Alfred Franke


Im Zimmer lag schon die Dämmerung und mitten drin drei kleine runzlige Ömchen. Jede lag zusammengefaltet unter einer dünnen Decke. Die Falten zogen sich wie Gebirge durch den Stoff mit Ausläufern weit über die Haut hinaus bis hinauf zu den geschlossenen Augen. Manchmal zuckten die knorrigen Hände im Schlaf, aus denen sich durchsichtige Schläuche oder dünne Elektrokabel wanden. Letztere waren über ein engmaschiges Netz mit einem Großrechner und dem Schwesternzimmer verbunden. So war ihr Leben geschützt, über endlose Kabel, einen Alarm auszulösend, sobald ein Herz stocken oder eine Lunge aussetzten würde.

Mir war schon an der sanft zur Seite gleitenden Schiebetür am Eingang schlecht geworden. Ich hasste den Geruch, die matten Pastellfarben an den Wänden und die nichtssagende Musik. Ich hasste sogar die grau melierte Empfangsdame, die Cafeteria mit ihren Insassen aus beinahe gestorbenen Patienten und ihren Angehörigen. Das waren sie also schon, keine Freunde mehr, keine über die Jahre liebgewonnenen Menschen, sondern nur noch Angehörige. Ich mochte mich selbst nicht für meine Verachtung, aber ich konnte nicht anders.

Das Zimmer war viel zu warm für jemanden, der aus der Kälte kam. Aber für diese hingestreckten Faltengebirge war es vielleicht gerade warm genug. Niemand erhob sich als ich den Raum betrat. Ich legte meine Jacke auf einen Stuhl und schaute aus dem Fenster. Die drei Ömchen lagen friedlich in ihren Betten. Manchmal stieß eine von ihnen einen Seufzer aus. Nur ein kleines Radio, das jemand vergessen hatte auszustellen, knarrte mit blechernen Tönen.

Da lag sie. Ungewollt erinnerte ich mich an früher. Nicht an die Zeit als sie noch ein Kind war. Viel viel später, als wir uns das erste Mal gesehen hatten. In meinen Erinnerungen wirkte sie größer, ihr Gesicht und ihre Hände weniger zerfurcht. Die Haare waren braun und nicht grau wie heute. Ihr Gesicht hatte mich schon damals an einen neckischen Spitz erinnert. Ich weiß nicht warum, aber selbst jetzt mit geschlossenen Augen musste ich wieder daran denken. Wo hatten wir uns damals gesehen? Ich wusste es nicht mehr und ihr würde es vielleicht nicht anders gehen.

Eine Schwester polterte zur Tür hinein. Sie fragte in die Runde, ob jemand Tee oder Kaffee wollte. Die zwei fremden Ömchen verlangten verschlafen nach Fenchel- und Pfefferminztee. Sie wachte nicht einmal auf. Was ich hier verloren hatte, wer ich war, wie lange ich bleiben würde, ob ich alle drei Insassen mit ihren Kissen ersticken würde, all das interessierte die Schwester nicht. Sie ließ mich am Fenster stehen und polterte wieder zur Tür hinaus. Draußen lag ein gelangweilter Tag herum. Die Sonne mühte sich nicht, die Wolken auch nicht und selbst der Nebel war unschlüssig, ob er sich verkriechen sollte oder doch lieber blieb. Ich drehte die Heizung ein wenig herunter und setzte mich auf einen Stuhl neben ihr Bett.

Könnte ich mich doch nur an unsere erste Begegnung erinnern! Aber es ging nicht. Es gab wohl kein bestimmtes Ereignis, keinen denkwürdigen Tag, nichts woran ich mich festhalten konnte. Für eine Nachfrage war es vielleicht für immer zu spät! Es war mal wieder ihre Pumpe, dieses verdammte Ding, dass nicht mehr so richtig wollte. Sie hatten ihr schon einen Herzschrittmacher eingepflanzt, eine neue Arterie gezogen, eine andere dafür entfernt. Was war es dieses mal? Die Pumpe, natürlich, aber was hatte dieses Mal versagt.

Totkranke Menschen hatten ich mir immer anders vorgestellt. Sie war nicht das blühende Leben, keineswegs. Aber sie sah genauso wenig blass aus, ihre Augen waren nicht tief eingesunken und ihr Gebiss trug sie auch noch. Dadurch erweckte sie nicht den Eindruck einer Halbtoten, wie sie einem in Krankenhäusern manchmal auf den Gängen begegneten. An die zurückliegenden Operationen erinnerte nur noch eine Binde an ihrer Hand und die Schläuche, die von ihr wegführten. Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie jetzt sterben müsste, ob es tatsächlich soweit war. Unvermittelt legte ich meine Hand auf ihre.

Sie wachte auf und blinzelte mich an.

Muss ich jetzt aufstehen?“

Nein!“

Über eine dampfende Teetasse hinweg sah ich wieder aus dem Fenster. Das Radio plärrte. Hinter meinem Rücken bewegte sich etwas, aber ich schaute nicht hin. Eine Tür wurde zur Seite gezogen und ein wenig später war das Plätschern einer Klospülung zu hören. Wieder öffnete sie die Augen und sah mich an. Sie hatten über die Jahre ihre Farbe verloren. Das Blau wurde immer blasser, manchmal schien es grau zu sein, manchmal wie ein Tropfen Farbe in einem Wasserglas. Nur das Muster blieb gleich. Ihre Iris sah aus wie von einem Netz leuchtender Bänder durchzogen, mal waren sie gelb mal orange. Diese Augen waren das Familienwappen. Ihr Vater hatte sie, ihre Tochter, ein Enkelkind und auch ein Urenkel.

Wie alt war sie jetzt? Nicht einmal daran konnte ich mich erinnern! 79, 92 oder 103? Sie blinzelte und ich war mir sicher, dass sie die Antwort selbst nicht mehr so genau wusste. Nicht nur diese, sie hätte mir keine meiner Fragen beantworten können. Ich wollte etwas sagen, ein Hallo! oder Wie geht es dir? aber die Stille zwischen uns blieb beharrlich bestehen.

Sie richtete sich langsam im Bett auf. Irgendetwas schmerzte sie und nun sah ihr Spitzgesicht tatsächlich so aus, als würde sie knurren. Aber es kam nur ein leises ach heraus. Die Frage nach ihrem Befinden beantwortete sie mit einem bescheiden anstatt beschissen.

`s ist schönes Wetter, nicht war?“

Ja, aber es ist kalt.“

Mein Junge wollte heute noch kommen. Kennen sie meinen Jungen?“

Ich glaube, er wollte erst morgen kommen.“

Erst Morgen?“

Kennen Sie Alfred Franke?“, fragte sie. Ich verneinte.

Alfred war ein Cousin meines Mannes, in Berlin hatt er gelebte.“

Sie sehen aus wie Alfred Franke als er noch jung war.“

Ist es so, wenn man aus dem Gedächtnis eines Menschen gelöscht wird? Sie sah unbestimmt aus dem Fenster. Ich blickte ihr nach. Wie viel von mir gab es da noch. Den Schatten einer Erinnerung vielleicht, ein letztes undefinierbares Gefühl, dass ihr versicherte, dass sie mir vertrauen könnte. Ansonsten war ich Alfred Franke. An ihn konnte sie sich noch erinnern während sie vom Rand her vergaß. In der Zeit rückwärts gehend, ließ sie immer mehr Erinnerungen zurück. Irgendwann würde sie nicht einmal mehr wissen wer sie war. Sie würde aufhören zu leben, weil sie es einfach vergessen würde. Wahrscheinlich würde die verdammte Pumpe doch bis zum Schluss durchhalten.

Ich wusste nicht was ich hier wollte, in diesem Zimmer, diesem Krankenhaus, der Stadt. Was wollte ich ihr sagen? Warum hatte ich mich in den Zug gesetzt? Hallo, ich bin gar nicht Alfred., oder Erkennst du mich denn nicht? Es gab nichts mehr zu sagen. Wir hätten uns nicht einmal neu kennenlernen können. Sobald ich aus der Tür getreten wäre, hätte sie mich schon wieder vergessen. Ich fühlte mich elend und unnütz. Warum nur konnte ich ihr nicht sagen wer ich bin?

Sie müsse sich jetzt aber mal waschen!“, sagte sie. Zusammen mit der Infusionsflasche ging sie ins Bad. Es war ein gebrechlicher Gang, mehr wie ein sich Vorwärtsschieben. Wieder war das Gleiten einer Schiebetür und die Klospülung zu hören. Ich wäre gerne fortgegangen aber ich unterdrückte diesen Drang. Die knautschige Oma direkt vor dem Fenster sah mich interessiert an. Im Raum kannte mich niemand. Ich war nichts weiter als ein netter Gast, der ein wenig Abwechslung bot. Langsam nahm ich meine Jacke vom Stuhl und wandte mich der Tür zu. Als sie aus dem Bad kam sah sie mir freundlich in die Augen. Ihre kleine Hand legte sich auf meinen Unterarm.

Wissen Sie, sie sehen Alfred Franke sehr ähnlich. Damals als er noch jung war, wissen sie? Ach…“ Mehr brachte sie nicht hervor. Irgendwo hinter den blassen Augen wusste sie vielleicht doch noch wer ich bin. Ich lächelte unbestimmt und verließ den Raum.

Draußen, umgeben von diesem unschlüssigen Tag, merkte ich wie meine Flügel gegen meine Jacke drückten. Ich hielt sie versteckt, denn ich wollte noch mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahren. Engel fahren nicht mit der Straßenbahn, dass wusste ich. Aber gab es solche unter ihnen, die Alfred Franke hießen? Ich drehte mich noch einmal um. Dass würde ich sie jetzt gerne fragen! Ob Alfred Fanke, der Engel natürlich, auch immer die Straßenbahn in Berlin benutzt hatte?

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