Holocaust On A Conveyor Belt – Part Of Samsara

Heute schon eine Wurst gegessen. Der Filmausschnitt stammt aus dem FilmSamsara, der im letzten Jahr in die Kinos kam. Samsara bedeutet in Sanskrit „beständiges Wandern“ und steht für den immerwährenden Zyklus des Seins. Wem die Art des Filmes ein wenig bekannt vorkommt, Ron Fricke und Mark Magidson die beiden Regisseure haben 1992Barakagedreht, der ein ähnliches Konzept verfolgt. Giroplus!

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The Junk King von Evan Burns [06m11sec/2012]

„Vince Hannemann, A.K.A. the Junk King, has spent much of his life constructing the Cathedral of Junk in Austin, TX. In 2010, the City of Austin requested a building permit and Vince was forced to tear down nearly half of his creation. Despite this traumatic event and with the help of many supporters, Vince was still able to keep the Cathedral alive and continue its legacy.“ Mehr Videos von Evan Burns findet ihr hier. Giroplus!

To This Day [07m37sec/2012]

Es gibt sie immer wieder, Dinge, die sich ein wenig von anderen abheben. Hier ist eines davon. Ein Feuerwerk an Animationstechniken verbunden mit einer einfachen und simplen Geschichte über die Zerstörungskraft von Spitznamen. Ein herausragender Kurzfilm.Mehr über den Film und das gesamte Projekt, dass dahinter steht findet ihr hier. Giroplus!

One Got Fat von Dale Jennings [14m48sec/1963]

Alte Aufklärungsfilme haben irgendwie immer etwas harmloses und naives an sich. Wahrscheinlich um die kleinen Zuschauer nicht zu erschrecken. Dieses Exemplar aus dem Jahr 1963 ist ein Film zur Belehrung des richtigen Umgangs mit seinem Fahrrad. Richtig bekannt wurde er erst im Zeitalter des Internets und diente unter anderem als Grundlage eines Musikvideos der Band Boards Of Canada. Giroplus!

Das Schnarchen der Dinosaurier


Dies war heute schon meine vierte Zigarette und dass obwohl ich zum wiederholten Mal aufgehört hatte. Der Kaffee war nur noch lauwarm und das Franzbrötchen schmeckte wie der Pappbecher, auf den ich starrte. Natürlich kam sie zu spät! Ich glaubte mittlerweile, dass sie es aus Absicht tat, um mich zu ärgern oder nur, um mich meiner eigenen Hilflosigkeit bewusst zu machen. Ich wollte aufhören zu rauchen, ich wollte sie nie wieder sehen, ich wollte nie wieder mit ihr reden, was ich ganze drei Minuten ausgehalten hatte. Und nun stand ich hier, eine Kippe in der Hand, in der anderen einen Pappbecher voller Kaffee während das Franzbrötchen auf dem roten Autodach klebte. Wir hatten uns am Hirschgarten verabredet, um mit einem Cabrio ins Umland zu fahren. Durch die Aussicht auf ausgezeichnetes Wetter und auf ein paar schöne Stunden mit ihr, hatte ich mich dazu hinreißen lassen. „Wie romantisch!“, dachte ich jetzt. Vielleicht hätten wir ein paar schöne Stunden gehabt wenn wir ein Liebespaar gewesen wären. Dass waren wir aber nicht, was zwangsläufig in einem trostlosen Nachmittag enden musste. Wie, das wusste ich noch nicht. Vielleicht würden wir uns einfach nur anschweigen oder es würde diese eigenartige Stille entstehen, wenn etwas Ungesagtes schwer in der Luft liegt. Mag sein, dass wir uns endlich einmal anschreien würden. Was aber eher unwahrscheinlich war.

Ich hatte sie in einem Nachtzug kennengelernt. Das enge Abteil war schon zur Hälfte gefüllt, die Passagiere lagen in ihren Kojen. Ein Mann mit grauen Haaren erzählte, er sei früher Lokführer gewesen und kenne die Strecke in und auswendig. Ich beobachtete sie aus dem Augenwinkel, wie sie angestrengt versuchte seinen Ausführungen über die tolle Landschaft zu folgen, die man ja leider im Dunkeln nicht sehen konnte. Als der Zug durch die Nacht ruckelte, entpuppte sich der Lokführer a.d. als passionierter Schnarcher, der wie eine Mischung aus röhrendem Hirsch und einem angreifenden Dinosaurier klang. Dazu kam die leicht röchelnden Antworte eines Passagiers direkt über mir. Ich konnte mich nur mühsam zurückhalten mit meinem Kissen auf beide loszugehen. Gegen den Dinosaurierschnarcher war kein Kraut gewachsen. Egal wie fest ich mir mein Kissen auf die Ohren presste, er kam durch. Er war der erste Schnarcher dessen Geräusche ich leibhaftig fühlen konnte. Missmutig kramte ich in meinem Rucksack nach meinen Kopfhörern.

Kannst wohl auch nicht schlafen?“, kam es leise von ganz oben.

Nicht wenn ein Dinosaurier mit Atemproblemen in meinem Abteil röchelt!“ Darüber lachte sie spöttisch.

Was dagegen wenn ich runter komme?“

Keine Ahnung. Es ist weder mehr Platz noch ist die Geräuschkulisse erträglicher.“

Es war wohl eher als rhetorische Frage gemeint. Im nächsten Moment stand sie im Gang und steckte den Kopf in meine Schlafnische.

Magst du vielleicht ein Stück rücken?“

Denkst du wirklich, dass wir hier zu zweit hinpassen.“

Klar!“

Ich konnte ihre Haare riechen während sie leise in Richtung Gang sprach.

Jemand hat mir einmal erzählt, man müsse nur ts ts ts machen und den Kopf mahnend hin und her bewegen und schon würde jeder Schnarcher ruhig weiter schlafen.“

Keine Chance! Schon gar nicht bei diesem Exemplar.“

Aber einen Versuch ist es wert, oder?“

Alles, nur soll er endlich damit aufhören.“

Sie schüttelte mahnend den Kopf und machte ts ts ts ts. Keine Reaktion. Sie versuchte es noch einmal. Wieder nichts. Natürlich, warum sollte sich jemand vom Schnarchen abhalten lassen. Der bekam doch eh nichts mit. Sie versuchte es noch einmal und tatsächlich wurde der Dinosaurier langsam leiser.

Ich fasse es nicht!“, gab ich ehrlich überrascht zurück. Nach zwei weiteren Versuchen war es bis auf die Zuggeräusche totenstill in unserem Abteil.

Zufrieden?“

Was will man mehr!“

Dann können wir ja jetzt in Ruhe schlafen.“

Sie nahm meine Hände in ihre und drücke sie leicht. Nachtzüge schienen mir in diesem Moment eigenartige Orte zu sein. Dann schlief ich ein.

Da war sie! Mit einem flüchtigen Kuss entschuldigte sie die halbe Stunde Verspätung.

Kannst du dich noch an den Nachtzug erinnern?“, fragte ich.

Meinst du an den Dinosaurierscharcher?“

Ja, genau an den.“

Wie kommst du darauf?“

Keine Ahnung, ich musste gerade wieder daran denken.“

Hirschgarten, ein seltsamer Name. Wo sind die Hirsche?“

Was?“ fragte ich noch in Gedanken versunken.

Ach nichts. Wolltest du nicht aufhören? Mit dem Rauchen meine ich.“

Danke, dass du mich noch einmal daran erinnerst!“

Keine Ursache. Meinetwegen können wir los.“

Meinetwegen können wir schon seit einer halben Stunde los.“

Sie erwiderte nichts, sondern strebte zielstrebig auf das rote Cabrio zu.

Ich würde gerne fahren.“

Warum tust es dann nicht einfach?“

Weil ich, einfach gesagt, keinen Führerschein besitze. Also wirst du mich wohl oder übel durch die Gegend kutschieren müssen. Hast du eine Ahnung wo wir hinfahren wollen?“

Die hatte ich natürlich nicht. Immer noch in Gedanken im Nachtzug, öffnete ich mit meiner Karte das Auto und stieg ein.

Meinste wir können das Verdeck aufmachen?“

Klar, noch regnet es ja nicht.“, erwiderte ich mit einem Blick in den verhangenen Himmel.

Ich fuhr das Cabrio aus der Einfahrt und ließ uns ziellos durch den Stadtverkehr treiben. Sie plapperte freudig drauf los. Immer wieder rekapitulierte sie einzelne Ereignisse der letzten sechs Monate, die wir mehr oder weniger zusammen verbracht hatten. Es machte mich wütend, dass sie reden konnte während ich stumpf neben ihr saß und nicht wusste was ich entgegnen sollte.

Lass uns nach Vieselbach fahren!“

Nach Vieselbach? Ich dachte wir machen eine Spritztour ins Umland und keinen Ausflug in den Speckgürtel.“

Was hast du gegen Vieselbach?“

Nichts. Was sollte ich schon dagegen haben? Nur was gibt’s da?“

Vieles!“, entgegnete sie.

Zum Beispiel?“

Vieselbacher und Vieselbacherinnen, zum Beispiel“

Aha.“

Fällt dir etwas besseres ein?“

Nein mir fiel nichts besseres ein, als an einem Sonntag nach Vieselbach zu fahren und die Vieselbacher bei ihren Sonntagsaktivitäten anzugaffen.

Vielleicht sollten wir auf dem Sportplatz eine Bowu essen und dem SV Vieselbach beim Verlieren zusehen?“

Mhm, vielleicht.“

Kannst du mir eine Kippe geben?“

Hier ist rauchen verboten. Siehst du das hier?“ Ich deutete mit dem Finger auf das kleine Nichtrauchersymbol auf der Mittelkonsole.

Wir sitzen in einem Cabrio mit offenem Verdeck. Hast du Angst ich könnte Brandflecke in die Sitzbezüge brennen?“

Nein, aber es ist nun mal verboten.“

Spießer!“

Was?“

Ach vergiss es!“

Es entstand eine längere Pause, aufgefüllt mit einer langgezogenen Ausfallstraße und einem tristen Gewerbegebiet.

Wir sollten uns nicht mehr sehen!“

Vielleicht!“

Was machen wir hier eigentlich?“

Nach Vieselbach fahren, die Atmosphäre verpesten, den Klimawandel anheizen, Zeit verschwenden, schweigen…Was meinst du genau?“

Ach vergiss es einfach.“

Kannst du mich in Vieselbach zum Bahnhof bringen?“

Warum denn das nun schon wieder?“, wollte ich wissen.

Ich will mit dem ICE zurück fahren!“

In Vieselbach hält aber kein ICE.“, entgegnete ich altklug.

Heute schon.“

Ich parkte das Auto vor dem Vieselbacher Bahnhof, der trostlos wie alle Provinzbahnhöfe an einem Sonntag Nachmittag wirkte. Es sah nach Regen aus. Warum nicht? Sollte sie doch mit ihrem dummen ICE zurückfahren! Ich würde den Regen durch das offene Verdeck prasseln lassen und dabei eine Zigarette im Mund haben.

Wir standen schweigend auf dem Bahnsteig. Außer uns war niemand zu sehen. Ein ICE würde hier in einhundert Jahren nicht halten. Wenn sie Glück hatte, könnte in der nächsten Stunde eine Regionalbahn vorbei fahren. Missmutig rauchte ich die letzte Kippe der Schachtel. Wann hatte ich sie gekauft? Gestern erst! Am liebsten hätte ich sie in diesem Augenblick auf die Gleise geschubst. Vielleicht würde sie ein Güterzug überrollen. Statt dessen standen wir sinnlos in den Nachmittag hinein.

Auf dem Display wurde eine Zugdurchfahrt angezeigt. Wahrscheinlich ein ICE dachte ich, nicht ohne mir selbstgefällig ihr dummes Gesicht auszumalen, wie es dem dahinbrausenden Zug hinterher blickt. Und tatsächlich wurde langsam die weiß-rote, längliche Schnauze des Flaggschiffs der Bahn sichtbar. Dieser Zug würde nie hier halten, nicht in Vieselbach, nicht an diesem beschissenen Sonntag.

Er hielt. In seiner vollen Länge und Pracht kam der ICE fast geräuschlos zum Stehen. Ohne zu zögern ging sie zur erstbesten Tür und drückte den Knopf zum Öffnen. Es war als wäre ein Raumschiff gelandet. Mit leisen Klack- und Zischgeräuschen ging die Tür auf. Ungläubig starrte ich zuerst auf ihre verschwindende Gestalt, um dann eine Gruppe von Passagieren durch die Scheibe wie Außerirdische zu begaffen. Sie gafften zurück und da stand ich: ein Trottel mit offnem Mund und die letzte Kippe bis auf den Filter abgebrannt. Die Tür schloss sich und im nächsten Moment setzte sich der Zug in Bewegung. Es dauerte eine ganze Weile bis er an mir vorbei gezogen war. Mit den letzten vorbeigleitenden Fenstern fielen die ersten Regentropfen. Ein feiner Sprühnebel aus Wassertropfen, der sich zuerst auf meiner Brille bemerkbar machte und langsam seinen Weg auf meine Arme und Beine fand.

In der Unterführung schnurrte ich mir von einem alten Pärchen eine Kippe.

Haben sie den ICE gesehen, der gerade hier gehalten hat?“

Sie hielten mir stumm die Packung vor’s Gesicht, wahrscheinlich froh, mich so schnell wie möglich wieder los zu werden. Sie hatte ihre Handtasche im Auto vergessen, natürlich. Unschlüssig mit der Kippe im Mund, sah ich zu, wie Regentropfen durch das offene Verdeck fielen und auf dem Armaturenbrett einen feinen Film bildeten. Alles schien unwahrscheinlicher als je zuvor und die Handtasche machte es nicht besser.

Heavy Duty – Testfahrt mit dem E-Mobil


Ach was hatten wir schon Gutes über Elektroautos gehört, nur dass sie für nichts zu gebrauchen waren, vor allem nicht zum Fahren. Ein Auto zum Abgewöhnen für Benzinjunkies wie wir sie waren. Landeier in der Stadt, die mit 16 ihre Fleppen in den Himmel hoben und sich auf eine trügerische Freiheit freuten, eine Freiheit zuerst auf zwei Rädern mit knatternden Auspuff und dann in der ersten eigenen Karre mit überquellenden Aschenbechern und zu lauter Musik vor der Tanke.

Wir wollten es genauer wissen und das kleine E-Vehikel auf Herz und Nieren prüfen! Wenn es sein musste, würden wir das Letzte ihm raus holen.

Kalle, Max, Albrecht und ich buchten uns die Möhre am Freitag Abend. Heavy Duty war angesagt. Unter dem Gewicht vier ausgewachsener Proleten ächste das kleine Gefährt unangenehm. Es sollte es nicht leicht haben. Mit Absicht hatten wir uns die kälteste Nacht des Jahres ausgesucht. Minus 20 Grad, Heizung auf volle Pulle und The White Stripes in den CD Player, Licht an und mit der Warnblinkanlage ausgeparkt. Los gings.

Im Display leuchtete erwartungsvoll ein READY. Ich trat das Gaspedal voll durch und schoss durch den schwarzen Schnee auf die Straße. Erst mal cruisen! Wir hängten uns an ein paar Nasen aus dem Umland. Ließen sie an der nächsten Ampel einfach stehen und freuten uns wie Schneekönige, dass wir mit satten 3 Kilometern weniger auf der Batterieanzeige bestraft wurden. Das kleine Spielzeuggefährt, es erinnert sehr an einen mobilen und überdachten Rollator, schoss durch die Stadt. Mit offenen Fenstern, Heizung und Autoradio auf Maximum gings durch die Kneipenmeilen. Kalle versuchte sich auf der Rückbank durch das Fenster zu zwängen, vergebens! Im Fenster steckend, furzte er verzweifelt und brüllte ein paar Bekannten auf der Straße hinterher. Die Reichweite purzelte dahin, von den ursprünglich 100 km hatten wir schon dreißig aufgebraucht. Macht nichts! Wir fuhren voller Freude in den entferntesten McDonalds, der uns in den Sinn kam. Weit im Westen der Stadt kurvten wir durch verlassene Gewerbegebiete, drehten Pirouetten mit angezogener Handbremse und hievten im Drive In Burger mit fettigen Pommes und Literweise Coce ins Auto. Schneller als unsere Smartphones verlor das Ding seinen Saft, aber o Wunder, nach jedem Bremsmanöver hatten wir wieder einen Kilometer mehr auf der Anzeige.

Fahrerwechsel. Kalle durfte ran. Und dieser verrückte Hornochse fuhr verkehrt herum in einen Kreisverkehr, zeigte der versammelten Mannschaft, dass wir auch auf Gehwege passten. Nur von der Idee mit der Kiste über den zugefrorenen See zu fahren, konnten wir ihn noch abhalten. Auf dem kalten Strand direkt an der Wasserkante stehend, kicherten wir wie Wilde über die Vorstellung beim Untergehen noch eine gewischt zu bekommen.

Elektrisiert schwirrten wir weiter durch die Nacht, zuerst durch die einsamen Vororte, dann, immer mehr Partygängern begegnend, durch die matschigen Häuserschluchten, vorbei am eingefrorenen Puls der Stadt. Albrecht wollte nur noch The Hardest Button To Button hören. Gefangen in der Dauerschleife drückte er alle Knöpfe, öffnete ausversehen die Motorhaube, sprang vor einer Ampel aus dem Auto und schloss sie wieder mit seinen großen Pranken. Wir waren Teenies, high vom Doofsein, die sich großartig fühlten. Der Versuch zwei Frauen ins Auto zu holen, scheiterte an den Platzverhältnissen und ihren dummen Mackern. Abschleppen? Fehlanzeige!

Der Akku warnte schon einmal vor. Noch zehn Kilometer, dann würde zumindest er aussteigen. Wir rumpelten weiter, unverfroren und nimmer müde über Schlaglochpisten, Kopfsteinpflastersteine und gelbe Ampeln. Noch 5 Kurven, 5 Kreuzungen, ein paar Kilometer und wir wären wieder dort, wo wir unseren Höllenritt angefangen hatten. Das Display leuchtete in rot und gelb, ein unangenehmes Piepen kam von irgendwoher. Gleich wäre es soweit, wir wieder da und das Ding am Ende. Zielgerade, ein letztes Röcheln und wir rollten leer an den Straßenrand.

Beim Schieben machten wir uns Freunde. Das Auto steckten wir ausgelutscht an die Dose und erfreuten uns und einige Kneipen mit unseren Geschichten den Rest Nacht. Glaubste nicht? Egal, ist wirklich wahr!

Swimmer von Lynne Ramsay [05m24sec/2012]

Ein Sport gebannt in poetischen Bildern! Zusammen mit anderen Filmemachern wie Mike Leigh und Asif Kapadia wurde Lynne Ramsay aufgefordert Kurzfilme für die Olympischen Spiele in London 2012 zu produzieren. Die Premiere fand im letzten Juni statt. Den Trailer für alle Filme gibt es hier. Giroplus!

The Plan von Matthew Kalish [04m42sec/2008]

Eine einfache Idee, du kündigst deinen Job, gibst deiner Freundin den Laufpass, packst das Nötigste ein und hebst dein ganzes Geld von der Bank ab, um es beim Roulette auf Rot zu setzen. Oder um es mit den Worten des Protagonisten zu sagen: „I guess it`s going back to a time when life is unexpected!“ Giroplus!

Der Wald der Verflossenen

Martin wohnte typisch, zumindest glaubte er das! In einer 5er WG im dritten Stock. Die Möbel waren pre-loved, die Wände zierten Bilder fragwürdiger Philosophen und Musiker verschiedener Epochen und Stile. Im Bad fanden sich die Spuren der Scheiße seiner Mitbewohner in der Kloschüssel und kolossale Staubmäuse auf den Fliesen. Es war nicht unüblich, dass sich das dreckige Geschirr trotz Spülmaschine zu Schimmelgebirgen auftürmte und im Kühlschrank fehlte immer etwas, trotz getrennter Fächer, was immer, wirklich immer zu leidigen Diskussionen führte. Wenn er fertig wäre hätte er seine eigene Bude. Aber jetzt nahm er vorlieb mit der Situation.

Die Wohnung war derart günstig und groß, dass sie sich ein Wohnzimmer leisten konnten. Auch dieses wurde von den obligatorischen Staubmäusen bevölkert. Sie fanden ihren Lebensraum in den Dielenritzen, zwischen den Kabeln einer Spielkonsole, eines Fernsehers und eines halben Dutzend anderer Geräte, von denen die wenigsten gingen oder überhaupt gebraucht wurden. Nachdem sie sich einen Beamer angeschafft hatten, wurde auch der Fernseher überflüssig. Aber er passte zu gut ins Bild, und sei es nur als Ablage ausgelesener Zeitungen oder der ständig überfüllten Aschenbecher.

Durch die Fenster des Zimmers drang immer weniger Licht. Es kam nicht mehr durch, durch den Wald der Verflossenen.

Das ganze hatte als Witz angefangen. Martin, seiner Meinung natürlich gutaussehend und in Dingen des anderen Geschlechts hinreichend bewandert, brachte eine Pflanze seiner Ex mit. Ihre Beziehung hatte gerade lange genug gehalten, dass er sich einen Ableger machen konnte. Nach der Gütertrennung schleppte er sie an. Aus unerfindlichen Gründen war es bei der nächsten Ex nicht anders. Zwar war es diesmal kein Ableger aber er bekam das gute Stück einfach geschenkt. Zum Geburtstag, einen Tag vor der Trennung bzw. bevor es seiner Geliebten mit dem gutaussehenden Frauenverstehender zu bunt wurde.

Als Sabine einen Kaktus anschleppte, ihr Ex ertrug den Anblick nicht mehr, erinnerte ihn das Gewächs doch immer an sie bzw. die Probleme ihrer beider Beziehung, kamen schon die ersten Unkenrufe auf. Bei einem gemütlichen Sonntagskaffee wurde der Name geboren. Mittlerweile war es der Sport der gesamten WG, den Wald der Verflossenen anwachsen zu lassen.

Das führte nicht nur dazu, dass sich das Wohnzimmer in einen kleinen Ausstellungsraum deutscher Wohnzimmerkultur entwickelte, sondern auch, dass alle Mitbewohner zu mittelschweren Hobbybotanikern heranwuchsen, die außer den gebräuchlichen Namen auch die lateinischen kannten und eine nicht unerhebliche Menge Wissen über Ableger, Dünger und den richtigen Stellplatz angehäuft hatten. Da Martin mit dem Mist angefangen hatte, führte er die Hitliste mit derzeit 6 Pflanzen an.

Während sich andere darüber den Kopf zerbrachen, welchen Mist sie mit ihren neuen Bekanntschaften austauschen konnten, steuerte die WG zielbewusst das eine Thema an. Manch einer wunderte sich, war aber vielleicht insgeheim froh darum, dass man sich über unpeinlichen Nonsens unterhielt.

Sabine hatte es vor zwei Monaten sogar geschafft ihrer Eintagesbekanntschaft eine riesige Yucca Palme aus dem Kreuz zu leiern. Der Vollidiot ließ es sich nicht einmal nehmen, das Ding mit seinem Wagen vorbei zu bringen und eigenhändig in den dritten Stock zu tragen. Im Wohnzimmer angekommen, machte er noch eine Bemerkung über den grünen Daumen der Bewohner und verschwand nach einem gemeinsamen Kaffee von der Bildfläche.

Martin wunderte sich nicht einmal mehr über dieses seltsame Ritual. Manchmal saßen sie zusammen im Wohnzimmer und erzählten Geschichten über die verlorenen Menschen. Jede Pflanze trug den Namen der Verflossenen oder des Verflossenen. Die Yucca Palme hieß Markus. Eine Bananenstaude Kathleen und eine der Kakteen Merit. Würden sie sich genauso hingebungsvoll um ihre Beziehungen wie um die Pflanzen kümmern, sie wären wahrscheinlich halle verheiratet mit Kindern, Auto und Zwerg im Garten. So dachte Martin. Vielleicht später in der eigenen Bude. Hier musste er sich erst einmal um sein eigenes Leben kümmern. Da gab es schließlich noch einiges zu verpassen und viele Pflanzen zu sammeln.

Alfred Franke


Im Zimmer lag schon die Dämmerung und mitten drin drei kleine runzlige Ömchen. Jede lag zusammengefaltet unter einer dünnen Decke. Die Falten zogen sich wie Gebirge durch den Stoff mit Ausläufern weit über die Haut hinaus bis hinauf zu den geschlossenen Augen. Manchmal zuckten die knorrigen Hände im Schlaf, aus denen sich durchsichtige Schläuche oder dünne Elektrokabel wanden. Letztere waren über ein engmaschiges Netz mit einem Großrechner und dem Schwesternzimmer verbunden. So war ihr Leben geschützt, über endlose Kabel, einen Alarm auszulösend, sobald ein Herz stocken oder eine Lunge aussetzten würde.

Mir war schon an der sanft zur Seite gleitenden Schiebetür am Eingang schlecht geworden. Ich hasste den Geruch, die matten Pastellfarben an den Wänden und die nichtssagende Musik. Ich hasste sogar die grau melierte Empfangsdame, die Cafeteria mit ihren Insassen aus beinahe gestorbenen Patienten und ihren Angehörigen. Das waren sie also schon, keine Freunde mehr, keine über die Jahre liebgewonnenen Menschen, sondern nur noch Angehörige. Ich mochte mich selbst nicht für meine Verachtung, aber ich konnte nicht anders.

Das Zimmer war viel zu warm für jemanden, der aus der Kälte kam. Aber für diese hingestreckten Faltengebirge war es vielleicht gerade warm genug. Niemand erhob sich als ich den Raum betrat. Ich legte meine Jacke auf einen Stuhl und schaute aus dem Fenster. Die drei Ömchen lagen friedlich in ihren Betten. Manchmal stieß eine von ihnen einen Seufzer aus. Nur ein kleines Radio, das jemand vergessen hatte auszustellen, knarrte mit blechernen Tönen.

Da lag sie. Ungewollt erinnerte ich mich an früher. Nicht an die Zeit als sie noch ein Kind war. Viel viel später, als wir uns das erste Mal gesehen hatten. In meinen Erinnerungen wirkte sie größer, ihr Gesicht und ihre Hände weniger zerfurcht. Die Haare waren braun und nicht grau wie heute. Ihr Gesicht hatte mich schon damals an einen neckischen Spitz erinnert. Ich weiß nicht warum, aber selbst jetzt mit geschlossenen Augen musste ich wieder daran denken. Wo hatten wir uns damals gesehen? Ich wusste es nicht mehr und ihr würde es vielleicht nicht anders gehen.

Eine Schwester polterte zur Tür hinein. Sie fragte in die Runde, ob jemand Tee oder Kaffee wollte. Die zwei fremden Ömchen verlangten verschlafen nach Fenchel- und Pfefferminztee. Sie wachte nicht einmal auf. Was ich hier verloren hatte, wer ich war, wie lange ich bleiben würde, ob ich alle drei Insassen mit ihren Kissen ersticken würde, all das interessierte die Schwester nicht. Sie ließ mich am Fenster stehen und polterte wieder zur Tür hinaus. Draußen lag ein gelangweilter Tag herum. Die Sonne mühte sich nicht, die Wolken auch nicht und selbst der Nebel war unschlüssig, ob er sich verkriechen sollte oder doch lieber blieb. Ich drehte die Heizung ein wenig herunter und setzte mich auf einen Stuhl neben ihr Bett.

Könnte ich mich doch nur an unsere erste Begegnung erinnern! Aber es ging nicht. Es gab wohl kein bestimmtes Ereignis, keinen denkwürdigen Tag, nichts woran ich mich festhalten konnte. Für eine Nachfrage war es vielleicht für immer zu spät! Es war mal wieder ihre Pumpe, dieses verdammte Ding, dass nicht mehr so richtig wollte. Sie hatten ihr schon einen Herzschrittmacher eingepflanzt, eine neue Arterie gezogen, eine andere dafür entfernt. Was war es dieses mal? Die Pumpe, natürlich, aber was hatte dieses Mal versagt.

Totkranke Menschen hatten ich mir immer anders vorgestellt. Sie war nicht das blühende Leben, keineswegs. Aber sie sah genauso wenig blass aus, ihre Augen waren nicht tief eingesunken und ihr Gebiss trug sie auch noch. Dadurch erweckte sie nicht den Eindruck einer Halbtoten, wie sie einem in Krankenhäusern manchmal auf den Gängen begegneten. An die zurückliegenden Operationen erinnerte nur noch eine Binde an ihrer Hand und die Schläuche, die von ihr wegführten. Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie jetzt sterben müsste, ob es tatsächlich soweit war. Unvermittelt legte ich meine Hand auf ihre.

Sie wachte auf und blinzelte mich an.

Muss ich jetzt aufstehen?“

Nein!“

Über eine dampfende Teetasse hinweg sah ich wieder aus dem Fenster. Das Radio plärrte. Hinter meinem Rücken bewegte sich etwas, aber ich schaute nicht hin. Eine Tür wurde zur Seite gezogen und ein wenig später war das Plätschern einer Klospülung zu hören. Wieder öffnete sie die Augen und sah mich an. Sie hatten über die Jahre ihre Farbe verloren. Das Blau wurde immer blasser, manchmal schien es grau zu sein, manchmal wie ein Tropfen Farbe in einem Wasserglas. Nur das Muster blieb gleich. Ihre Iris sah aus wie von einem Netz leuchtender Bänder durchzogen, mal waren sie gelb mal orange. Diese Augen waren das Familienwappen. Ihr Vater hatte sie, ihre Tochter, ein Enkelkind und auch ein Urenkel.

Wie alt war sie jetzt? Nicht einmal daran konnte ich mich erinnern! 79, 92 oder 103? Sie blinzelte und ich war mir sicher, dass sie die Antwort selbst nicht mehr so genau wusste. Nicht nur diese, sie hätte mir keine meiner Fragen beantworten können. Ich wollte etwas sagen, ein Hallo! oder Wie geht es dir? aber die Stille zwischen uns blieb beharrlich bestehen.

Sie richtete sich langsam im Bett auf. Irgendetwas schmerzte sie und nun sah ihr Spitzgesicht tatsächlich so aus, als würde sie knurren. Aber es kam nur ein leises ach heraus. Die Frage nach ihrem Befinden beantwortete sie mit einem bescheiden anstatt beschissen.

`s ist schönes Wetter, nicht war?“

Ja, aber es ist kalt.“

Mein Junge wollte heute noch kommen. Kennen sie meinen Jungen?“

Ich glaube, er wollte erst morgen kommen.“

Erst Morgen?“

Kennen Sie Alfred Franke?“, fragte sie. Ich verneinte.

Alfred war ein Cousin meines Mannes, in Berlin hatt er gelebte.“

Sie sehen aus wie Alfred Franke als er noch jung war.“

Ist es so, wenn man aus dem Gedächtnis eines Menschen gelöscht wird? Sie sah unbestimmt aus dem Fenster. Ich blickte ihr nach. Wie viel von mir gab es da noch. Den Schatten einer Erinnerung vielleicht, ein letztes undefinierbares Gefühl, dass ihr versicherte, dass sie mir vertrauen könnte. Ansonsten war ich Alfred Franke. An ihn konnte sie sich noch erinnern während sie vom Rand her vergaß. In der Zeit rückwärts gehend, ließ sie immer mehr Erinnerungen zurück. Irgendwann würde sie nicht einmal mehr wissen wer sie war. Sie würde aufhören zu leben, weil sie es einfach vergessen würde. Wahrscheinlich würde die verdammte Pumpe doch bis zum Schluss durchhalten.

Ich wusste nicht was ich hier wollte, in diesem Zimmer, diesem Krankenhaus, der Stadt. Was wollte ich ihr sagen? Warum hatte ich mich in den Zug gesetzt? Hallo, ich bin gar nicht Alfred., oder Erkennst du mich denn nicht? Es gab nichts mehr zu sagen. Wir hätten uns nicht einmal neu kennenlernen können. Sobald ich aus der Tür getreten wäre, hätte sie mich schon wieder vergessen. Ich fühlte mich elend und unnütz. Warum nur konnte ich ihr nicht sagen wer ich bin?

Sie müsse sich jetzt aber mal waschen!“, sagte sie. Zusammen mit der Infusionsflasche ging sie ins Bad. Es war ein gebrechlicher Gang, mehr wie ein sich Vorwärtsschieben. Wieder war das Gleiten einer Schiebetür und die Klospülung zu hören. Ich wäre gerne fortgegangen aber ich unterdrückte diesen Drang. Die knautschige Oma direkt vor dem Fenster sah mich interessiert an. Im Raum kannte mich niemand. Ich war nichts weiter als ein netter Gast, der ein wenig Abwechslung bot. Langsam nahm ich meine Jacke vom Stuhl und wandte mich der Tür zu. Als sie aus dem Bad kam sah sie mir freundlich in die Augen. Ihre kleine Hand legte sich auf meinen Unterarm.

Wissen Sie, sie sehen Alfred Franke sehr ähnlich. Damals als er noch jung war, wissen sie? Ach…“ Mehr brachte sie nicht hervor. Irgendwo hinter den blassen Augen wusste sie vielleicht doch noch wer ich bin. Ich lächelte unbestimmt und verließ den Raum.

Draußen, umgeben von diesem unschlüssigen Tag, merkte ich wie meine Flügel gegen meine Jacke drückten. Ich hielt sie versteckt, denn ich wollte noch mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahren. Engel fahren nicht mit der Straßenbahn, dass wusste ich. Aber gab es solche unter ihnen, die Alfred Franke hießen? Ich drehte mich noch einmal um. Dass würde ich sie jetzt gerne fragen! Ob Alfred Fanke, der Engel natürlich, auch immer die Straßenbahn in Berlin benutzt hatte?