Gentechnik zum Wohle der Hungernden?


Der Text ist eine Antwort auf den Vorschlag von Volker Kauder, seit 2005 Fraktionsvorsitzender der CDU/ CSU Bundestagsfraktion im Deutschen Bundestag, das Nahrungsangebot auf der Erde mit Hilfe der Gentechnik auszuweiten.

Das Hunger nicht zwangsläufig mit fehlenden Nahrungsmitteln einher gehen muss zeigt ein Blick zurück in die Geschichte, ins Jahr 1943 als während einer Hungersnot in Bengalen (heute in Teilen zu Indien und Bangladesch gehörend) 3 Millionen Menschen starben. In seinen Untersuchungen fand der Wirtschaftswissenschaftler Amarty Sen heraus, dass zur selben Zeit, als die Menschen Hunger litten, genügend Essen vorhanden war, um ihre leeren Bäuche zu füllen. Das Problem lag im Preis der Lebensmittel. Wissend, dass weniger Essen höhere Lebensmittelpreise nach sich ziehen würde, horteten die Anbieter ihre Bestände. Die Hungernden besassen demnach zu wenig Geld, um sich die für sie unerschwinglichen Lebensmittel leisten zu können.
Diesen Zusammenhang zu verstehen, ist äussert wichtig, denn Hunger bedeutet nicht zwangsläufig die Abwesenheit von Essen, sondern die Unfähigkeit es zu angebotenen Preisen kaufen zu können. Was in Deutschland über den Preissteigerungsindex ausgedrückt wird, bedeutet für die Ärmsten dieser Welt, ob sie auf der Seite der Lebenden oder der Toten stehen. Die Auseinandersetzungen in Haiti, aufgrund gleichbleibend hoher Reispreise oder die Proteste in Mexiko, infolge explodierender Maispreise, werden von den armen Bevölkerungsteilen ausgefochten, da sie im Aufwärtstrend der Preisspirale am krzeren Hebel sitzen.
In Afrika ist der Hunger auf viele Faktoren zurückzuführen, die komplex aufeinander einwirken. Es gibt jedoch einige Konstanten, die immer wieder auftreten: bewaffnete Konflikte, Dürrekatastrophen oder die Untergrabung sozialer Abfederungsmechanismen. Schaut man sich die großen Hungerkatastrophen der 80er und 90er Jahre an und vergleicht sie mit der derzeitigen Entwicklung im Sudan, wird deutlich, dass Konflikte immer mit im Spiel gewesen sind. Ein Gebiet, auf dem die Gentechnik recht wenig auszuwirken vermag.

Auf der Agenda zur Eliminierung von Hunger muss deshalb die Beendigung von Konflikten, die Bekämpfung der Armut und ein weltumspannendes Sozialprogramm ganz oben stehen. Dazu zählt zum Beispiel eine ernst gemeinte Bildungsoffensive. Es mutet geradezu schizophren an, wenn Hightechmethoden als Lösungsmittel in Betracht gezogen werden aber gleichzeitig Millionen Menschen weder lesen noch schreiben können. Für Analphabeten sind die Gebrauchsanweisungen auf einer Düngemittelverpackung genauso unentzifferbar wie die Gefahrenhinweise auf Pestizidbehältnissen, mit Folgen die von geringerer Produktivität bis zum Tod reichen.

In diesen Bereich zählt ebenso, dass Wissen frei für alle zugänglich bleibt. Statt dessen wird unter dem Deckmantel des geistigen Eigentums versucht, Jahrhunderte altes Wissen in kapitale Erträge umzuwandeln. Die W.R. Grace Company und das US Department for Agriculture (USDA) versuchten im Jahr 1990 den Niembaum zu patentieren, nachdem sie entdeckten, dass die Samen ein wirksames Pestizid enthalten. In Indien sind die medizinischen und antiseptischen Qualitäten des Baumes seit Jahrhunderten hinlänglich bekannt, weshalb sich ein indischer MP zur Verlautbarung hinreißen ließ, „den Niem Baum zu patentieren ist das gleiche wie Kuhmist zu patentieren“. Das Patent hatte keinen Erfolg. Aber die Gefahr besteht weiter, dass einzelne Firmen landwirtschaftliches Wissen, hauptsächlich von Frauen über viele Generationen hinweg gesammelt, patentieren lassen und schliesslich lukrativ verkaufen.

Zu einem weltweiten Sozialprogramm gehört ebenso, jedem Menschen ein Mindestmaß an medizinischer Versorgung zu ermöglichen und die großen Seuchen der Gegenwart, allen voran Aids und Malaria, zu bekämpfen. Kranke Menschen können gar nicht oder nur eingeschränkt arbeiten, egal ob in einer Fabrik oder auf einem Feld. An Aids sterbende Eltern hinterlassen Waisen, die oft nur unter grössten Anstrengungen sich und häufig gleichzeitig das Leben ihrer Geschwister bestreiten können. In diesen Bereich zählt auch, dass jedem Paar Zugang zu ausreichenden Verhütungsmitteln gewährleistet wird. Selbst wenn man kein Verfechter malthusscher Gedanken ist, liessen sich Millionen ungewollter Schwangerschaften und Abtreibungen vermeiden. Zudem wird es zunehmend schwieriger, bei einem jährlichen Weltbevölkerungswachstum von 70 Millionen, die landwirtschaftlichen Produktion in gleichem Masse zu steigern.

Auf die eben genanten Ursachen von Hunger hat die Gentechnik keinerlei Einfluss. Hinzu tritt, dass sich bei zahlreichen Versuchen, in denen sie zum „Wohle der Menschheit“ eingesetzt wurde, alles andere als ein rosiges Bild abzeichnet. Ein solches Beispiel stellt die Entwicklung des „Goldenen Reis“ dar. Jedes Jahr erblinden weltweit zwischen einer viertel- und halben Million Kinder aufgrund Vitamin A Mangels. Innerhalb von zwölf Monaten ist die Hälfte von ihnen tot. Mit Hilfe der Gentechnik wurde Reis so modifiziert, dass die Pflanze Vitamin A (oder besser Betacarotin, dass im menschlichen Körper in Vitamin A aufgespalten wird) in den Körnern ablagert, die sich dadurch orange färben und dem Reis zu seinem Namen verhelfen. Der so entwickelte Reis sollte die Lösung der Mangelerscheinungen sein. Allerdings wird in Asien Reis, der nicht weiss ist, als minderwertig betrachtet. Zudem rangiert die Menge, die Kinder zu sich nehmen müssen um den Mangel an Vitamin A auszugleichen zwischen zwei Schüsseln, nach Aussage der Entwickler und beinahe 50 Schüsseln, nach Aussage unabhängiger Gutachten. Ein ganze Möhre am Tag hätte den gleichen Effekt. Fakt ist, das die Mehrheit der Kinder in Entwicklungsländern nicht leidet, weil das vorhandene Essen mangelhaft ist, sondern weil es sich ihre Eltern nicht leisten können, sie mit etwas anderem als Reis oder Hirsebrei über die Runden zu bringen.

Anstatt nach den wirklichen Ursachen der Mangelernährung zu fragen, präsentiert sich die Gentechnologie hier eher als „Wohlfühllösung“ sowohl für Politiker, sie haben etwas gegen das Leiden der Menschen unternommen, als auch für private Firmen, uns ist nicht nur der Profit wichtig. Die größte Gefahr von Entwicklungen wie dem Goldenen Reis gehen aber dadurch aus, indem sie die ernstgemeinte Diskussion um Lösungsverschläge der Armutsbekämpfung verhindern.

Diese Entwicklung wird bis zur Absurdität getrieben wenn Pestizidhersteller, große Befürworter der Gentechnik, verlauten lassen, dass die von ihnen neu auf den Markt gebrachten Pflanzen Bauern in Entwicklungsländern helfen würden, den Würgegriff der Armut abzuschütteln. In China wurde im Jahr 1997 Bt- Baumwolle eingeführt, in die mit Hilfe der Gentechnik Gene aus dem Erbgut des im Boden lebenden Bacillus thuringiensis (Bt) auf die Baumwollpflanzen übertragen wurden, um sie zu veranlassen ein Pestizid zu produzieren, das sie gegen ihren schlimmsten Fressfeind, den Bauwollkapselwurm, resistent macht. In der Folge des Anbaus von Bt- Baumwolle mussten chinesische Bauern weniger Pestizide als vorher verwenden respektive weniger Geld ausgeben, da die Anzahl des Wurms zurück ging. Bereits 2004 mussten die gleichen Bauern beinahe die gleiche Menge an Pestiziden verwenden wie vor der Einführung der genmanipulierten Baumwolle weil andere Schädlinge, immun gegen das Pestizid, die freigewordene ökologische Nische besetzten.

Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesch verbot die dortige Regierung Monsantos genetisch modifizierte Baumwolle, weil sie schlicht und ergreifend ineffektiv war. Die Erträge lagen unter denen herkömmlicher Sorten, zudem waren sie anfälliger gegen Krankheiten. Einen Preis hatte dieses Experiment dennoch, einen allzu menschlichen Preis: 90 Prozent der Bauern, die in Andhra Pradesch Selbstmord begingen, hatten die genetische veränderte Baumwolle angebaut. Gefangen in einer Spirale aus Schulden, das veränderte Saatgut ist um ein vielfaches teurer als konventionelles, den gestiegenen Aufgaben für Pestizide und den geringeren Erträgen waren sie tragischerweise zum Scheitern verurteilt.

Überblickt man das Bild, dass die Gentechnik zum derzeitigen Zeitpunkt abgibt, werden mehrere Probleme ersichtlich.

1. Die Landwirtschaft wird als eine Maschine begriffen, bei der es an den richtigen Steuerrädchen zu drehen gilt, um den Ertrag zu steigern. Komplexe Zusammenhänge zwischen den einzelnen Komponenten und nachhaltige Lösungen für Mensch und Natur werden vollkommen außen vorgelassen, stattdessen wird nichts weiter als ‚genetische Flickschusterei“ betrieben.

2. Bis heute wurde wenig unternommen, um Pflanzen im Sinne der Konsumenten zu verändern, zum Beispiel indem sie besser schmecken, nahrhafter sind oder gegenüber den zukünftigen Veränderungen (mehr Dürreperioden durch den Klimawandel) besser gewappnet sind. Warum sollte es anders sein wenn es sich bei den Global Playern der Saatgut- und Pestizidindustrie um Aktienunternehmen und nicht um soziale Einrichtungen handelt. Dem ließe sich entgegenstellen, dass dieser Missstand durch eine verstärkte staatliche Forschung im Bereich der Gentechnik Abhilfe bringen würde. Dann gilt es jedoch zuerst einmal die wichtigste Frage zu klären.

3. Welche Gefahren gehen von genetisch veränderten Pflanzen oder Tieren auf Menschen und, viel bedeutender, auf die gesamte Biosphäre der Erde aus. Bisher gibt es zu dieser Frage keine hinreichend befriedigende Antwort. In der Europäschen Union ist eine überwältigende Zahl der Verbraucher gegen gemanupulierte Bestandteile in ihren alltäglichen Nahrungsmitteln. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass auf jeder Lebensmittelverpackung kenntlich gemacht wird, ob für die Herstellung gentechnisch veränderte Zutaten verwendet wurden oder nicht. In den USA sind neusten Umfragen zufolge 90 Prozent der Verbraucher für eine solche Kennzeichnungspflicht. Verbraucherorganisationen kämpfen für deren Einführung wo hingegen sich die Nutzniesser genmanipulierter Pflanzen, die Großen der Landwirtschaftsindustrie, mit Händen und Füßen dagegen wehren. Warum also sollte eine Anbautechnik in den ärmsten Ländern der Welt eingesetzt werden, die von der Mehrheit der Verbraucher in den Industrieländern abgelehnt wird?

4. Schließlich sei am Ende angemerkt, dass es die Lösungen bereits gibt. Angefangen von Anbaumethoden die höhere oder gleiche Erträge erzielen, ohne zur Bodenerosion oder zur Ausbeutung von Trinkwasserressourcen beizutragen und wesentlich weniger fossile Brennstoffe benötigen. Bis hin zum Wissen über die Pflanzen, die extrem widerstandsfähig sind und gleichzeitig technisch genutzt werden können. (zum Beispiel Jatropha Pflanzen, die auf Ödland wachsen und aus deren Samen Öl gewonnen werden kann) Dieses Wissen ist beinahe umsonst, was nicht bedeutet, dass seine Träger, vor allem Ackerbau betreibende Frauen als Goldesel benutzt werden sondern dass ihnen stattdessen mit dem Respekt begegnet wird den sie verdienen.

Herr Kauder, ohne ihnen ungewollte Lobbyarbeit für bestimmte Industriezweige vorwerfen zu wollen, sollten Sie dennoch etwas weiter über den Tellerrand hinausschauen, bevor sie laut darüber nachdenken, vermeintliche „Wunderwaffen“ wie die Gentechnik zum Wohle der Menschheit einzusetzen.

Wer fühlt sich vom Klimawandel gestört?


Den Klimawandel gibt es nicht! Spätestens nach dieser Äusserung gehen bei vielen Zuhörern die Lichter aus. Nur Hinterwäldlern, Ignoranten oder böswilligen Störenfrieden wird eine solche Antwort noch zugetraut. In der Realität haben schon viele den gemeinsamen Weltuntergangschorus angestimmt- die Welt schreitet einem ihrer grössten Debakel entgegen. Wahrscheinlichster Hauptverursacher, die Krone der Schöpfung, denen viele nur noch das Prädikat „misslungen“ aufdrücken möchten.

Aber spielt es tatsächlich eine Rolle, ob es den Klimawandel gibt oder nicht oder ob man an die Schuld oder Unschuld der Menschheit glaubt. Nein, spielt es nicht. Aber, und in diesem aber liegt die ganze Tragweite des Problemes begraben, es gibt andere Dinge über die man sich im Zuge dessen den Kopf zerbrechen kann und sollte.

Wo ist nur das Öl geblieben? Eine Egoistische Frage.

Das die Vorräte vieler der von uns genutzten Energieträger endlich sind, darunter Uran, Kohle, Öl und Gas, gehört zum Allgemeinwissen. Wann genau der Punkt erreicht ist, an dem die weltweiten Energiereserven erschöpft sind, kann dagegen niemand mit Bestimmtheit sagen, zu vielschichtig sind die Faktoren. Bereits lange zuvor, wenn es nicht mehr möglich ist, die steigende Nachfrage zu decken und absehbar ist, dass das nie mehr der Fall sein wird, steigen die Preise dem Gesetzt von Angebot und Nachfrage folgend, in ungeahnte Höhen. An die Forderung der Grünen, den Benzinpreis auf 5,- DM zu erhöhen, wird sich so mancher noch wehmütig zurück erinnern.

Der Lebensstil, wie wir ihn bisher geführt haben, basiert zu einem grossen Teil auf niedrigen Energiepreisen. Vom ausufernden Wachstum der Städte, über den jährlichen Flug nach Übersee bis zur Rolltreppe in vielen Geschäften, erst die Verfügbarkeit günstiger Energieträger machte diese Entwicklung möglich. Im Zentrum, nicht nur politischer Entscheidungen oder wirtschaftlicher Interessen, sondern vor allem in unserem täglichen Leben steht Öl. War das 19 Jahrhundert das der Kohle so ist das 20 Jahrhundert das des Öls Unsere Mobilität beruht darauf, die Kleidung die wir tragen ist aus Kunstfasern gefertigt, deren Grundstoff Öl ist, gleiches gilt für Verpackungen aus Plastik.

Wir besitzen heute die Technik und das Wissen Öl und andere fossile Brennstoffe vollständig zu ersetzen, aber dieser Prozess braucht Zeit und ist aufwendig. Mit jedem Jahr, das wir mit Businessas usual verschwenden, wird das Zeitfenster für die Umstellung kleiner und der Prozess schwieriger. Mit steigendem Ölbedarf und sinkenden Vorkommen kann die steigende Nachfrage nur befriedigt werden, indem das Öl das ein Land mehr verbraucht einem anderen Land nicht mehr zur Verfügung steht. In der Verteilung der knapper werdenden Ressource werden schlicht und ergreifend die schlagenderenden Argumente zählen, wirtschaftliche oder politische Einflussnahme zum Beispiel, eigene Ölverkommen oder einfach nur der Besitz einer grossen Streitmacht.

Es ist deshalb aus einer egoistischen Perspektive heraus betrachtet nicht einmal nötig über den Klimawandel nachzudenken. Die Endlichkeit der Ölvorräte und die bereits vorher eintretenden Verteilungskämpfe werden zu höheren Energiepreisen führen und somit zum Umdenken zwingen wenn sie nicht gar zur Aufgabe bestimmter Verhaltensweisen führen. Manch einer, der vor ein paar Jahren noch dachte, nach mir die Sintflut, muss vielleicht bald feststellen, dass ihm nicht einmal genug Zeit bleibt, ein Boot zu bauen auf dem er die Sintflut unbeschadet übersteht.

Weiter wie bisher? Eine Gewissensfrage.

Das Bild der Fehlerhaftigkeit des Menschen ist ein altes. Tatsächlich wird die Menschheit oft als die Krankheit des Planeten bezeichnet. Hinter der Debatte um den Klimawandel lässt sich leicht eine weitere Frage erkennen: Wie sollte und wie muss die Menschheit mit der Bioshäre, von der sie einen Teil darstellt, umgehen?

Bisher scheint der Mensch seine Umwelt als eine von ihm abgetrennte Welt zu begreifen, die es entweder auszubeuten oder wirtschaftlich auszunutzen gilt. Da werden naürliche Ressourcen solange genutzt bis sie vollständig erschöpft sind, kleine Stücke Landschaft eingezäunt, um sie für die nächste Generation gutbetuchter Touristen zu schützen und Sympathietierarten in grossen Kampagnen vor dem Aussterben bewahrt. Ist die Ausbeutung auf kapitale Interessen oder den blossen Überlebenskampf, wie im Fall vieler Entwicklungsländer, zurückzuführen, so folgt der Naturschutz gut gemeinten Absichten, die häufig nur ein vorgeschobenes Alibi darstellen. Was fehlt ist die Einsicht, dass wir ein kleiner Teil eines grösseren ganzen sind und diese Tatsache mehr als ein Phrase darstellt.

Viele halten sich mittlerweile die Ohren zu, ob der ökologischen Ermahnungen. Und es ist so schwer, da bemüht man sich um den Tiger in Indien während die Kröte von nebenan überfahren wird, da verzichtet man auf Plastiktüten und trägt den Einkauf im brasilianischen Regenwald nach hause, da steigt man auf „Öko“ um und kauft „Bio“ Granny Smith Aepfel aus Chile. Es ist schwer, aber wie sollte es leicht sein, wenn wir uns alle auf ein kollektives Scheitern zu bewegen?

Sollte uns die nächste Generation einmal Fragen, warum wir ihr einen grossen Scherbenhaufen ü<berlassen haben, können wir keine Unwissenheit vortäuschen. Auch diejenigen, die sich nach ihrem Ableben vor einem transzendenten Wesen verantworten müssen, sollten sich gute Gründe einfalle lassen, um ihr Handeln zu erklären. Und der Rest, dem weder an Göttern noch der nachfolgenden Generation gelegen ist, die den kategorischen Imperativ für ihr Handeln ausschliessen, sieht sich möglicherweise mit grösseren und schnelleren Veränderungen konfrontiert als im lieb ist.

Gibt es den Klimawandel? Eine rhetorische Frage.

Lassen wir für einen kurzen Augenblick den Klimawandel und die Diskussion wer ist Schuld an ihm, Lobbyisten in Washington, eine grössere Anzahl an Sonnenflecken oder eine geheime Sekte im Himalaya beiseite und konzentrieren uns auf einen einfachen wissenschaftlichen Fakt. Die Durchschnittstemperatur auf der Erde steigt! Schliessen wir einen Messfehler aus tut sie dass seit dem Beginn der kontinuierlichen Messungen Ende des 19 Jahrhunderts. Die heissesten 15 Jahre traten seit 1980 auf, wobei der Rekord beinahe jedes zweite Jahr gebrochen wird. Bisher stieg die Durchschnittstemperatur um ein Grad. Keine grosse Steigerung? Zur letzten Eiszeit lagen die Temperaturen im Durchschnitt „nur“ um 6-8 Grad unter dem heutigen Niveau. Schon kleinste Schwankungen haben demzufolge große Auswirkungen auf das globale Wettergeschehen.

Ein zweiter Gedanke sollte ebenso zu denken geben. Unterstellen wir, dass es sich bei dem Temperaturanstieg um eine natürliche Schwankung handelt, bleibt die Frage offen wie gross die Amplitude und wie lange die Schwingungsdauer zwischen den Temperaturextremen ist. Die Atmosphäre ist träge und Veränderungen vollziehen sich über einen längeren Zeitraum. Deshalb ist davon auszugehen, dass der Temperaturanstieg weder abrupt aufhört noch, dass sich die Temperatur schnell auf eine niedrigeres Niveau einpendelt. Die Verfechter der Theorie, es handele sich um eine natürliche Klimaschwankung stehen somit in der unmittelbaren Zukunft vor den selben Herausforderungen wie die Verfechter des Klimawandels.

Betrachtet man unsere Zivilisation als ein komplexes System dann verlangt jeder weitere Temperaturanstieg, der schließlich weiter von einem langwierigen Gleichgewichtszustand entfernt liegt, eine größere Anpassungsleistung. Je größer der Anpassungsdruck ist desto größer ist die Gefahr des Strauchelns, für einzelne Menschen, Staaten oder das ganze System. Am Ende könnte der alte darwinsche Gedanke, das Überleben des Stärkeren, böswillige Realität werden, in der zuerst die Schwächsten und Ärmsten leiden aber sich selbst die Stärksten in einer Welt wiederfinden, die mit ihrer alten nicht mehr viel gemein hat.

 

Blackball

Blackball. Es war 26 Jahre her, dass ich das letzte Mal hier gewesen war. 26 Jahre. Für manche ein ganzes Leben.

Mein Auto parkte im Hof des Gebäudes, ein alter Backsteinbau mit roten Brettern verkleidet und einem großen Schild über dem Eingang, auf dem in großen Lettern “Hotel Amerika” stand. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Blackball, einst für seine große Kohlegrube bekannt aber nach deren Schließung nur noch ein Jammertal ohne Zukunft. Dieser Gegensatz machte mich damals stutzig und beschäftigte mich nun wieder.

Das „Amerika“ war eine Mischung aus Pub und Hotel. Die Gäste am Tresen genauso heruntergekommen wie die Schläfer in den Betten. Der Bier- und Zigarettengeruch mischte sich mit dem Geruch muffiger Matratzen und waberte als unzertrennbares Ganzes über ausgetretene Teppiche, verstaubte Kunstblumen und vergilbter Landschaftsbilder unbekannter Lokalkünstler.

Ich stellte meinen Koffer neben die verwaiste Rezeption und betätigte die Klingel. Als sich nach zweimaligem Klingeln immer noch nichts rührte, ging ich in den Pub. Zwei Herren mittleren Alters, beide mit Basecap und dreckigen Gummistiefeln bekleidet, saßen am Tresen und tranken still ihr Bier.

Entschuldigen Sie, ich suche ein Zimmer für eine Nacht.”

Nein, da sind Sie falsch bei uns. Wir trinken nur unser Bier hier.”

Ja, wir sind nur Gäste!” ließ einer der Beiden mit einem dümmlichen Grinsen verlauten. “Aber rufen sie nach Jesaja, der wird ihnen helfen.“

Sie suchen mich?” fragte eine Stimme in meinem Rücken.

Ich suche ein Zimmer für eine Nacht.”

Kommen Sie!”

Es gibt noch zwei freie Zimmer, beide im ersten Stock und beides Doppelzimmer. Möchten Sie sich die Zimmer ansehen?”

Gerne. Ist im Moment viel los?” fragte ich, während wir die Stufen zum ersten Stock hinauf stiegen.

Mhm, es geht. Seit zwei Wochen haben wir drei Dauergäste. Das Sägewerk hat neu eingestellt und die drei Neuen haben noch keine Wohnung. Ansonsten 2 LKW- Fahrer und Sie.” Während er erzählte, versuchte ich mich an das Hotel von vor 26 Jahren zu erinnern. Nichts! Ich hätte nicht einmal sagen können, ob ich schon einmal hier gewesen war. Nur der Name, “Hotel Amerika”, war mir über die Zeit im Gedächtnis geblieben.

Da wären wir. Zimmer 16 und 12 direkt gegenüber. Wie sie sehen, sind sie gleich groß und ähnlich eingerichtet: zwei Betten, eine Kommode mit Spiegel, Waschbecken und ein Stück Seife, ein Stuhl und ein Jackenständer.”

In welche Richtung zeigen die Fenster?”

Vom Zimmer 12 aus sehen sie den Hof, dahinter die Berge in Richtung Osten. Von Zimmer 16 aus können sie auf die Hauptstrasse blicken.”

Ich denke, ich nehme Nr. 12.”

Die Toiletten und die Dusche finden sie am Ende des Ganges. Ein Handtuch liegt auf dem Bett. Wenn Sie etwas essen oder ein Bier trinken möchten, kommen Sie nach unten. Meine Frau kocht bis zehn, der Pub schließt um elf. Haben sie noch Fragen?”

Nein, ich glaube ich finde mich allein zurecht.” Damit war für mich das Gespräch beendet, das Nötigste gesagt, was auf Jesaja anscheinend nicht zutraf. Er zögerte und schien etwas im Kopf zu überdenken, bevor er schließlich doch noch einmal zu reden begann.

Entschuldigen Sie meine Neugierde aber gehört der schwarze Wagen im Hof ihnen?”

Ja.”

An der Motorhaube klebt Blut und die Windschutzscheibe hat mehrere Sprünge.”

Und?” fragte ich ruhig aber ohne den geringsten Zweifel daran, welche Frage sich anschließen würde.

Es sieht so aus, als wäre jemand mit dem Auto überfahren worden!”

Ja das stimmt und um ihrer nächsten Frage vorweg zu greifen, ich bin nicht gefahren als es passierte.”

John wird sich für die Angelegenheit interessieren.”

John?”

Er arbeitet unten in Westport als Polizist. Nach der Arbeit trinkt er noch ein Bier bei uns und schaut nach dem Rechten. Wenn sie sich nichts vorzuwerfen haben wird John sie in Ruhe lassen.”

Ich habe mir nichts vorzuwerfen!” erwiderte ich. Dass das wirklich der Wahrheit entsprach dachte in diesem Moment wohl keiner von uns. Aber es spielte keine Rolle. Hinter mir fiel die Tür ins Schloss. Während ich die Pistole auf die Kommode legte, schaute ich mich im Zimmer um, doch ein Gefühl von Vertrautheit kam nicht in mir auf.

Ist es das gleiche Zimmer?” fragte sie vom Fenster her.

Ich weiß nicht, daran kann ich mich nicht erinnern.”

Warum müssen wir uns dann ausgerechnet hier treffen?”

Wir sind zusammen hier gewesen, vor 26 Jahren in unseren Flitterwochen.”

Und?”

Es sind unsere Flitterwochen gewesen!”

Wir sind insgesamt drei Wochen unterwegs gewesen und haben beinahe jede Nacht in einem anderen Ort und in einem anderen Hotel verbracht. Warum also, müssen wir uns ausgerechnet hier treffen, in Blackball im “Amerika”?”

Tut mir leid, aber ich weiß es nicht!” antwortete ich. Es entstand eine unangenehme Pause, die jeder mit seinen eigenen Überlegungen füllte.

Was gibt es noch zu sagen?” brach sie schließlich das Schweigen.

Vielleicht mehr als du ahnst. Es gibt vieles über das wir zu reden hätten, über das wir längst hätten reden sollen.”

Bevor es zu spät ist.”

Ja” sagte ich.

Es ist zu spät. Wir sind kein Paar mehr und ich habe keine Lust mich mit leeren Worten beseiern zu lassen.”

Wie du meinst. Ich dachte nur, dass wir einen Schlussstrich ziehen könnten.”

Hast du deshalb die Pistole mitgebracht?”

Nein! Nein, ich glaube nicht, dass ich sie noch brauchen werde!” antwortete ich schnell.

Ich weiß nicht, was ich noch für dich tun kann, aber wenn du einen guten Ratschlag hören möchtest, lass es auf sich beruhen, so wie es ist.”

Das kann ich nicht und das solltest du am besten wissen.”

Es wäre besser für dich.” Mit diesen Worten verschwand sie aus dem Zimmer und ließ mich allein zurück. Ich trat ans Fenster, an dem sie noch vor einem Augenblicken gestanden hatte. Neben dem schwarzen Wagen, mit dem ich hergekommen war, standen mittlerweile vier Männer und begutachteten die Schäden am vorderen Teil des Chassis. Von meinem Standpunkt aus, konnte ich mir gut vorstellen, wie der Körper vom Auto erfasst worden war, auf die Motorhaube prallte, an die Windschutzscheibe schlug, um schließlich leblos über das Dach zu gleiten. Einer der Männer, vielleicht war es John der Polizist, inspizierte gerade eine große Beule im Metall, an der der Kopf zuerst aufgeschlagen war und an der noch immer Blut klebte. Ich wusste nicht, ob die anderen mich sehen konnten, doch als Jesaja mit seinem Arm in meine Richtung deutete, grüßte ich wortlos zurück.

Plötzlich war mein Kopf voller Fragen. Alles was ich solange verdrängen konnte, kam nun in einer einzigen heftigen Welle zurück. Hatte sie wirklich recht, wäre es besser die Dinge auf sich beruhen zu lassen? Wie viel Zeit blieb mir noch und vor allem was wollte ich an diesem Ort?

Langsam schaute ich mich um, weg von den Männern und dem schwarzen Wagen. Das Zimmer sah aus als hätte ich es nie betreten. Die Tasche mit meinen Wechselsachen lag im Auto. Ich teilte mir den Raum einzig mit einer Pistole, zweimal wollte ich sie benutzen, tat es aber nicht. Nun war sie nutzlos geworden. Ich schloss die Augen und ließ ein wenig Zeit verstreichen. Durch das Abendlicht und die Stille verströmten alle Gegenstände eine eigenartige friedliche Atmosphäre, einen Frieden den ich in meinem Inneren schon lange nicht mehr fand. Selbst die Pistole lag schlicht und ergreifend auf der Kommode, stellte keine Fragen, erwartete keine Antworten oder Erklärungen und stellte keine Überlegungen an, die doch zu keinem Ergebnis führten.

Die Männer im Hof waren in der Zwischenzeit verschwunden. Ich beschloss nach unten zu gehen, etwas zu essen und soweit es mir möglich war ein paar ihrer Fragen zu beantworten. Ohne abzuschließen zog ich die Tür hinter mir zu. Für diese Uhrzeit, es war mittlerweile acht Uhr, herrschte eine verdächtige Stille. Die zwei Männer saßen am selben Platz und starrten still ihre Biergläser an. Dazu hatte sich ein weiterer Mann gesellt, der genauso gesprächig wie die anderen beiden zu sein schien. Ich nickte Jesaja kurz zu und setzte mich an einen Tisch in einer Ecke.

Ich denke, dass sie zum Essen gekommen sind?”

Ja das hatte ich vor.”

Wenn es ihnen nichts ausmacht, würde John ihnen ein paar Fragen stellen. Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um das Essen”, fügte Jesaja hastig hinzu. Wie auf ein Zeichen hin, erhob sich der dritte Mann vom Tresen und strebte geradewegs meinen Tisch an. Auch er trug ein Basecap das ihm tief im Gesicht hing und unter dem nur ein gut gepflegter Vollbart hervorlugte.

Darf ich mich setzen?”

Würde ein nein sie davon abhalten?”

Mhm, sicherlich nicht. Nein!”

Dann setzen sie sich doch einfach.”

Ich heiße John. Wahrscheinlich hat Jesaja meinen Namen schon erwähnt. Leider konnte er mir ihren nicht verraten.”

Ich hatte ihn bis jetzt noch nicht erwähnt aber um ihre Neugierde zu befriedigen, mein Name ist Louis.”

Entschuldigen sie Louis, dass ich meine guten Manieren vergessen habe. Natürlich hätte ich mich vorstellen und nach ihren Namen fragen müssen aber wenn mich etwas beunruhigt handle ich oft überstürzt und unüberlegt.”

Keine gute Eigenschaft für einen Polizisten, finden sie nicht?””

Vielleicht.”

Ist es der Wagen?” fragte ich obwohl mir die Antwort bereits klar war.

Ja. Es wurde eindeutig eine Person mit ihm angefahren, möglicherweise tödlich verletzt!”

Tödlich?”

Ja, möglicherweise tödlich.”

Und?”

Ich dachte sie könnten mir weiterhelfen?” fragte John. Zum ersten Mal gingen mir seine Fragen auf die Nerven, die genauso einfallslos wie sein akkurat gestutzter Vollbart waren.

Hören sie, ich möchte sie nicht irgendeiner Straftat verdächtigen. Alles was ich wissen will ist die, nun ja.”

Warum so zögerlich John? Die gute alte Wahrheit möchten sie finden. Wie wäre es, wenn wir während ich esse ein bisschen philosophieren oder ich erzähle ihnen ein paar Geschichten und sie suchen sich die beste aus.”

Ich bin nicht hier, um mir Geschichten anzuhören. Ich werde noch einmal kurz telefonieren. Vielleicht klären sich dabei ein paar Fragen und vielleicht sind sie danach etwas kooperativer.”

Möglicherweise John, möglicherweise.” Ich wusste nicht, ob er die letzten Worte verstanden hatte, da ich versuchte, ihm nicht direkt in die Augen zu sehen. Wahrscheinlich würde John der Polizist mit einem anderen Polizisten telefonieren und sich die neusten Erkenntnisse durchgeben lassen. Wieder schloss ich die Augen und ließ Sekunde um Sekunde verstreichen in denen John telefonierte und die Blicke aller anwesenden Personen auf mich gerichtet waren. Sollten sie nur, schließlich hatten sie ihr Fressen gefunden und war es nicht übermäßig spannender als ihr tägliches Bier?

Der Wagen ist als gestohlen gemeldet!” meldet sich John plötzlich zurück.

Das ist eine interessante Neuigkeit, finden sie nicht John.”

Ich möchte dass sie mich begleiten. Alles Weitere wird sich hoffentlich von selbst ergeben.”

Verlegen sie etwa unsere gemeinsame Märchenstunde aus diesem wunderschönen Etablissement in eine kalte Zelle?”

Wie ich bereits sagte, bin ich nicht hier, um mir Geschichten anzuhören, sondern den Dingen auf den Grund zu gehen.”

Ich vergaß, sie sind auf der Suche nach der Wahrheit. Darf ich ihnen sagen, dass sie mich ankotzen John!”

Ich möchte nur ungern Gewalt anwenden.”

Es wäre mir eine Ehre wenn sie mich über den Haufen schießen würden. Sehen Sie die beiden Ringe an meiner Hand? Ich werde ihnen eine kleine Geschichte über sie erzählen. Es war einmal ein Ehemann, der 26 Jahre verheiratet war. Leider wurde seine Frau von einem volltrunkenen Idioten überfahren oder tödlich verletzt, wie sie es so schön ausgedrückt haben. Nach zwei Tagen fand die Polizei den Idioten, nahm ihn fest nur um ihn ein paar Tage später wieder frei zu lassen. Der Ehemann, ein wenig außer sich, stattete dem Idioten samt einer geladenen Waffe einen Besuch ab. Er beschimpfte und bedrohte ihn, schließlich richtete er die Pistole auf seinen Kopf und drückte ab. Die Kugel verfehlte ihr Ziel. In einem zweiten Versuch probierte der Ehemann sich selbst zu erschießen, wozu er aber schlicht und ergreifend nicht fähig war. Nach seiner gescheiterten Mission, er war mittlerweile nervlich am Ende und versank im Selbstmitleid, stahl er den sichergestellten Wagen mit dem seine Frau überfahren worden war, packte sich ein paar Sachen ein und fuhr seitdem in diesem Wagen, der als gestohlen gemeldet ist John, mit diesem Wagen fährt der Ehemann alle Stationen der Flitterwochen ab, die er zusammen mit seiner Frau vor 26 Jahren schon einmal unternommen hat. Gefällt ihnen die Geschichte John, glauben sie es ist die Wahrheit? GLAUBEN SIE ES?”

Ich weiß es nicht.”

Wenn es ihnen nichts ausmacht John, würde ich gerne auf mein Zimmer gehen. Setzen sie ruhig Himmel und Hölle in Bewegung, um meine Geschichten zu überprüfen. Sollten sie danach immer noch Fragen haben, sie wissen wo sie mich finden.”

Ich kann sie nicht gehen lassen!”

Und ich sagte ihnen bereits, dass sie mir eine Freude bereiten würden, wenn Sie mich über den Haufen schießen würden!”

Auf meine Aussage folgte weder eine Antwort noch eine Reaktion. Den Weg zu meinem Zimmer ging ich allein durch einen schwarzen Tunnel, in dem mich die Blicke der Männer nicht erreichen konnten. Draußen legte sich die Nacht über das Land und dem Raum wurde langsam das Licht entzogen. Auf dem Weg zum Fenster strich ich über die Pistole, die Kommode und das Bett. Sie schienen genauso friedlich wie vorhin, einfache Gegenstände zum Gebrauch abgelegt und abgestellt.

Lange konnte es nicht dauern bis John oder eine andere Person den Frieden störte. Aber was machte das schon aus? Ich hatte mir nichts vorzuwerfen, zumindest nicht in den Kategorien in denen John dachte. Für ihn mussten ein Autodiebstahl und ein gezielter Schuss aus einer Pistole schwer wiegen, dahinter verbargen sich die Dinge denen er auf den Grund gehen wollte.

Sie war tot! Das war meine Wahrheit. Die meiste Zeit über störte mich der Gedanke nicht, ich behandelte ihn wie ein klinisches Phänomen. Meine Frau starb an schwersten inneren Verletzungen noch an der Unfallstelle. Abgehakt! Je öfter ich diese Tatsache in meinem Kopf wiederholte, desto mehr stumpfte ich ab, gegenüber meiner Außenwelt, anderen Personen, mir selbst und schließlich der Realität selber, die sich doch immer einen Weg bahnte. In diesen Momenten verstärkten sich mein Wille und meine physischen Kräfte um das zehnfache. Ich schrie, wurde wütend, warf Gegenstände durch die Luft, war wild entschlossen Dinge zu tun, die ich vorher nie getan hätte nur um nach diesen kurzen Ausbrüchen noch einsamer und frustrierter zurückzubleiben.

Nachdem ich nicht fähig gewesen bin mich selbst zu erschießen, hatte ich noch mein ganzes Leben Zeit ihren Tot in Worte oder Stückchen zu fassen, die ich tragen konnte. Vor dem Fenster stehend schloss ich die Augen und ließ die Zeit vergehen, Sekunden und Minuten in denen es dunkler wurde und die Gegenstände beständig ihren eigentümlichen Frieden verströmten. Sekunden und Minuten bis John komme würde.