Änderung Erwünscht. Bundespräsident Horst Köhler wirbt für neue Mobilitätskultur

Bei seinem Grußwort im Rahmen der ADAC-Preisverleihung „Gelber Engel“ 2010 warb der Bundespräsident Horst Köhler für eine neue Art der Mobilitätskultur. Traditionell gab der ADAC die Ergebnisse der Wahl für das Auto des Jahres 2010 bekannt. Dem Anlass angemessen, immerhin handelt es sich beim Automobil um das liebste Kind der Deutschen, versammelten sich in München 400 hochrangige Gäste. Vielleicht hat sich der Veranstalter weniger kritische Worte gewünscht, doch Horst Köhler, bekannt dafür in seinen Reden nicht an Kritik zu sparen, fand auch diesmal deutliche Worte. Zwar lobte er denn die Arbeit des ADACs doch so Köhler „reichen Reparaturen am Auto nicht aus. Mo­bilität, so wie wir sie heute praktizieren, ist nicht zukunftsfähig.“ Diese Aussage, gleich zu Beginn der Rede, wird bei dem ein oder anderen zu einigem Erstaunen geführt haben, doch der Bundespräsident wurde noch deutlicher.

Anders als ADAC-Präsident Peter Meyer, der die Autohersteller aufrief, sich noch stärker für die Umset­zung alternativer Antriebe zu engagieren, stellte Horst Köhler die Institution Auto in Frage. Denn „un­ser Planet würde es gar nicht aushalten, wenn die Menschen überall auf der Welt so viel im Auto durch die Gegend fahren würden, wie wir das hier bei uns tun.“ Dass wir auf Mobilität angewiesen sind, stellt Horst Köhler dabei nicht in Frage, aber er fragt zugleich nach einem nachhaltigen Konzept für die Zukunft?

Die Antworten darauf bleibt er nicht schuldig. In seiner Rede tauchen mehrere Schlagwörter auf, die mit der alles wie bisher Rhetorik von Vertretern aus Wirtschaft und Politik wenig zu tun haben. So for­dert Horst Köhler den Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs-“nicht nur in Absichtserklärun­gen“. Denn er „gehört ins Zentrum unserer Mobilitätspolitik.“ In der Stadt- und Regionalentwicklung sollte seiner Meinung nach darauf geachtet werden „wie Wege verkürzt werden können, damit Verkehr gar nicht erst entsteht.“

Die Verzahnung verschiedener Verkehrsmittel, ob öffentlich oder privat, spielt ebenso eine Rolle wie die Frage „welches Verkehrsmittel bringt mich bei welcher Strecke am besten ans Ziel?“ Als eine alternative Mobilitätsform, in der PKW eine Rolle spielen, sieht Horst Köhler Carsharing an und verweist auf das Beispiel Car2Go aus Ulm, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass viele Nationen und Megastädte auf solche Konzepte warten, die von Deutschland entwickelt und exportiert werden könnten.

Verkehrsvermeidung, Verkehrsverlagerung, ein intelligentes Mobilitätsmanagement und alternative Mobilitätsformen, Horst Köhler hätte es bei den Vorschlägen belassen können, aber er wäre nicht der Bundespräsident, wenn er nicht auch noch Kritik üben würde. Den Gastgeber ermahnt er bei der Be­wertung von Autos Umweltaspekten eine größere Rolle beizumessen. Schließlich kann der ADAC sei­ne beinahe 16 Millionen Mitgliedern nicht nur beraten, sondern ebenso ihr (Kauf) Verhalten beeinflussen.

Der deutschen Autoindustrie stellt Köhler die Frage nach dem besten Auto, „kommt nicht der Klima­schutz vor dem spritzigen Fahrgefühl?“, und spricht wenig später den „liebe(n) Spitzenvertreter(n) der Autoindustrie“ eine Warnung aus: Wer im 21. Jahrhundert mitbestimmen will was Mobilität bedeutet, ist seinen Kunden voraus, „traut sich zu, das klimapolitisch für richtig und wichtig Erkannte in die Tat umzusetzen“ und wartet nicht bis er von der Politik zu Schritten gezwungen wird.

Auch dem Autofahrervolk liest Horst Köhler die Leviten. Wir wissen nicht „auf wie viel Lebensqualität wir verzichten, nur weil wir an alten Gewohnheiten festhalten.“ Dass sich unser derzeitiges Mobilitätsverhalten nicht von heute auf morgen ändert, dessen ist sich der Bundespräsident bewusst, doch erwartet er „ein bisschen mehr Nachdenklichkeit“ im Umgang mit verschiedenen Verkehrsträgern.

In die Rede des Bundespräsidenten lässt sich viel interpretieren. Der ADAC sah sich aufgefordert, Autos mit geringerem Verbrauch zu unterstützen. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) verwies im üblichen Abwehrreflex auf die Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs in den letzten 15 Jahren. Viele alternative Mobilitätsdienstleister und Umweltschutzvereine sehen sich möglicherweise in ihrer Arbeit bestätigt. Das Interessante an der Rede jedoch ist die Deutlichkeit mit der der Frage nachgegangen wird, ob das Auto das Verkehrsmittel der Zukunft ist oder nicht. Die Debatte um den Klimawandel hat dazu geführt, dass es zu sehr auf den Ausstoß von CO2 beschränkt wurde. Horst Köhler verweist zu recht darauf, dass wir „unsere Freiheit eingeschränkt (haben), um die Freiheit zu gewinnen, spontan mit dem Auto losfahren zu können, wohin wir möchten.“ Ein gehöriges Sicherheitsrisiko für schwächere Verkehrsteilnehmer und vielfältige Umweltbelastungen sind nur zwei Nachteile des Systems Auto. Die Herausforderungen der Zukunft, sei es der Klimawandel, die Ballung von Menschen in Städten und endliche Ressourcen, gebieten es, Mobilität vielfältiger und intelligenter zu gestalten, Ressourcen zu schonen sowie mobilsein und Sicherheit miteinander zu verknüpfen. Die Verkehrsmittel der Zukunft zeichnen sich durch die Erfüllung dieser Grundlagen aus.

Wie wichtig das von Horst Köhler geforderte grundlegende Umdenken von Nöten ist, zeigt die Wahl des Autos des Jahres 2010. Das„Lieblingsauto der Deutschen“, die Mercedes E Klasse, mag ihre Reize haben, die Wende zu einer nachhaltigen Mobilität stellt sie nicht dar.

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