tma svetlo tma von Jan Svankmajer [07m30sec/1989]

Der Prager Künstler Jan Švankmajer hat in seinem langen Leben mehrere Dutzend Kurzfilme produziert, und das obwohl ihn die damalige tschechische Regierung von 1973-1980 ein Berufsverbot aufbrummte.

Viele Kurzfilme Svankmajers sind in Stop-Motion Technik produziert, die er maßgeblich mit entwickelt hat. Auch tma svetlo tma (Darkness/Light/Darkness) ist so entstanden. Giroplus!

Frau Haas und das Gewerbe im Keller

Der Garten hinter unserem Haus besticht nicht durch Größe. Gefühlte 20 m² Rasen, zwei Wäscheständer und eine Birke. Dahinter liegt eine Garagensiedlung, bevölkert von Opas mit kleinen Handtäschchen und geputzten VW Golf. Neben unserem Garten liegt Frau Haas` kleine Scholle. Sie ist nicht durch den berühmten Maschendrahtzaun wohl aber durch einen Holzzaun vom Rest des Grundstücks getrennt. Ist Frau Haas zugegen, hängt ihr lila Beutel an der Gartentür. Passend dazu trägt sie eine lila Jogginghose und einen grünen Pullover aus Perlon oder Dederon. Mit den Kunstfasern am Leib, knistert sie leise durch den Garten und lädt sich elektrisch auf. Beim Händeschütteln habe ich schon zweimal eine gewischt bekommen.

Im lila Dress kämpfte Frau Haas in den letzten Wochen gegen das Laub der Nachbarbäume in ihrem Geviert. Das sie von morgens bis abends akribisch Laub harken kann, hat direkt mit ihrer Funktion als Blockwart zu tun. Zwei Hände an der Harke, beide Augen und Ohren bei den Nachbarn. So lautet ihre Devise! Wir scheinen ihr besonders suspekt zu sein. Stein des Anstoßes ist der von uns genutzte Keller.

Durch Zufall erwischte uns Frau Haas beim Sortieren von einem Dutzend Altkleidersäcken, die wir von einem dankbaren Gartenbesitzer in der Rietschelstraße erstanden hatten. Sofort sah Frau Haas ihre Müllrechnung explodieren. Ihre Rente sei klein und, im Gegensatz zur untergegangenen DDR, machen ihr die Mieter heute nur noch Ärger. Wie es ihre Art ist, lächelte sie am Ende ihres Vortrags und endete mit den ermunternden Worten: „Sie werden hier schon Ordnung schaffen, nech?“.

Ein paar Tage später, die Altkleider waren mittlerweile in Müll und Brauchbares getrennt, bezichtigte uns Frau Haas wir würden ein unlauteres Gewerbe im Keller betreiben. Ihre Müllrechnung war vergessen. Nun war es die Heizung, da sie gezwungen war ihr Kellerfenster sperrangelweit aufzureißen, um mit dem Muff fertig zu werden. Und die Kälte würde dann aus dem Keller in ihre Wohnung ziehen, dass wüssten wir doch.

Nachdem die Klamotten im Altkleidercontainer oder bei Freunden untergekommen waren, verfrachteten wir eine Tonne Kohlen in den Keller. Eine schlechte Idee! Frau Haas sah sich nun gezwungen, sich nach der Aufgabe der Steine zu erkundigen. Das es sich um Heizmaterial für unseren Kachelofen handelte, machte die Sache nicht besser. Neue Probleme taten sich auf: brennende Mülltonnen durch heiße Asche und ein nicht abzuschätzendes Risiko eines Hausbrandes durch eine Ofenexplosion. Wir ertrugen es mit Fassung.

Gestern wünschte mir Frau Haas ein schönes Leben. In ihrer lila Jogginghose, versteht sich.

Wie bei Hempels unterm Sofa

Das unsere Vermieterin a) zu viel Zeit hatte und b) teils ungewöhnliche Ansichten, wusste ich schon aus Erzählungen. Als ich um die Ecke bog, stand sie dann natürlich prompt vor unserem Haus und unterhielt sich mit einem Mann aus der Nachbarschaft. Während sie auf unser Nachbarhaus deutete, versuchte ich mich ungesehen an ihr vorbei zu schleichen. Später stellte sich heraus, dass sie neben Hühneraugen noch über ein drittes Auge am Hinterkopf verfügte. Es war also vollkommen zwecklos ihr entgehen zu wollen. Genauso zwecklos schien mir ihr Vorhaben, das Laub auf dem Gehweg auf einen Haufen zu kehren. Nichts gegen ihren Ordnungssinn, doch schien der böige Wind für eine derartige Tätigkeit nicht geeignet zu sein. Möglich, dass einige Nachbarn sich sogar darüber freuten, dass das Vorhaben misslang. Denn Frau Haas hatte es nicht versäumt alle Blätter, unsere, die des Nachbargrundstücks und der gesamten Straße fein säuberlich über die Grundstücksgrenze hinweg zu fegen. Dort sollten sie wohl liegenbleiben bis sich die Stadtreinigung um sie kümmern würde. Doch wie gesagt, war da noch der Wind…
Es dauerte nicht lange und es klingelte an unserer Wohnungstür. Ein letzter Versuch, Julia öffnete die Tür, aber es half nichts, Frau Haas wollte mit mir reden. „Also ich dachte ja nicht, dass ich das ansprechen muss, vor allem unter erwachsenen Leuten. Sind sie einer von uns?“ Ich hatte keine Ahnung was sie mit diesen Andeutungen meinte. Was wollte sie ansprechen und wer war „uns“. Frau Haas ließ mich gar nicht erst antworten. „Sie sind doch von hier, oder?“ Das ich an der innerdeutschen Grenze aufgewachsen war, schien zu erfreuen. In den letzten Jahren hatte ich öfter die Erfahrung gemacht, dass ich der gezwungenen Ossi-Wessi Diskussion durch diese Ortsangabe geschickt aus dem Weg gehen konnte. Meine Gesprächspartner suchten sich einfach die passende Seite aus. Frau Haas tat es genauso. Für sie war ich ein Kind der DDR. Ein erneuter Versuch auch etwas zu sagen, ging in einem neuerlichen Redeschwall unter. Von Faschisten über Kommunisten und Politiker von heute bis zur Kirche im Allgemeinen, welche blieb dabei außen vor, schwadronierte Frau Haas über den allgemeinen Werteverfall in der Gesellschaft. Auch hier im Haus sei nicht mehr alles wie früher. Sie, ursprünglich drüben geboren, ausgebommt, mit der Mutter geflüchtet, schließlich hier in Lindenau gestrandet und nun direkt vor unserer Haustür, klagte im lila Jogginganzug darüber, dass man heute ja nicht mehr erwarten könne, dass die Hausordnung wenigstens einmal in der Woche erledigt würde. Man müsse schon froh sein wenn der Hausflur anstatt Samstags erst am Sonntag glänzt. Ich versuchte freundlich zu lächeln und die Tragweite des Problems abzuschätzen. Vergeblich. Für Frau Haas hing der Weltfrieden direkt mit dem Zustand der Treppe zwischen zweitem und ersten Stock zusammen. Mochte der Castor rollen, Kinder hungern, ein Heilmittel gegen Alzheimer gefunden werden oder der Messias kommen, die Treppe hatte geputzt zu werden, ordentlich und nicht zu nass.
„Wir wollen doch nicht dass es aussieht wie bei Hemples unterm Sofa. Das verstehen sie doch, sie sind doch einer von uns?“