Das Schnarchen der Dinosaurier


Dies war heute schon meine vierte Zigarette und dass obwohl ich zum wiederholten Mal aufgehört hatte. Der Kaffee war nur noch lauwarm und das Franzbrötchen schmeckte wie der Pappbecher, auf den ich starrte. Natürlich kam sie zu spät! Ich glaubte mittlerweile, dass sie es aus Absicht tat, um mich zu ärgern oder nur, um mich meiner eigenen Hilflosigkeit bewusst zu machen. Ich wollte aufhören zu rauchen, ich wollte sie nie wieder sehen, ich wollte nie wieder mit ihr reden, was ich ganze drei Minuten ausgehalten hatte. Und nun stand ich hier, eine Kippe in der Hand, in der anderen einen Pappbecher voller Kaffee während das Franzbrötchen auf dem roten Autodach klebte. Wir hatten uns am Hirschgarten verabredet, um mit einem Cabrio ins Umland zu fahren. Durch die Aussicht auf ausgezeichnetes Wetter und auf ein paar schöne Stunden mit ihr, hatte ich mich dazu hinreißen lassen. „Wie romantisch!“, dachte ich jetzt. Vielleicht hätten wir ein paar schöne Stunden gehabt wenn wir ein Liebespaar gewesen wären. Dass waren wir aber nicht, was zwangsläufig in einem trostlosen Nachmittag enden musste. Wie, das wusste ich noch nicht. Vielleicht würden wir uns einfach nur anschweigen oder es würde diese eigenartige Stille entstehen, wenn etwas Ungesagtes schwer in der Luft liegt. Mag sein, dass wir uns endlich einmal anschreien würden. Was aber eher unwahrscheinlich war.

Ich hatte sie in einem Nachtzug kennengelernt. Das enge Abteil war schon zur Hälfte gefüllt, die Passagiere lagen in ihren Kojen. Ein Mann mit grauen Haaren erzählte, er sei früher Lokführer gewesen und kenne die Strecke in und auswendig. Ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel, wie sie angestrengt versuchte seinen Ausführungen über die tolle Landschaft zu folgen, die man ja leider im Dunkeln nicht sehen konnte. Als der Zug durch die Nacht ruckelte, entpuppte sich der Lokführer a.d. als passionierter Schnarcher, der wie eine Mischung aus röhrendem Hirsch und einem angreifenden Dinosaurier klang. Dazu kam die leicht röchelnden Antworte eines Passagiers direkt über mir. Ich konnte mich nur mühsam zurückhalten mit meinem Kissen auf beide loszugehen. Gegen den Dinosaurierschnarcher war kein Kraut gewachsen. Egal wie fest ich mir mein Kissen auf die Ohren presste, er kam durch. Er war der erste Schnarcher dessen Geräusche ich leibhaftig fühlen konnte. Missmutig kramte ich in meinem Rucksack nach meinen Kopfhörern.

Kannst wohl auch nicht schlafen?“, kam es leise von ganz oben.

Nicht wenn ein Dinosaurier mit Atemproblemen in meinem Abteil röchelt!“ Darüber lachte sie spöttisch.

Was dagegen wenn ich runter komme?“

Keine Ahnung. Es ist weder mehr Platz noch ist die Geräuschkulisse erträglicher.“

Es war wohl eher als rhetorische Frage gemeint. Im nächsten Moment stand sie im Gang und steckte den Kopf in meine Schlafnische.

Magst du vielleicht ein Stück rücken?“

Denkst du wirklich, dass wir hier zu zweit hinpassen.“

Klar!“

Ich konnte ihre Haare riechen während sie leise in Richtung Gang sprach.

Jemand hat mir einmal erzählt, man müsse nur ts ts ts machen und den Kopf mahnend hin und her bewegen und schon würde jeder Schnarcher ruhig weiter schlafen.“

Keine Chance! Schon gar nicht bei diesem Exemplar.“

Aber einen Versuch ist es wert, oder?“

Alles, nur soll er endlich damit aufhören.“

Sie schüttelte mahnend den Kopf und machte ts ts ts ts. Keine Reaktion. Sie versuchte es noch einmal. Wieder nichts. Natürlich, warum sollte sich jemand vom Schnarchen abhalten lassen. Der bekam doch eh nichts mit. Sie versuchte es noch einmal und tatsächlich wurde der Dinosaurier langsam leiser.

Ich fasse es nicht!“, gab ich ehrlich überrascht zurück. Nach zwei weiteren Versuchen war es bis auf die Zuggeräusche totenstill in unserem Abteil.

Zufrieden?“

Was will man mehr!“

Dann können wir ja jetzt in Ruhe schlafen.“

Sie nahm meine Hände in ihre und drücke sie leicht. Nachtzüge schienen mir in diesem Moment eigenartige Orte zu sein. Dann schlief ich ein.

Da war sie! Mit einem flüchtigen Kuss entschuldigte sie die halbe Stunde Verspätung.

Kannst du dich noch an den Nachtzug erinnern?“, fragte ich.

Meinst du an den Dinosaurierscharcher?“

Ja, genau an den.“

Wie kommst du darauf?“

Keine Ahnung, ich musste gerade wieder daran denken.“

Hirschgarten, ein seltsamer Name. Wo sind die Hirsche?“

Was?“ fragte ich noch in Gedanken versunken.

Ach nichts. Wolltest du nicht aufhören? Mit dem Rauchen meine ich.“

Danke, dass du mich noch einmal daran erinnerst!“

Keine Ursache. Meinetwegen können wir los.“

Meinetwegen können wir schon seit einer halben Stunde los.“

Sie erwiderte nichts, sondern strebte zielstrebig auf das rote Cabrio zu.

Ich würde gerne fahren.“

Warum tust es dann nicht einfach?“

Weil ich, einfach gesagt, keinen Führerschein besitze. Also wirst du mich wohl oder übel durch die Gegend kutschieren müssen. Hast du eine Ahnung wo wir hinfahren wollen?“

Die hatte ich natürlich nicht. Immer noch in Gedanken im Nachtzug, öffnete ich mit meiner Karte das Auto und stieg ein.

Meinste wir können das Verdeck aufmachen?“

Klar, noch regnet es ja nicht.“, erwiderte ich mit einem Blick in den verhangenen Himmel.

Ich fuhr das Cabrio aus der Einfahrt und ließ uns ziellos durch den Stadtverkehr treiben. Sie plapperte freudig drauf los. Immer wieder rekapitulierte sie einzelne Ereignisse der letzten sechs Monate, die wir mehr oder weniger zusammen verbracht hatten. Es machte mich wütend, dass sie reden konnte während ich stumpf neben ihr saß und nicht wusste was ich entgegnen sollte.

Lass uns nach Vieselbach fahren!“

Nach Vieselbach? Ich dachte wir machen eine Spritztour ins Umland und keinen Ausflug in den Speckgürtel.“

Was hast du gegen Vieselbach?“

Nichts. Was sollte ich schon dagegen haben? Nur was gibt’s da?“

Vieles!“, entgegnete sie.

Zum Beispiel?“

Vieselbacher und Vieselbacherinnen, zum Beispiel“

Aha.“

Fällt dir etwas besseres ein?“

Nein mir fiel nichts besseres ein, als an einem Sonntag nach Vieselbach zu fahren und die Vieselbacher bei ihren Sonntagsaktivitäten anzugaffen.

Vielleicht sollten wir auf dem Sportplatz eine Bowu essen und dem SV Vieselbach beim Verlieren zusehen?“

Mhm, vielleicht.“

Kannst du mir eine Kippe geben?“

Hier ist rauchen verboten. Siehst du das hier?“ Ich deutete mit dem Finger auf das kleine Nichtrauchersymbol auf der Mittelkonsole.

Wir sitzen in einem Cabrio mit offenem Verdeck. Hast du Angst ich könnte Brandflecke in die Sitzbezüge brennen?“

Nein, aber es ist nun mal verboten.“

Spießer!“

Was?“

Ach vergiss es!“

Es entstand eine längere Pause, aufgefüllt mit einer langgezogenen Ausfallstraße und einem tristen Gewerbegebiet.

Wir sollten uns nicht mehr sehen!“

Vielleicht!“

Was machen wir hier eigentlich?“

Nach Vieselbach fahren, die Atmosphäre verpesten, den Klimawandel anheizen, Zeit verschwenden, schweigen…Was meinst du genau?“

Ach vergiss es einfach.“

Kannst du mich in Vieselbach zum Bahnhof bringen?“

Warum denn das nun schon wieder?“, wollte ich wissen.

Ich will mit dem ICE zurück fahren!“

In Vieselbach hält aber kein ICE.“, entgegnete ich altklug.

Heute schon.“

Ich parkte das Auto vor dem Vieselbacher Bahnhof, der trostlos wie alle Provinzbahnhöfe an einem Sonntag Nachmittag wirkte. Es sah nach Regen aus. Warum nicht? Sollte sie doch mit ihrem dummen ICE zurückfahren! Ich würde den Regen durch das offene Verdeck prasseln lassen und dabei eine Zigarette im Mund haben.

Wir standen schweigend auf dem Bahnsteig. Außer uns war niemand zu sehen. Ein ICE würde hier in einhundert Jahren nicht halten. Wenn sie Glück hatte, könnte in der nächsten Stunde eine Regionalbahn vorbei fahren. Missmutig rauchte ich die letzte Kippe der Schachtel. Wann hatte ich sie gekauft? Gestern erst! Am liebsten hätte ich sie in diesem Augenblick auf die Gleise geschubst. Vielleicht würde sie ein Güterzug überrollen. Statt dessen standen wir sinnlos in den Nachmittag hinein.

Auf dem Display wurde eine Zugdurchfahrt angezeigt. Wahrscheinlich ein ICE dachte ich, nicht ohne mir selbstgefällig ihr dummes Gesicht auszumalen, wie es dem dahinbrausenden Zug hinterher blickt. Und tatsächlich wurde langsam die weiß-rote, längliche Schnauze des Flaggschiffs der Bahn sichtbar. Dieser Zug würde nie hier halten, nicht in Vieselbach, nicht an diesem beschissenen Sonntag.

Er hielt. In seiner vollen Länge und Pracht kam der ICE fast geräuschlos zum Stehen. Ohne zu zögern ging sie zur erstbesten Tür und drückte den Knopf zum Öffnen. Es war als wäre ein Raumschiff gelandet. Mit leisen Klack- und Zischgeräuschen ging die Tür auf. Ungläubig starrte ich zuerst auf ihre verschwindende Gestalt, um dann eine Gruppe von Passagieren durch die Scheibe wie Außerirdische zu begaffen. Sie gafften zurück und da stand ich: ein Trottel mit offnem Mund und die letzte Kippe bis auf den Filter abgebrannt. Die Tür schloss sich und im nächsten Moment setzte sich der Zug in Bewegung. Es dauerte eine ganze Weile bis er an mir vorbei gezogen war. Mit den letzten vorbeigleitenden Fenstern fielen die ersten Regentropfen. Ein feiner Sprühnebel aus Wassertropfen, der sich zuerst auf meiner Brille bemerkbar machte und langsam seinen Weg auf meine Arme und Beine fand.

In der Unterführung schnurrte ich mir von einem alten Pärchen eine Kippe.

Haben sie den ICE gesehen, der gerade hier gehalten hat?“

Sie hielten mir stumm die Packung vor’s Gesicht, wahrscheinlich froh, mich so schnell wie möglich wieder los zu werden. Sie hatte ihre Handtasche im Auto vergessen, natürlich. Unschlüssig mit der Kippe im Mund, sah ich zu, wie Regentropfen durch das offene Verdeck fielen und auf dem Armaturenbrett einen feinen Film bildeten. Alles schien unwahrscheinlicher als je zuvor und die Handtasche machte es nicht besser.