Goldene Zitronen II

4:20 Uhr Der Wecker klingelt. Draussen ist es noch stockfinster. Ich kann nicht behaupten, im entferntesten Lust auf einen neuen Arbeitstag zu haben. Den Wecker stört dies alles nicht, er klingelt munter weiter. Wahrscheinlich einfach nur deshalb, weil er in wenigen Augenblicken Feierabend haben wird und bis morgen wohlig schlummern kann. Feierabend, ein Zustand, der für mich erst in 12 Stunden eintreten wird. In der Zwischenzeit winde ich mich langsam auf mein Tagesziel zu und pflücke mehr Pfirsische und Nektarinen als alle Vorstadtpommeranzen der Welt essen können.Ich kann im Bad den Lichtschalter nicht finden, möchte aber meine Augen auch nicht öffnen. Lieber suche ich noch eine Weile weiter und sitze mit geschlossenen Augen auf dem Porzellanthron. Beim Zähne putzen bekomme ich endlich die Augen auf und blinzle verschlafen das Deckenlicht an. Die beiden Koreaner im Zimmer befinden sich schon auf den Weg zur Arbeit. Ich muss mich deshalb nicht bemühen leise zu sein und kann unbeholfen durch den Raum poltern. Meine Sachen sind immer noch feucht vom gestrigen Regen. Der australische Sommer lässt in diesem Jahr zu wünschen übrig. Die Meteorologen behaupten La Niña sei Schuld an diesem Schlamassel. Seit drei Wochen regnet es an zwei von drei Tagen. Oft weht mir ein feiner Nieselregen ums Gesicht, der es über die Stunden hinweg schafft durch alle Schichten bis zu meiner Haut vorzudringen. Würde ich mich nicht in ständiger Bewegung befinden, ich würde erbärmlich frieren.

4:35 Uhr In kurzer Hose, Carohemd und nassen Schuhen tapse ich über den Hof. In meiner rechten Hand baumelt die rote Tasche aus dem Secondhand-Laden. Schon am zweiten Tag habe ich mich komplett neu eingekleidet: Hose 1,50 $, Hemd 3,20 $, Pullover 2,50 $ und Tasche 1,50 $. Am ersten Tag musste ich noch lernen, dass ich mir genau überlegen sollte mit welchen Klamotten ich mich in der Scheisse suhlen möchte. Nicht nur, dass sich bei der täglichen Arbeit alle Sachen schnell in ihren Ursprungzustand, einzelne Fasern, Knöpfe und Reissverschlüsse auflösen, nein, zu allem Überfluss scheint der einheimische Dreck über magnetische Eigenschaften zu verfügen, die ihn gegen Waschmaschinen und gutes Zureden immun machen. In der Küche sitzen schon einige Leichen am Tisch. Die Gespräche beschränken sich auf ein einfaches Lächeln und Nicken. Manchmal fragt jemand nach Milch oder Zucker. Ansonsten kaut jeder schweigend auf seinem Frühstück. Einige kreieren sich noch schnell das Lunchpaket, bestehend aus unüberschaubaren Toastbrotstapeln und mehreren Litern Flüssignahrung in Form von Saft oder Wasser. Ich tunke Schokokekse in meinen Tee, während ich etwas missmutig aus dem Fenster schaue. Es dämmert, eine Tatsache, die den Nieselregen auch nicht freundlicher erscheinen lässt. Muss ich wirklich da raus, muss ich mir das antun? Eine Frage, die sich mir durchaus stellt und die ich mir während der nächsten elf Stunden Arbeit noch genug stellen kann.

5:00 Uhr Der Bus fährt gleich ab. Einige saugen noch ein letztes Mal an ihrer ersten Morgenzigarette, bevor sie ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, unter seelischen Qualen, zur Arbeit fahren. Mit eingezogenem Kopf steige auch ich ein. Neben mir auf dem Sitz thront mein kleines rotes Bombenköfferchen. Eigentlich nichts weiter als eine Brotbüchse im XXL Format, die neben meinem zweiten und dritten Frühstück, einer Dreiliterflasche Wasser auch noch meinen Hut und Sonnencreme beinhaltet. Mein MP 3 Player ist leider nicht mehr von der Partie, nachdem ihn gestern alle guten Geister verlassen haben und er nur noch sporadisch Lebenszeichen von sich gibt.

5:20 Uhr Der Ort des Geschehens ist erreicht. In langen Reihen ziehen sich in alle Richtungen die Apfel-, Pfirsich- und Nektarinenbäume dahin. In fünf Metern Höhe sind parallel zum Boden Netze gegen allzu gefrässige Vögel gespannt. Wenn der Wind über sie streicht fangen sie zu pfeiffen an. Bei Regen sammelt sich das Wasser auf ihnen, bis zu dem Punkt, wenn es zu schwer wird und in einer heftigen Attacke riesiger Tropfen zu Boden stürzt. In den wenigen Minuten, die bis zum Arbeitsbeginn noch verbleiben, creme ich mich mit Sonnencreme ein. Meine Nase verschwindet vorerst unter einer weißen und schützenden Glasur. Die zerstörerische Kraft der Sonne ist für einen unbedarften Mitteleuropäer oft nicht abschätzbar, doch stellt sich der Lerneffekt schon nach kurzer Zeit ein. Zwar wird die Sonne noch von einer Wolkendecke verdeckt, aber sobald sie, wenn auch nur als heller Fleck im Dunst sichtbar wird, beginnt ein Countdown rückwärts zu laufen, an dessen Ende unweigerlich ein schön anzusehender Sonnenbrand steht. Bei bestimmten Wolkenarten nimmt die UV-Belastung durch die häufige Reflektion des Sonnenlichtes sogar zu. Es gibt trotzdem immer wieder ein paar wandelnde Geistesblitze, eigentlich sind es nur Männer, die mit entblösstem Oberkörper ihre geballte Manneskraft zur Schau stellen. Zwei Tage hintereinander macht das niemand!

5:30 Uhr Langsam trudelt die gesamte Meute ein. Der Grossteil der humanen Erntemaschinen stammt aus Japan und Südkorea. Dennis, David, Israel und ich sind an diesem Tag die einzigen Europäer. Am ersten Tag sagte einer der Supervisor, Asiaten seien die besseren Arbeiter. Das stimmt nicht, sie haben nur die bessere Einstellung. In den Monaten in denen sie im Ernteeinsatz sind, schuften sie wie Berserker. Sie trennen Arbeit und Urlaub messerscharf. Das Gejammere das viele Europäre an den Tag legen, hilft keinen Milimeter weiter. Die grosse Sause steigt an einem anderen Ort, bestimmt nicht in Stanthorpe. Hier brütet einzig und allein der Arbeitswahn und der erhält vielleicht nur durch den wöchentlichen Gehaltscheck einen Sinn.

6:00 Uhr Die erste halbe Stunde des Tages ist mitunter die chaotischste des Tages, bevor die Routine des Pflückens beginnt. Lino und Garry, ihres Zeichens Supervisor, dirrigieren die einzelnen Teams in die zu pflückenden Reihen. Hornalte Traktoren tuckern durch die Gegend, von denen jede Gruppe einen erhält und die auf selbst gebauten Anhängern die quadratischen Boxen transportieren, in denen die Früchte transportiert werden. Garry setzt gerade zu seinem obligatorischen Morgenappell an. Er zeigt drei Pfirsiche, die die richtige Größe und Farbe haben. Seine selbstgebastelten Sprüche kann jeder nach drei Tagen auswendig: „green is not a colour“ und „don’t believe the women, seize does matter“. Mit seiner rechten Hand hält Garry einen Pfirsisch in die Höhe und umschliesst ihn mit Daumen- und Mittelfinger. Der Abstand zwischen den beiden Fingerspitzen reicht aus, um einen Finger dazwischen zu legen- die Minimalgröße. Bei einigen der hier beschäftigten zierlichen Asiatinnen reicht der Zwischenraum für vier Finger aus. Ich kann den gesamten Fruchtkörper mit Daumen- und Mittelfinger umfassen- als Einziger.

8:43 Uhr Es ist die Zeit zwischen Arbeitsbeginn und erster Pause, wenn ich noch genügend Kraft und Motivation besitze, mich schnell zu bewegen. Zusammen mit fünf weiteren, Dennis, David, Israel, Yoon und seiner Freundin, grase ich drei Baumreihen nach grossen roten Pfirsichen ab. Um uns herum ist es vom beiläufigen Leitergeklapper und Motorengeräuschen verhältnismässig ruhig. Die Bäume hängen krachend voll und ich kann mich wie aus einem Füllhorn bedienen. Mit beiden Händen pflücke ich Pfirsiche in meine Bauchtasche. Im gefüllten Zustand beherbergt sie bis zu 15 Kilo Früchte und lässt mich wie ein schwangeres Kängeruh aussehen.

9:13 Uhr Waehrend Dennis und Israel ausruhen tuckere ich Bananen kauend mit einem Traktor durch die Plantage. Da wir zu sechst pflücken, besitzt unsere Gruppe zwei Traktoren. Jeder von ihnen steht zwischen zwei Baumreihen und ist mit sechs bzw. fünf sogenannten Bins beladen. Die Bins sind grosse weisse Plastikcontainer, in die je nach Füllstand und Fruchtart zwischen 320 und 480 kg Früchte passen. Die Bezahlung der Pflücker erfolgt nach der Anzahl der abgelieferten Bins, wobei der Preis zwischen 36-60 $ variieren kann. Bei dem heutigen Tagespreis von 36 $ und meinem Wunsch mindestens 120 $ am Arbeitsende verdient zu haben, muss ich ein wenig mehr als drei Bins füllen. Auf unsere Gruppe umgerechnet bedeutet dies eine ordentliche Menge Pfirsiche und einen langen Tag.

12.37 Uhr Nach sechs Stunden Arbeit haben wir bereits über 20 Bins gefüllt und der Strom an Pfirsichen reisst nicht ab. Meine Hände fungieren beim pflücken als Fühler, die ständig die Mindestgrösse überprüfen. Mache ich einen Fehler und greife eine zu kleine oder zu grüne Frucht, landet diese unweigerlich auf dem Erdboden. Das gleiche Schicksal ereilt die Früchte, die im Eifer des Gefechts vor Schreck von den Bäumen fallen. Im Gras vergammeln so ganze Wagenladungen voller Obst, umschwirrt von Myriaden von Fruchtfliegen und umgarnt von Schimmelpilzen.

15:03 Uhr Bin Nummer 29 ist voll, meine Lust gänzlich verpufft während mein Wunsch, mich zwischen den dahinsiechenden Pfirsichleichen niederzulegen, immer grösser wird. Mein Kopf ist eine einzige Wüstei. Bei der ewigen Litanei und dem ständigen Gehetze in den Bäumen kann ich nicht denken, obwohl mir die Arbeit geistig nichts abverlangt. Wer schon einmal versucht hat, während eines 100- Meter Sprints eine Einkaufsliste für das kommende Wochenende im Kopf zusammenzustellen, der wird verstehen was ich meine. Man wird langsamer. Jedoch, in der Gleichung Schnelligkeit = Akkord = Geld fehlt es an Platz für Entspannung, Müssiggang oder Langsamkeit. Trotzdem, irgendwann ist bei mir der Punkt erreicht, an dem der Reiz aufzuhören grösser ist als der noch mehr Geld zu verdienen. Im Moment muss ich mich zusammenreissen, überhaupt noch zu pflücken. Stattdessen lasse ich meine Gedanken schweifen und pflücke nur noch beiläufig Früchte in meine Bauchtasche. Jeder meiner Versuche mich noch einmal aufzuraffen verpufft schon nach kurzer Zeit. Es reicht für heute.

15:57 Uhr David und Yoon sitzen am Steuer unserer Traktoren . Gemächlich zuckeln wir durch die riesige Plantage zum Verladeplatz. Vor zehn Minuten stoppte Garry mit einem lauten Schrei alle Aktivitäten. Alle Pflücker zusammen haben 150 Bins gefüllt, genug um die Verpacker und Sortierer der Farm eine Weile auf Trab zu halten. Einunddreissig Bins gehen auf das Konto unserer Gruppe, fünf und ein Aechstel für jede Person, 186 $ für jedes Portemonnaie. Ich bin müde aber das Gefühl, endlich Feierabend zu haben, überwiegt. Um mich herum hängt noch Arbeit für Wochen. Im Moment habe ich keine Lust nur noch einen einzigen verdammten Pfirsich zu pflücken.

Reiseroute

Leipzig (12.11.) Stuttgart (12.11.) Frankfurt/Main (13.11.) Bangkok (14.11.) Trat (18.11) Ko Chang (19.11.) Bangkok (23.11.) Chiang Mai (27.11.) Chiang Rai (30.11.) Chiang Khong (1.12.) Sukkothai (3.12.) Ayuthaja (5.12.) Sangkhlaburi (6.12.) Kanchanaburi (7.12.) Bangkok (9.12.) Sydney (12.12.) Stanthorpe (20.12.)

Goldene Zitronen I

Schon einmal den Namen Stanthorpe gehört? Nicht. Immerhin handelt es sich um die am höchsten gelegene Stadt und den kältesten Ort Queenslands. Das beliebteste Postkartenmotiv ist der Uhrenturm der Post. Daneben gibt es noch die High Street, die Hauptstrasse, drei Dutzend Geschäfte, vier Pubs, überbreite Strassen mit Holzhäesern in gepflegten Vorgärten, Pickups und eine Bushaltestelle, an der vier Busse halten – täglich. Stündlich verändert sich wenn, dann nur das Wetter.

Zwischen Oktober und April ist die Stadt von billigen Arbeitsmaschinen aus Übersee bevölkert: Japaner, Niederländer, Kanadier, Koreaner, Franzosen, Chinesen und Deutsche. Akkord-Pflücker, Akkord-Schneider, Akkord-Verpacker, Akkord-Pflanzer und Akkord-Jäter. Wessen Hände und Arme nicht zu rotierenden Scheiben mutieren können, wer es nicht schafft sein Humankapital in die Hochleistungslandwirtschaft einzubringen und wer seine Existenz nicht auf die drei Grundfunktionen Essen, Arbeiten und Schlafen beschränken kann, der hat an diesem Ort nichts verloren.

Das Geld, das in die Provinz lockt, ist in der Unendlichkeit der Massenproduktion versteckt; aufgereiht in endlosen Reihen von Pfirsich-, Pflaumen- und Apfelbäumen, Salatköpfen, Zucchinis, Himbeersträuchern, Paprika- und Erdbeerpflanzen. Die Reihen, der Kampf vom Startpunkt bis zum Ende zu gelangen, wird zur Projektionsfläche unmittelbarer Gedanken, Gefühlen und Gemütsbewegungen derjenigen die ernten.

Zwischen 5.30 Uhr und 6.30 Uhr hat sich jeder in Stellung gebracht, das Arbeitsgerät bereit gemacht, das Wetter abgeschätzt und den Lohn der nächsten Stunden überschlagen. Wer nach Leistung bezahlt wird, der erntet im Akkord, wer nach Stunden bezahlt wird, den treiben die Supervisor zum Akkord. Zum Zahltag verdichtet sich das gesammelte Obst und Gemüse zu einem Gehaltsscheck in einem weissen Briefumschlag. Nun werden Tonnen von Pfirsichen, Körbe voller Erdbeeren und Kisten gefüllt mit Zucchinis und Salatköpfen zu harten Dollarscheinen, die man mit seinen dreckigen Händen in den feinen Räumen der Banken erhält.

Zwischen den wöchentlichen Zahltagen stehen die Reihen der verschiedenen Obst-und Gemüsesorten. Man kriecht auf den Knien durch sie, bückt sich tausende Male, reckt die Arme, schiebt die Leiter ein Stückchen weiter… Es geht immer nach vorne. Am Ende der einen Reihe beginnt die nächste, dann die nächste und so weiter fort. Ein wirkliches Ende ist nicht absehbar, denn entweder ist die Anzahl der Reihen unerschöpflich oder man beginnt einfach wieder von vorne. Dazwischen liegt die Sonne, die dich langsam einschlafen lässt, der Regen, der dir das letzte Quentchen Motivation raubt, der Schweiss, den du dir aus den Augen wischt, die Fliegen, die dir in Nase und Augen kriechen, der Dreck, der deine Hände färbt, die feinen Häarchen der Pfirsische, die auf deinen Armen jucken….

Während der Körper arbeitet, schwimmt der Geist langsam davon, es fällt schwer den Fokus auf bestimmte Gedanken zu richten. Aber ein Gedanke überfällt einen schon nach kurzer Zeit. Jeder kennt sie, die Bilder hungernder Menschen -humane Katastrophen auf zwei Beinen. Wer den Hunger der Welt kennenlernen möchte, der schaue einfach auf die vollen Felder der selbigen. Jeden Tag rieseln die Hungerbäuche durch die Finger der Erntehelfer. Es sind zu reife Früchte, zu kleine Salatköpfe, zu grosse Zucchinis, zu grüne Nektarinen, zu krumme Gurken. Der Ausschuss, der Rest der nicht passt oder nicht gefällt, verfault auf dem Boden der ihn hervorgebracht hat. Wer dagegen ankämpft, mitnimmt und einsteckt muss bald feststellen, dass seine Taschen zu klein sind obwohl sich alle Bettelschalen damit füllen liessen.

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