Tramping Neuseeland

Wer sich auf den weiten Weg nach NZ macht, kommt wohl kaum um sich geschichtliche oder kulturelle Höhepunkte anzusehen. Von ein paar kläglichen Ausnahmen abgesehen, ist der Großteil der Städte so aufregend wie eine Provinzstadt in Brandenburg und so historisch wertvoll wie eine Einfamilienhaussiedlung. Tatsächlich suchen die meisten Besucher in der Heimat von Mittelerde das pralle Naturerlebnis. Nicht viele Plätze auf der Welt bieten auf engsten Raum derartig unterschiedliche Naturräume mit ihrer ganz eigenen Gestalt und der dazugehörigen Flora und Fauna. Ein Beispiel gefällig:

Vor drei Tagen haben wir die Pu Pu Springs besucht. Eine Quelle, die 14. Tsd. Liter je Sekunde reinsten Wassers ausspeit das so klar ist, dass man in zehn Metern Tiefe jedes noch so kleine Steinchen erkennen kann. (Hier der obligatorische Superlativ: die Pu Pu Spring ist die reinste Frischwasserquelle der Welt) Einen Tag später standen wir auf dem Farewell Spit, einer 27 km langen Landzunge, die ausschließlich aus Sand besteht. An einigen Punkten in ihrer Mitte erscheint es so, als ob man nur von Sandmassen umgeben ist. Aus diesem Grund witzeln viele Neuseeländer, dass ihr Land sowohl über Gletscher als auch über eine Wüste verfügt.

Ein einfacher Weg Neuseelands unberührte Natur für sich zu entdecken ist, in einem der unzähligen Nationalparks wandern zu gehen. Einige beherbergen einen sogenannnten Great Walk, Wanderwege die besonders schön und populär (Touristenfallen) sind und von denen einige wie der Milford Track zu den schönsten der Welt gezählt werden. Nachdem wir uns bereits auf dem Abel Tasman und Lake Waikaremoana Track warm gelaufen hatten, wollten wir unsere inneren Schweinehunde noch einmal besiegen und den Heaphy Track laufen.

Benannt nach einem Goldgräber, verbindet er auf einem 82 km langen Pfad die Westküste mit der Golden Bay auf der Ostseite der Südinsel. Ich hatte bis dato noch nie eine so lange Strecke bewusst zu Fuß zurückgelegt und verspürte eine deutliche Abneigung, meinen schweren Rucksack über eine solche Distanz ohne Sherpa schleppen zu müssen. Mein persönlicher Ehrgeiz und das Wissen um die Schönheit der Landschaft haben schließlich doch die Oberhand gewonnen.

1.Tag

Ein Bus fuhr uns aus Collingwood, dem letzten Vorposten geballter zivilisatorischer Präsens, bis an die Pforten des Kahurangi Nationalparks. Das Eindringen in einen Nationalpark folgt dabei immer einem ähnlichen Muster: die letzte Stadt, eine Teerstraße die zur Gravelroad wird, die letzte Farm, ein Hinweisschild und schließlich dichter Urwald.

Nachdem der Bus hinter einer Staubwolke verschwand und wir eine siebenköpfige Wandergruppe vorgelassen hatten, nahm das Abenteuer seinen Lauf. Zur Eingewöhnung ging es am ersten Tag 17 km bis zur ersten Hütte bergauf. Was mir sofort auffiel, war mein schwerer Rucksack. Neben einem Zelt, Isomatte, Schlafsack und Wechselsachen beinhaltete er Essen für die nächsten fünf Tage. Da wir keine Freunde von Astronautennahrung (dehydriertem Essen) sind, Süßigkeiten in gehäufter Form nicht wirklich leicht sind und wir nicht auf frisches Obst verzichten wollten, wog das Essen dementsprechend viel.

Nach vier Stunden schlenderte ich teilweise apathisch den Berg hinauf. Währenddessen informierten meine kleinen Zehen mein Gehirn über die neusten Blasenentwicklungen. Wohingegen meine Schultern nur noch ihr dumpfes Schmerzmantra summten.

Nach sechseinhalb Stunden des Laufens, Pausierens, Fotografierens und Tragens hatten wir die erste Hütte erreicht, die bereits von zwei Wandergruppen in Beschlag genommen wurde. Nachdem wir beinahe den gesamten Tag nur mit uns selber beschäftigt waren, waren 20 Leute, die gleichzeitig kochen und essen wollten alles andere als eine entspannte Gesellschaft.

2. Tag

Der zweite Tag war mit nur 12 km der Entspannung vorbehalten. Was meine Füße jedoch nicht davon abhielt , Blasen zu werfen. Nach einer Stunde war ich zudem klitschnass, nicht aufgrund der Daueranstrengung, sondern weil Ellen mich für ein Foto mit Wasserfall in einen kleinen Bergbach gezwungen hatte und einer der klitschigen Steine zu meinem Verhängnis wurde.

An einem Pfahl am Wegesrand hatten Wanderer über die letzten Dekaden hinweg alte Schuhe an das rissige Holz genagelt. Neben ausgelaufenen Wanderschuhen, fanden sich auch ein paar Kinderschuhe, ein Rollschuh, ein Paar Pums und ein Paar Flip Flops. Ansonsten hatte der Mensch hier keine Spuren hinterlassen. Nicht einmal am Himmel war ein Flugzeug auszumachen. Der Wald, durch den wir uns bewegten, war ein einziges grünes Dickicht. Die Stämme und Zweige der Bäume, selbst der Boden und auf ihm alle Steine, waren unter einer dicken Schicht, bestehend aus Moos und Flechten, begraben. Dazu war es absolut still. Die Vögel waren so zutraulich, dass sie einem quasi auf die Füße sprangen. Blieben wir für ein paar Augenblicke ruhig stehen, dauerte es nicht lange bevor wir von zwei neugierigen Augen aus nächster Nähe beobachtet wurden.

Als die ersten Siedler nach Neuseeland kamen, muss die Insel ein einziges großes Vogelnest gewesen sein. Durch das Fehlen größerer Säugetiere, die als Jäger auftreten konnten, konnte sich eine atemberaubende Vielfalt entwickeln. Vom Menschen ging für die Vögel keine große Gefahr aus. Sieht man einmal davon ab, dass die Maoris den Moa, den größten Laufvogel der Erde, ausrotteten. Umso gefährlicher sind die ungebetenen Gäste, die er mitbrachte: Ratten, Wiesel (Eingeschleppt, um die Ratten zu jagen.) und Possums (Eingeführt, um am großen Pelzgeschäft teilzuhaben.). Wiesel und Possums sind die größten Gefahrenquellen der einheimischen Vögel, da sie deren Eier und wie im Falle des Wiesels, Jagd auf Küken und Jungvögel machen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Arten Bodenbrüter sind und sie somit leichtere Ziele darstellen.

In nationalen Programmen wird versucht, den Plagegeistern Herr zu werden. Mit der Jagd auf Wiesel versucht man Vögel, vor allem die Nationalikone dem Kiwi, vor dem Aussterben zu bewahren. Possums werden getötet, um den Urwald zu retten. Schätzungen zufolge gibt es landesweit zwischen 60- 70 Mio. Exemplare, die jedes Jahr 70 Mio. Tonnen Wald vertilgen. Ein totes Possum auf der Straße wird gerne aus Roadpizza bezeichnet. Makaber? Man verliert schnell das Mitleid, wenn man mit eigenen Augen die Schäden sieht, die diese putzigen Gesellen anrichten.

3. Tag

Der dritte Tag war noch einmal ein Lazy Day. Nachdem wir am Morgen als letzte die Hütte verlassen hatten, kamen wir bereits nach dreieinhalb Stunden an der nächsten an.

Mit einem ganzen Nachmittag Freizeit konfrontiert, überlegte ich mir, wie ich die Zeit bis zum Essen am besten ausfüllen konnte. Als erstes wollte ich mein Zelt aufbauen. Da der Boden mit Steinen gespickt ist, wurden extra Holzplattformen errichtet, auf denen der geneigte Wanderer sein Zelt aufstellen kann. Anstelle der Heringe wird es an Leinen befestigt, die an den Seiten des Gestells angebracht sind. Nach 20 Minuten gab ich auf und baute das Zelt schließlich auf dem Hubschrauberlandeplatz auf.

Geschwächt von dieser herben Enttäuschung, beschränkte sich meine weitere Nachmittagsbeschäftigung auf Sodoku spielen und das Begutachten der Neuankömmlinge.

4. Tag

Mit 22 km die Königsetappe der Wanderung. Am Vortag sahen wir noch ein paar Großstadtcowboys, die an einem einzigen Tag 27 km gelaufen waren und sich nur noch humpelnd fortbewegen konnten. Aus diesem Grund wollten wir die ganze Sache etwas geschmeidiger angehen lassen.

Nachdem sich der Weg am ersten Tag durch Südbuchenwälder schlengelte, ging es an den folgenden zwei Tagen durch die Gouland und Mackay Downs, einer Art Lüneburger Heide im Gebirge. Heüte führt die Strecke nur bergab- immer dem Meer entgegen. Der Wald wird langsam wieder dichter. Bald besteht er nur noch aus Baumfarnen, Nikaupalmen und 30 Meter hohen Rimubäumen. Sichtweite keine zehn Meter.

Überall tropft und rinnt es dem Meer entgegen. Die größten Flüsse überqueren wir via Hängebrücken, wobei das englische Ort swinging Bridge viel besser passt. Es ist jedes mal ein Heidenspaß, wie ein Besoffener über die wackelnde Brücke zu stolpern.

Die Brandung des Ozeans, ist schon weit im Landesinneren zu hören. Als wir den Wald schließlich verließen, hatten wir ein Bild vor uns, wie es so typisch für die Westküste der Südinsel ist: in einem fort drischt die Tasman Sea ihre Wellen gegen die Kalk- und Granitfelsen. Der Wind nimmt sich der Gischt an und treibt sie in langen Schwaden die mit Regenwald bewachsenen Hänge hinauf. Tiefe Wolken verfangen sich im Küstengebirge. Sie ziehen schnell, reißen an einigen Stellen auf und entblößen ein Stück blauen Himmels. Der Ort fühlt sich massiv und unbezähmbar an. Es ist wunderschön hier.

5. Tag

Der letzte Tag. Gäbe es nicht so viele andere Dinge in diesem kleinen Land zu bestaunen, wir würden auf der Stelle zurück marschieren und den Weg von vorne beginnen.

Wir bewegen uns noch einmal durch ein perfektes Postkartenmotiv. Unter einem wolkenleeren Himmel schlendern wir durch Haine aus Nikaupalmen. Der Ozean ist etwas ruhiger als am Vortag, aber immer noch röhrt die Brandung in einem fort. Nichts trübt die Stimmung nur ein wenig Gischt wabert umher.

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