schreien sich fast die Kehle aus dem Hals. Kein Wunder wenn nebenan schon eine ebenso gut gelaute Meute sitzt und nur in ein paar Metern Entfernung der reudigste Technobeat aus Boxen schallt, die ihre besten Zeiten laengst hinter sich haben.

Wer die ruhige Perspektive bevorzugt, laesst sich Zoepfe oder Rasten flechten oder ein Tattoo als Urlaubsmitbringsel stechen. Zwielichtige Gestalten verteilen Ansichtskarten der besten Nutten der Stadt und irgendwo lacht jemand sein dreckiges Lachen. Wer nicht mag oder will, steigt in ein Tuk Tuk, fuehlt sich nicht dazugehoerig, faehrt in einen andere Strasse und wird Teil eines anderen Wahnsinns.

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Das Wetter, das Essen und die Leute

Es gibt Themen ueber die im Zusammenhang mit Urlaub immer wieder gerne berichtet wird. Meistens handelt e sich dabei um „Die Leute“, „Das Wetter“, und „Das Essen“. Alles Dinge mit denen der Urlauber direkt konfrontiert wird. Auf Postkarten mutieren die Einheimischen immer zu fuerchterlich netten Zeitgenossen, die selbst bei den miesesten Abzocken nicht ihre guten Manieren vergessen. Ein sicherlich etwas anderes Bild zu diesem Thema, koennten Entfuehrte, Gekidnappte und Ermordete beitragen. Nur huellen sich vor allem Letztere grundsaetzlich in tiefes Schweigen.

„Das Wetter“, wenn es denn tatsaechlich das eine bestimmte Wetter gibt, ist ebenfalls eine Geschichte fuer sich. Im Grunde fahren drei viertel aller Deutschen des Wetters wegen in Urlaub. Und da es sich bei einem Grossteil um Sparbuchfanatiker und nicht um Boersenspekulanten handelt, wird der Sonnenschein schon im Voraus gebucht. Irland ist ein schoenes Land, aber so unbestaendig! Das die Sahara noch nicht mit Mallorca gleichgezogen ist, liegt nur an der Breite der Sandstraende. Oder einfacher ausgedrueckt, an der Ungleichverteilung zwischen Wasser und Sand als solchem. Mit der Sonne gaebe es zumindestens keine Probleme.

Bleibt noch das Essen. Ein heisses Thema. Hier haben es die Deutschen nicht einfach. Gefangen zwischen den kulinarischen Goettern aus Frankreich und den Fish and Chips Neurotikern von der Insel, steht unser Land ein wenig zwischen den Stuehlen. Die Entscheidung wem mehr zu trauen sei, Wolfgang Siebeck oder der lokalen Doener-Groesse, ist noch lange nicht entschieden. Vielleicht verharren deutsche Urlauber deshalb so oft beim Traditionellen- da weiss jeder was er hat. Oder hofft es bis das Bestellte gbracht wird. In Thailand ist diese Vorgehensweise nicht nur unmoeglich (Sauerkraut gibts nicht, Bier ist vergleichsweise teuer und nicht aus Deutschland. Und spaetestens nach dem Genuss des ersten Kaffees weiss jeder was ich meine. ) Zudem ist diese Einstellung auch fuerchterlich daemlich. Man verpasst schlicht und ergreifend viel zu viel. Obwohl selbst ich zugeben muss, dass der rein optische Genuss von einigen dargebotenen Speisen, durchaus ein leichtes Kribbeln am Gaumenzaepfchen zuruecklaesst. Deshalb sollte man langsam beginnen und zuerst einmal Sachen probieren, die man kennt. Wirklich kennt! Die Gerichte die man glaubt zu kennen aber noch nie wirklich im Mund hatte, bergen oft das groesste Ueberraschungspotenzial. Ich habe mir erst gestern wieder fritierte Tunfischringe gegoennt, wobei ich mir nach einigem Kauen nicht sicher war, ob der Verkaeufer nicht zum Walhoden gegriffen hat. Im naechsten Schritt kann man sich an Gerichte wagen, die man noch zu erkennen glaubt oder deren Geschmacksrichtung und Konsistenz sich ungefaehr erraten lassen. Wie zum Beispiel tausende Sorten Nudeln, Fleischspiesse, exotisch klingende und glibbrig aussehende Obssorten, Sushi, gegrillte Bananen, Reis eingewickelt und Reis mit Fisch….. Wer sich bis hier hin ohne Magenkolik durchgeschlagen hat, kann sich nun an die etwas ausgefalleneren Dinge wagen. Dafuer ist der chinesische Markt in Bangkok ueberaus geeignet. Hier gibt es gegrilltes, gekochtes, gegaartes, fritiertes, geduenstetes und gemahlenes Allerlei, bei dem mir zumindest oft die Phantasie fehlt, Herkunft und Geschmack sinnvoll zu klaeren. Viele Tiere, die hier als Grundlage dienten, kennen wir nur noch von der Roten Liste bedrohter Tierarten.

Bleibt als letztes noch die Frage zu klaeren, wie ich zu diesen drei Themen stehe. Nee, das erzaehle ich jetzt nicht mehr. Aber vielleicht auf der naechsten Postkarte, wenn es wieder heisst Leute gut, wetter gut, Essen gut- einfach alles gut.

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Bangkok Highnoon

Wieder einmal stellt sich mir die Frage, was der geneigte Leser dieser illustren Berichterstattung denn nun eigentlich lesen möchte. Allgemeines Befinden (es ist vergleichsweise warm was dazu führt, dass meine Sachen ein inniges Verhältnis mit meinen Körperporen führen), annekdotenhaftes (auf der Toilette von Bangkok International Airport lief in voller Lautstarke ein Oratorium von Bach) oder meinem Metier entsprechend geographisches (Bangkok, die größte Stadt des Landes, liegt auf einem alten Schwemmkegel des Mae Nam Chao Phraya River. Der Untergrund besteht aus fluvialen Sedimenten, die sich im Falle eines Erdbebens wie Wackelpudding verhalten.)

Ich möchte viel lieber von dem „Voll Krass!“ oder dem „Mam, look at This!“ berichten. Ja, als ein Tourist unter Touristen ist es immer besonders angenehm, seine eigenen Landsleute oder Abkömmlinge des westlichen Kulturkreises in ihren täglichen Gebaren, ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen. Erst gestern wurde ein deutsches Pärchen mittleren Alters Zeuge eines unglaublichen Vorfalls. Drei einheimische Kinder wagten sich doch tatsächlich in die leicht bräunlichen Fluten des Mae Nam Chao Phraya River. Als das Pärchen den ersten Schock überwunden hatte, schienen sie sich dagegen zu stemmen, sich vorzustellen, was wohl noch alles außer den Kindern im Wasser lauern könnte. Von Cholera- und Ruhrbakterien einmal abgesehen. Diesen beiden Phasen, ungläubiges Entsetzen und die Abwehr der eigenen Phantasie, folgte wie im Bilderbuch die Kamera. Schließlich bedarf es immer eines Beweisfotos. Ich habe mir verkniffen, beide mit einer meiner Erfahrungen vertraut zu machen. Schließlich sah ich im französischen La Hague Badegäste mit Wonne in den durch strahlende Abwässer aus der nahen Wiederaufbereitungsanlage verseuchten Atlantik sorglos ihre Bahnen ziehen.

Einem weiteren denkwürdigen Ereignis konnte ich heute auf dem chinesischen Markt beiwohnen. Der Zufall wollte es, dass ein Wonneproppen von Kind (britischer oder amerikanischer Abstammung, ich weiss es nicht genau) live der Schlachtung eines Huhnes beiwohnen konnte. Wobei die Schlachtung lediglich das saubere Abtrennen des Huhnkopfs beinhaltete. Der Kleine war davon so schockiert, dass er nach einer kurzen Atempause wie am Spieß zu brüllen anfing. Seine Eltern probierten ihn noch zu beruhigen. Es half alles nichts. Nur die dichten Menschenmassen hinderten ihn an einer halsbrecherischen Flucht. Ich hätte ihnen gerne den nächsten McDonalds empfohlen, schließlich werden die Schweine und Rinder die dort in der Pfanne landen, ja nicht mehr geschlachtet sondern gekeult. Leider wurde die Keule aus Rationalisierungsgründen bereits abgeschafft und durch einen sauberen Elektroschocker ersetzt. Manchmal frage ich mich, ob der Unterschied zwischen diesem Kulturkreis und dem Unsrigen nur darin besteht, dass wir gar nicht so gerne über den wahren Hergang der Dinge informiert sein möchten. So lange der schöne Schein gewahrt bleibt. Aber das nur eine Theorie am Rande.