Auf schwarzen Grund gemalt

Die Wolken waren unentschlossen zu verschwinden oder träge dazuliegen. Der Wind wehte mit letzter Kraft und stolperte über Schornsteine und laublose Bäume. Auf der verstopften Straße wäre er vollends liegen geblieben, gejagt und gequält vom beißenden Gestank der Automobile.

Ich stand an einer Ampel. Mein Blick lag auf einem roten Farbfleck auf der anderen Straßenseite. Meine Beine zitterten vor Anstrengung, in jeden Moment bereit, sich für mich durch das reißende und knurrende Eisenbündel zu kämpfen. Wollte man in dieser Stadt eine Straße überqueren, musste man Wagnis, Schnelligkeit, Unverschämtheit und einem Schuss Todesmut, garniert mit wilden Flüchen, die man dem erstbesten hupenden Auto entgegenwerfen konnte, aufbringen. Ich schützte mich in einer Gruppe Todesmutiger – diese Irrfahrt alleine zu wagen glich im Großen und Ganzen dem Wunsch nach Selbstmord. Die Ampel schaltete von rot auf grün aber der Strom schwarzer Reifen riss nicht ab. Schon beugten sich die ersten Körper nach vorne. Wie ein Albatros das Fliegen durch den Sturz aus seinem Nest in die Tiefe lernt, so kippten sich die Mutigsten von der Bordsteinkante hinab. Ein wüstes Hupen brach über sie herein. Sie schoben mit aller Kraft ihre Hände und Arme dagegen, kletterten über Stoßstangen, Motorhauben, Kofferraumklappen. Den wilden Verwünschungen spuckten sie heftigere entgegen, die den Empfänger samt seiner Familie und der folgenden einhundert Generationen trafen.

Bald begannen auch die Zögerlichsten auf die Straße zu laufen. Ich spürte ihren Willen zum Übersetzen auf die andere Seite am Druck auf meinen Rücken. Doch obwohl ich mitten im Weg stand, schob sich die Menge an mir vorbei. Ich musste mich nur leicht von links nach rechts wiegen, um dem Vorschnellen der Körper auszuweichen. Die ersten Überläufer von der Gegenseite erreichten mich und das Gedränge wurde ungemein heftiger. Ich fühlte meinen ganzen Leib geschoben, gedrückt und in verschiedene Richtungen gezerrt. Einen letzten Augenblick wehrte ich mich noch, dann trieb ich mit. Sofort verlor ich mich in eine andere Welt. Das schützende Land lag nur ein paar Schritte entfernt, nicht mehr als ein Katzensprung. Doch ich war keine Katze! Wenn, dann höchstens eine ängstliche, die eine geballte, sich verdichtende Anspannung wahrnimmt, jeden Moment bereit loszubrechen, um sich über alles hinweg zu wälzen was sich ihr in den Weg stellte. Die Fahrer der Automobile starrten gebannt auf einen Punkt über meinem Kopf. Diese Schicksalssonne, deren roter Schein uns schützte während ihr grünes Feuer jedem Angst und Schrecken über die Glieder jagt, der nicht am sicheren Ufer eines der Bürgersteige angelangt war. So sehr mir all das bewusst war, kümmerte ich mich doch wenig darum. Ich folgte der Frau vor mir, die jemand anderem folgte, der jemand anderem folgte- und immer fort bis sich der Strom an Menschen verlor. Unsere Schritte waren nicht gleichmäßig. Ein Stolpern folgte einem Ausweichen, einem Schwenk nach links einer nach rechts. Die sich entgegenkommenden Menschen schienen ihren Spiegelbildern auszuweichen. Alle suchten den schwarzen Teerfluss mit seinem Treibholz aus Metallkarossen unbeschadet zu überwinden.

Mein Blick blieb auf den Schuhen der vor mir Laufenden gerichtet. Kaum dass ich aus Angst vor einem Zusammenstoß in ein Gesicht schaute. Die Welt schien nur noch aus amputierten Gliedmaßen zu bestehen, die auf der Suche nach ihrem Besitzer waren oder alleine einen Spaziergang machten. Hier und da glimmte kurz ein Torso auf.

Ich begann über unsere Begegnung nachzudenken. Im Nachhinein fiel es mir immer schwerer, sein Wesen genau zu beschreiben. Mein erster Gedanke galt schon damals einem Engel. Das mitleidige Lächeln und sanfte Schulterklopfen von Freunden ließen mich später zweifeln. Bekannte fragten mich, ob ich meinen neuen Freund den Engel nicht einmal mitbringen wollte, um ihn allen vorzustellen. Es war zum Kotzen! Die Angst vor weiteren Demütigungen verfärbte das Bild meiner Begegnung zunehmend grauer bis er sogar in meinen eigenen Erinnerungen zu einem gewöhnlichen Menschen verschwamm. Doch, wenn ich mit mir alleine war, wichen die Zweifel. Ich kannte die Bilder von Engeln, die Vorstellungen der Menschen von ihnen. Blonde Locken, einem schimmernden Heiligenschein und den weißen Flügeln, die immer aussahen als seinen sie nur dürftig am Rücken angeklebt worden. Mein Engel war anders. Aber wie war er wirklich? Zu den aufgezwungenen Zweifeln stolperte ich immer wieder in die Falle meiner eigenen Erinnerungen. Sie hatten mich schon oft getäuscht – warum nicht gerade auch in diesem Moment?

Auf der schwarzen Teerstraße, die von den Füßen und Beinen der Überquerenden zerschnitten wurde, blickte ich plötzlich auf. Ein weiter brauner Umhang waberte an mir vorbei. Er reichte seinem Träger von den Schultern bis zu den Fußknöcheln, war aber an den Armen ein wenig zu kurz geschnitten, als hätte selbst der Schneider nichts von der Größe geahnt, die der Stoff bedecken sollte. Sein Träger war groß und schlank. Dabei schien alles im gleichen Maß vergrößert worden zu sein: die Arme, die Beine, die Finger, die Nase, die Augen. Alles schien ein Stück aus dem Normalen herauszuragen, noch nicht riesenhaft aber eben doch auffällig groß. Am meisten mochte ich seine Hände. Sie waren lang und schmal. Grazil und kräftig zugleich mit einer wohligen Geborgenheit, die von ihnen ausging. Die Hände hätten Vögeln ohne großes Aufsehen die Flügel brechen können. Doch dazu waren sie nicht da. Stattdessen bildeten sie eine Theaterbühne, auf der ein Spatzenpaar ihren Walzer fern von Katzenkrallen tanzen konnte. Die Hände hätten sich über dieses Schauspiel bestimmt köstlich amüsiert. Und die Freude wäre dem Fremden über die Arme auf das Gesicht übergesprungen.

Obwohl ich immer glaubte, dass ich das Gesicht nie vergessen würde, begann es sich rasch aufzulösen und in einzelne Teile zu zerfallen. Ich versuchte es wieder zusammenzusetzen, doch immer wieder beschlich mich der Verdacht andere Erinnerungssplitter mit einzumischen. Das Mosaik, zu welchem sein Gesicht wurde, schien nie wieder dem Original zu gleichen. Vielleicht verlieren wir so all unsere Erinnerungen?

Wenn ich so zurückblicke, dann weiß ich nicht ob seine Haare braun waren, die Augen grün oder blau? Mag sein, er hatte eine Hakennase, vielleicht hervortretende Backenknochen oder ein rundes Kinn. Mit Sicherheit strahlte sein Gesicht vor Freude – eine irre Freude! Seine Augen blitzten, selbst jetzt am Tag und bohrten sich in die Tiefe meiner Pupillen. Wo bei mir Angst und Zweifel standen, lag bei ihm ein unbeugsamer Wille. In einem Augenblick hätte er ein weinendes Kind wieder zum Lächeln gebracht, um im nächsten Moment die Krähen aus den Bäumen aufzuscheuchen, so kalt und unbarmherzig konnte er lachen.

Als ich ihn traf, waren die Wogen in seinem Gesicht geglättet. Heute war ein Tag an dem die Spatzen auf seinen Händen tanzten und er jedem ein Lachen schenkte, der dieses Geschenk annehmen mochte. In dem Moment an dem wir aneinander vorbeischritten, vergaß ich wo ich war. Ich folgte seinem Gang, seinen Bewegungen, dem Zusammenspiel der Muskeln und Sehnen, die sich unter seiner Gesichtshaut spannten. An seinem Blick entlang zog es mich mit einem Ruck von der Straße. Das Fluchen von den mir folgenden Passanten verhallte. Ohne erkennbaren Grund drehte er sich im Vorbeigehen mit seinem Gesicht und deutete mit einem Arm an einem Punkt, außerhalb meines Gesichtsfeldes. Ich folgte der Bewegung seines Armes, ohne mir der Bedeutung der Geste bewusst zu sein. Vor ihm lag die Straße, die in einen gewaltigen runden Platz mündete. In der Mitte befand sich ein von Möwen vollgeschissenes und ein paar Bäumen umstandenes Denkmal. Das schwarze Straßenmeer dampfte und es roch nach Regen. Hier und da glänzte eine Wasserlache in den Strahlen der Sonne. Es schien als würde sie die Schwärze des Teers direkt in den Himmel saugen und ein durchsichtiges Glänzen zurücklassen. Durch einen merkwürdigen Schicksalsstreich schienen alle Ampeln auf rot geschaltet, wodurch sich kein Auto auf dem Platz befand. Über allem wölbte sich unruhig ein zitternder Himmel. Wolken ballten sich zu schwarzen Türmen durch die die Sonne ab und an durchbrach. Plötzlich sah ich durch seine Augen. Der Platz vor mir verschwamm und wurde wieder scharf. Einzelne Details wurden gegen andere ausgetauscht oder die ganze Szenerie wechselte mit einem Schlag. Die Häuser zerfielen zu Staub, aus dem die Sonne eine Wüste brannte. Dort, wo gerade der Sand ein aufgewühltes Meer bildete, war bald ein Ozean aus Wasser. Aus der blau schimmernden Wasserfläche schossen plötzlich Bäume, in denen sich der Wind verfing. Er trieb Rauch vor sich her und alles schien in Flammen aufzugehen. Der ganze Wald fing Feuer und bildete weite Flächen aus Qualm. Aus ihm wurde Stein, beschmiert mit Blut. Menschen liefen über die Fläche. Mal wenige, mal Tausende. Ich sah sie entstehen und vergehen. Aus dem weißen Staub ihrer Knochen entstanden immerfort neue Skelette. Sie fielen sich in die Arme, begannen sich gegenseitig zu würgen und mit Schwertern zu enthaupten. Dann würgte die Erde und spie Schlamm über die Verdammten. Blumen blühten auf den Gräbern und die Grabsteine häuften sich zu Bergen hinter denen die Sterne verschwanden. Ich wollte die Augen schließen, aber es waren nicht mehr meine mit denen ich all dies sah. Die Flut der Bilder drückte mich langsam zu Boden in ein grenzenloses Schwarz. Ein dunkler Schatten aus Millionen kleiner Steine, das Schwarz der Straße unter meinen Füßen. Plötzlich tauchte direkt vor mir eine blutrote Scheibe auf. Sie schien direkt aus dem dunklen Grund gewachsen. Zwischen zwei Wimpernschlägen tauchte eine zweite auf und verschmolz mit der ersten. Zuerst bildeten sich zwei scharf abgegrenzte Kreise, die sich in der Mitte nach außen wölbten. Sie näherten sich still aufeinander zu bis sie sich in einem einzigen winzigen Punkt berührten und ineinander flossen. Ich schloss wieder die Augen und versuchte die Bilder aus meinem Kopf zu verdrängen. Ich kniff so fest meine Lieder zusammen, dass alles in einem schwarzweißen Funkenregen flimmerte. Als ich die Augen wieder öffnete, schienen die Scheiben geschrumpft und nicht größer als ein Fingernagel, doch trat eine weitere hinzu. Wieder schloss ich die Augen. Größe und Anzahl hatten sich wieder verändert. Ich fühlte Schwindel und etwas lief über meine Lippen. Meine Hände wischten sich rot am Blut das aus meiner Nase tropfte. Auf der Straße bildete es winzige Inseln, die im Teer versanken. Ich schaute verwirrt nach oben. Von meiner Nase und meiner Hand lösten sich synchron zwei Blutstropfen. Als sie meinen Hals passierten, schaute ich der Sonne entgegen, an der Wölbung meines Bauches kreuzte ein Mann mit einem alten rissigen Koffer meinen Blick, bei meinen Knien wechselten rote Ampeln in grüne und grüne in rote, die Automobile stürzten los und ihre Reifen überfuhren die Tropfen mitten auf der Straße. Metall streifte mich, beißender Qualm drang durch ein Orgelkonzert tollwütigen Hupens in meine Nase. Ich torkelte zurück. Tropfen von Blut fielen von meinem Kopf auf die Straße. Auf dem Bürgersteig waren sich die Blicke der Menschen nicht sicher, ob sie sich angewidert abwenden oder sich im neugierigen Gaffen ergötzen sollten. Das Blut gerann und bildete eine hässliche Kruste. Ich versuchte meine Besinnung wieder zu finden, wich aber nur wie ein geschlagener Hund den Blicken der Menschen aus. Sie jagten mich und waren sie einmal von ihrem vorherigen Besitzer gelöst, verfolgten sie mich wie tolle Hunde ihre Beute. Selbst hinter Häuserecken spürte ich sie. Ich kotzte an eine mein ganzes Frühstück vor eine Mülltonne. Unvermittelt schob sich eine Hand mit einem Taschentuch in mein Gesichtsfeld. Eine wunderschöne Hand aus einem viel zu kurzen braunen Umhang. Ich wagte nicht aufzuschauen. Die Bilderflut schwappte wieder hervor und ließ mich Galle spucken. Ich begann am ganzen Körper zu zittern. Vorsichtig griff ich nach dem Taschentuch.

Die Zeit zog vorbei. Ich fühlte mich nutzloser als der Müll in den Tonnen. Irgendwann drehte ich meinen Kopf vom Boden und starrte unverwandt den Himmel an. Mit einer blutverkrusteten Nase und einem übelriechenden Geruch, der mir aus Mund und Nase kroch, machte ich mich wieder auf die Suche. Ich wollte nicht mit der Erinnerung an den Tagtraum alleine sein. Vielleicht wollte ich mich auch einfach nur vergewissern, dass es nur ein Traum gewesen war, ein kurzes Flimmern in der Luft, in das aus meinem Bewusstsein unzusammenhängende Bilder gefallen waren.

Schlürfend zog ich über den Bürgersteig. Mein Zustand ließ nicht auf die Begegnung mit einem Engel schließen. Damals hatte ich diesen Gedanken noch nicht gefasst. Er lag irgendwo an der Grenze zwischen möglich und unmöglich. Mag sein, er entstand erst aus den Widerständen, die mir meine Freunde entgegen brachten.

Die Stadt wimmelte von Menschen. Sie schlängelten sich kreuz und quer auf unsichtbaren Linien ihren Zielen entgegen. Überall trafen mich abschätzige Blicke, die mich wie Straßenköter ankläfften. Manche fielen mich unvermittelt an und bissen mir in die Seite. Die Abscheu der Leute ließ ein wenig freien Raum, in dem ich hintreiben konnte. Die Straßen wurden enger und die Häuserwände begannen die Bewegungen in immer kleinere Räume zu zwängen. Die Menschen bewegten sich gleichberechtigt mit den Autos auf der Straße. Ein Treffen von zweien schien ausgeschlossen, trotzdem bewegte sich der Verkehr in beide Richtungen.

An einer kleinen Straßenkreuzung wurde ich fündig. Zwei Straßen bildeten hier zusammen ein T. Der Querbalken war uninteressant. In ihm befand sich ein kleiner Lebensmittelladen. Ihm gegenüber standen sich die Eisenstühle eines Straßencafés die Beine in den Bauch. Die Sitzkissen leuchteten in einem aufdringlichen gelb, das dem Café auch die letzten sympathischen Züge raubte. Die andere Straße stieg leicht bergan oder bergab, je nachdem von welcher Seite man in sie einbog. Dort befanden sich ein Teppichladen und ein Hotel, dessen Eingangsschild golden funkelte. Im Trubel der Straße gefangen, befand sich mein Engel mit einem Handkarren auf der Kreuzung. Er stand auf einem kleinen Rest Bürgersteig nur eine Handbreit von den vorbeifahrenden Autos entfernt. Hinter einer Glasscheibe lag Gebäck zu kleinen Türmen gestapelt dazu ein paar zerknitterte Scheine und wenige Münzen. Passanten nickten einen Gruß und zeigten auf das gewünschte Stück. Alte Zeitungen dienten dem Engel als Einschlagpapier. Die Packungen aus Zeitung und Zuckerteig verschwanden in Jackentaschen und Hosentaschen – dreckige Geldscheine krochen dafür aus Hemdtaschen, Anzugstaschen während das Wechselgeld zurück in Manteltaschen oder Rocktaschen tauchte.

In den Falten seines Umhangs hatten sich ein paar Krümel verlaufen. Sie erinnerten mich sofort an die tanzenden Spatzen in seinen Händen. Ich trat vor seinen Wagen und bat um einen runden Teiggringel, eingedeckt in Puderzucker, bedeutete ihm jedoch gleich, er müsse kein Zeitungspapier drumherum schlagen. Ohne Worte zu tauschen, vollführten wir ein kompliziertes Ritual, in dem unsere Hände umeinander tanzten und wir die Dinge untereinander austauschten, als seinen es Geschenke. Ich stand selbstvergessen neben dem Wagen. Das Straßenleben zog an uns vorüber und es war, als wären wir zwei alte Bekannte, die sich zufällig auf der Straße begegnet waren. Manchmal spürte ich seinen Blick auf mir ruhen, drehte mich aber aus Verlegenheit nicht um.

Selbstverloren starrte ich gebannt auf das Leben, dass sich mir darbot. Wieder erschien mir alles wie Bilder, die auf einen schwarzen Grund gemalt waren. Ich wollte mich dem Engel durch ein Lächeln kundtun. Doch er hatte seinen Karren bereits auf einen anderen Weg gelenkt. Ich habe immer wieder Ausschau gehalten nach einem brauen Mantel, Händen auf denen die Spatzen tanzen und einem Lächeln zwischen Sanftmut und Gewalt. Würde ich ihn wieder sehen, ich würde fragen wie die phantastischen Visionen über dem Nichts eines großen Platzes mit seinen Gebäckstücken verbunden sind.

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çıkış (Ausgang)

Die Stadt, in der sie sich befand, war erschreckend trostlos. Die Sonne entfernte sich nie weit vom Horizont, ging weder richtig auf noch unter und spendete nicht mehr als ein diffuses Grau, dass nur in seiner Undurchdringlichkeit wuchs oder abnahm. Die Straßen waren leer und lagen verlassen von Menschen, die es vorzogen, ihr Leben hinter grauen Hauswänden und beschlagenen Fenstern zu fristen. Der einzige Weg hinein oder hinaus bestand in einer Straße, die entweder der Schnee oder der Regen unpassierbar machte. Oder ein Zug! Donnerstags um 19 Uhr! Jede Woche oder nur alle zwei Wochen, wenn auch die Straße unpassierbar war. Woher dieser Zug kam blieb ihr ein Rätsel um dessen Lösung sie sich nicht bemühte. Galt es doch einzig, dieses trostlose Fleckchen Erde zu verlassen.

Aus Furcht, den Zug zu verpassen, begab sie sich schon weit vor Sonnenuntergang auf den Bahnhof. Ein Billett würde es wohl noch geben. Der Gedanke an eine Existenz anderer Passagiere erschienen zu absurd, als dass sie sich darüber den Kopf zerbrach.

Der längliche Flachbau, der als Bahnhof diente, unterschied sich in nichts vom Rest der Stadt. Alles schien gebaut für eine bessere Zeit. Es blieb jedoch alles gleich. Das Blatt hatte sich weder zum Schlechteren noch zum Besseren gewendet. So verharrte dieser Ort weiter.

Die Station lag verwaist zwischen einem Bündel aus Gleisen. Entfernt standen ein paar Wagons. Neben dem Bahnhofsgebäude eine alte Dampflok, auf einem Abstellgleis in eine neue Utopie. Der Billettschalter war geschlossen. Die Räume lagen im Kälteschlaf, nur der Warteraum schien beheizt. Die Wände in braun gehalten, beherbergte er ein paar Stühle und Bänke, lose im Raum verstreut. Irgendwo hing ein „Rauchen Verboten“ Schild. Auf einer anderen Wand ein Briefkasten für Beschwerden. Glitt jemals ein schmaler Zettel durch den Schlitz, fand sich ein Mensch der ihn weiterleitete? Wahrscheinlich wurde er auf seinem langsamen Weg durch die Instanzen, die Zuständigkeiten und die vielen Hände unleserlich und verblasste, wurde für unwichtig erklärt und in einen Papierkorb geworfen.

Sie ging in die Nähe eines Heizkörpers, direkt unter einem vom Wassernebel blinden Fenster. Das alte Gusseisen knarrte vor Hitze. In den Rohren gluckste das Wasser. Die Wärme und Geräusche gaben ihnen etwas Lebendiges. In Momenten der unterbrochenen Stille ging sie quer durch den Warteraum, um sich auf der gegenüberliegenden Seite wieder in die Nähe einer der Heizkörper zu setzen. Die Stille machte sie nervös. Dazu plagte sie die Angst, den Zug zu verpassen – der einzigen Möglichkeit der Stadt zu entfliehen.

Eigentlich hatte sie sich das Rauchen abgewöhnt, der alten Gewohnheit zuliebe befanden sich jedoch zwei Schachteln in ihrem Koffer. Mit einer Zigarette in der Hand betrat sie den Bahnsteig, nahm zwei hastige Züge und begrub den Rest unter einem ihrer Absätze. Sie verabscheute herumliegende Zigarettenreste, hasste Unordnung. Einen Papierkorb oder gar einen Aschenbecher schien es nicht zu geben. Sie verbrachte fünf Minuten suchend und noch einmal so lange, um sich ihres Alleinseins zu vergewissern. Währenddessen drehte sie den Stummel in einer Hand, bevor sie ihn mit einer schnellen Bewegung auf die Gleise warf. Eine Schneewehe fraß ihn vor ihren Augen und aus ihrem Gewissen.

Auf ihrem Weg zurück fiel ihr eine Uhr auf, ein eckiger Klotz, dessen Zeiger irgendwo kurz vor sieben standen. Wahrscheinlich hatte sie der Zug erschreckt. Sie lachte über diesen Gedanken. Der Hall ihrer Stimme erschreckte sie ebenso sehr, wie die Tatsache keine eigene Uhr zu haben. Sie stolperte zurück, riss Tür und Koffer nacheinander mit einer Hand auf. Die andere verscheuchte und vertrieb Gespenster böser Vorahnungen aus der Luft. In wenigen Augenblick verteilte sich ihre persönliche Habe über einen großen Teil des Raumes. Eine Uhr war nicht darunter. Sie gierte nach Sicherheit, doch der Koffer spie nur gähnende Leere aus. Wie spät mochte es sein? Sie suchte die letzte Erinnerung nach einem Alltag, indem der Blick auf zwei sich bewegende Zeiger eine Belanglosigkeit zwischen Unwichtigkeiten war. Einen Augenblick später wurde sie sich der peinlichen Situation bewusst, dass ihre gesamte Habe, die Unterwäsche, alle Kleinigkeiten, die man sein ganzes Leben vor anderen versteckt, vor ihr den Boden bedeckten. Sie raffte alles zusammen, nur um es im selben Atemzug erneut aus dem Koffer zu befördern. In einer an Manie grenzenden Penibilität verstaute sie aufs neue jedes Kleidungsstück im Koffer, gefaltet und geglättet. Sollte sich die Welt um sie herum aus den Fugen bewegen, ihre eigene durfte es auf gar keinen Fall. Dabei wandelte sie doch bereits jetzt von einer Absurdität in die nächste!

Eine zweite Zigarette folgte der ersten. Der Stummel landete diesmal bereits nach einer Minute nervösen Schauens auf den Schienen und beerdigte sich selbst mit einem flüchtigen Zischen im Schnee. Die Eintönigkeit begann sie zu verschlucken während sie die Unruhe im Warteraum von einer Seite zur anderen trieb. Immer wieder griff sie zu einer Zigarette, um sie gemeinsam mit ihren Vorgängerinnen im Massengrab zwischen den Schienen zu beerdigen. Es war weniger das Rauchen das sie nach draußen trieb, als mehr das stete Nachsehen in beide Richtungen bis zu dem Punkt, in dem der Horizont den Schienenstrang zu einem Punkt zerdrückte. Immer auf der Suche nach dem Zeichen eines Zuges.

Der Bahnhof war verlassen, die Uhr stand auf kurz vor sieben. Es wurde unmerklich dunkler. Die Welt stand ihr mit einem einzigen Folterwerkzeug gegenüber: einer zermürbenden Langsamkeit in Begleitung einer grau angemalten Leere. Ein Schauer durchlief sie und sie rückte näher an die Heizung. Draußen schien es bereits dunkel, doch wechselte das fahle Licht nur zu einem noch undurchsichtigeren Grau.

Einzelne Lampen flackerten, dazu immer wieder das schwache Aufglimmen einer Zigarette. Irgendwann zwischen der ersten und der zweiten Schachtel blieb sie verdutzt vor dem Billettschalter stehen. Ein Licht erhellte das kleine Kabuff, hinter dessen Scheiben ein Beamter in dunkelblauer Uniform langsam eine Kette durch seine Finger gleiten ließ, indem er jede Kugel einzeln verrückte. Über ihm thronte das Bild einer grauen Eminenz. Vielleicht der Staatspräsident des Landes? Unter einer dicken Schicht Staub vergilbt, wirkte das Bild älter als der Herr den es zeigte. Der Beamte nickte unmerklich. Ohne Aufforderung riss er ein Billet von einer großen Rolle, fügte ein paar kryptische Zeichen auf der Rückseite hinzu und schob es unter der Scheibe hindurch. Ein Geldschein aus ihrer Tasche verkehrte im Gegenzug auf die andere Seite. Zusammen mit dem Billett und dem Wechselgeld kehrte sie zurück an die Heizung.

Verlegen betrachtete sie das Stückchen Papier in ihrer Hand. Wie lange mochte er schon hinter dem Schalterfenster gehockt und sie beobachtet haben? Nein sie war sich sicher, glaubte sich zumindest sicher zu sein, dass der Schalter vorher verlassen und unbeleuchtet war. Kurz ging es ihr besser. Wo es einen Schalterbeamten gibt, wird auch ein Zug kommen! Der Gedanke hatte eine solch beruhigende Wirkung, dass sie den einzigen Beweis seiner Anwesenheit wie einen Schatz in ihren Händen hielt. Mit geballten Fäusten umkrampfte sie das Stück Papier so stark, dass eine Ecke abriss. Ihre aufgerissenen Augen versuchten beide Teile sofort wieder zusammenzufügen. „Es ist ja noch gültig, es ist ja noch gültig!“ murmelte sie verzweifelt. Und je öfter sie es sagte, desto wahrer schien es ihr und umso mehr begann sie sich zu beruhigen.

Eine Kälte bemächtigte sich langsam ihrer Hände und Füße. Sie stand nun direkt vor einem Heizkörper und durchbohrte die Dunkelheit hinter den angelaufenen Scheiben. Hielt sie es nicht mehr aus, riss sie sich mit einem plötzlichen Ruck von ihrem Platz und lief auf den Bahnsteig. Ein Zug war nicht in Sicht. Das Ende der zweiten Schachtel Zigaretten verglühte gerade zwischen den Gleisen während der eckige Kasten der Uhr auf sie glotzte. Es war kurz vor sieben. Der Beamte nickte wenn sie vorbei trat. Ihre Gefühle lagen verborgen hinter einer Maske eines verzerrten Lächelns. Ihr Dasein war bald nichts weiter als Umstände und Merkwürdigkeiten, die plötzlich auftauchten und die sie hilflos ohne jegliche Kontrolle ertrug.

Mit einer geballten Furcht, die sich wie eine Faust in ihren Magen grub, entdeckte sie ihr Bedürfnis, sich zu erleichtern. Die Toiletten lagen direkt neben dem Schalter mit dem nickenden Beamten. Den Zug würde sie von dort nicht sehen können, ihn vielleicht nicht einmal hören. Er würde ebenfalls Toiletten haben. Sie würde diese benutzen und bis zu seiner Ankunft ausharren. Die Zeit verstrich, nicht mehr als ein unmerkliches Rieseln, dass ihre ängstliche Ungeduld steigerte und in ihren Ohren wie ein fernes Rauschen klang. Je länger ihr Warten dauerte, desto verbissener kämpfte sie mit sich selbst. Ihre Beine verbogen sich zu einer X- Form während ihre Füße auf dem Fußboden schabten. Immer wieder blieb sie kurz vor dem Billetschalter stehen und schaute verstohlen auf die daneben liegende Tür.

In einen Augenblick, in dem die Wut über die Wartezeit alle anderen Gefühle überlagerte, rannte sie die Tür zur Toilette ein. Sie riss Hose und Slip nach unten und versuchte in einer grotesken Haltung, gleichzeitig zu pissen und durch einen Türspalt zu spähen. Das lächerliche Gefühl, sie hätte sich gerade vor der Welt blamiert, obwohl außer ihr und dem Beamten keine weiteren Personen anwesend waren, verdarb ihr den kurzen Sieg über ihre Angst.

Nachdem sie sich erleichtert hatte, trat sie erleichtert aus der Tür und wendete sich, von einem Nicken hinter der Schalterscheibe begleitet, dem Bahnsteig zu. In der Ferne der Schienen trat ein Licht aus der Dunkelheit. Sie zögerte einen Moment, bis sie die Bedeutung des funzligen Lichtflecks begriff. Ohne sich um den Beamten zu scheren, rannte sie ihrem Gepäck entgegen. Sie ergriff den Koffer, um ihn gleich wieder mit einem nachdrücklichen Knall fallen zu lassen. Irgendwo musste es sein! Lag es auf der Toilette, aufgelöst in ihrem eigenen Urin? Sie griff in alle Taschen und stülpte sie nach außen. Ein verzweifelter Blick glitt durch den Raum auf der Suche nach einer Hand, die das Billett hielt. Leise zischten Flüche über ihre Lippen. Die Taschen ihrer Kleidung wurden ein zweites Mal von ihren Händen durchwühlt, bevor sie es plötzlich in den Händen hielt. Zusammen mit dem Koffer und dem Billet stürzte sie aus dem Raum. Der Beamte nickte kettendrehend. In ihrem Kopf war er nur ein vorbeiziehender Farbfleck, verdrängt von Dampfschwaden und dem stampfenden Getöse einer Lokomotive aus ihren Vorstellungen. Sie riss die Tür zum Bahnsteig weit auf und stand atemlos da, wie ein ein kleines Mädchen. Ein Lachen entrang sich ihrer Kehle, das immer schriller wurde und als gellender Schrei über den Schienen verhallte. Ihre Augen wurden stumpf in einem Gesicht, das komplett entgleiste bevor es in einer ausdruckslosen Maske verharrte. Vor ihr zitterte eine Draisine vorüber, auf der eine einzelne Lampe zwei Meter Zukunft beleuchtete. Zwei Männer schoben sich, einen Schwengel schlagend, auf den Schienen an ihr vorbei. Nicht einmal der Schnee wirbelte im Vorbeifahren auf.

Ihre beiden Absätze machten eine Drehung auf der Stelle und begannen schlurfend ihren Rückzug in den Warteraum. Ihr Anblick war erbärmlich. Eine Hand zog das Billett während die andere den Koffer hinter sich herschleifte. Mit starr blickenden Augen betrat sie den Warteraum und legte ihre Hände direkt auf die kochendheiße Heizung. Der Schmerz holte sie noch einmal in diese Stadt mit ihrem Bahnhof zurück. Dann begann sie langsam zu entgleiten.

Es war gar kein Zug, es war gar kein Zug!“ Vielleicht war es dieser Gedanke oder die verbrannten Hände, die sie vor einem endgültigen Abgleiten bewahrten. Ein Funken Selbstbeherrschung blieb ihr noch. Er würde bald sterben. Die Stadt würde sie verschlucken und gleich der Uhr, dem Beamten und der Draisine wäre sie nur mehr ein weiteres Ausstellungsstück, mit dem sich die Absurdität dieses Ortes schmückte.

Ihr Atem wurde zum Belag der Scheibe, durch den sie fahrig nach draussen sah. Neben ihr stand der Beamte. Er liess seine Kette in einer Hand kreise und fasste mit der anderen an das kalte Glas vor ihrem Kopf. Wassertropfen, von seinen Fingern getrieben, glitten über die Scheibe. Durch die milchigen Schlieren deutete er auf eine alte Lokomotive mit ein paar schäbigen Waggons auf einem Abstellgleis. Ohne einen Anflug von Gegenwehr ließ sie sich führen. Der Beamte war freundlich, nahm ihren Koffer, half ihr über die Schienen und öffnete schliesslich die Tür zu einem der abgestellten Wagen. Sie hörte noch, wie er sie wieder verschloss, bevor kurze Zeit später alle Lichter im Bahnhofsgebäude erloschen. Sie war glücklich, ja, sie hatte ihren Zug doch noch erreicht. So harrte sie im Stockfinsteren seiner Abfahrt auf einem Abstellgleis!

 

Theaternacht

Die Tage waren noch Wintertage, kurz und mit frostigen Nächten. Trotzdem hatte der Frühling bereits einige Kollaborateure gefunden. Sie hissten schon ihre Blütenfahnen, die ein kalter Wind zu Boden riss.

Die Menschen wussten es. Sie kannten den Sieger dieses Kampfes und zogen begleitet von einem nervösen Unbehagen durch die Straßen. Ihre Münder umspielt von einem feinen Lächeln.

Das Theater lag verborgen hinter einer müden Hausfassade. Einige Fenster waren kaputt, eine vergilbte Gardine zeigte ihr lumpiges Gesicht. Der Wind ließ ein Windrad plärren.

Er lief in den spärlich erleuchteten Eingang. Mit schwarzer Farbe hatte jemand Unions Theater auf die Wand gemalt. Die Schrift war ungelenk, der Schreiber viel zu klein, für die Größe seiner Bekanntmachung.

An der Kasse standen ein paar Gäste. Durch eine Tür drang dumpf Musik und das unsympathische Gelache einer unsympathischen Person.

Er hatte versucht, mit einem Lächeln durch die Tür in den Ballsaal zu treten. Stattdessen begann sein Kopf zu schmerzen. Es waren bereits genügend Menschen anwesend, genug mit anderen und ihrer Unterhaltung beschäftigt, als dass sich jemand um seine Anwesenheit scherte.

An die Bar gelehnt, bestellte er einen Doppelten. Sein Lächeln, wenn überhaupt vorhanden, hing immer noch schief an seinen Mundwinkeln. Sein Kiefer knackte, seine Zähne mahlten und in seinem Kopf rauschte dumpf der Schmerz.

Im schummrigen Licht der Lampen füllte sich langsam der Raum. Schon bald begannen die ersten Gäste zu tanzen. Andere schoben von den Seiten nach. Um ihn herum Getümmel, klobige Tritte auf seinen polierten Schuhen und die warmen Leiber an seinen eingezogenen Schultern.

Der Boden bebte, die Leute schwitzten, auf dem Parkett wurde gewalzt. Vor ihm, im direkten Gegenlicht, wanden sich drei Frauen im Rhythmus der Musik.

Er drehte sich um und hielt einen Plausch mit dem Barkeeper. Von irgendwoher erscholl Gelächter und an irgendeinem Punkt an seinem Körper begann er zu zittern. Die Musik zog dahin. Von den Wänden troff kondensierte Fröhlichkeit. Er nahm ein letztes Glas, einen letzten Versuch.

Ohne zu lächeln blickte er auf. Sah in ihre Augen. Hatte sie auf ihn gewartet oder hatte sie ihn verpasst? Was als Antwort blieb war ein Tanz. Ein Tanz im Theater. Er führte, sie tanzte. Im Drehen und Wenden sog er am Duft ihrer Haare. Zog mit aller Gewalt, zog aus gegen ein Ende.

Für einen Moment lag ihr Kopf an seiner Schulter, waren ihre Hände ineinander verschränkt. Wieder lächelte sie, ohne eine Antwort zu bekommen. Nur Ecken und Kanten lagen auf seinem Gesicht.

Irgendwo verschwand sie in der Menge. In seinen Mantel gewunden trat er in die kalte Nacht. Ein Penner lag selig in seine Zeitungen gehüllt. Ein Hut, sein Kassenhäuschen, direkt an seinem Fuß.

Du reicher Penner! Ich arme, trübselige Sau. Mehr blieb nicht übrig in einer Nacht zwischen Frühling und Winter.

 

Nakater

Sie besaß einen Kater als ich sie kennenlernte. Ich glaube, die einzigen beiden lebendigen Wesen zu denen sie in dieser Zeit Kontakt hatte, waren der Kater und ich. Nach seinem Tod verließ sie die Stadt. Schon vorher hatte sie genug von ihr. Sie erzählte mir immer wie überdrüssig sie allem sei: den Menschen, den täglichen Begegnungen, der Anordnung von Straßen und Häusern, den Geräuschen und Gerüchen. Sein plötzliches Ableben war vielleicht der finale Grund für sie, alles hinter sich zu lassen.

Die Geschichte, wie der Kater zu ihr fand, konnte ich mir nicht oft genug anhören. Wenn sie sie erzählte, passte jede Kleinigkeit zusammen. Ihre Stimme war auf eine positive Art sehr einnehmend und ich hing die gesamte Zeit an ihren Lippen. Außer ihrem Gesicht bewegte sie keinen einzigen Teil ihres Körpers. Später habe ich probiert anderen Menschen die gleiche Geschichte zu erzählen, aber sie klang nach jedem Mal unwahrscheinlicher.

Er stand damals einfach im Hinterhof und starrte in den Himmel. Es war gerade Juni doch das Wetter genauso heiss und staubig wie im Hochsommer. Vielleicht suchte er im Hinterhof ein wenig Schatten während er auf Regen wartete.

Das war zumindest ihr erster Gedanke, als sie ihn vom dritten Stock aus beobachtete. Es vergingen mehrere Stunden in denen er sich nicht bewegte. Nur ab und zu begann er enthusiastisch einen Teil seines Fells zu lecken, um anschließend wieder in seine Starre zu verfallen. Als plötzlich ein Gewitterregen niederging, nahm er es einfach desinteressiert hin. Ein Kater der sich nass regnen ließ erschien ihr einen näheren Blick wert. Unten angekommen schaute sie durch die Hoftür. Er war weg! Sie beugte sich ein wenig weiter hinaus, aber nichts war zu sehen. Stattdessen fand sie ihn auf einen ihrer Küchenstühle wieder.

Einen richtigen Namen für ihn hat sie nie gefunden. Ließ er sich eine Weile lang nicht blicken, rief sie laut “Kater” aus ihrem Fenster. Kam er schließlich zurück sagte sie nur kurz “Na Kater”. “Na Kater” wurde irgendwann zu “Nakater”. Er schien auf den ersten Blick ein phlegmatisches Tier zu sein, das von der Seite betrachtet ständig grinste. Tagsüber lag oder saß er die meiste Zeit über in ihrer Wohnung. Mit Vorliebe anderen Leuten im Weg. Es kam auch vor, dass er stundenlang die Tauben auf dem gegenüberliegenden Dach beobachtete ohne sich zu bewegen. Im Gegensatz zu allen anderen Katzen war er in keinster Weise wasserscheu. Nicht nur dass er gelangweilt im Regen saß, sie konnte ihn sogar mit unter die Dusche nehmen. Niemand wusste was er nachts trieb. Sie sagte, er sei ein ziemlich windiger Kerl. Zumindest war Nakater bis zum frühen Morgen nie anzutreffen. Er mogelte sich dann irgendwie durch die Haustür, die Wohnungstür konnte er selber öffnen.

Nach einem halben Jahr lag Nakater tot auf einer kleinen Bank im Hinterhof. Er grinste immer noch und eigentlich sah es nur so aus, als wartete er wieder einmal auf Regen. Dieses Grinsen, genauso wie die Edamer Katze bei Alice im Wunderland. Sie hat ihn zusammen mit diesem Grinsen im Park vergraben.

Ich habe sie später nie wieder gesehen.

Na Kater!

Nakater! Wach doch auf!

Die Rache der Rasenmäherlöwen

Vor nicht allzu langer Zeit, vielleicht können sich eure Großeltern noch daran erinnern, gab es nicht nur Löwen die Menschen fraßen, nein auch solche, die sich über Rasenmäher hermachten – die Rasenmäherlöwen wurden sie genannt. Sie waren nachtaktiv, dann wenn der gemeine Gärtner sanft in den Schlaf glitt und im Traume beschwingt seine Hacke in den Beeten schwang, fielen sie über die Grasschneidegeräte her. Je nach Hunger verspeisten sie alles, einen Teil, mit besonderer Freude aber das Messer. Schon nur deshalb, um die Gärtner zu ärgern. Deren Zorn ließ nicht lange auf sich warten: sie begannen zu jagen, töten, eliminieren und sich Trophäen in Laube oder Datsche zu hängen. Die Zahl der Rasenmäherlöwen wurde immer geringer, doch ihre Jäger gaben keine Ruhe, dieses Ärgernis aus der Welt zu räumen. Bald gab es nur noch einen einzigen Rasenmäherlöwen, einen stolzen obendrein. Niemals würde er sich von einem glatzköpfigen, schmerbäuchigen, stelzbeinigen, peniblen Gärtner erschießen lassen. Doch auch er wußte nur zu gut, dass seine letzten Tage gezählt waren. Zur Stunde des Abschieds, er mochte nicht traurig sein, machte ihn doch der Herbst schon betrübt genug, wanderte er durch eine Laubenpieperkolonie. Nur die Filetstücken, die Messer aller Rasenmäher die er auftun konnte, fanden ihren Weg in seinen rosa Schlund. Mit einiger Genugtuung malte er sich die Reaktion der Gärtner aus und konnte ein tiefes wohliges Brummen zusammen mit einem breiten Grienen über den Lefzen nicht unterdrücken. Mit gefülltem Magen ließ es sich einfacher sterben, dachte er bei sich und ging hinaus in die Nacht. Irgendwo blieb er schließlich einfach stehen. Er nahm all seine Kraft zusammen und biss so fest er konnte ins Gras. Mit einem Grinsen und viel Dreck im Maul ging er ins Rasenmäherparadies. Als er gefunden wurde, besaßen die hackeschwingenden Unkrautrupfer einen letzten Funken Ehre und beerdigten ihn. Doch eines bekamen sie, trotz aller Versuche, nicht aus dem Boden- die Zähne des Löwen. Der betroffene Gärtner beachtete diese bald nicht mehr, bis nach einiger Zeit an der selben Stelle kleine gelbe Blumen aus dem Boden schossen und zu allem Überdruss der besagten Person noch dazu an anderen Stellen im Garten. Im ersten Augenblick schien man ihnen mit Hacken oder Spaten beizukommen aber nach kurzer Zeit tauchten die garstigen gelben Gewächse wieder auf – mal hier mal dort und der Gärtner wollte schon seine Haare raufen, doch hinderte ihn seine fortgeschrittene Glatze daran. Mit der Zeit begannen seine Nachbarn etwas missmutig über den Gartenzaun zu glotzen! Sollten sich die gelben Blumen auch in ihrem englischen Rasen einnisten? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Und wenn sich heute die gelben Löwenzähne im Wind schaukeln, brummt leise der letzte Rasenmäherlöwe von fern im Rasenmäherlöwenparadies, denn sie sind die Rache von ihm an allen Gärtnern und Laubenpiepern. Und solange werden die Löwenzähne im Wind schaukeln bis der letzte penible, glatzköpfige, schmerbäuchige, stelzbeinige Gärtner vom Angesicht der Erde getilgt ist. Und wenn wir ganz ehrlich sind tun die Löwenzähne es danach immer noch oder will hier irgend jemand behaupten er hätte es schon einmal in seinem Leben geschafft einen Löwenzahn aus der Erde zu reißen ohne, dass der Selbe eine Woche später nicht genau dort wieder auftauchte, wo er eben schon längst tot und welk sein sollte?

 

Die Qualle – ein Schicksal in vier Teilen

Qualle

Es gibt blaue, grüne, graue, orangene und weiße Tage. Blaue Tage finden sich vor allem am Meer, dann wenn Wasser und Himmel in der Mittagshitze zu einem einzigen Farbeimer verlaufen. Ein solcher Tag ist heute.

Die Wellen plätschern störrisch an den Strand, während eine Qualle durchscheinend und präzise durchs Wasser gleitet. Leider verfrachtet sie eine Welle ungefragt gefährlich nahe ans Trockene. Noch bevor der Gallertklumpen sachte Gegenmaßnahmen ergreifen kann, ist es zu spät.

Ohne Vorwürfe an ihr Schicksal, liegt sie da und hat keine Ahnung, nur dies fühlt sie – sie liegt auf heißem Grund gefangen. Aufgrund mangelnder Beweglichkeit bleibt sie liegen, schaut, glubscht und beginnt, in der strahlenden Farbeimersonne zu zerfließen.

Schaufel

Wenn sich die Blechlawine ächzend in Richtung Strand bewegt und Kinderschreie Nerven spannen, ist jedes Mittel recht, sich das Stillschweigen zu erkaufen.

Das Geld gleitet über die Ladentheke und im Gegenzug findet die Schaufel einen neuen Besitzer, der trotzig und im staunenden Schweigen über sein neues Spielzeug doch noch die Klappe hält. Am Wasser angekommen grabschen kleine Menschenkinderhände gierig nach ihrem neuen Spielzeug. Später rumpelt sie über den Sand, mal bleibt sie liegen, mal wird sie vergessen und wieder mitgenommen, sie steckt im Strand und im Wasser, buddelt im Matsch, quietscht über Steine und baut Burgen aus Klecker oder aus Sand.

Menschenkind

Rotznäsig und zahnlückig schießt es, einem befreiten Vogel gleich, aus dem Auto. Man hält es fest, gibt letzte Instruktionen und einen Klecks Sonnencreme auf Nase und Ohren, schon stiebt es auf und davon, rennt Kreise, staunt vor dem großen Wasser, Mund offen, Augen groß. Kommt wieder, um zwischen einem „Pass auf!“ und „Nicht so weit weg!“ samt der neuen Schaufel zu verschwinden.

Dank einer spürhundhaften Neugier bleibt die Qualle nicht lange unentdeckt. Was sie noch nicht wusste, heute ist kein guter Tag für sie. Das Menschenkind nährt sich eher schüchtern mit einer Hand. Es fasst die Qualle ins Auge, beginnt zu blinzeln und wiegt die Schaufel leicht in der Hand. Platsch- Volltreffer. Wildes Geschrei, Rumgefuchtel, aufstiebendes Wasser und ein heilloses Durcheinander. Das Kind läuft schreiend über den ganzen Strand einer unbestimmten Hoffnung auf offenen Armen entgegen. Die Schaufel bleibt an Ort und Stelle liegen, Zeuge und Mitwisser eines tragischen Schicksals.

Möwe

Was wäre das Meer ohne Möwen, ohne Emma und ihr wildes Geschrei? Einer dieser weißen Federhaufen hat soeben hastig einen Fisch verspeist. Nach der Mahlzeit geht es weiter. Die Möwe schwingt sich voll und schwer beladen in die Lüfte. Das Essen, es scheint unverdaulich, eine Fischvergiftung ganz und gar. So lässt sie denn unachtsam einen Klumpen Scheiße auf die Erde plumpsen und wirft von oben einen möwenverächtlichen Blick herab. Der trifft ins Leere, die Scheiße tut es nicht. Sie trifft genau ins Schwarze, absolut ins Ziel. Auf dem Boden Schreie und Gezeter. Dem Vogel scheint es einerlei. Er segelt munter weiter, auf der Suche nach dem nächsten Fisch. Angelockt von einem Glitzern setzt die Möwe ihre Beine nieder auf den Sand. Kein Fisch ist hier zu holen. Die Reste einer Qualle verschwinden gerade noch im Meer.