Lichter weit Draußen


Stellt man einem Sydneysider die Frage, wo genau das Outback beginnt, wird er wohl seinen Arm heben, Richtung Westen deuten und antworten,
fifty k’s that way. Die gleiche Frage in Melbourne gestellt, erhält man die selbe Antwort. Mit etwas Wohlwollen wird Adelaide noch der Zivilisation zugeordnet, der letzte Außenposten bevor die weite Leere beginnt. Dagegen werden einige Stimmen protestieren, möglicherweise die Bewohner von Perth, die sich selber wohl kaum als Besiedler des Outbacks fühlen. Alles eine Frage des Standpunktes.

Um ehrlich zu sein, war ich vielleicht nie wirklich weit draußen, aber weit genug um ein Gefühl zu bekommen, was das Outback ist.

Tagsüber ist man mit der Sonne alleine. Je nach Tages- oder Jahreszeit wärmt sie einem die kalten Knochen oder wird zum unerbittlichen Zeitgenossen, wenn überhaupt dann nur im Schatten zu ertragen. Natürlich hat die Sache den Haken das Schattenspender eher rar sind. In Ruhe gelassen wird man sowieso nicht. Ein Australier fasste es einmal so zusammen: “It’s a beautiful country except the flies!” Ich habe nie verstanden warum sich Cowboys beim Schlafen ihren Hut bis zum Kinn hinunterziehen. Jetzt weiss ich es! Unterlässt man es, dauert es keine Minute, bis man eine Fliege im Auge, in einem Nasenloch oder an einer anderen, meist kitzligen, Stelle im Gesicht hat. Ich frage mich zuweilen, auf wen sie sich niederlassen wenn man nicht zur Stelle ist oder was sie trinken. Nicht das alle Fliegen des Outbacks nach Alice Springs in den dortigen Starbucks düsen und einen Latte Macchiato ordern, vielleicht gibt es bottleshops für Fliegen.

Zurück im Auto hat man zwar Ruhe vor den Fliegen, vielleicht ein wenig Schatten aber ein durchdringender Wunderbaumgeruch und 50 Grad sind keine wirklich entspannende Atmosphäre. Mit offenem Fenster fahren, nur etwas für plumpe Anfänger, Besserwisser oder Hartgesottene.

Die Straßen, wohlwollend Tracks genannt, sind sowieso eine Geschichte für sich, erzählt von Straßenschildern am Rand der Piste. Die Informationen, die man erhält, sind offensichtlich: Fitzroy Crossing 304 km, daneben das Piktogramm für Tankstelle und einen Caravanpark und versteckt: für 304 km keine Ortschaft, kein Haus, vielleicht ein Auto und ein Plausch über heruntergelassene Scheiben, Kängurus, streunendes Vieh und Staub. Dazu gibt es einzelne Wörter, schwarz auf gelben Grund, deren Missachtung immer in ernsthaften Schwierigkeiten endet. Crest – der Hinweis auf eine Hügelkuppe, die ab einer bestimmten Geschwindigkeit zur Sprungschanze wird oder effizient entgegenkommende Autos verdeckt. Dip – eine extrem tiefe Bodenwelle, vielleicht ein ausgetrocknetes Bachbett hinter einem Hügel. In einigen Fällen muss man mit Schrittgeschwindigkeit und schräg zur Fahrbahn fahren. Wer mit Vollgas durch eine dieser Strassenfurchen brettert verwandelt sein Auto mit grosser Wahrscheinlichkeit in einen Schrotthaufen. Corrugations – Bodenwellen! Laut gängiger Meinung einiger Australier werden alle Pisten ab 100 km/h smooth. Der Teufel steckt auch hier im Detail. Tempo 60 fühlt sich wie eine holprige Kopfsteinpflasterstraße an, 70 km/h haben Ähnlichkeit mit einem Ausflug auf einem schlechten Feldweg, 80 km/h sind vergleichbar mit dem Versuch über Bordsteinkanten zu fahren und spätestens bei Tempo 90 löst sich jedes Auto in seine Einzelbestandteile auf.

Mein absoluter Favorit ist aber nach wie vor der Hinweis auf Kängurus. Eigentlich überflüssig, da sie sich anscheinend an jedem Flecken auf dem australischen Kontinent aufhalten. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob ich mehr lebende oder mehr totgefahrene am Straßenrand gesehen habe. Sicher möchte niemand nur ein einziges Wahrzeichen Australiens auf dem Gewissen haben, aber sie lieben die Straße. Besonders zu Sonnenauf- und Untergang treffen sich ganze Clans und Familien auf dem Teer, hüpfen auf und ab, glotzen in der Gegend umher und machen einen das Leben schwer. Viele Autos haben deshalb eine sogenannte bullbar, eine Art verchromter XXL-Stoßstange mit der man auch den Aufprall auf ein zwei Meter großes Riesenkänguru unbeschadet überlebt. Mein Auto hat keine solche Schutzeinrichtung, die ich im übrigen abwertend als Rhinozerusbremse bezeichne. Ein Tag ohne Vollbremsung ist ein guter Tag. Einmal hat es nicht funktioniert, ich trauere immer noch.

Die weißen Hinweisschilder beachtend, fährt man los, holpert seinen Weg zum Horizont, spult Kilometer ab, rollt über ein flimmerndes Teerband bis zur nächsten Kurve und, dann wer hätte das gedacht, geht es einfach weiter. Die Landschaft, vor allem in den weiten Ebenen, erweist sich als äußerst abwechslungsreich. Es gibt Sträucher, Termitenhügel, Gras, Termitenhügel, Bäume und manchmal wird die Monotomie durch einen neuen Termitenhügel durchbrochen…..

Advertisements

Ningaloo


Für die Ostkinder unter euch, könnt ihr euch noch an eure Urlaube an der Ostsee erinnern? Vielleicht mehrere Stunden in einem Trabbi verbracht und dann dieser aufregende Moment wenn man Sand unter den Sohlen hat und das blaue Wasser sieht. Ich glaube, ich hatte damals eine Taucherbrille, ich bin mir sogar fast sicher. Mit ihr habe ich den steinreichen Sandboden der Ostsee nach Muscheln abgesucht, Quallen verfolgt und die Hängebäuche der FKK Badenden von unten betrachtet.

Nach der Ostsee sah es bei mir mit dem Tauchsport eher düster aus. Vielleicht fehlte es einfach an Gelegenheiten oder am Enthusiasmus. Auf meinem Weg nach Darwin lag das Ningaloo- Reef. Der kleine Bruder vom Great Barriere Reef im Osten Australiens und weltbekannt dafür, dass es der einzige Ort der Welt ist an dem sich jährlich Walhaie einfinden und sich von jederman begutachten, fotografieren und anfassen lassen.

In Coral Bay ging ich geradewegs in ein Geschäft für Taucherausrüstung, erstand einen Schnorchel und eine Taucherbrille und begab mich an den Strand. Feinster Sand, blauer Himmel und klares türkisfarbenes Wasser. Dort wo das Wasser langsam eine dunkelblaue Färbung annahm, sollte das Riff beginnen, 20 Meter vom Strand entfernt. Mit genügend Mut, um das 20 Grad kalte Wasser zu vergessen, stürzte ich mich in die Fluten.

Schon nach wenigen Metern kamen die ersten Fische in Sicht, ein herrlicher Anblick, vor allem wenn man sie nur als aus toten Augen starrende Speise auf dem Teller kennt. Dann ging es los- die Korallen begannen. Keine bunten Warmwasserkorallen wie in südlicheren Gefilden sondern Kaltwasserarten, die atemberaubende Formen bilden. Da gibt es riesige Rosenblüten, 2 Meter im Durchmesser und nur auf einem armdicken Stamm stehend, fein verzweigte Büsche, fünf Meter hoch, riesige Türme zwischen denen sich Schwärme von Fischen bewegen und die bei Ebbe bis nah an die Wasseroberfläche reichen, Muscheln so gross wie Kochtöpfe, tiefe Canyons mit gezackten Korallen bestückt. Als sich ein paar Mantas zeigten musste ich vor Freude schreien und ein paar Luftblasen ins Wasser entlassen. Nach 20 Minuten zog ich mich mit blauen Lippen an den Strand zurück. Seitdem tauche ich jeden Tag ab und spiele mit Nemo und Arielle der Meerjungfrau.

 


In der Seitenstraße


Es geht los. Eine Kurzzusammenfassung des Outback wäre die: Es gibt nichts! Zumindest keine zivilisatorischen Annehmlichkeiten wie einen Supermarkt um die Ecke, eine Tankstelle am Ende der Straße oder einen Wasserhahn gleich da vorne. Somit ist das Horten von Vorräten der erste Schritt vor dem eigentlichen Aufbruch.

Etwas nervös begab ich mich deshalb in das Getümmel eines überdimensionierten Supermarktes, gefüllt mit Hausfrauen und Rentnerschwämmen. Nach einer Stunde hatte ich meinen Trolley gefüllt, den größten Einkauf meines Lebens getätigt und nebenbei unwichtige Dinge wie Brot schlichtweg vergessen. Im Grunde keine grosses Drama, da das australische Weißbrot mit erbärmlich mehr als wohlwollend umschrieben ist. Der nächste Stopp war ein Großmarkt für Autoteile in dem ich Zündkerzen, einen Reservekanister und ein Abschleppseil erstand. Mit leichten Kopfschmerzen wagte ich mich schließlich in ein Geschäft für Campingbedarf, nur um drei mickrige Gaskartuschen zu kaufen. Nach fast zwei Stunden Einkaufswahn, ich hatte mehr Nerven als Geld verloren, verließ ich fluchtartig das Einkaufszentrum und machte mich auf den Weg, das Ende der Stadt zu finden.

In einer Seitenstrasse hat es mich dann eiskalt erwischt. Sie sah genauso aus wie die vorherige und irgendwie unterschied sich der Einfamilienhausbrei der letzten 40 km nur in den Autos vor den Garagen. Mittlerweile hatte ich es aufgeben mich anhand der Strassen zu orientieren und mich nur noch nach dem Stand der Sonne gerichtet, in einer Sackgasse endete der Spaß. Nach zwei Stunden war es mir nicht gelungen, die unverbaute Landschaft zu erreichen. Das famose an Vorortsiedlungen ist die einfache Abstinenz von Passanten auf den Strassen. Ich vermutete, dass sie gerade alle mit Einkaufen beschäftigt waren oder was viel wahrscheinlicher war, sich auf dem Weg zum Einkaufszentrum oder zurück nach Hause befanden. Irgendwie half mir die Sonne dann doch noch, wenn auch nicht das Ende der Stadt so doch den Strand zu finden.

Mein Abendbrot genoss ich nach all den Anstrengungen direkt am Rande der Kofferraumklappe. Der Höhepunkt des Tages war sicher der nächtliche Polizeibesuch. Nachdem mich zwei Beamte freundlich mit lautem Klopfen und einer hellen Taschenlampe aus meinen süßen Träumen gerissen hatten, wollten sie nichts weiter als meinen Ausweis sehen und ein wenig mit mir plauschen.

Kilometer Null


Ich besaß eine Puppe als kleiner Junge aber keine Autorennbahn! Mercedes Benz oder Ferrari sind nie in meinen Träumen aufgetaucht und Autos hatten für mich nie etwas mit Freiheit zu tun. So weit die Lage der Nation. Vielleicht brauchte es deshalb 27 Jahre bis ich aufgeregt vor meinem ersten eigenen Auto stand, einem rot lackierten Haufen Rost aus dem Jahr der Wiedervereinigung. Ich habe den Guten Dalton genannt. Er riecht nach Wunderbaum, laut Anzeige ist er bereits siebeneinhalb mal um die Erde gefahren und man würde ihn als Auto mit Charakter bezeichnen, um seine nervigen Macken zu übertünchen. Seine größten Luxusausstattungen sind der CD Player (unglaublich vorteilhaft vor allem wenn man wie ich keine CD’s dabei hat) und der Allradantrieb (unverzichtbar in der Wildnis, die ich ja sehen will). Ein Kombi war es obendrein, von den Australiern station wagon genannt.

Es wird eine weite Reise, 9000 km von Perth über Darwin und Cairns weiter nach Brisbane und Sydney. Angefangen hat alles bei Kilometer Null.

Ich musste eine Nummer ziehen und mich zwischen zwei Wartenden auf einen der speckigen Sitze in der Zulassungsstelle quetschen. Nach einer halben Stunde war ich der offizielle neue Besitzer eines 18 Jahre alten roten Subaru. Mit einem Grinsen fuhr ich über den achtspurigen Highway Richtung Innenstadt. Das war sie also, die von der Werbung versprochene Freiheit. Lange Autoschlangen auf dem Nachhauseweg. Die Sonne ging bereits unter, sie färbte den Swan River und die Bürotürme rot, ein leichter Wind wehte, Jogger waren unterwegs. Würde jemand den gesamten Highway ausblenden und nur mich als einziges Auto zulassen, ich würde die Werbung verstehen. Aber so.

Die Minen


Ich war wieder in Perth. Es ist etwas dunkler seit dem letzten Mal. Irgendwo im Norden ist ein Gaswerk explodiert. Seitdem ist Gas knapp geworden, in einem Land das mehr Rohstoffe als jedes andere auf der Welt besitzt und einer der größten Gaslieferanten Chinas ist. Mit dem Gas wurde der Strom knapp und den Aufrufen der Regierung folgend, schalten viele Büros in den Hochhäusern der Innenstadt nach Feierabend ihre Beleuchtung ab. Die Menschen schütteln verwundert ihre Köpfe ob dieser Zustände. Sie leben in einem Staat, der unter seinem eigenen Boom ächzt. Zwei Themen kommen in Gesprächen immer wieder auf, die Inflation und der Rohstoffboom. Wie überall in der Welt ziehen die Energiepreise an und mit ihnen die Preise für jedes Gut und jede Dienstleistung, die in irgendeiner Weise mit ihnen in Verbindung stehen. Kurz alles. Stimmen werden lauter, die Regierung müsse eingreifen, den Ölmarkt verstaatlichen oder Subventionen für Benzin zahlen. Es ist ein wenig so, als hätte es plötzlich zu regnen begonnen und die Passanten ohne Regenschirm würden nach dem Ende des Regens verlangen.

Sind es nicht die steigenden Preise sind es der Rohstoffboom und die Minen. Die Minen! Mal sagen es die Menschen mit Stolz, mal mit Verachtung oder mit Erstaunen. Mit dem Aufbruch von China und Indien in die erste Wirtschaftsliga und den steigenden Rohstoffpreisen ist in WA ein neues El Dorado entstanden. Der Rubel rollt, allerdings wird er täglich ausgebremst weil es an den nötigsten Dingen fehlt. Es werden über 400 Tsd. zusätzliche Arbeitskräfte benötigt, vom Lehrer über Maurer bis zum Taxifahrer. Straßen und Häfen sind zu klein, das öffentliche Transportsystem überlastet, Häuser können nicht gebaut werden, weil mal keine Ziegeln vorhanden sind oder mal keine Arbeiter verfügbar. Das einzige Hindernis für einen schnelleren Aufschwung ist der Aufschwung selbst.

Manchmal werden Geschichten erzählt, die sehr an die Mangelwirtschaft in der DDR erinnern. Vor zwei Jahren war der weltgrößte Ziegelhersteller (ansässig in Perth) drei Monate damit beschäftigt, einen Großauftrag für eine Minengesellschaft abzuarbeiten. Für den Rest des Landes sah es währenddessen schlecht aus. Geländewagen von einigen asiatischen Herstellern sind ein rares Gut, seit dem Bestellungen im Umfang von einigen Hunderten ausgegeben werden. Von wem? Sobald in Westaustralien etwas nicht vorhanden ist, nicht verfügbar oder sprunghaft im Preis steigt hört man oft, von einem wissenden Nicken begleitet, die Wörter „the mines“.

Die Verantwortlichen des Booms sind weit entfernt von jeglicher „normalen“ Stadt, verstreut über die unermessliche Einöde des Landes. Und trotzdem scheinen die Minen, unter ihnen die größten von Menschenhand geschaffenen Narben der Welt, schwarzen Löchern gleich, gleich um die Ecke zu liegen, besonders in Perth. Die Stadt fungiert als ein einziges großes Lager mit einer einzigen Ausfahrt nach Norden Richtung der Minen: dem Great Northern Highway. Auf ihm ziehen Horden von Road Trains mit Fertighäusern dahin. Andere transportieren nichts weiter als die Reifen einer einzigen überdimensionierten Maschine. Firmen brüsten sich mit ihren Aufträgen für die Global Player der Rohstoffindustrie BHP Billiton und Rio Tinto. Werbungen auf Bussen zeigen lächelnde Menschen zwischen roter Erde und Baggern, die der Werbung nach zu folgen, eine einmaligen Gelegenheit nutzten und nun ihr Geld in der richtigen Branche verdienen. Im Durchschnitt wächst Perth um 250 Menschen täglich. Viele von ihnen werden Probleme haben eine Wohnung zu finden, auch wenn es in der Skyline mehr Kräne als Häuser gibt, vielleicht sitzen sie in der nächsten Zeit im Dunkeln aber sie haben garantiert einen Job und warum?, Yes, the mines!