Das Auto am Stecker – Gedanken zur zukünftigen Mobilität


Der Klimagipfel in Kopenhagen ist weitestgehend ergebnislos geblieben. Schon kurze Zeit später wurden Zweifel laut, ob der Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) überhaupt stichhaltige Beweise für den Klimawandel liefere. Von verschwiegenen Daten und übertriebenen oder falschen Zukunftsprognosen war die Rede. Hinzu kam ein Zahlendreher im Bericht. Einige fühlten sich daraufhin in ihrer Meinung bestärkt. Andere wiederum witterten unlautere Machenschaften. Gibt es den menschengemachten Klimawandel überhaupt?

Dem Diskurs über die Mobilität der Zukunft hat der Streit um den Klimawandel sicher mehr geschadet als genützt. Allzu oft wurde die Debatte zudem nur auf den Ausstoß von CO2 durch den motorisierten Individualverkehr (MIV) reduziert. Sporadisch auch auf andere Schadstoffe, Stichwort: Feinstaub. Wichtige Teilaspekte, wie eine Übertragbarkeit der in den Industrienationen praktizierten Mobilität auf den Rest der Welt oder die grundsätzliche Vereinbarkeit von Metropolen und Megalopolen mit einer autoorientierten Mobilität aber auch die Endlichkeit wichtiger Rohstoffe, allen voran das Rohöl, standen in Tagesmedien und Politik hingegen oft nur an zweiter Stelle. Viel wichtiger erschien es bislang immer, beim Thema Elektromobilität schnell vorzeigbare Lösungen zu präsentieren.

Laut den Vereinten Nationen lebten im Jahr 2008, zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt, mehr Menschen in Städten und Stadtregionen als auf dem Land. Im 21. Jahrhundert wird das Leben in urbanen Ballungsräumen wohl die typischste Existenzform sein. Grundbedürfnisse wie gesundes Wohnen und Essen, Sicherheit, soziale und kulturelle Teilhabe und nicht zuletzt Mobilität sind aber unter Aspekten wie Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit nur zu befriedigen, wenn sie so wenig wie möglich negative, externe Effekte für Umwelt und Gesellschaft bedeuten würden.

Global betrachtet bietet der energie- und flächenintensive Mobilitätsstil der hochindustrialisierten Länder Europas und Nordamerikas die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für eine Übertragung auf den Rest der Welt. Die rasch wachsende Bevölkerung, vor allem in den lateinamerikanischen und asiatischen Metropolen, macht ein Umdenken unausweichlich. Menschliche Siedlungen entstanden schon immer an den Brennpunkten des Verkehrs. Eine Stadt ohne Verkehr ist undenkbar. Die Entwicklung immer größerer und komplexerer Städte bedarf deshalb eines gut durchdachten, zukunftsfähigen Personen- und Güterverkehrs. Die städtische Mobilität von morgen kommt somit um eingehende Diskussionen über Lösungsansätze und ein belastbares Gesamtkonzept nicht herum.

Aufgrund der Komplexität von Mobilitätsprozessen ist ein Patentrezept nicht in Sicht. Umso erstaunlicher ist da die Aufmerksamkeit, die der Form von Elektromobilität geschenkt wird, welche schlicht den Antrieb austauscht, das System an sich aber unberührt lässt. Mit einer solchen Methode wird sicher kein wesentlicher Fortschritt in puncto Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit erreicht. Mangelnde Effizienz, hohe Sicherheitsrisiken, fehlende Übertragbarkeit in Schwellenländer und Staaten der Dritten Welt sowie der vermehrte Einsatz endlicher Ressourcen (z.B. Lithium für die Batterien) sind Problemfaktoren, die dem E-Auto anhaften und die es zu lösen gilt.

In Deutschland und Europa scheint die Elektro-Mobilität für Carsharing oder Lieferservice-Projekte wie gemacht. Auch Fahrräder mit elektrischem Hilfsantrieb, sogenannte Pedelecs, erweisen sich als ideales Einsatzgebiet der E-Mobilität. Für viele Senioren aber auch für Geschäftsleute, die im Anzug schnell und bequem vorankommen wollen, sind solche Fahrräder eine sehr gute Alternative zum Auto. In Stuttgart wird derzeit bereits ein Fahrradverleih-Projekt mit Pedelecs gefördert.

Ihren größten Vorteil hat die E-Mobilität aber dort, wo sie heute schon eingesetzt wird, bei der Eisenbahn. Aber viele Strecken, vor allem im grenzüberschreitenden Verkehr, sind noch nicht elektrifiziert. Und dass auf den bereits elektrifizierten Strecken vermehrt wieder Diesellokomotiven privater Anbieter rollen, ist ein weiteres Problem. Der Ausbau moderner Strecken ist Teil einer dringend notwendigen, offensiven Bahnpolitik. Sie würde zudem in eine Zukunft passen, in der der Großteil der mobilen Bevölkerung mit dem öffentlichen Fern- und Nahverkehr, per Fahrrad oder zu Fuß unterwegs ist. Doch bedeutet dies einen Rückfall in die mobile Steinzeit? Mitnichten! Die Verkehrsträger der Zukunft sind dann so eng miteinander verzahnt, dass eine intermodale Mobilität möglich ist. Die Angebotspalette ist breit gefächert. Wege könnten sicher, bequem und schnell zurückgelegt werden, während die externen Belastungen für Gesellschaft und Umwelt dabei nur gering ausfielen. Dies ist die Vision, die es zu verwirklichen gilt.

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E – Mobilität. Eine Verlagerung des Fokus ist notwendig

Zwei der in jüngster Vergangenheit am heftigsten diskutierten Probleme, sind der Klimawandel und die Verknappung wichtiger Rohstoffe. Im Verkehrssektor stehen beide Problemlagen direkt zueinander. Rohöl ist ein endlicher Rohstoff, die Zeiten, in denen es billigen gefördert werden konnte sind vorüber. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, das der Barrel (159 Liter) Rohöl im Zeitraum bis 2015 durchschnittliche 100 Dollar kosten wird. Das französische Ölinstitut IFP hält gar eine Steigerung auf 300 Dollar pro Fass bis 2015 für möglich.

Gleichzeitig bemühen sich Staaten den Ausstoß von klimawirksamen Gasen wie CO2 zu begrenzen, um die globale Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen. In Deutschland ist der Verkehr für Einfünftel der jährlichen Kohlendioxidemissionen verantwortlich. Die Tendenz ist im Gegensatz zu anderen Bereichen weiter steigend.

Die Verminderung der verkehrsbedingten Emissionen ist nötigt, damit das von der Bundesregierung gesteckte Ziel bis 2020 40% CO2 einzusparen erreicht wird und um Deutschlands Abhängigkeit von teuren Energieimporten zu minimieren. Diese Gründe werden für die deutsche Regierung der Hauptantrieb gewesen sein, ein nationales Förderprogramm für Elektromobilität aufzulegen. Allerdings ist die Reduktion der verursachten Probleme von PKW und LKW auf deren Kraftstoffverbrauch und Ausstoß von CO2 zu kurz gegriffen. Die Diskussion um einen nachhaltige, zukunftsorientierte und ressourcenschonende Mobilität beinhaltet mehr als die Reduktion auf den Auspuff. Daneben sind weitere Problem zu lösen, die unserer Auto-Mobilität immanent sind.

Alter und Auto, ein Weg in die Immobilität?

Alle Bundesbürger unter 18 Jahren dürfen kein Auto fahren. Jede Planung, die vor allem auf den PKW setzt, marginalisiert Bedürfnisse dieser Gruppe. Natürlich kann man sie vernachlässigen, da die Zahl von Jugendlichen tendenziell kleiner wird. Im Gegensatz zu Bundesbürgern die älter als 65 Jahre sind, ihr Anteil wird in den nächsten Dekaden deutlich steigen. Das Statistische Bundesamt prognos­tiziert für das Jahr 2030, dass auf 100 erwerbstätige Personen 50 Menschen kommen, die älter als 65 Jahre sind (2006 waren es noch 32).

Die Erhebung Mobilität in Deutschland 2008 ergab gegenüber den Umfrageergebnissen 2002 für die Bevölkerungsgruppe ab 65 Jahre eine Steigerung beim Führerscheinbesitz und bei der Benutzung des eignen PKW. Doch bewegen sich ältere Personen tendenziell weniger mit dem Auto dafür stärker zu Fuß, teilweise mit dem Rad oder dem ÖPNV. Sie sind dadurch in keiner Weise weniger mobil als ihre jüngeren Mitbürger. Immobilität entsteht erst dann, wenn die Infrastruktur an das Auto angepasst wird: Dann wenn die nächste Einkaufsmöglichkeit, der Hausarzt, die Bank, die Stationen des täglichen Lebens also, nicht konzentriert sondern verstreut liegen und ohne Auto schwer erreichbar sind. In einer solchen Situation kommt es für Senioren ohne eigenes Auto oder die Fähigkeit ein solches zu fahren zu einer erzwungenen Immobilität. Ein Antriebswechsel kann dieses Problem nicht lösen. Stattdessen ist die Verteilung von Infrastruktureinrichtungen so zu planen und umzusetzen, dass sie im besten Fall fußläufig erreichbar oder optimal an den ÖV angebunden ist. Darüber hinaus können neue Dienstleistungen ähnlich dem bereits heute existierenden Essen auf Rädern entwickelt werden, um die Versorgung älterer Mitbürger zu verbessern. Ansonsten nehmen wir in Kauf eine ganze Bevölkerungsgruppe im wahrsten Sinne des Wortes abzuhängen.

Städte und Auto- die richtige Kombination?

Der Verstädterungsgrad in Deutschland liegt bei 85%, beinahe 1/3 der Deut­schen leben in Ballungszentren mit mehr als 100.000 Einwohnern. Gerade in Großstädten kumulieren sich die durch das Auto verursachten Probleme. Der Stadtverkehr ist einer der Hauptunfallquellen mit mehreren hundert Unfalltoten und zehntausenden Schwerstverletzten jährlich. Unverhältnismäßig oft zählen Nicht- Autofahrer wie Fußgänger und Radfahrer zu den Opfern. Nicht umsonst fordert der Deutsche Städtetag seit mehr als 20 Jahren Tempo 30 in geschlosse­nen Ortschaften. Es ist kaum anzunehmen, dass die Unfallzahlen mit der Einfüh­rung von Elektroautos sinken werden wenn dies nicht zeitgleich mit einer deutlichen Reduzierung der Geschwindigkeit einhergeht. Einige befürchten gar ein Ansteigen der Zahlen denn E-Autos sind um einiges leiser sind ziehen weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Das Auto braucht Raum. Die Millionen PKW in deutschen Städten möchten ir­gendwo abgestellt werden. Parkraum jedoch, ist exklusiver Raum, er kann nicht für andere Funktionen genutzt werden. Parkende Autos konkurrieren um Raum mit dem fließenden Verkehr, Lieferfahrzeuge finden keinen Platz zum Parken, Gehwege werden aufgrund von Parktaschen verkleinert und Radwege wegen Parkstreifen gar nicht erst angelegt. Als Sichthindernisse spielen parkende Fahrzeuge bei Unfällen mit Fußgängern und Radfahrern eine entscheidende Rolle.

Doch auch der fließende Verkehr ist der reinste Platzverschwender. Auf einer Länge von 4 Metern (entspricht einem VW Golf) werden gerade einmal 1,4 Men­schen befördert. Nicht mit eingerechnet der Sicherheitsabstand oder der Rangier­abstand. Auf einer 3-4 Meter breiten Straße werden mit dem Auto pro Stunde 900-2300 Personen befördert, auf der gleichen Strecke können 13.000 Fahrräder fahren, 25.000 Menschen mit einer Straßenbahn oder gar 50.000 mit der S-Bahn fahren. Um größere Massen auf kleinem Raum von einem Ort zum anderen zu bringen ist das Auto schlicht und ergreifend unpraktisch. Um die geringe Leis­tungsfähigkeit auszugleichen werden Straßen entsprechend groß dimensioniert und teuer gebaut. Die Verschwendung von wertvollen öffentlichen Raum durch parkende Fahrzeuge oder die geringe Leistungsfähigkeit beim Transport bleibt durch den Wechsel den Antriebs völlig außen vor.

Eine groß angelegte Autoinfrastruktur ist aber nicht nur teuer sondern obendrein einer der Gründe der ästhetischen Degradierung öffentlicher Räume. Hinzu kom­men Emissionen wie Abgase und Lärm. Nur hier kann die Elektromobilität teilwei­se punkten. Denn wenn auch die Abgasemissionen aus der Stadt zum Ort des Kraftwerks getragen werden, werden die Elektroautos nicht vollständig geräusch­los fahren, zwar ist ihr Motor leise die Fahrgeräusche bleiben jedoch erhalten.

Ist das System Auto effizient?

Gegenüber anderen Verkehrsmitteln bietet das Auto eine wesentlich geringere Leistungsfähigkeit hinsichtlich der Beförderungskapazitäten. Dazu kommt der geringe Besetzungsgrad von durchschnittlich 1,4 Personen. Es stellt sich die Frage, ob wir es uns leisten können, Menschen mit einem relativ großen Energieaufwand zu befördern oder, ob wir nicht das effizienteste und effektivste Fortbewegungsmittel wählen sollten.

Gibt es Energiegerechtigkeit?

Deutschland hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, in den nächsten Dekaden auf fossile und atomare Energieträger zu verzichten. Darüber hinaus gilt es, sollte sich die Elektromobilität durchsetzen, zusätzlich große Teile des Transportsektors mit Energie zu versorgen. Wenn das erste Ziel von Vielen milde belächelt oder für unmöglich gehalten wird, wie soll letzteres erreicht werden? Oder gibt man eines der beiden Ziele auf, um das andere zu verwirklichen? Ohne die Versorgung der Elektroautos mit regenerativen Energien gäbe es keine CO2 Ein­sparungen. Der große Vorteil der E-Mobilität wäre für die Katz. Tatsächlich bieten einige Hersteller bereits heute Autos mit konventionellen Antrieben an, die die gleiche Menge an CO2 emittieren wie ein E-Auto bei dem der „normale“ deutsche Strommix zu Grunde gelegt wurde.

Zudem wird es zu Problemen bei der Energieverteilung kommen. Strom der durch Elektroautos verbraucht wird, muss an anderer Stelle mehr produziert oder eingespart werden. Geschieht dies nicht kommt es bei gleich bleibender Produkti­on zu Preissteigerungen. Elektrizität wird somit teurer, mit einigen Folgen: für Unternehmen entsteht ein Wettbewerbsnachteil weil die Produktion hierzulande teurer wird, Verbraucher bezahlen mehr für ihren Lebensunterhalt auch wenn sie selber gar kein Elektroauto besitzen, der Transport von Waren wird teurer. Sicher ist, dass unsere Energiepreise, durch den weiter zunehmenden Ölverbrauch welt­weit, steigen werden. Doch stellt sich die Frage, ob wir es uns leisten wollen und können in Sachen Mobilität so verschwenderisch mit Energie umzugehen wie wir es im Moment tun oder ob eine andere Art der Fortbewegung angezeigt ist.

Wird die Mobilität von morgen unbezahlbar?

Geradezu absurd wird die Diskussion wenn man die Kosten genauer unter die Lupe nimmt. Die Autos müssen entwickelt werden, dazu hochleistungsfähige Bat­terien für die man endliche Ressourcen verwendet. Es muss eine kostspielige In­frastruktur aufgebaut werden: angefangen von Ladestationen für die Batterien, Werkstätten, die die neuen Fahrzeuge warten können bis hin zu einer ganzen Reihe von neuen Kraftwerken, einschließlich der Energieübertragungssysteme, die den zusätzlich benötigten Strom zur Verfügung stellen. Nicht zu unterschät­zen sind die Kosten für die Entsorgung der Batterien.

Zu den aufgezählten Ausgaben kommen die bereits heute anfallenden für den Er­halt und zunehmenden Ausbau der (Autoorientierten) Infrastruktur oder die Fol­gekosten, die durch Verkehrsunfälle, Schäden an Gebäuden oder Gesundheits­schäden durch Schadstoffe und Lärm anfallen, hinzu. Es ist anzunehmen, dass wir bereit sind jeden Preis für unsere Art der Fortbewegung zu bezahlen solange es an Kostenwahrheit mangelt. Jede Fehlplanung im Verkehrssektor wird von der Allgemeinheit bezahlt, die Folgen gemeinsam ausgebadet. Dabei wäre es ein leichtes unsere Mobilität so zu gestalten, dass sie bezahlbar ist, weniger Men­schen benachteiligt und niemanden Schaden zufügt.

Nun ist es nicht so, dass diese Einwende unbekannt sind. Es handelt sich vielmehr um Schnee von gestern. Seit den 1970er wird von einer größer werdenden Zahl von Wissenschaftlern, Planern und Bürgern die Vorherrschaft des Autos in Frage gestellt. Deshalb stellt sich die Frage warum gerade jetzt die Politik ihr Heil in der Automobilität sucht. Ein Auto ist mehr als ein Auspuff aus dem es qualmt oder nicht. Genauso bedeutet mobil sein mehr als sich zu bewegen. Es beinhaltet ebenso geistige Flexibilität, aus alten Denkmustern ausbrechen und neue Wege zu erkunden. Die Mobilität der Zukunft beinhaltet viel mehr als das Auto. Sie beinhaltet eine ganze Palette von Verkehrsmitteln, die alle intelligent miteinander verknüpft werden müssen. Auf keinen Fall beinhaltet sie eine pauschale Lösung.